MOZ, Nummer 49
Februar
1990
Kokoschka-Preis 1990

Geniale Grenzüberschreitung?

Das „Haus der Künstler“ in Gugging

„L’Art Brut“, jene Kunstform, die mit roher, unverbildeter Ursprünglichkeit verbunden wird, kommt auch in Österreich zu — lange verweigerten — Ehren. Am 1. März 1990 erhält die Künstlergemeinschaft des „Hauses der Künstler“ in Klosterneuburg-Gugging den Oskar Kokoschka-Preis verliehen.

Fotos: Künstlergemeinschaft Gugging

Diesem Ereignis waren grobe Scharmützel vorangegangen, im Zuge derer sich die angesehensten Vertreter österreichischen Kulturschaffens die Haare rauften, sich in den Haaren lagen und der damalige Wissenschaftsminister Tuppy eine weitere Probe seiner Unzulänglichkeit gab.

Zur Erinnerung: Der vom Ex-Rektor der Hochschule für Angewandte Kunst, Oswald Oberhuber, initiierte Kokoschka-Preis wurde 1988 dem amerikanischen Künstler Richard Archwanger angetragen. Dieser jedoch verwies die verliehene Ehre in den Bereich der Ehrlosigkeit, solange S.M.d.B.P. in Österreich Waldheim hieße. Kurz: Er nahm den Preis nicht an. Ein Vakuum der Ratlosigkeit machte sich breit, bis Adolf Frohner die Künstlergemeinschaft Gugging als Preisträger vorschlug. Die Jury, bestehend aus Frohner, Arnulf Rainer, Angewandten-Rektor Achleitner sowie den beiden Museumsdirektoren Fillitz und Ronte waren sich einig und unterbreitete Minister Tuppy ihren Vorschlag: „Haus der Künstler“.

Hier schaltete sich Oswald Oberhuber ein. Erstmalig nicht in der Jury vertreten, glaubte er, trotzdem noch mitmischen zu müssen: Er ließ ein Rechtsgutachten erstellen, wonach der Preis rechtswidrig vergeben würde, da er unteilbar sei. Tuppy leitete dies an die Jury weiter, die ihrerseits einen Beharrungsbeschluß faßte. Und so verging die Zeit. Der statutenmäßige Übergabetermin wurde überschritten, der Preis 1989 folglich wieder nicht vergeben.

Im Herbst desselben Jahres trat Frohner erneut den Weg ins Ministerbüro an, an dessen Tür mittlerweile „Busek“ stand. Und siehe da, er, mitsamt seinem Preisträger-Vorschlag des Vorjahres, ward willkommen geheißen. Ende gut, alles gut?

Johann Hauser, Flugzeug mit Bombe und Schlange, 1984

Genie und Wahnsinn werden prämiert, eine Verknüpfung, die der italienische Psychiater Caesare Lombroso 1864 in Buchform darzustellen versuchte. Er untersuchte Leben und Werk genialer Persönlichkeiten und fand, was er finden wollte: hohe kreative Leistung korreliere verhängnisvoll mit pathologischem Verhalten. Der Mythos der Meßbarkeit des Ausnahmezustandes nahm von hier seinen Anfang.

Hans Prinzenhorn, Psychiater in Heidelberg, versuchte anders an das künstlerische Werk von in psychiatrischen Anstalten ‚verwahrten‘ Menschen heranzugehen. Er sammelte 2.000 Arbeiten von 450 Personen für sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922). Es wurde sofort nach seiner Publikation in Paris zur ‚Bibel‘ der Surrealisten erklärt. André Breton, Max Ernst, Salvador Dali sind nur die bekanntesten, die sich daran begeisterten. Erstmals hatte Prinzenhorn den schöpferischen Akt sogenannter geisteskranker Künstler jenseits der psychopathologischen Diagnose betrachtet: Künstlerische Schaffensprozesse können nicht direkt von Psychosen und Neurosen abhängig gemacht werden, sondern entstehen trotzdem. Der Weg zum Begriff der „Art Brut“ war bereitet. Jean Dubuffet prägte und charakterisierte ihn mit Fühldenken, urtümlichen Bildern, als älteste, allgemeinste und tiefste Gedanken der Menschheit. Der „Art Brut“-Künstler steht außerhalb der Welt des Berufskünstlers, er schafft vorbildlos aus seinem Inneren, stellt keine Beziehung zur Öffentlichkeit her und ist daher unabhängig von Publikum und Moden.

Nach den Surrealisten delektierten sich in den fünfziger Jahren die „Phantastischen Realisten“ Brauer, Fuchs und Hausner an Prinzenhorns „Bildnerei der Geisteskranken“, in den Sechzigern provozierten Brus, Muehl, Nitsch und Schwarzkogler mit Perversionen, die ansonsten in der Psychiatrie registriert wurden. ‚Wahnsinn‘ war in der Kunstwelt sein Geld wert geworden, als artifizielles Produkt von Mittelsmännern den Galerien wie auch dem Publikum gruselig-wohlfeil.

Philipp Schöpke, Monika 39J., 1988

Währenddessen, in Gugging ...

Leo Navratil, seit 1946 Psychiater in Gugging, widmete sein Interesse anfangs dem „diagnostischen Zeichnen“, bis er später als Förderer auftrat. Er versuchte, die hospitalisierten Männer kreativ anzuregen und sammelte die dabei entstandenen Zeichnungen, Aquarelle etc. ab 1955 systematisch. 1970 organisierte er eine erste Ausstellung, 1981, am Höhepunkt seiner Karriere, konnte er das „Haus der Künstler“ eröffnen.

Die meisten der derzeit fünfzehn Einwohner haben ein ähnliches Schicksal erlitten. Geboren in der Zwischenkriegszeit, verbrachten sie den Großteil ihres Lebens stationär in der Psychatrie.

Oswald Tschirtuer studierte Theologie, wurde während des 2. Weltkrieges eingezogen und zeigte nach seiner Rückkehr aus französischer Kriegsgefangenschaft erste seelische Störungen. Seit 1947 lebt er fast ausschließlich in Krankenhäusern. Er begann auf Navratils Anregung zu zeichnen, er arbeitet auch heute noch nicht aus Eigeninitiative. Die Werke allerdings, die auf äußeren Anstoß hin entstehen, beeindrucken durch genial einfache formale Linienführung und minimalistische Reduktion.

Johann Hauser, Gefährliches Bombenflugzeug und Feuer, 1984

Johann Hauser gehört zu den bekanntesten Künstlern aus Gugging (Arnulf Rainer zu seinen größten Verehrern und treuesten Abnehmern). Hausers Farbstiftzeichnungen wirken in ihrer Farbkraft wie Gemälde. Frauenbildnisse sind das beliebteste Thema, mit deutlicher Ausarbeitung der Genitalität. Fahrzeuge, Raketen und Schiffe folgen in der Themenwahl. Auch Hauser mußte zu seinen Werken aufgefordert werden. Sie wurden lange Zeit in direkte Verbindung zu seinen manischen Zuständen gesetzt.

Johann Feilacher, Navratils Nachfolger, konnte dies aber relativieren. Hauser male bzw. zeichne nur anders, nicht aber schlechter, wenn seine manischen Phasen nachließen.

Arnold Schmidt, Mensch, 1988

August Walla, derzeit wohl das Aushängeschild des Hauses, schien sich seit frühester Kindheit an die Maxime: „Das Leben — ein Gesamtkunstwerk“ zu halten. Er sammelte unzählige Gegenstände, die er künstlerisch verarbeitete, schuf sich seine eigene Welt mit den dazugehörigen Mythologien. Als Gesamtkünstler bezieht Walla alles in seine Um-Gestaltung ein: Landschaften, Häuser, Einrichtungsgegenstände tragen unverkennbar seine Spuren. Als Aktionist läßt er sich gerne in Posen fotografieren, er selbst fotografiert die Spuren seiner Aktionen. Besondere Bedeutung erfährt bei ihm die Anwendung der Sprache — assoziative Buchstabenreihen, Geheimcodes und Symbole bilden einen nicht wegzudenkenden Bestandteil seiner Kunst.

Arnold Schmidt ist mit 31 Jahren der jüngste Bewohner des „Hauses der Künstler“. Er malt seit drei Jahren, seine Werke sind aggressiv-dynamisch und entstehen in sehr kurzer Zeit.

Johann Hauser, Fesselballons, 1989

Kunst und Gesellschaft

Die Institution des „Hauses der Künstler“ wirft jedoch auch Fragen auf, die das Verhältnis Kunst und Gesellschaft betreffen. Johann Feilacher, seit 1986 Nachfolger von Gründer Leo Navratil, ist selbst Bildhauer und versucht, das „Haus der Künstler“ weg vom Stigma der psychiatrischen Anstalt hin zur reinen Kunstströmung zu definieren. In mühevoller Arbeit katalogisiert er sämtliche Werke der Bewohner, organisiert internationale Großausstellungen und verwaltet die Verkaufserlöse zugunsten der Kunstschaffenden. Er sorgt dafür, daß die Krankenkassen als Trägerorganisationen nicht alle Einkünfte vereinnahmen, sodaß die Bewohner auch während der ‚unproduktiven‘ Zeiten über ein angemessenes Taschengeld verfügen können. Die öS 200.000 aus dem Kokoschka-Fonds sollen in Ausbauarbeiten des Dachbodens investiert werden, denn derzeit gibt es nur ein ganz schmales Atelier. Das Wohl seiner Schützlinge liegt Feilacher also sehr am Herzen.

Oswald Tschirtner, Ich möchte in einer Sänfte getragen werden, 1972

Jedoch: Was sind fünfzehn Personen gegen die vielen Hundert, die in Österreichs psychiatrischen Verwahrungsanstalten interniert sind? Jene, die sich nicht in hervorragender Weise äußern können, so nämlich, daß außergewöhnliche Kunst dabei entsteht? Wer bestimmt letzten Endes die Personen, die sich kreativ entfalten dürfen. Die meisten Gugginger Künstler wurden erst durch Anregung aktiv. Haben psychisch Kranke ohne vorzeigbare Kreativität nicht das Recht, einigermaßen selbstbestimmt und ohne dauerdämpfende Psychopharmaka zu leben?

Das Gugginger Künstlerhaus will als Modellversuch der Antipsychiatrie gelten, Strukturen der Psychiatrie aufbrechen und verändern. Dazu wäre allerdings notwendig, sich die Kunst doch wieder als Spiegel der Gesellschaft zu denken. Die im Ausstellungskatalog getroffene Feststellung, daß seit Kandinsky und Malewitsch die „Autonomie des Kunstwerkes“ verwirklicht sei, es also außerhalb gesellschaftlicher Normen und ästhetischer Traditionen stehe, scheint sehr fragwürdig.

Erstens: Frauen kommen in der „Art Brut“ kaum vor. Das Recht auf exklusiven ‚Wahnsinn‘ scheint per definitionem ein Vorrecht der Männer zu sein. Viele Künstlerinnen wurden geradezu auf Grund ihrer Kreativität und Außergewöhnlichkeit hospitalisiert und gingen hinter Anstaltsmauern zugrunde. Geschlechtsspezifische Traditionen werden prolongiert, auffälliges Verhalten von Frauen wird anders bewertet als dasjenige von Männern.

Zweitens: Rohe, unverbildete Kunst herzustellen, die von Werken der Künstlerkultur unberührt ist, benötigt ja geradezu die Anstalt, um dem Nachahmungstrieb das ständige Neuerfinden entgegenhalten zu können. Der spätkapitalistische Kunstbetrieb braucht das befremdende Element zur Abgrenzung ebenso wie zur Anregung und Erneuerung. Das zufällige, chaotische, auch archaische Element der „Art Brut“-Künstler erlebt nicht umsonst gerade jetzt eine Aufwertung, wo die Suche nach der authentischen Wahrheit der einzige Ausweg aus artifiziell gleichgeschaltetem Individualismus scheint.

Ab Mitte Februar findet im Wiener Heiligenkreuzerhof die Eröffnung der großen internationalen Wanderausstellung „Haus der Künstler — Art Brut der Gegenwart“ statt. Im dazugehörigen Katalog findet sich eine vollständige Personen- und Werkbeschreibung aller neun an der Workschau Beteiligten.

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