Café Critique, Jahr 1999
 
1999

Germans down, Germans up

Daniel J. Goldhagen und die Erben von Hitlers willigen Vollstreckern

Er war an sich der Berufenste, Deutschland wiedergutzumachen. Als vor drei Jahren die Diskussion um Daniel J. Goldhagens Buch über Hitlers willige Vollstrecker begonnen hatte, wer hätte da gedacht, daß es zur Legitimation von Deutschlands erstem großen Kriegseinsatz nach 1945 dienen könnte? Nun nach einem Monat Krieg im Kosovo verschaffte sein Autor den kriegführenden Herren Fischer, Schröder und Scharping eines der besten Alibis für das militärische Coming out, indem er in der Süddeutschen Zeitung (30.4./2.5.99) „eine deutsche Lösung für den Balkan“, d. h. die Besetzung und Umerziehung Serbiens, forderte – und mit eigenartigem Starrsinn nicht wahrhaben wollte, welcher historische Doppelsinn in dieser Formulierung liegt. Von diesem Doppelsinn lebt die neue Berliner Republik und ihre rot-grüne Clique.

Das Kapitel Goldhagen und die deutsche Linke benötigte also dringend einen Annex, konnten doch die deutschen Linken jetzt mit Goldhagen im Tornister in den Krieg ziehen. Gelegenheit dazu bot die Potsdamer Goldhagen-Konferenz, die eben zu diesem Zeitpunkt stattfand, und Matthias Küntzel kam dort zu dem Schluß: „Mit derselben Eindeutigkeit, mit der Goldhagens epochale Analyse des Holocaust auch weiterhin gegen die Anfeindungen derer, die nicht genau hinschauen wollen, verteidigt werden muß – mit derselben Eindeutigkeit ist sein Beitrag zum Kosovo-Krieg zurückzuweisen.“ (Jungle World 20/1999) Stefan Vogt hat darauf geantwortet (Jungle World 21/1999) und von Goldhagens Schützenhilfe im Kosovo-Krieg ausgehend auf gewisse Schwächen seiner Analyse des Holocaust hingewiesen: Die Wiedergutwerdung der Deutschen, die Goldhagen bereits in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe unterstellt hatte, lasse sich nur behaupten, „wenn der Antisemitismus zu einer bloßen Einstellung herunterdefiniert“ werde. Goldhagens Begriff des Antisemitismus, so Vogt, „ist problematisch. Er interpretiert ihn als ein ‚kognitives Muster‘, als eine Art und Weise, in der sich die Antisemiten die Welt erklären. Nicht die kapitalistische Subjektkonstitution produziert demnach den modernen Antisemitismus, denn eine solche Fragestellung liegt außerhalb der theoretischen Konzeption Goldhagens.“

Das Problem ist nur, warum Goldhagen mit dieser ‚Herunterdefinierung‘ des Antisemitismus auf ein „kognitives Modell“ (oder „kulturelles Muster“) mehr von dem erkennen konnte, was in Deutschland geschehen ist, als die meisten Ansätze, die den Antisemitismus zum Resultat der „kapitalistischen Subjektkonstitution“ hinaufdefinierten. Und während diese Ansätze die deutschen Historiker und Journalisten kalt lassen, war es eben jenes kognitive Modell, das sie geradezu auf die Palme brachte. Mit ihm zertrümmerte der amerikanische Autor mit einem Schlag die vielen multikausalen Konstruktionen, die von den Geschichtswissenschaftlern in mühseliger Kleinarbeit angefertigt worden waren, um all die verschiedenen Gründe darstellen zu können, die zum Massenmord an den Juden führten, und die unterschiedlichen Aspekte, die einem solchen Ereignis zukommen, von allen Seiten zu beleuchten. Ihr Erkenntnis-Modell war ein vieldimensionales, mit „polykratischen“ Strukturen und „kumulativer Radikalisierung“, woran jeder noch ein kleines oder größeres Projekt anschließen konnte, um einen weiteren Aspekt ins Licht zu rücken, einen weiteren Grund für das Vorgefallene anzuführen, weitere Funktionen auszumachen, die zum Nicht-Funktionalen geführt haben. Da kam plötzlich Goldhagen aus heiterem Himmel, störte das wissenschaftliche Basteln und erklärte einseitig und eindimensional wie das kleine Kind in Andersens Märchen über des Kaisers neue Kleider: Die Sache sei eben ganz einfach. Die Deutschen haben die Juden ermordet, weil sie sie ermorden wollten. Punktum.

I. Das kognitive Modell der deutschen Historiker

Während einige wenige deutsche Journalisten wie Volker Ullrich, Manfred Rowold und Josef Joffe die Bedeutung von Goldhagens Studie hervorhoben, reagierte die Historikerzunft einerseits als ideologische Formation, die das Deutschlandbild hütet, andererseits als ökonomische Gemeinschaft, die gegen den Einbruch ausländischer Konkurrenz sich zur Wehr setzt. Die Ausnahme, die die Regel bestätigt, war Wolfgang Wippermann, der sich dessen auch bewußt wurde: „So problematisch es ist, von ‚den deutschen Historikern‘ zu sprechen, so sicher ist es, daß sie Goldhagen kollektiv und geschlossen abgelehnt haben.“ Die kollektive Ablehnung betraf naturgemäß die Kollektivschuld-These, deren Monument man in Goldhagens Buch erblickte. Der in allen diesen Dingen maßgebende Spiegel identifizierte es sofort als „Kollektivschuld-Werk“ (20.5.96).

Die Historiker indessen argumentierten, indem sie zuallererst ihr Gebiet abgrenzten. Dieter Pohl etwa kritisierte „den spekulativen Fragestil“ Goldhagens und sah dessen „Argumentationsformen“ „sich hart an der Grenze der Wissenschaft bewegen“. Dort aber stehen die Historiker Posten, damit nur ja kein spekulativer Gedanke ins Reich der heiligen Quellen vordringe. Als vielleicht wichtigster Grenzschutzmann stellte sich Hans Mommsen in Positur: Goldhagen habe die „ambivalente Sprache der Quellentexte nicht hinreichend“ verstanden: „Wie sonst hätte er die Wendung Johann Gottlieb Fichtes, ‚Aber ihnen (den Juden) Bürgerrecht zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen nicht eine jüdische Idee sei‘, als Aufforderung zum Judenmord auffassen können.“ Wie sonst könnte Mommsen darin nur eine scherzhafte Metapher sehen, wäre er nicht Bürger einer Nation, in der jene ambivalente Sprache dazu verwendet worden ist, einer eindeutigen Sache nachzujagen: nämlich den Juden wirklich die Köpfe abzuschneiden. Um diese Eindeutigkeit aber in der ambivalenten Sprache aufzudecken, bedarf es tatsächlich der Spekulation. Sie sollte nach Auschwitz zu den vornehmsten Tugenden der Historiker gehören, die bei jeder Quelle darüber zu spekulieren hätten, in welchem Verhältnis sie zu Auschwitz steht.

Die Auseinandersetzung mit Goldhagen, dekrediert jedoch Mommsen, könne im Inneren der Wissenschaft überhaupt nicht geführt werden, sie spiele sich mit wenigen Ausnahmen nicht an den Universitäten ab, sei das Resultat „einer gelungenen PR-Aktion, in deren Rahmen öffentliche Auftritte des Autors in einer Reihe von Großstädten erfolgten und die zu einer entsprechenden Berücksichtigung in den Medien, vor allem im Fernsehen, führte. ... Während Goldhagen von der öffenlichen Meinung in den USA mit überwältigendem Lob aufgenommen wurde, stießen seine Thesen und Methoden auf die Ablehnung nahezu aller auf diesem Gebiet arbeitenden Fachhistoriker.“ Dieser Hiatus verweise darauf, daß mit Goldhagens Buch „tiefere emotive Schichten angesprochen werden, die mit dem Bedürfnis nach rationaler Aufklärung nicht in Verbindung stehen.“

Indem Mommsen nun diese tieferen emotiven Schichten rational aufklären möchte, rationalisiert er seine eigenen: er spricht von „Identitätskrise des amerikanischen Judentums, die durch erneute Beschwörungen des Holocaust überdeckt und gemildert“ werden solle; er interpretiert die mittlere Generation der Deutschen, die „in dem jungen US-Politologen ein Medium der Schuldverarbeitung erkannte“, ja einen „Ersatz-Messias“; und je mehr Mommsen erklärt und aufklärt, um Goldhagens PR-Erfolg verständlich zu machen, desto mehr scheint er das kognitive Modell zu bestätigen, das er bestreitet: Goldhagen sei einer der „prominentesten Nutznießer“ der „Konjunktur der NS-Geschichte“ – warum nicht gleich Parasit?; ein Mann, der seine wissenschaftlichen Aussagen „auf Anraten seiner Agentur“ mache und auch ändere. In einzelnen Artikeln der taz und des Spiegels wurde diese Linie weiter ausgebaut und mit unmittelbar antisemitischen Motiven ausgestattet.

Mommsens Ressentiment ist dabei paradigmatisch für die Reaktion der deutschen Historiker insgesamt. Mehr oder weniger werden hier ideologische Mechanismen sichtbar, die Goldhagen in seiner Studie leider weitgehend unbeachtet läßt, weil er den Antisemitismus nicht als eine Projektion begreifen kann, mit der sich das Subjekt einbildet, gegen die Mechanismen des Marktes aufzutreten. Die Waren und ihre Repräsentanten entehren und erniedrigen die ehrliche Arbeit und ihre Vertreter, so lautet aber das Credo dieser Projektion. Und in der Abwehr der deutschen Historiker wird nun gewissermaßen die mühevolle, opferreiche Arbeit der seriösen Wissenschaft gegen Goldhagen mobilisiert, der von Agenten sich leiten lasse und nur nach dem Erfolg auf dem Markt schiele.

Ähnlich wie Mommsen schreibt der Historiker Norbert Frei: „Wer auf dem hart umkämpften Medienmarkt der neunziger Jahre Gehör finden will, braucht knallige Thesen. Längst ist diese heillose Botschaft auch bei den Historikern angekommen, aber noch selten hat man sie so konsequent befolgt gesehen“ - wie im Falle Goldhagens. Diese „Arbeit, eine mit dem Preis der American Political Science Association gekrönte Dissertation, ist historisch-empirisch nur von geringem Ertrag.“ Von „überheblichem Argumentationsstil“ ist des weiteren die Rede und von „sensationsheischender These“.

„Die Welt ist ungerecht, die Medienwelt zumal“, sagt Eberhard Jäckel, ein anderer Historiker voller Selbstmitleid für seine Zunft und seine Nation. Er spricht aus, was die Deutschen am meisten an Goldhagen stört und ins Selbstmitleid treibt, daß es nämlich „immer die Deutschen“ sind, von denen der Amerikaner spricht. Goldhagen falle hinter „den Forschungsstand zurück“; was darunter zu verstehen sei, außer einigen falschen Fakten, die sich aber in jeder einigermaßen weitgesteckten wissenschaftlichen Arbeit finden, enthüllt Jäckel im folgenden Satz: Goldhagen behaupte, Hitler „habe ... die Juden als schädlich für das deutsche Volk charakterisiert. In Wahrheit argumentierte Hilter, sie seien eine Gefahr für die Menschheit, und das ist nicht unwichtig, wenn man verstehen will, warum der Mord sich zumeist gegen nichtdeutsche Juden richtete.“ Etwas Absurderes, als zu bestreiten, daß Hitler die Juden als schädlich für die Deutschen charakterisiert habe, ist bisher noch keinem Debattenteilnehmer beigefallen. Aber dies zeigt, wie sehr die deutschen Historiker aus dem Häuschen sind, aus jenem Häuschen ihrer positivistischen Vernunft, worin sie sich mit ihren Fakten und Multikausalitäten so sicher glaubten.

Hans-Ulrich Wehler wiederum sieht angesichts der Marktmechnismen von Goldhagens Erfolg „elementare akademische Kontrollmechanismen in Gefahr“ - und diese Gefahr kommt augenscheinlich aus Amerika und hier aus einschlägig bekannten Kreisen: „Da gab es vor einem Dutzend Jahren den Fall David Abraham in Chicago und Princeton, als die Kritik an einem handwerklich schludrigen Buch über den Niedergang der Weimarer Republik erst nach bitteren Kontroversen obsiegte. Dann kam 1992 der Fall Liah Greenfeld, als ihre den Nationalismus in fünf Ländern vergleichende Studie die angebliche Einzigartigkeit des deutschen Nationalismus in dem von Anfang an darin ‚eingebauten‘ Weg zur ‚Endlösung‘, von Herder zum Holocaust, als unentrinnbare Einbahnstraße darstellte, von illustren Figuren der Harvard ‚communitiy of scholars‘ aber gelobt und akzeptiert wurde. Und jetzt der neue Tiefpunkt im Fall Daniel Goldhagen: Erheiternd ist das nicht, erneut das Versagen des akademischen Prüfungsfilters zu beobachten.“

Wenn dieser Filter nicht mehr im Sinne der Entsorgung deutscher Vergangenheit funktioniert, dann treten auch auf akademischen Boden jene Mechanismen der Schuldabwehr in Gang, die Adorno bereits in den fünfziger Jahren untersucht hat: Solche Projektionsmechanismen sind „wesentlich mit Rationalisierung verbunden, und es fällt angesichts der Virtuosität des Rationalisierens oft überaus schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem zweckmäßigen Versuch, durch Aufmachung eines Schuldkontos für den Partner sich selbst zu entlasten, und der unbewußten und zwanghaften Übertragung eigener Neigungen und Triebtendenzen auf andere, denen man daraus Vorwürfe macht.“ Ganz im Sinne dieser Strategie verhält sich Wehler, wenn er über Goldhagen schreibt: „Im Kern bedeutet das, offenbar ohne daß der Verfasser es will oder merkt, die entschlossene Ethnisierung der Debatte über den Nationalsozialismus und seine Genozidpraxis. Strukturell tauchen, pointiert gesagt, dieselben Denkschemata, wie sie dem Nationalsozialismus eigen waren, wieder auf: An die Stelle des auszulöschenden ‚auserwählten Volkes‘ tritt das ‚verworfene Volk‘ der Deutschen als Inkarnation des Bösen ... Unter umgekehrten Vorzeichen erlebt ein Quasi-Rassismus, der jede Erkenntnisanstrengung von vornherein eisern blockiert, seine pseudowissenschaftliche, mentalitätsgeschichtlich kamouflierte Wiederauferstehung.“

Zweiter Aufguß und letztes Aufgebot

Bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen von Goldhagens Buch gaben Rainer Erb und Johannes Heil einen Band heraus, der sich fast nur mehr mit der Rezeption Goldhagens beschäftigte (in der renommierten Geschichts-Reihe des Fischer Taschenbuch-Verlags von Walter H. Pehle). Das Foto des Covers zeigt Goldhagen bei einem Auftritt vor vollbesetztem Auditorium, aber im Mittelpunkt des Bildes - zwischen Goldhagen und seinem Publikum - sieht man ein halbes Dutzen Fotografen in Aktion. Sie stehen denn auch im Band im Mittelpunkt: abgesehen von einigen substantielleren Beiträgen wie dem von Raul Hilberg wird der Medienmarkt durchaus im Sinne von Mommsen, Jäckel und Wehler als Kern des Goldhagenschen „Phänomens“ betrachtet – das zuallererst als eines der Vermarktung und nicht der wissenschaftlichen Forschung, der täuschenden Warenwelt, nicht der ehrlichen Arbeit figuriert. In ihrem Vorwort stellen sich die Herausgeber allerdings doch die Frage, ob „das Dilemma zwischen der ‚Banalität der Einzelforschung‘ und der ‚Monstrosität der Verbrechen‘ überhaupt aufzulösen“ sei, fallen aber dann selbst in den Chor der Historiker ein und reduzieren Goldhagen auf ein Medienphänomen: Sogar sein sprachlicher Stil korrespondiere „mit den Sehgewohnheiten der Leser“, und seine öffentlichen Auftritte zeigen „augenfällige Parallelen zur Dramaturgie und Rhetorik von TV-Predigern, deren Botschaft als verstanden empfunden werden kann, wenn nur ein Ausschnitt gehört wurde.“

Die einzelnen Beiträge dokumentieren schließlich im Gegensatz zu dem älteren von Schoeps herausgegebenen Sammelband - der eben auch die weitgehend zustimmende US-amerikanische Rezeption zu Wort kommen läßt - verblüffende Eintracht. Christoph Dipper scheint darum besonders bemüht, wenn er den Funktionalisten unter den deutschen Historikern recht geben möchte und Zweifel an deren Erkenntnissen einer Art vorwissenschaftlichem Alltagsverstand zuschiebt: „Daß Hitler schwach, daß die Nationalsozialisten politikunfähig und die Ermordung der Juden gleichsam eine Notlösung war – das alles ist irgendwie richtig, aber auch so formuliert, daß sich der Verstand erst einmal dagegen sträubt.“ Der Schluß liegt auf der Hand: Wenn Hitler schwach, die Nationalsozialisten politikunfähig und die Ermordung der Juden gleichsam eine Notlösung war, dann kann Goldhagen nur ein Medienereignis sein.

Sie mögen sich noch so pikiert darüber äußern, daß sie zur „Zunft“ erklärt werden, die Historiker reagierten auf Goldhagens Buch und seine Medienpräsenz, wie in Deutschland stets ein zünftisches Handwerk auf den Einbruch fremden Kapitals: Am deutlichsten wird die Funktionalität dieser zünftischen Empörung, wenn Arnulf Baring in der FAZ (8. 4. 1998) das Phänomen Goldhagen mit dem von Dianas Tod analogisert und sich dabei auf die Stellungnahme zweier Zunftmitglieder - Ruth Bettina Birn und Volker Rieß - stützen kann: „Um die Tragweite dessen, was hier geschah, voll zu verstehen, muß man sich noch einmal vor Augen führen, daß es sich um den Absolutheitsanspruch eines gerade promovierten Erstautors gegenüber der gesamten internationalen Fachwelt handelt. Man weiß, wie stark der Einfluß der Massenmedien auf die Politik und weite Teile des öffentlichen Lebens ist. Man kennt die fortschreitende Spaltung der Welt in Realität und Medienrealität ... Es ist aber unseres Wissen der erste Fall, daß eine ganze (sachverständige) Berufsgruppe durch die Presse entmündigt worden ist. Das, und nur das, ist wirklich neu und bedeutsam an dem Phänomen Goldhagen.“ (Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 2/98)

Ein Schuldenkonto für Goldhagen wurde auch auf Seiten der Historiker aus dem Umkreis von DDR und DKP aufgemacht. Reinhard Kühnl warf dem amerikanischen Forscher „Nähe zum völkischen Nationalismus“ vor (Junge Welt 24.6.96); im Bulletin der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung (7/96) meinte Kurt Pätzold, Goldhagen sei „kräftig beteiligt, die Ansprüche von Medien zu bedienen und sie, nicht immer nur für uneigennützige, aufklärerische Zwecke zu nutzen.“ Es scheint, als ginge den Historikern ihr zünftisches Selbstbewußtsein über alle politischen Differenzen. Doch handelt es sich im Falle der abgehalfterten DKP-DDR-Geschichtsschreibung mindestens im selben Maß um eine grundsätzliche politische Orientierung – um die letzte, vielleicht allerletzte Ausgabe der Volksfront-Strategie. Die ihr zugrundeliegende Dimitroffsche These, der Faschismus sei „die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“, ist ziemlich verblaßt zu dem Vorwurf, Goldhagen bediene „die Interessen derjenigen, die sich nach wie vor weigern, mit ihrem Forschungsinstrumentarium in die oberen Etagen der Gesellschaft zu zielen.“ (Pätzold in: Junge Welt, zit. n. Jungle World 7/98)

Dabei stützt sich Pätzold noch immer auf die frühen Vorstudien von Georg Lukács zur Zerstörung der Vernunft aus den Moskauer Exiljahren 1941/42, und hält sie Goldhagen entgegen, obwohl Lukács als er sie begann, noch nichts von der Shoah wissen konnte, und dann als er die Zerstörung der Vernunft beendete, dieses Wissen konsequent verdrängte und den Antisemitismus aus der Entwicklung „von Schelling zu Hitler“ nahezu systematisch ausklammerte. Statt aber daraus zu folgern, daß die Zerstörung der Vernunft nach Goldhagen neu zu schreiben wäre, möchte Pätzold Lukács als eine Art Anti-Goldhagen aufbauen, da der ungarische Philosoph im Gegensatz zu den deutschen Parteiwissenschaftlern von der Identität der deutschen Bevölkerung einschließlich der Arbeiterschaft mit dem faschistischen Staat immerhin eine Ahnung hatte.

Pätzold und Kühnl wissen nur zu gut, daß Goldhagens Begriff des kognitiven Modells ihr Modell vom anderen, revolutionären oder demokratischen Deutschland in Frage stellt, verstehen sie sich doch als die Konstrukteure dieses verbesserten Modells. Wenn Kühnl schreibt: „Wir würden uns geistig wehrlos machen, wenn wir die humanistischen, demokratischen, sozialistischen und antifaschistischen Traditionen, die – obgleich immer wieder unterdrückt – doch auch in Deutschland lebendig waren, aus unserem Bewußtsein löschen lassen würden“, dann artikuliert er mit der Ersten Person Plural ein nationales Wir und zeigt damit, daß er den Antifaschismus immer nur in nationaler Form denken kann. Im Grunde paßt sich das letzte Aufgebot der linken Volksfront (von den DKP-DDR-Historikern bis zu den Antizionisten im Freitag und im ak) an die Argumente der nationalen Historikergilde an, soweit diese Argumente die Deutschen entlasten - mit dem Unterschied, daß sie damit jene Deutschen meinen, die nicht in den oberen Etagen der Gesellschaft sitzen. So bezieht sich Pätzold positiv und als Zeugnis wider der Behauptung vom „ritualisierten Antifaschismus“ in der DDR auf die „Aggressionsforschung“ des DDR-Psychologen Hans-Dieter Schmidt und zitiert dessen im Neuen Deutschland vom 1. 9. 96 erschienenen Artikel mit dem bezeichnenden Titel: „Die Bestialität im Menschen“. Ebenso sinnvoll könnte von der Bestialität in der Natur oder im Weltall die Rede sein. Der Sinn solcher Auflösung ins Allgemeinmenschliche ist immer nur, das Allgemeindeutsche zu exkulpieren, um dessen Begriff und Kritik man sich herumdrücken möchte.

Die Frage, die Goldhagens Begriff des kognitiven Modells für den historischen Materialismus aufwirft, kann unter diesen ideologischen Voraussetzungen jedenfalls nicht verstanden werden: Was macht überhaupt eine Bevölkerung zu einem Volk? Wie synthetisiert sich eine amorphe Masse von Menschen zu Deutschen? Hier liegt aber die Wahrheit Goldhagens, die er selbst zwar formuliert, aber nicht begreift. Sie kann nur negativ ausgedrückt werden: „No Germans, no Holocaust“.

Entsatz aus Amerika? Finkelstein, Birn – Hilberg, Browning

Getreu seiner Meinung, daß Goldhagen ein Phänomen der Identitätskrise des amerikanischen Judentums sei und in jedem Fall ein Problem der nordamerikanischen Öffentlichkeit, nicht aber der deutschen Wissenschaft, überließ Mommsen die detailierte Auseinandersetzung dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Norman G. Finkelstein und der kanadischen Historikerin Ruth Bettina Birn und begnügt sich selbst mit einem Vorwort zur deutschen Übersetzung ihrer Beiträge. Darin hält Mommsen fest, was er besonders schätzt an dieser Art der Holocaustforschung: daß sie entschieden zurückweise, „daß die Behandlung der Juden in den Arbeitslagern besonders sadistisch gewesen“ sei; daß sie behaupte, die Todesmärsche können „jedenfalls schwerlich als Beleg für die spezifisch antisemitische Einstellung der Deutschen verwandt werden“; daß sie nachweise, daß die deutsche Bevölkerung „die antijüdischen Verbrechen des NS-Regimes nicht billigte oder gleichgültig hinnahm und teilweise den Antisemitismus, jedenfalls in seiner rassischen Variante, ablehnte“. Norman Finkelstein tut des Guten sogar zuviel und kommt den Deutschen sozusagen zu sehr entgegen, wenn er - wie Mommsen einwendet - „wenig überzeugende Analogien zur Judenvernichtungspolitik wie das Verhalten Großbritanniens im Burenkrieg oder die Politik der USA gegenüber Japan im Zweiten Weltkrieg anführt, die eher beschönigend wirken“. Und wirklich treibt es Finkelstein in seinem Beitrag (der auszugsweise bereits 1996 im Spiegel erschienen ist) sehr bunt – so bunt, wie es ein deutscher Historiker sich einstweilen noch nicht erlauben darf.

Es gehört zu den zentralen, geradezu erkenntnistheoretischen Voraussetzungen von Goldhagens Studie, daß – wie ihr Autor ausführt - „Begriffsbildung und Quelle des Antisemitismus ... stets abstrakt sind“; dieses Ressentiment habe „mit tatsächlichen Juden nichts zu tun“. Finkelstein aber will um jeden Preis konkret werden und spricht damit den Deutschen aus der Seele: die tatsächlichen Juden seien selbst schuld am Antisemitismus: „... Goldhagen glaubt einfach nicht, daß die Juden den Deutschen heftiges Unrecht getan hätten. Er bestreitet energisch, daß die Juden in irgendeiner Weise für den Antisemitismus verantwortlich sein könnten.“ Finkelstein betreibt also für die heute lebenden Deutschen jene Verkehrung der Schuld, die Adorno in seiner Studie Schuld und Abwehr an den Nachkriegsdeutschen beobachten konnte. Er geht dabei soweit, für die Polizeibataillone um Verständnis zu werben: deren Beteiligung am Völkermord sei „zum Teil“ als „eine Reaktion auf das grausame Vorgehen der Allierten“ zu verstehen.

Offenkundig wird gerade dies an Finkelstein und anderen Goldhagen–Kritikern besonders geschätzt: daß sie Gründe für den Antisemitismus und den Massenmord an den Juden phantasieren, die das Verhalten der Antisemiten und Mörder irgendwie nachvollziehbar und erklärbar machen sollen, und diese Gründe vorzüglich auf der Seite der Juden suchen. Gerade solche Kausalität hatte Goldhagen bestritten – ohne doch andererseits die für viele nur bequeme Feststellung gelten zu lassen, was den Juden angetan wurde, sei nicht zu erklären. So blieb fast nichts anderes übrig, als immer wieder Geisteskrankheit zu diagnostizieren. Seine Kritiker aber stoßen sich nun gerade an dieser Beschreibung des Antisemitismus als eines Wahns: Finkelstein betitelt seine Polemik sogar mit „Goldhagens ‚Wahnsinnsthese‘“; und Birn formuliert allen Ernstes als eine Kritik an Goldhagen: „Der Antisemitismus gilt ihm als dämonische, halluzinatorische Macht, die auf gewöhnliche Weise nicht wahrnehmbar sei ... In Goldhagens Sicht steht der Holocaust jenseits eines Verhaltens, das als menschlich normal gelten kann ...“ Gerade den Wahnsinn der ganz gewöhnlichen, normalen Deutschen aber erkannt, und damit auch diese Kategorien selbst - wie unbewußt auch immer - in Frage gestellt zu haben, macht eines der wichtigen Verdienste Goldhagens aus.

Natürlich kritisierten auch ernstzunehmende nichtdeutsche Wissenschaftler wie Christopher Browning und Raul Hilberg das Buch von Goldhagen, und die deutsche Öffentlichkeit hat solche Differenzen mit besonderem Interesse ausgeschlachtet. Inwieweit es sich hier abgesehen von den berechtigten sachlichen Einwänden um eine Anpassung an diese Öffentlichkeit, um Mißverständnisse oder um einen reinen Konkurrenzkampf unter Historikern handelt, ist im einzelnen schwer zu entscheiden. Hilberg etwa meint, Goldhagen übertreibe Ausmaß und Tiefe des deutschen Antisemitismus; gleichzeitig spiele er „zwei Faktoren herunter, die seine Hauptthese erheblich schwächen müßten. Der eine ist, daß nicht alle Todesschützen Deutsche, der andere, daß nicht alle Opfer Juden waren.“ Das Aufgesetzte und Gesuchte dieser Argumentation zeigt sich aber darin, wen Hilberg hier als zentralen Gegenbeweis anführt: „Unter den Tätern befanden sich auch sogenannte Volksdeutsche aus Bevölkerungsgruppen, die außerhalb von Deutschland gelebt hatten. Ein volksdeutsche Kommando, das aus Dörfern der Beresowka-Mostowoje-Region in der westlichen Ukraine rekrutiert wurde, erschoß dort mehr als 30000 Juden. Darüber hinaus agierten Männer volksdeutscher Herkunft nicht nur als Todesschützen, sondern machten um 1944 mehr als ein Drittel der Wachmannschaften in Auschwitz aus. Goldhagen erwähnt sie nicht einmal.“ (Genausogut könnte Hilberg hier übrigens kritisieren, daß Goldhagen die Österreicher unter den Tätern unerwähnt läßt.) Wen müßte Goldhagen nicht noch erwähnen, um das ganze Ausmaß des Verbrechens erfassen zu können, das alle jene begingen, die sich rückhaltlos als Deutsche verstanden oder - wie rumänische kroatische, albanische, ukrainische, estnische, lettische und litauische Einheiten - an ihnen sich orientierten? Ein aussichtsloses Unterfangen. Dem, was er als Übertreibung des deutschen Antisemitismus kritisiert, hält Hilberg einen Begriff von Antisemitismus entgegen, der alle Differenzierungen - zu denen nicht zuletzt seine eigenen, epochemachenden Forschungen beitrugen - fallenläßt und die Tötung der Jüdinnen und Juden mit der Tötung der Geisteskranken gleichsetzt: „Ungefähr ein Viertel der deutschen Geisteskranken wurde vergast. Diese Menschen, die in Anstalten selektiert wurden, betrachtete man keineswegs als Bedrohung der deutschen Nation.“ Warum also sollten die Juden als eine solche betrachtet worden sein, möchte Hilberg damit offenbar andeuten. In Wahrheit wurden beide als Bedrohung gesehen, aber auf je verschiedene Weise: die Geisteskranken als innere Schwächung der „arischen Rasse“, die Juden als äußere, totale Bedrohung für „Rasse“ und Nation, die in Gestalt der „Rassenmischung“ auch zu einer inneren werden könne.

Worin Hilberg in der Kritik an Goldhagen aber unbedingt und von Anfang an recht hat, ist die zu geringe Bedeutung, die Goldhagen den staatlichen Institutionen und bürokratischen Apparaten, der industriellen Art eines Großteils der Vernichtung beimißt: der Holocaust werde bei Goldhagen zu einem orgiastischen Geschehen, „seine Hauptmerkmale sind das Demütigen und Quälen der Opfer. Alles andere, einschließlich der Gaskammern, in denen zweieinhalb Millionen Juden von den Tätern unbeobachtet starben, erscheint sekundär, ein bloßer ‚Hintergrund‘ für das Hinmorden unter freiem Himmel. Goldhagen beschäftigt sich nicht mit den zahllosen Gesetzen, Dekreten und Entscheidungen, die die Täter schufen, oder mit den Hindernissen, gegen die sie pausenlos kämpften. Er achtet nicht auf die Routine, die Alltagsimplikationen der gesamten Entwicklung - all das interessiert ihn nicht. Er vertieft sich weder in die Verwaltungsstrukturen noch beachtet er den bürokratischen Pulsschlag, der diese Maschine durchlief und der an Macht gewann, als der Prozeß sein größtes Ausmaß erreichte. Statt dessen ließ Goldhagen den Holocaust auf ein simpleres Format schrumpfen und ersetzte seinen komplexen Apparat durch Gewehre, Peitschen und Fäuste.“ Doch dieser Einwand rechtfertigt nicht jenen, Goldhagen mache das „Angebot der einfachen Antwort“ und behaupte „dreist, als einziger die Lösung gefunden zu haben, womit die Angelegenheit erledigt sei.“ Mit der einfachen Lösung, die Goldhagen scheinbar bietet, fangen die Probleme in Wahrheit erst richtig an: sobald nämlich bürokratischer Massentötungsapparat und sadistische Vernichtungsaktion zusammengedacht werden müssen.

In einem Leserbrief an die Zeit (23.8.1996) hat es Peter Zadek schon kurz nach Erscheinen von Goldhagens Buch ausgesprochen: „Die Diskussion ist absurderweise jetzt so: Waren die deutschen Judenmörder der Nazizeit a) untertänige autoritäre Opportunisten oder b) sadistische brutale antisemitische Mörder? Es fällt mir auf, daß niemand darauf gekommen ist, daß sie wahrscheinlich untertänige autoritätshörige opportunistische sadistische brutale antisemitische Mörder waren. Die Fakten sprechen dafür. Und insofern Goldhagen einem noch die Wahl zwischen den beiden Möglichkeiten bietet, ist sein Buch inkomplett.“ Und lange davor hatte bereits Jean Améry, dessen Buch Jenseits von Schuld und Sühne merkwürdigerweise in der ganzen Goldhagen-Diskussion verdrängt worden ist, gegen die - vielfach auf Hannah Arendts Eichmann-Buch gestützte - Reduktion des NS-Massenmords auf einen bürokratischen Zwangsmechanismus und -charakter eingewandt: das Böse, das ihm – als Opfer der Nazis - angetan wurde, sei „nicht banal“ gewesen: Die Täter „waren, wenn man es durchaus will, stumpfe Bürokraten der Tortur. Und waren aber doch auch viel mehr, das sah ich in ihren ernsten, angespannten, nicht etwa von sexualsadistischer Lust verquollenen, sondern in mörderischer Selbstrealisierung gesammelten Gesichtern. Mit ganzer Seele waren sie bei ihrer Sache (...).“ Was ist aber diese Sache, bei der die Folternden waren? Welches Selbst realisierten sie?

Ähnlich wie Hilberg argumentiert Browning, der sich bereits vor Goldhagen mit den „ganz gewöhnlichen Männern“ der Polizeibataillone beschäftigt hatte, wenn er in seiner Kritik schreibt, „daß es weder einer besonderen Art des deutschen Antisemitismus noch überkommener deutscher Ansichten über die Minderwertigkeit der Slawen oder die ‚Eugenik‘ bedurfte, um Deutschen ein Motiv für Massaker im Kriege zu liefern, wenn sie vom Regime legitimiert waren.“ Der Antisemitismus erscheint bei Browning lediglich als eine beliebig auswechselbare Vorgabe des Regimes: „Kann man ebenso sicher sein wie Goldhagen, daß diese Männer nicht ebenso systematisch polnische Männer, Frauen und Kinder ermordet hätten, wenn das die Politik des Regimes gewesen wäre?“ Und er hält den deutschen Judenmördern die bei den Deutschen angestellten nichtdeutschen – ukrainischen, luxemburgischen etc. – entgegen, ohne sich auch nur die Frage zu stellen, inwieweit es sich hier einfach um eine Annäherung ans Deutsche handelte. Goldhagen wäre vermutlich der letzte, der daran zweifelt, daß die Deutschen imstande waren, bei allen ihren Verbündeten die schlechtesten Motive – d. h. den eliminatorischen Antisemitismus – zu wecken und zu fördern.

Jost Nolte spricht schließlich aus, was in Deutschland an Goldhagen so stört und an Browning so gefällt: „Der Pamphletist Daniel Goldhagen lädt bei den Deutschen ein Problem ab, das leider Gottes menschheitliche Dimensionen hat.“ Als wäre das, was deutsch ist, nicht selbst das menschheitliche Problem: nämlich die Krisen-Logik von Staat und Kapital bis zur absoluten Vernichtung durchzuexerzieren.

II.Kognitives Modell und reale Abstraktion

Hätte Goldhagens Buch auch nur den einen Sinn gehabt, in Deutschland solche Reaktionen zu provozieren, es wäre allein darum sehr zu schätzen und müßte als Beispiel einer operativen Form von Geschichtswissenschaft in die Geschichte eingehen. Die meisten Historiker empfanden Goldhagens Studie als wirkliche Bedrohung ihrer Disziplin, und dies zurecht, soweit sie glauben, jenseits eines Zusammenhangs zu stehen, dessen Gefangene sie doch sind. Die Wissenschaft als Jenseits von Auschwitz zu konstituieren, dazu überzugehen, Auschwitz zu erforschen wie die Punischen Kriege, dabei hat Goldhagen sie gestört.

Gerade das, was an Goldhagen am schärfsten und von fast allen kritisiert wurde, ist sein Bestes: der monokausale Erklärungsversuch, der spekulative Fragestil, der sich tatsächlich hart an der Grenze der Wissenschaft bewegt - wo allein Erkenntnisse ohne Rationalisierung möglich sind - und der ebenso die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn konsequent mißachtet. Dabei handelte es sich doch bei Goldhagens Methode um eine urbürgerliche Erkenntnisweise: Joachim Bruhn hat darauf aufmerksam gemacht, daß Goldhagens Begriff des kognitiven Modells etwa dem entspricht, was Immanuel Kant als transzendentalen, d. h. erfahrungs- und empirieunabhängigen Schematismus der Verstandesbegriffe definierte (Bahamas 22/1997). Bei Goldhagen ist das kognitive Modell jedoch kein allgemeines Subjekt-Objekt-Verhältnis, sondern konstituiert allein die Beziehung der Deutschen zu den Juden: wer in Deutschland aufwuchs, erzogen wurde, arbeitete und lebte, dachte sozusagen automatisch in den Diskursen des eliminatorischen Antisemitismus. „Die Existenz des Antisemitismus und der Inhalt der antisemitischen Vorwürfe“ sind, so Goldhagen, „grundsätzlich keine Antwort auf objektiv bewertetes jüdisches Handeln ... der Antisemitismus speist sich aus kulturellen Quellen, die unabhängig von Wesen und Handlungen der Juden sind.“ Was die wirklichen Juden und Jüdinnen sind und waren, was ihr Judesein ausmacht, das ist darum, kantisch gesprochen, als ‚Ding an sich‘ zu betrachten: die Antisemiten erkennen von den Juden – a priori - nur das, was sie selbst in sie legen. Und darin hätte die Antisemitismus-Forschung tatsächlich ihren kategorischen Imperativ: das Verhältnis von Judentum und Antisemitismus nicht als kausalen Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu denken.

Wenn nun Goldhagen vom Antisemitismus immer wieder als von einer Geisteskrankheit, von einem Wahn, spricht, dann gibt er diesem Erkenntnismodell lediglich einen gesteigerten Ausdruck: denn Wahnsinn ist der Zustand, in dem keine Erfahrung mehr möglich ist, die an einer Vorstellung etwas ändern könnte. Gerade Goldhagens permanenter Rekurs auf den Wahnsinn machte die Historiker wahnsinnig, denn sie erkennen darin wie unzulänglich all das Erforschen von Quellen ist, daß sich daraus allein keine Motivation ableiten läßt, solange nicht ein wahnhaftes Bewußtsein spekulativ angenommen wird, das sich in diesen Quellen verbirgt. Die Spekulation ist die notwendige Methodik der kritischen Theorie, um den Wahnsinn des bürgerlichen Subjekts zu begreifen.

Wie aber kommt Goldhagen, der sich selbst doch offenkundig als gewöhnlicher Historiker und positivistischer Quellenkundler begreift, zu dieser Reflexivität? Er gewinnt sie allem Anschein nach zunächst aus der Differenz zwischen dem Bewußtsein eines durchschnittlichen Nordamerikaners der Gegenwart, das sich selbst als Inbegriff des Normalen definiert, zu dem des ganz gewöhnlichen Deutschen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, das sich mindestens im selben Maß als Inbegriff des Normalen definierte. Anders gesagt: er nähert sich wie ein Ethnologe oder Kulturanthropologe einer fremden Stammesgesellschaft - und muß ununterbrochen feststellen, wie diese denselben Dingen ganz andere Bedeutungen als er beimißt. „Was spricht dagegen“, fragt Goldhagen, „Deutschland aus dem Blickwinkel eines Anthropologen zu betrachten, der sich mit der Welt eines Volkes beschäftigt, über das nur wenig bekannt ist? Schließlich handelt es sich doch um eine Gesellschaft, die eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, den Holocaust, verübt hat, ein Ereignis, das niemand voraussah und das – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keiner auch nur für möglich hielt.“

Das Apriori deutscher Existenz ist umso schwerer zu rekonstruieren, als es eben ein Apriori ist: etwas Selbstverständliches, worüber man sich eigentlich nicht verständigen muß. Goldhagen macht dies durch eine besondere Methode sichtbar, indem er eben gerade die ausgesprochenen Freunde der Juden zu Wort kommen läßt und in der Art und Weise ihres Argumentierens den Schematismus der antisemitischen Verstandesbegriffe aufdecken kann. Dabei geht er bis ins 18. Jahrhundert zurück und zitiert als „besten Freund der Juden“ den berühmten preussischen Staatsrat Christian Wilhelm von Dohm. Allerdings vergibt er hier zugleich die Chance, der Genese des eliminatorischen Antisemitismus auf die Spur zu kommen, also – mit Hegel gesprochen - nicht nur das Resultat, sondern das Resultat mit seinem Werden zu erfassen. Denn gerade die deutsche Aufklärung war eine Phase, in der sich das Apriori der antisemitischen Verstandesbegriffe neu formierte, das Selbstverständliche noch nicht selbstverständlich war. Wenn etwa Dohm sagte: „Der Jude ist noch mehr Mensch als Jude“, und damit die Frage zwischen dem Verhältnis von Menschsein und Judesein aufwarf, beantworteten Fichte, Arnim, usw. sie im nächsten Moment schon eliminatorisch, indem sie den absoluten Gegensatz zwischen Menschsein und Judesein behaupteten.

Unsichtbar bleibt bei Goldhagens Ausführungen über das 18. und 19. Jahrhundert vor allem das Verhältnis zum Staat, wie es sich im Antisemitismus konstituiert. Während Dohm als Stimme des aufgeklärten Absolutismus auftrat, gelang es Lessing – dem besseren Freund der Juden (den Goldhagen nicht erwähnt), Distanz zum Staat zu halten und darum die Autonomie des Judentums anzuerkennen. Nach Lessing war es mit dieser Anerkennung - ebenso wie mit der Distanz zum Staat - jedoch vorbei. Der eliminatorische Antisemitismus organisierte die Staatstreue der Deutschen und Deutschösterreicher bis zu dem Punkt, an dem schließlich der Staat den eliminatorischen Antisemitismus organisierte. Ulrich Enderwitz hat diesen Vorgang sehr luzid als Konstitution des „Volksstaats“ beschrieben. [1]

In einem Interview sagte Goldhagen, „die fanatischsten Antisemiten der Geschichte kamen an die Macht und machten aus einem privaten Wunschtraum die Grundidee des Staates.“ Der private Wunschtraum aber war von Anfang an auf die Idee des Staats gerichtet. Bei Goldhagen bleibt dieses Problem unreflektiert – und dennoch ist es vorhanden und begründet die richtige Konsequenz, das richtig gewählte Apriori der Studie. Denn er geht konsequent von der Shoah aus, leitet von ihr das „kognitive Modell“ ab und verfolgt dieses zurück bis ins 18. Jahrhundert: die Frage des Staats ist gewissermaßen darin gespeichert, aber verdeckt.

Damit hängt die strikt antipsychologische Methodik Goldhagens aufs engste zusammen: Wie schon der Begriff „kognitives Modell“ nahelegt, konzentriert sich Goldhagen auf das, was im Bewußtsein der Antisemiten stattfindet, nicht aber auf das Verhältnis von Bewußtem und Unbewußtem. Ein Unbewußtes gibt es in seiner Darstellung von Antisemitismus und Vernichtung überhaupt nicht. Gerade das Traumhafte des privaten Wunschtraums, die Arbeit der Verdrängung und Projektion, bleibt darum in Goldhagens Untersuchung systematisch ausgeklammert – wie um zu verhindern, daß damit die Täter und Antisemiten entlastet werden könnten, daß ihr Denken und Tun als Allgemeinmenschliches relativiert würde. So ist es kein Zufall, daß jene Moralisten von Goldhagen so begeistert sind, die von der Gesellschaft, in der sie leben, keinen Begriff haben und nichts gelten lassen wollen, das außerhalb des Bewußtseins der Täter liegt, sei’s der Staat, das Kapital oder die Libido.

Hier setzt die Kritik Slavoj Zizeks an, der den falschen Gegensatz von Bürokratisierung und Sadismus aufzulösen versucht, wenn er bei Hannah Arendt ebenso wie bei Daniel Goldhagen das Moment der „jouissance“, des individuellen Genusses und Lustgewinns, einklagt. Gegenüber Arendts bürokratischer „Banalität des Bösen“ hält er fest, daß „gerade die ‚Bürokratisierung‘ des Verbrechens sich zu dessen libidinösem Einschlag zweideutig verhielt: Einerseits ermöglichte sie es den Beteiligten ... den Schrecken zu neutralisieren und die Arbeit als ‚Arbeit wie jede andere auch‘ zu betrachten; andererseits bestätigt sich auch hier die grundlegende Erkenntnis über das perverse Ritual, da diese ‚Bürokratisierung‘ per se eine Quelle zusätzlicher jouissance war. (Gibt es einem nicht einen zusätzlichen Kick, wenn man das Töten als komplizierten Verwaltungskriminalakt betreibt? ...)“ (Lettre 38/97) [2] Bei Goldhagen wiederum vermißt Zizek eine Differenzierung zwischen der ‚Makro-‚ und „Mikrophysik“ der Ideologie - zwischen der offiziellen staatlichen Macht und deren inoffiziellem, „obszönem Supplement“ im Bewußtsein der Volksgenossen: „Sogar die Nazis selbst haben den Holocaust als eine Art kollektives ‚schmutziges Geheimnis‘ behandelt. Wobei diese Tatsache nicht nur kein Hindernis für die Durchführung des Holocaust darstellte, sondern geradezu als libidinöser Stützpfeiler diente, da das Bewußtsein, daß ‚wir alle gemeinsam drinhängen‘ und alle an einer gemeinsamen Überschreitung teilnehmen, ‚Kitt‘ für die kollektive Kohärenz des Nationalsozialismus war.“ Und nicht nur für die des Nationalsozialismus, sondern auch – was Zizek nicht ausspricht – für die seiner Nachfolgestaaten. Gerade die Freiheit, sich selbst zu entscheiden, die vom unausdrücklichen subtilen Zwang zum Verbrechen niemals gefährdet wurde, habe, so Zizek, den Volksgenossen und -genossinnen die „zusätzliche jouissance“ verschafft, „Teil eines größeren, transindividuellen Körpers zu sein und ‚mit dem kollektiven Willen zu schwimmen‘.“ Zizeks Begriff der jouissance stammt jedoch von Lacan. Damit ortet Zizek das Verhältnis des einzelnen zur Gesellschaft nicht nur in der Psychologie, sondern ontologisiert es eben dort: als Element einer ewigen symbolischen Ordnung, worin der Genuß immer nur aus dem Übertreten eines Verbots resultieren kann. Auf andere Art und Weise als bei Goldhagen bleibt so auch bei Zizek die Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung im dunklen: daß es sich bei jenem großen, transindividuellen Körper, zu dem die Deutschen verschmolzen, um den nationalen Leib des Staats handelte, der in der großen Krise des Kapitals um sein Leben schwamm.

Die Abstraktion, die Goldhagen mit seinem kognitiven Modell vornimmt und von allen psychologischen oder ökonomische-sozialen Zusammenhängen abhebt, beruht allerdings auf der Tatsache der Shoah. Insofern ist Goldhagens kulturelles Muster auch kein bloßes Modell im eigentlichen gewöhnlichen Sinne, etwa im Sinne der gängigen Diskurstheorien, denn es ist aus der Shoah gewonnen – und die Shoah wird von Goldhagen eben nicht als Teil eines anderen, etwa des „antifaschistischen“ Diskurses betrachtet, sondern als historische Tatsache, als Wirklichkeit. Mit seiner Verallgemeinerung des kognitiven Modells zeichnet Goldhagen nur nach, was Staat und Gesellschaft im Dritten Reich realiter vollzogen, was Funktionäre und Bürger taten und geschehen ließen. Indem sie dies taten und geschehen ließen, haben sie selbst verallgemeinert. Die Shoah war die reale Abstraktion der Deutschen, mit der die ideelle des 18. und 19. Jahrhunderts ratifiziert wurde. Die Kritiker Goldhagens betreiben also weniger eine „Flucht in die wissenschaftliche Abstraktion“, wie ihnen vorgeworfen wurde (taz 6.9.1996), als eine Flucht vor der realen Abstraktion, die von der Bevölkerung an sich selbst vorgenommen worden ist.

Den tätigen, zuschauenden und rückblickenden Deutschen selbst erscheint es eben genau umgekehrt: sie fühlen sich als Inbegriff des Konkreten. Freilich sind die ehemaligen Volksgenossen und ihrer Nachfolger mittlerweile selbst vereinzelt, und der frühere in der Gemeinschaft konkret gewordene Wille zur Macht, hat sich in der Retrospektive in lauter kleine Einzelwillen zerstreut. Und darum wird immerzu bei jedem einzelnen Täter, Mittäter oder Zuschauer von je verschiedenen Motiven und Umständen, Kausalitäten und Affekten ausgegangen, in deren Ansammlung der Inbegriff des wahren Geschichtsbilds gesehen wird. Gerade darin, daß sie immer nur konkret sein wollen, verbleiben die Schönfärber des Funktionalismus und die Geschichtenerzähler des Intentionalismus allesamt im ideologischen Horizont der Volksgemeinschaft, die sich als Konkretes nur darum erleben konnte, weil sie die Juden als imaginäre Personifizierung des Real-Abstrakten verfolgte und vernichtete. Von diesem Zusammenhang, auf den Moishe Postone in seinem theoretischen Versuch über Nationalsozialismus und Antisemitismus aufmerksam gemacht hat, weiß freilich wiederum Goldhagen nichts. Am nächsten kommt er dem Problem noch, wenn er davon spricht, daß die Juden für die Deutschen „metaphysische Feinde“ waren. Denn wirklich handelt es sich um die „Metaphysik“ des Kapitalverhältnisses, um den von diesem Verhältnis hervorgetriebenen Gegensatz des Konkreten und Abstrakten, woraus die Deutschen durch Vernichtung der Juden die allgemeine Physis ihrer Volksgemeinschaft, den „großen transindividuellen Körper“ schufen. Darin lag die „Sache“, bei der Jean Amérys Folterer mit ganzer Seele waren - ihr „Selbst“, das sich im Quälen und Töten derjenigen realisierte, die aus der Volksgemeinschaft als ihr Gegenteil ausgeschlossen wurden. Die Vernichtung der Juden war es, die jener singulären Identität der Deutschen mit ihrem Staat zugrunde lag und sie bis zuletzt garantierte. Und diese Identität wurde ganz im Geiste des Kapitalverhältnisses mit höchster Produktivität betrieben, in der sich der Gegensatz von bürokratischer Gleichgültigkeit und sadistischem Interesse notwendig aufheben mußte.

Die neuralgischen Punkte

So stehen sich denn Goldhagen und die Zunft der deutschen Historiker notwendig fremd gegenüber, und hier paßt das von Goldhagen selbst assoziierte Bild vom Ethnologen oder Kulturanthropologen und dem fremden Stamm noch besser (sosehr es auch eine Metapher bleibt und jeder wirklichen Stammesgesellschaft erheblich unrecht tut): der Forscher kann dessen Fetischismus nicht durchschauen, aber gut beschreiben; wo er nur ein Stück Holz sieht, sehen die Stammesangehörigen eine Fülle wirksamer Kräfte und Mechanismen.

Dies betrifft insbesondere die Debatte um den Begriff des eliminatorischen Antisemitismus. Das Epitheton bewahrt das Wissen der Shoah, markiert das Resultat und hält es in Erinnerung, auch wenn es um die Jahrhunderte davor geht. So zielen die deutschen Kritiker vor allem auf diesen Begriff und versuchen ihn positivistisch zu zerkleinern und aufzuteilen in lauter ‚konkrete‘ Antisemitismen: einen religiösen, katholischen und protestantischen, einen ökonomischen, antikapitalistischen und kleinbürgerlichen, einen sexuellen, männlichen und weiblichen, einen politischen, rechten und linken, - vor allem aber auch einen jüdischen Selbsthaß, der vielfach - von Paulus bis Weininger - den Antisemitismus erst erfand. Und in dicken Sammelbänden werden die verschiedenen Judenbilder der verschiedenen Antisemitismen aneinandergereiht: der Gottesmörder, der Wucherer, der ewige Jude, die schöne Jüdin ... – wie um den einen abstrakten, alles integrierenden und am Ende aller Antisemitismen stehenden Begriff des Eliminatorischen zu vermeiden. So spärlich sich Goldhagen mit der Antisemitismus-Forschung auch in ihren nutzbringenden Teilen auseinandergesetzt hat (die historische Studie Léon Poliakovs wird ebenso ignoriert wie der theoretische Versuch Moishe Postones), so souverän setzt er sich mit seinem von der Shoah abgeleiteten Begriff über all jene Untersuchungen hinweg, die Differenzierung als Verharmlosung betreiben.

Auf Anhieb und beinahe mühelos stößt Goldhagen mit seinem Modell zu den neuralgischen Punkten vor, wo die deutschen Historiker stets vor Verallgemeinerungen zurückschrecken: er registriert – indem er etwa die Todesraten im Konzentrationslager vergleicht - eine deutlich ausgeprägte Hierarchisierung der Opfer im Nationalsozialismus, an deren Spitze die Juden und Jüdinnen stehen, unmittelbar gefolgt von Roma und Sinti. Jedes Verwischen dieser Vernichtungsprioritäten im Namen eines allgemeinen und gleichen Opferstatus von Juden, Polen, Russen usw. oder innerhalb von Deutschland: Kommunisten, Schwulen, Katholiken, Sozialdemokraten und Witze erzählenden Volksgenossen ... betreibt demgegenüber eine Verharmlosung des Antisemitismus der Deutschen. Ebenso hält er beim Vergleich mit dem Euthanasieprogramm fest, daß es hier Proteste aus der Bevölkerung gab, die schließlich zum offiziellen Abbruch des Programms führten (es mußte heimlich und auf reduzierter Basis weiter betrieben werden), während im Falle der Deportationen der Juden und Jüdinnen ein solcher Protest ausblieb: „von seltenen Ausnahmen abgesehen, wurde hier der Versuch gar nicht unternommen. Nur einmal kam es zu einer größeren Protestbewegung von Deutschen zugunsten von Juden, als sich nämlich in der Berliner Rosenstraße deutsche Frauen zusammenfanden und drei Tage für die Freilassung ihrer festgenommenen jüdischen Ehemänner demonstrierten. Wie reagierte das Regime angesichts dieser Opposition aus dem Volk? Es machte einen Rückzieher. Die sechstausend jüdischen Männer wurden freigelassen, die Frauen blieben unbehelligt.“ (Was Goldhagen gar nicht erwähnt: selbst noch innerhalb der Euthanasieopfer gab es diese Hierarchisierung insofern, als die jüdischen Behinderten nicht einmal wie die anderen einer oberflächlichen Begutachtung zur Selektion unterzogen wurden.)

Mit solchen präzise ausgewählten historischen Situationen vermag Goldhagen herauszuarbeiten, wie sensibel das NS-Regime auf die Reaktionen aus der Bevölkerung achtete, mit welcher Umsicht Schritt um Schritt gesetzt wurde, wie nahe sich Führer und Geführte waren, als die Massenvernichtung der Juden in Gang gesetzt wurde. Auch Goldhagen berichtet gewissermaßen von einer ‚kumulativen Radikalisierung‘ und von einem ‚polykratischen‘ System, doch interessiert ihn dabei, wie die Institutionen und die Bevölkerung sich synthetisierten. Erst als die ersten Einsatzgruppen „bewiesen hatten, daß sie zu systematischen Massenhinrichtungen imstande waren ..., konnten Himmler, die NS-Führung und die SS sich der europaweiten ‚Endlösung‘ zuwenden, um die Wirklichkeit den nationalsozialistischen Idealen näher zu bringen.“ Indirekt ist damit ausgesprochen, daß die Wirklichkeit diese Ideale nicht erreichen hätte können, wenn die Einsatzgruppen bereits am Anfang bewiesen hätten, daß sie zu systematischen Massenhinrichtungen an Juden und Jüdinnen nicht imstande wären. Die Praxis des Massenmords verlief insgesamt in dieser experimentellen Art: über Monate gab es an der Spitze des Staats Zweifel, ob das nationale Projekt ‚unten‘ überhaupt umsetzbar sei. Sie konnten aber bald durch die ersten positiven Erfahrungen mit den Mordkommandos, den Tenor der von den zuständigen Stellen gelesenen und ausgewerteten Feldpostbriefe der Wehrmachtssoldaten und durch das Ausbleiben jeglichen Protestes überwunden werden.

Auch zeigt Goldhagen, wie wenig weit der militärische Widerstand von jenen Idealen des nationalen Vernichtungsprojekts entfernt war. Er zitiert Berthold von Stauffenberg, den Bruder jenes Claus von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 die Bombe zündete, die Hitler töten sollte, mit den Worten: „Auf innenpolitischem Gebiet hatten wir die Grundideen des Nationalsozialismus zum größten Teil bejaht ... Der Rassegedanke ... erschien uns gesund und zukunftsträchtig.“ Für die „Stunde Null“ prognostizierte der Bonhoeffer-Kreis mit sichtlichem Wohlgefallen, „daß die Zahl der überlebenden und nach Deutschland zurückkehrenden Juden ... nicht so groß sein“ werde, „daß sie noch als Gefahr für das deutsche Volkstum angesehen werden können.“

Mit ebensolcher traumwandlerischen Sicherheit verallgemeinert Goldhagen auch dort richtig, wo er es an Aufmerksamkeit fehlen läßt, wie etwa bei der Frage der Österreicher. Ohne sie überhaupt nur zu erwähnen, klärt Goldhagen über sie präziser auf, als die meisten Studien aus dem Umkreis des österreichischen Antifaschismus und der akademischen Zeitgeschichte. Daß er die Beteiligung der Österreicher am Massenmord, die bekanntlich überproportional groß war, nicht explizit berücksichtigt, wurde ihm von verschiedenen Seiten vorgeworfen (so etwa in den USA von Paul Johnson). Sie bleibt darum aber keineswegs unklar, wie nicht nur Mommsen, sondern auch Ingrid Strobl meint, die in diesem einen einzigen Punkt in Sachen Goldhagen mit dem Oberhaupt der Funktionalisten übereinstimmt: „Österreicher nahmen generell in allen Bereichen, die mit der Ermordung jüdischer Menschen zu tun hatten, eine herausragende Stellung ein. Und die Ausschreitungen der normalen Österreicher gegen ihre jüdischen Nachbarn sofort nach dem deutschen Einmarsch gelten zu Recht als Paradebeispiel eines besonders gemeinen Antisemitismus. Goldhagen erwähnt diese besondere Mitverantwortung der Österreicher allerdings mit keinem Wort und verzichtet auch auf jede Erwähnung des spezifisch österreichischen Antisemitismus, der schließlich Hitler und viele seiner ‚willigen Vollstrecker‘ prägte.“ (taz 6.9.1996)

Sosehr dieser Verzicht sich verhängnisvoll auf die Rezeption Goldhagens in Österreich ausgewirkt hat – hier wurde die Diskussion gewissermaßen unbeteiligt verfolgt und kommentiert unter dem alten Motto der österreichischen Lebenslüge: ‚Das waren ja die Deutschen, nicht wir‘ -, weist dennoch das kognitive Modell Goldhagens selbst hier prinzipiell den richtigen Weg: Die Österreicher tragen nicht nur Mitverantwortung, der Österreicher Hitler war schließlich auch kein Kollaborateur; sie verstanden sich als Deutsche mindestens ebenso wie als Österreicher, als sie die Juden im März 1938 die Gehsteige aufzuwaschen zwangen und folterten; sie nahmen als solche am Vernichtungskrieg und am Massenmord an den Juden und Jüdinnen teil. Daß sie sich danach aus verständlichen Gründen nicht mehr unbedingt als Deutsche verstehen wollen, leuchtet ein. Sie waren aber - im Unterschied zu Ukrainern, Kroaten, Albanern, etc. - keine Kollaborateure, sondern gingen im Dritten Reich so vollständig auf wie etwa die Bayern, die Schwaben - und die ebenfalls heimgeholten Sudetendeutschen. Und auch damit wurde eine lange Zeit angelegte Abstraktion schlagartig ratifiziert. [3]

Die Deutschösterreicher haben stets als Deutsche gehandelt, soweit sie sich Nichtdeutschen gegenüber fanden – von den Josephinern des 18. Jahrhunderts über die Revoutionäre von 1848 bis zur deutschösterreichischen Sozialdemokratie; und sie bezogen sich mitunter noch in der Abgrenzung von Deutschland (die viele Juden und Jüdinnen verhängnisvolle Hoffnungen auf eine österreichische Identität setzen ließ) positiv auf ihr Deutschsein: Österreich als der „bessere deutsche Staat“. Als Österreicher verstand man sich, wenn die Einheit des Habsburgerreichs gemeint war, als Deutscher aber, wenn es innerhalb dieser Einheit darum ging, seine Position als Herrenvolk zu behaupten. All das begreift richtig, wer von der Shoah aus die österreichische Geschichte betrachtet und nicht von der Österreichideologie des Nachkriegslandes, der irrealsten Abstraktion der neuern Geschichte. So ist es im Grunde vollkommen korrekt, daß Goldhagen die Österreicher nicht einmal erwähnt. Er differenziert ja bei den Täterkollektiven auch nicht zwischen Bayern, Schwaben, Ostfriesen, Sudetendeutschen usw. Um Mißverständnisse zu vermeiden, könnte er vielleicht in einer Neuauflage die Fußnote hinzufügen, daß die Österreicher unter dem Gesichtspunkt des Nationalsozialismus und des Holocaust als Deutsche zu betrachten wären.

III. Austritt aus dem kognitiven Modell, Eintritt in die NATO

Überraschend wohlwollend hatte Götz Aly auf Goldhagens Studie reagiert (vgl. Mittelweg 36 5/96). Immerhin stellt sie ja seinen und Susanne Heims Ansatz in Frage, den Massenmord an den Juden den übrigen bevölkerungspolitischen Maßnahmen der Nazis zu subsumieren. Während des Kosovo-Kriegs - und noch ehe Goldhagen seinen Artikel in der Süddeutschen publizierte - führte Aly aber dann unter dem Titel „Das Deutsche in Serbien“ in der taz (17. 4. 99) vor, wie gut sich eine Art verwässerter Version von Hitlers willigen Vollstreckern zur Kriegspropaganda eigne: „In Belgrad herrscht Bombenstimmung: ‚Ein Volk, ein Großserbien, ein Führer.‘ Unter dem Eindruck der Nato-Angriffe findet die serbische Volksgemeinschaft endgültig zu sich selbst. Gemeinschaftsstiftend sind die im Namen des Volkswohls begangenen Massenverbrechen der vergangenen zehn Jahre. Diese Taten müssen verdrängt werden. Am besten geschieht dies in der Verkehrung von Opfern und Tätern - vor allem in der Inszenierung des Selbstmitleids. Ein in Deutschland gut bekanntes Phänomen, ob es um die Selbstkonfrontation mit dem Holocaust ging oder um die Erbschaft des Stasi-Staates. In diesem geschlossenen System von Terror und millionenfacher Mitschuld gedeihen Kollektivismus und Selbstverblendung. Diese geistige Verbunkerung läßt sich nicht anders aufbrechen als durch Gewalt von außen ... Weniger die Nato-Angriffe als das Ausmaß der gegenwärtigen Verbrechen stärkt den Durchhaltewillen. Daraus folgt ein verändertes Kriegsziel: Das Kosovo muß durch die Truppen der Nato befreit werden. Serbien hat sein Recht auf den Kompromiß von Rambouillet verwirkt, weil die serbischen Einsatzkommandos Völkermord im Namen und im Auftrag des serbischen Volkes begehen ... Am Ende des Krieges wird ein internationales Militärtribunal, wie einst in Nürnberg, über die Kriegsverbrecher zu richten haben.“

In der Volksausgabe, die Aly hier von Goldhagens Buch fürs grüne und rote Wahlvolk anfertigt, sind alle Begriffe aus der Goldhagen-Diskussion (das Deutsche, Volksgemeinschaft, Völkermord, Massenverbrechen ...) – und darüber hinaus aus dem Diskurs der Kritischen Theorie (Verkehrung von Opfern und Tätern ...) - frei verfügbar geworden und funktional, um jeden beliebigen Gegner (sei’s Milosevic oder die DDR-Stasi) zu stigmatisieren. Einige Passagen von Goldhagen müssen jedoch von Aly umgeschrieben werden, um die Gleichsetzung zu ermöglichen: „Mit den Massenvertreibungen im Kosovo, den Morden an albanischen Lehrern, Journalisten, Rechtsanwälten und Ärzten, mit der Liquidierung von wehrfähigen Männern hat Milosevic, hat Serbien jene Grenze überschritten, die Hitler und die Deutschen in den ersten vier Wochen des Kriegs gegen die Sowjetunion hinter sich gelassen hatten.“ Wen immer Milosevic liquidieren ließ, die Grenze, die Hitler und die Deutschen hinter sich gelassen hatten, ist anderer Art. Goldhagen hat über die Taten in den ersten vier Wochen z. B. folgendes geschrieben: „Ende Juni und Anfang Juli 1941 ermordeten die Deutschen gemeinsam mit ihren litauischen Helfershelfern in Kowno (Kaunas) Tausende von Juden. In Lwow (Lemberg) brachten sie mit Hilfe von Ukrainern einige tausend Juden um. Zur ersten großen Massenerschießung, die die Einsatzkommandos selbst durchführten, kam es wahrscheinlich am 2. Juli in der ukrainischen Stadt Luzk, wo Angehörige des Sonderkommandos 4a mehr als 1100 Juden hinrichteten; dem war am 27 Juni in Bialystok eine wahre Orgie aus Schrecken und Vernichtung vorausgegangen, angerichtet vom deutschen Polizeibataillon 309. ‚Technisch‘ variierten diese ersten Mordeinsätze erheblich, denn die Deutschen experimentierten noch auf der Suche nach der besten Vernichtungsmethode.“ Das Ziel, das Ideal, der Deutschen war indessen klar: Vernichtung des Judentums. Es in die Praxis endlich umzusetzen, das war nach Goldhagen die Grenze, die Hitler und die Deutschen 1941 überschritten. Götz Aly jedoch ist im Grunde nur seiner alten Auffassung von der „Ökonomie der Endlösung“ treu geblieben, wie sein Vergleich von Milosevic und Hitler zeigt: beide hätten eben imperialistische, bevölkerungspolitische und raumordnende Aktionen gegen andere Völker unternommen; im einen Fall seien vor allem die Juden dafür beseitigt worden, im anderen Fall wäre dies beinahe den Albanern geschehen, wenn man von außen nicht entschlossen eingegriffen hätte.

Allerdings war ja Goldhagen selbst nicht lange nach Götz Aly bereit, sein kognitives Modell auf die Serben zu projizieren, während viele seiner (ehemaligen) Gegner, etwa Augstein, sich nun - während des gemeinsamen Kosovo-Einsatzes von USA und Deutschland - auch als Gegner des Kriegs entpuppten. Diese Friedensbewegten brauchen Goldhagens Argumentation sowenig, wie sie die Amerikaner als Führungsmacht länger dulden wollen. Denn der Krieg, für den allein sie sich erwärmen könnten, müßte wieder unter deutscher, sprich: europäischer Führung stehen. So bildeten sich eigentlich an Goldhagen bereits die zwei Linien heraus, die dann im Kosovo-Krieg manifest wurden: Antiamerikanismus als Motivation für den Frieden, Antifaschismus als Legitimiation für den Krieg.

Voraussetzung für die Kriegstauglichkeit von Goldhagens Studie war jene Stunde Null, die ihr Autor schon lange vor dem Krieg proklamiert hatte: Zunächst nur in einer Anmerkung, dann im Vorwort zur deutschen Ausgabe, schließlich bei der Verleihung des Demokratiepreises der Blätter für deutsche und internationale Politik (die nicht zufällig so heißen: man beachte die Reihenfolge) verkündete Goldhagen den Austritt Deutschlands aus seinem eigenen kognitiven Modell. Wie mit einem Lichtschalter wurde ausgeknipst, was über Jahrhunderte das Gemeinsame der Deutschen illuminierte.

Unter einem bestimmten Blickwinkel allerdings ergab sich diese willkürliche Setzung der Stunde Null aus den Nöten und Zwängen, in die Goldhagen durch seine Theorie des kognitiven Modells geraten war. Mit der Proklamation der Stunde Null konnte er sich nämlich dem Vorwurf entziehen, den überall in Deutschland die Kritiker lauthals und unisono anstimmten: er kehre bloß den Rassismus um, er erkläre den Antisemitismus zu einer erblichen Eigenschaft der Deutschen, er behaupte, es gäbe eine Antisemitismus-Gen. Da seine Theorie tatsächlich nichts über die Genese und den gesellschaftlichen Zusammenhang des Antisemitismus auszusagen vermag - etwa sowenig wie Kant über die Entstehung und die gesellschaftliche Substanz des Transzendentalsubjekts – kam Goldhagen regelrecht in die Bredouille: es fehlte ihm gewissermaßen der Gegenbeweis – der nicht-antisemitische Deutsche, der beweisen würde, daß es sich nicht um ein Gen handelt. Und hier konnte er sich sozusagen herausschlagen, indem er einfach den Bruch mit dem kognitiven Modell behauptete - eine Behauptung, der nun doch gerade die heute lebenden Deutschen am wenigsten widersprechen wollen. Nicht zufällig, aber doch ungewollt wurde Goldhagen damit tatsächlich zu einer Art Erlöserfigur für die Deutschen.

Die Freisprechung des heutigen Deutschland erstaunte aber selbst die Antisemiten unter den Goldhagen-Kritikern. So sehr sie gegen die Einschätzung des alten Deutschland rebellierten, die des neuen konnten sie dennoch nicht akzeptieren – da kannten sie sich selbst doch zu gut. Es handelt sich bei dieser Akkommodation ans heutige Deutschland allerdings um eine beachtliche Verdrängungsleistung. Goldhagen, der noch bei den Freunden der Juden im 18. Jahrhundert jenes kulturelle Modell aufzudecken suchte, das schließlich in der Vernichtung resultierte, er muß sich um an seiner Auffassung vom geläuterten Deutschland festhalten zu können, über alle Mechanismen der Schuldabwehr hinwegtäuschen, die ihm laufend bei deutschen Historikern und Journalisten begegnen und nichts anderes als die modernisierte Form jenes kognitiven Modells darstellen, dem er in seiner Studie auf der Spur war. Er macht es so gut, daß er schließlich denen, die Auschwitz im Kosovo-Krieg instrumentalisierten, beispringen konnte.

Und hier zeigt sich erneut jene seltsame Dynamik, die sich bereits in der deutschen Rezeption Ruth Klügers vor einigen Jahren beobachten ließ: je mehr und je schärfer Überlebende des Holocaust oder deren Nachfahren mit dem alten Deutschland ins Gericht gehen, desto besser erscheinen sie dem neuen Deutschland geeignet, als Erlösergestalt zu fungieren; je offener sie über die Verbrechen der Vergangenheit sprechen, desto mehr wiegt ihr wie auch immer gemeintes, aber als positiv jedenfalls verstandenes Urteil über die Zustände, die doch auf den Verbrechen der Vergangenheit beruhen. Der Band Briefe an Goldhagen gibt über die Erlösungssehnsucht, die um jeden Preis an der nationalen Identität festhalten möchte, ja diese zum eigentlichen Zielpunkt der Erlösung macht, erstaunliche Auskünfte: „Mein Herz ist einfach voll von all dem Leben hier in einem Deutschland, das meiner Ansicht nach noch nicht geheilt ist aber geheilt werden kann, auch durch so ein Buch wie ihres.“

Diesen nationalen Erlösungswahn gibt es freilich auch in rationalisierter Gestalt – so etwa bei Birgit Rommelspacher, wenn sie sich von der antinationalen Goldhagen-Rezeption distanziert, worin sie eine „negative Selbstmystifizierung“ zu erkennen glaubt: „Dann wird der Nationalsozialismus zum eigentlichen Bezugspunkt der Selbstdefinition, zum negativen Identitätssymbol. Dabei wird davon ausgegangen, daß sich vor allem im Nationalsozialismus zeigt, was die Deutschen eigentlich ausmacht.“ Demgegenüber sucht Rommelspacher jedoch weiterhin nach positiver Identität im Deutschen und glaubt gerade in Goldhagen wenn nicht den Erretter, so doch dessen Propheten gefunden zu haben: „Goldhagens Buch ist jedoch eine neue Chance für die Deutschen, sich der Auseinandersetzung zu stellen – gerade heute in einer Zeit besonders intensiver Selbstverständnisdebatten. Nimmt man die offziellen Verlautbarungen, so ist zu befürchten, daß diese Chance ausgeschlagen wird. Die breite Resonanz auf das Buch läßt jedoch auch hoffen, daß dies nicht die einzigen Reaktionen sind.“

Es wäre gewiß vermessen und würde die Macht der geschichtlichen Vorgänge über die Gegenwart leugnen, würde man behaupten, daß sich der einzelne, der hier unter die Deutschen gerät und zum Opfer solcher inbrünstiger Erlösungshoffnungen und intensiver Selbstverständnisdebatten wird, dieser Dynamik der deutsch-jüdischen bzw. deutsch-amerikanischen Beziehungen, dieser Instrumentalisierung durch deutschen Erlösungswahn, irgendwie entziehen könne. Allerdings kommen in dieser Rezeptionssituation die Schwächen von Goldhagens Methode plötzlich voll zum Tragen – und erweisen sich als Stärken bei der Akkommodation an die Berliner Republik. Es nützt nun, daß Goldhagen sich nicht um die Genese des Antisemitismus kümmerte, die Frage des Staats ebenso wie die des Kapitals ausklammerte und der des Unbewußten keinerlei Bedeutung schenkte: nun konnte das transzendentale Modell-Subjekt mit einem Mal in die Transzendenz der Vergangenheit geschickt werden - und bleibt dort jeder Zeit abrufbar, wenn etwa die Legitimation eines Krieges ansteht. [4]

Geradezu groteske Züge haben diese stark gewordenen Schwächen bereits in der Dankesrede angenommen, die Goldhagen bei der Verleihung des Demokratiepreises hielt. Er erscheint plötzlich als biederer Volkspädagoge und Aufklärer des 19. Jahrhunderts, der keine Ahnung hat, von dem, was da kommen kann, wenn er hier die Lernfähigkeit der Deutschen rühmt: „Menschen überdenken Überzeugungen und Wertvorstellungen anhand ihrer Erfahrungen und im Lichte konkurrierender Überzeugungen und Werte“ - als wäre es nicht gerade das antisemitische Syndrom, solche Erfahrungen zu verhindern und das Licht konkurrierender Werte abzublenden. Goldhagen aber sieht nicht nur alle Menschen - „alle und täglich“ - ihre Überzeugungen im Lichte ihrer Erfahrungen überdenken: „Manchmal macht die große Mehrheit einer Gesellschaft die gleiche fundamentale Erfahrung und lernt auf diese Weise das gleiche. Das passiert typischerweise nach einem antinationalen Trauma oder wenn grundlegende Institutionen der Gesellschaft Veränderungen durchlaufen.“ Als Beispiel neben dem der Deutschen nach 1945 zieht Goldhagen die „Weißen im Süden der USA“ heran: sie „änderten nach der Abschaffung der gesetzlichen Rassentrennung ihre Einstellung zur Rolle der Schwarzen in der Gesellschaft grundlegend.“ (Blätter 4/97) Das Beispiel ist eine Rationalisierung der besonderen Art, weil hier mit dem Antisemitismus der Deutschen zugleich der Rassismus der weißen Amerikaner mitentsorgt wird. Goldhagen kommt nicht einmal auf die Idee, daß die gesetzliche Abschaffung der Rassentrennung zugleich so etwas wie eine Verinnerlichung bedeuten könnte, solange die den Rassismus strukturierenden Verhältnisse von Staat und Kapital nicht abgeschafft werden. Hier zeichnet sich im intellektuellen Verfahren schon der gemeinsam Einsatz von Deutschland und USA im Kosovo-Krieg ab. Deutlicher noch scheint dies am Ende von Goldhagens Rede der Fall: „Es ist an der Zeit, dieses deutsche Modell zu internationalisieren. Es ist Zeit, daß andere Nationen der Bundesrepublik in Sachen Nationalgeschichtsschreibung und Selbstverständnis nacheifern.“ (Blätter 4/97) Zu diesem Zweck, die Serben nämlich zum Nacheifern zu motivieren, bombardierte man schließlich gemeinsam Jugoslawien und marschierte im Kosovo ein.

Auch Goldhagens Konzentration auf Erschießungen und Todesmärsche, die bürokratische und industrielle Vorgänge der Massenvernichtung in den Hintergrund treten ließ und seiner Studie zunächst einmal viele Einsichten eröffnet hat - von Raul Hilberg aber zurecht kritisiert wurde -, sollte dem NATO-Sprecher Goldhagen schließlich zum Vorteil gereichen. So kann er in seinem Artikel in der Süddeutschen Zeitung das Verhalten der serbischen Banden und Militärs mit dem der deutschen Volksgemeinschaft gleichsetzen. Der Gegensatz zwischen industrieller Vernichtung und sadistischer Mordlust, bürokratischer Kälte und antisemitischer Wut ist der falsche Schein, aus dem Goldhagen jetzt die passenden Projektionen für die Berliner Republik und ihre NATO-Gefolgsleute fabrizieren kann: „Die serbischen Schreckenstaten unterscheiden sich von denen der Nazis grundsätzlich nur durch die geringeren Dimensionen.“ (Süddeutsche Zeitung 30.4./2.5.99)

Wer genauer hinhört, kann Goldhagens Demokratiepreis-Rede zwei Jahre davor allerdings noch als Beschwörung verstehen – als müßte er sich selbst von einigen Zweifeln noch befreien, die von den eigenen Forschungen in seinem Bewußtsein zurückgeblieben sind: „Deutschland ist mächtiger geworden. Die ungewöhnliche Nachkriegskonstellation der deutschen und der internationalen Politik, die die Bonner Republik hervorgebracht hat, besteht nicht mehr. Die Beschränkungen des Kalten Krieges sind weggefallen. Der Machtwille des Nationalstaates steht den mäßigenden Auswirkungen des internationalisierten deutschen Selbstbildes und der deutschen Demokratie gegenüber. Hinzu kommen fortwährende nationale und internationale institutionelle Beschränkungen deutscher Macht. Was wird sich letztendlich durchsetzen? Ist die Zeit gekommen, die Internationalisierung der deutschen Nationalgeschichte und der deutschen Demokratie zu beenden – jetzt, da die Bundesrepublik Deutschland ‚erwachsen‘ geworden ist? Nein. Die Grundlagen der Bonner Republik und ihres Erfolgs, darunter ihr außergewöhnliches Selbstverständnis und ihre außergewöhnliche politische Praxis, müssen auf die Berliner Republik übertragen werden.“

Ein solches verhaltenes Bangen, was aus der Berliner Republik werden mag, das Goldhagen dann im Kosovo-Krieg vollständig überwunden hat, kannte Jürgen Habermas schon als seinerzeitiger Laudator Goldhagens nicht mehr: „Hier sehe ich Goldhagens eigentliches Verdienst. Er richtet den Blick nicht auf unterstellte anthropologische Universalien, nicht auf Gesetzmäßigkeiten, denen präsumtiv alle Menschen unterworfen sind. Die mögen, wie die vergleichende Genozidforschung behauptet, auch einen Teil des Unsäglichen erklären. Goldhagens Erklärung bezieht sich jedoch auf spezifische Überlieferungen und Mentalitäten, auf Denk- und Wahrnehmungsweisen eines bestimmten kulturellen Kontextes. Sie bezieht sich nicht auf ein Unveränderliches, in das wir uns zu schicken haben, sondern auf Faktoren, die durch einen Bewußtseinswandel verändert werden können. Der anthropologische Pessimismus, der hierzulande mit einem fatalistischen Historismus im Bunde steht, ist eher Teil des Problems, dessen Lösung er zu liefern vorgibt. Daniel Goldhagen gebührt Dank dafür, daß er uns in einem anderen Blick auf die Vergangenheit bestärkt hat.“ (Blätter 4/97) Der andere Blick besteht offenkundig darin, daß in Deutschland nur die Kommunikation zu verbessern ist. Die Faktoren des Bewußtseins sind in ständiger Überredung zu bearbeiten. Was außerhalb dieses kommunikativen Bewußtseins liegt, mag sein, wie und was es will, es gehört für Habermas mittlerweile zu den anthropologischen Universalien, die sich ohnehin nicht ändern lassen.

Jan Philip Reemtsma wies demgegenüber immerhin noch auf das gesellschaftliche Unbewußte hin, als er bei der Verleihung des Demokratiepreises Goldhagens Begriff des kulturellen Modells als „Code“ erläuterte: „Es war gerade die weite Verbreitung und selbstverständliche Verwendung dieses Codes, die ihn oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle hielt. Telford Taylor berichtet rückblickend, wie die Richter von Nürnberg Dönitz’s Satz, er sei selbstverständlich der Meinung gewesen, die Ausschaltung der Juden aus der deutschen Volksgemeinschaft sei die unabdingbare Voraussetzung für Deutschlands militärische Stärke gewesen, darum nicht bemerkt hätten, weil Dönitz, der von sich natürlich behauptete, niemals Antisemit gewesen zu sein, selber nicht bemerkt habe, daß seinen Richtern an dieser Aussage etwas hätte auffallen können.“ (Blätter 4/97) Die Feiernden von 1997 bemerken dabei gar nicht, welche Konsequenzen sich aus dieser wirklich tiefgreifenden Einsicht in das Apriori des Antisemitismus für ihre gefeierte Demokratie ergeben müssen, die genau auf dieser Konstellation von deutschem Wahn und seiner westlichen Rationalisierung beruht. Dazu freilich dient letztlich doch die Rede vom Code: so versucht Goldhagen ja in seiner ganzen Stellungnahme zur Entwicklung Deutschlands nach 1945, sein kognitives Modell, das kein Modell ist, in einen Diskurs zurückzuverwandeln, um sich an die Gepflogenheiten nicht nur der demokratischen Nachkriegsordnung, sondern ebenso der neuen Nato-Kriegsordnung anzupassen.

Die Überlebenden wissen es anders. Was ihnen angetan wurde, war kein Code. Andrei S. Markovits berichtet von einem Treffen jüdischer Überlebender des Holocaust im April 1996 in New Jersey, bei dem der Tenor der Anwesenden lautete: „Goldhagen sagt doch nur, was wir allem am eigenen Leib erfahren haben.“

[1Umso seltsamer, daß Enderwitz in dem Band Goldhagen und die deutsche Linke (und im Anschluß daran von Stefan Wirner in konkret 7/99) vorgeworfen wird, „den Holocaust allein aus der Kriegslogik“ zu erklären, läßt sich doch in seinem Begriff des Volksstaats die Kriegslogik vom Antisemitismus eigentlich nicht separieren. Daß Enderwitz dabei ohne den Begriff des Wahnsinns nicht auskommt - wie auch?, wird ihm hier als „offenkundige Peinlichkeit“ nachgetragen, als würde nicht Goldhagen die Rede von der Geisteskrankheit bei weitem unreflektierter strapazieren.

[2Schon Max Horkheimer wandte gegenüber Hannah Arendts Eichmann-Buch ein: „Der Begriff der ‚Banalität des Bösen‘, in dem der Sadismus keine Rolle spielt, ist Mist.“

[3Wenn sich der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der im wesentlichen von Kommunisten getragen wurde, explizit als nationaler österreichischer begriff, so ist dies zunächst ein Produkt der Volksfront-Taktik Stalins gewesen, er hätte sich unter anderen taktischen Vorgaben auch auf ein besseres, anderes Deutschland berufen können. Allein die Isoliertheit dieses österreich-nationalen Widerstands innerhalb der deutschösterreichischen Bevölkerung zeigt, daß im März 1938 eine historisch entwickelte, im Land selbst lange vorbereitete Möglichkeit realisiert worden ist.

[4Damit ist die Entwicklung einer zeitgemäßen Totalitarismustheorie abgeschlossen: Hatte die Ost-West-Konstellation des Kalten Kriegs es erfordert, zuallererst das sowjetische System mit dem NS-Staat gleichzusetzen, so wird dieser Manichäismus nun dynamisiert: um Deutschland wieder einsatzbereit zu machen, ist alle Betonung jetzt auf die Läuterung der Deutschen zu legen. Es handelt sich abermals um einen christlichen Modus: ein Damaskuserlebnis wird beschworen, eine Bekehrung von Saulus zu Paulus. Und mit diesem Geläuterten soll nun jeder neue Saulus verdammt werden.

Aus: Wir kneten ein KZ. Aufsätze über Deutschlands Standortvorteil bei der Bewältigung der Vergangenheit. Hg. v. Wolfgang Schneider. Hamburg 1999. Konkret Texte 24


Zitierte Literatur

  • Theodor W. Adorno: Schuld und Abwehr. Eine qualitative Analyse zum Gruppenexperiment. Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann. Bd. 9/2. Frankfurt am Main 1985
  • Götz Aly, Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hamburg 1991
  • Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart 1977
  • Ulrike Becker u.a.: Goldhagen und die deutsche Linke oder Die Gegenwart des Holocaust. Berlin 1997
  • Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung‘ in Polen. Hamburg 1993
  • Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. Freiburg 1994
  • Jürgen Elsässer, Andrei S.Markovits (Hg.): (Goldhagen-Konferenz???). Berlin 1999
  • Ulrich Enderwitz: Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung. 2. Aufl. Freiburg 1998
  • Norman G. Finkelstein, Ruth Bettina Birn: Eine Nation auf dem Prüfstand. Die Goldhagen-These und die historische Wahrheit. Mit einer Einleitung von Hans Mommsen. Hildesheim 1998
  • Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. Berlin 1996
  • Daniel Jonah Goldhagen: Briefe an Goldhagen. Berlin 1998
  • Johannes Heil, Rainer Erb (Hg.): Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit. Der Streit um Daniel J. Goldhagen. Frankfurt am Main 1998
  • Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. 3 Bde. Frankfurt am Main 1990
  • Max Horkheimer: Späne. Notizen über Gespräche mit M. H., in unverbindlicher Formulierung aufgeschrieben von Friedrich Pollock. Gesammelte Schriften. Hg. v. Alfred Schmidt u. Gundelin Schmid Noerr. Bd. 14. Frankfurt am Main 1988
  • Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. 8 Bde. Worms-Frankfurt am Main 1979-1988
  • Julius H. Schoeps (Hg.): Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust. Hamburg 1996
  • Michael Werz (Hg.): Antisemitismus und Gesellschaft. Frankfurt am Main 1995

Ich danke Wolfgang Schneider für materialreiche Unterstützung.

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