MOZ, Nummer 57
November
1990

Gläserne Archen

Das Wiener Palmenhaus wird ab 30. November — nach langem renovierungsabhängigem Intermezzo — der Öffentlichkeit wieder zugänglich sein. Genügend Anlaß, um beim Flanieren unter tropischem Blätterdach einen kleinen Diskurs über diese höchst artifizielle Situation von Pflanzen zu entfachen.

Nachweislich versuchte man bereits in der Antike, Pflanzen in eigens dafür geschaffenen Gebäuden unabhängig von Jahreszeiten und klimatischen Konditionen aufzuziehen bzw. zu bewahren. Erste Funde waren Überreste, Fragmente von Treibhäusern bei den Ausgrabungen von Pompeji, höchstwahrscheinlich an Stelle von Glas damals noch mit dünnen, lichtdurchlässigen Steinscheiben gedeckt, obwohl Römer seit 200 v. Chr. im Sandgußverfahren Glas mittlerer Größenordnung herstellten. Die für uns interessante Geschichte moderner Gewächshäuser resultiert aus den Entdeckungsreisen ab der Renaissance. Kolonialismus und Welthandel, im besonderen die Ausbeutung der spanisch-portugiesischen, der englischen und holländischen Kolonien überfluteten den europäischen Markt mit bis dato unbekannten Früchten, die vor allem auf den Tischen der Aristokraten und besonders wohlhabender Bürger landeten. Ein ständiger Nachschub an Pflanzen, Samen oder Blumenzwiebeln erweckte die Sehnsucht, diese Exoten auch in fremdbestimmten Zonen mit völlig unterschiedlichem Klima haltbar zu machen.

Beispiel Orange: Im 13. Jahrhundert nach Europa gebracht, im 15. Jhdt. die ersten Bäumchen gezogen, bei der italienischen Aristokratie dermaßen beliebt, daß sie (die Orange natürlich) im 16. Jhdt. nicht mehr vom Klischeebild eines europäischen Hofes wegzudenken war. Kann man heute höchstens noch Besucher aus dem Osten damit ködern, so stellten Zitrusfrüchte in der Renaissance hohen Lebensstandard und Prestige dar. Maler dokumentierten diese Tatsache eifrigst mit dem Pinsel, Hieronymus Bosch genauso wie Jan van Eyck.

Improvisierte man vorerst mit bereits vorhandenen Baulichkeiten wie Gartensälen oder Grotten, die sich in der kälteren Jahreszeit mit Holzläden schließen ließen, so entwarf man in der Folge rasch eigene Bauten für die botanischen Exoten. Fachwerkartige Gerüste wurden im Herbst über den Pflanzen errichtet, mit Brettern verkleidet und durch Läden belichtet. Nachteile der ‚abschlagbaren‘ Pomeranzen- oder Feigenhäuser ergaben sich aus der schlechten Wärmeisolierung und den kostenintensiven Auf- bzw. Abbauarbeiten. Die Idee einer dreiseitig gemauerten Grundkonstruktion entstand aus dieser Notsituation, nun brauchte lediglich die Südseite bei bevorstehender Kälte bedeckt zu werden.

Fotos: Birgit Durbahn

Aus dem Holzprovisorium entwickelte sich die Orangerie, die außerdem im passenden Repräsentationsstil in die umgebende Herrschaftsarchitektur eingegliedert wurde. Die Fürsten motivierten ihre Pflanzenkollektionen durch Dekorationssucht oder kulinarische Exzentrik, Privatleute leisteten sich den Aufbau von Exoten in botanischen Gärten im wissenschaftlichen Dienste, meist an Universitäten. Ein reger Tauschhandel entstand, die Anzahl der Veröffentlichungen nahm zu, man sprach nicht nur über reine Botanik, sondern auch über Gartenbaugestaltung, legte medizinisch wichtige Heilgärten (Horti medici) an und diskutierte die Bauweise von Orangerien und Gewächshäusern. Glas war Mangelware, die Bauten eher von bescheidener Größe.

Mit der Erfindung des Tafelglases (Platten bis zu 120 x 200cm Fläche) wuchsen die Möglichkeiten des uns als klassisch vertrauten, langgestreckten Gewächshauses mit Glasdach und transparenter Südfront. Die doppelt ausgeführte Mauerrückwand löste als Beheizungsgrundlage die transportablen Öfen oder gar offenen Feuer ab. Strohmatten oder Vorhänge regulierten die Lichtintensität beim Glasverbau.

Die Pflanzen selbst wurden nun nicht mehr direkt in den Boden gesetzt, sondern auf bewegliche Kübel umgerüstet. Myrten, Lorbeer und Granat hielten Einzug im Park, der Höhepunkt der Orangerie war Mitte des 18. Jahrhunderts erreicht.

Der Zitrus-Trend ließ merklich nach, die barocke Bauweise sinnierte über neuere, passendere Gebäudetypen, die auch im Landschaftsgarten integrierbar wären. „Funktion trifft Repräsentation“ war angesagt, Glas billiger geworden, und so hielten die Architekten den Anteil an konstruktiven Teilen so gering als möglich. Die gesteigerten klimatischen Bedingungen brachten z.B. die Ananas nach Deutschland.

Boom des 19. Jahrhunderts oder Flucht in die Exotik

Die wichtigste Voraussetzung zur Perfektionierung der Glashäuser lag im industriellen Vorsprung Englands gegenüber anderen Ländern. Weiters gingen die Gartenarchitekten vom geometrischen französischen Vorbild zum typisch britischen Landschaftsgarten über. Landflucht, überquellende Städte, ausbaunotwendige Verkehrs- und Kommunikationswege verlangten förmlich den Einsatz neuester Materialien, im speziellen die Verwendung von Eisenkonstruktionen. Nicht nur die Botanik profitierte davon, sondern gerade an Brücken- bzw. Bahnhofsbauten des 19. Jahrhunderts lassen sich diese enormen technischen Entwicklungen ablesen. Optisch war nun eine größere Vielfalt an funktional besseren Formen umsetzbar. Kuppeln und Halbkuppeln, an denen das Wasser problemlos ablaufen konnte, polygonale Muster vom Grundriß weg bis hin zu Spezialbauten mit niedrigem Glasdach bei Wasserpflanzenhäusern, in denen Pflanzen auf Drehtellern in Kreisbewegung versetzt wurden. Legendär aus dieser Zeit blieb das erstmalige Blühen einer Victoria Regia in Kew. Der Architekt John Paxton, dessen Prinzip es war, aus wenigen vorgefertigten Teilen einen Bau herzustellen, zeichnete denn auch für die wohl berühmteste Ikone des industriellen Zeitalters verantwortlich, den Kristallpalast von London 1851, der einen wahren Reigen von Weltaustellungen eröffnete. Symbolisch signalisierte dieses Event den Aufbruch zu noch größeren Dimensionen, von den ‚künstlichen Paradiesen‘ des Baudelaire bis zu den Wolkenkratzern des 20. Jahrhunderts.

Im Monument des „Palastes aus Kristall“, einst einer romantischen Idee entsprungen, manifestierte sich der Sieg modernster Technik mittels präfabrizierter Fertigteile in der Architektur, die Einbeziehung der Natur in hermetische Innenräume. Doch nicht nur Montage und Modulsysteme triumphierten, die Ausstellung selbst setzte Menschen und Erzeugnisse gleich, ganze Volksstämme wurden zu Schauobjekten, Angebot und Nachfrage pervertierten ab nun jegliche Existenzgrundlage.

Das Zeitalter des Menschen war vorbei, Maschinen arbeiteten wie verrückt innerhalb des lichtdurchfluteten Baukörpers, der als moderner Mythenträger bis in unsere Gegenwart hineinwirkt. „In gewisser Weise gehts dem Menschen wie der Ware“, gut beobachtet, Herr Marx.

Man mußte auch kein Krösus vom wahnwitzigen Formate eines Ludwig von Bayern sein, um sich seine private Ausgabe eines kleinen Kristallpalastes leisten zu können. Neben der Zunahme an öffentlichen Wintergärten mit kompletten Salons, eingerichtet für Billardspieler, Tabakraucher oder Schokoladetrinker, verzeichnete der bürgerliche Glas(an)bau enormen Anstieg. Die Beliebtheit dieser Gewächshäuser (conservatory) zeigt u.a. der Beginn von „The big sleep“ mit Bogart in der Hauptrolle.

Zurück zur Wirklichkeitsflucht der Bourgeoisie: Immer ‚malerischere‘ Auswüchse leisteten sich die Bauherren, zumal in Deutschland nach wie vor eher Stein und Holz mangels Eisenindustrie als Grundmaterialien Verwendung fanden. Dem „inszenierten Dschungel“ wurde dadurch Vorschub geleistet, die Palme im besonderen gipfelte als höchstes Symbol und zugleich Klischee bezüglich exotischer Sehnsucht. Bei Zola spielt in „Die Beute“ das Schlüsselereignis in den Gewächshäusern der Villa eines reichen Bauspekulanten. Das ungezügelte, berauschende Düfte verströmende Wachstum fremder Pflanzen enthemmt die Sexualität der Beteiligten, das moralische Korsett wird in den künstlichen Paradieskulissen gesprengt.

Das Glashaus als Mythenträger und Ort für Billardspieler, Tabakraucher und Schokoladetrinker

Paradise lost

Die Schaffung künstlicher Paradiese wurde bei der „Dokumenta 5“ von der Gruppe Haus-Rucker-Co. gewieft bestätigt. Ein durchsichtiger Plastikballon ragte seifenblasenartig aus einem Fenster der Ausstellungshalle, in deren Innerem am Ende einer auf Grund der üblichen behördlichen Schikanen unbegehbaren Treppe kleine Palmen standen. Das Objekt „Oase Nr. 7“ zeigte 1972 unfreiwillig auf, wie es nun um Paradiese bestellt ist: Nach wenigen Wochen war die Plastikhülle von Abgasen und Industrieemissionen beinah bis zur Uneinsichtigkeit verdreckt.

Die Postmoderne werkelte schließlich mit künstlichen Biotopen innerhalb der verglasten oder verspiegelten Baukörper, Hollein zitierte die Palmen aus dem Seebad von Brighton recht plump und unverfroren nicht nur im Verkehrsbüro, sondern auch im einmaligen Bühnenbilddebakel zu Schnitzlers „Komödie der Verführung“ an der Burg.

Auch ein anderer Glasbautyp des 19. Jahrhunderts stand in den 60ern Pate zu innovativen Bauvorhaben: die Passage, Trauminsel aller Flaneure. Zunehmend finden Landschaftsteile, überglast und als künstlicher ‚Außenraum‘ erst über die eigentliche Architektur gestülpt, Einsatz bei Architekturprojekten.

Wollte doch schon 1822 der Schotte John Claudius Loudon, gar nicht geizig, mit im Zickzack gefalteten Glasdächern weite Flächen Überspannen und ein künstliches Klima schaffen. Er regte damit eine Miniaturausgabe einer Schöpfungsgeschichte an, die noch nicht ausgeträumt ist. Ob wir dann unter dem faszinierenden Nebeneinander von vegetabilen und konstruktiven Formen von Palmenhäusern oder Passagen lustwandeln oder auf Grund geistig ärmlicher Weltraumprogramme in hermetischen Seifenblasen vegetieren, sei dahingestellt. Weg von der Schwarzmalerei, Licht fällt durch die Glaswände auf das letzte Kapitel.

Auf die Palme gebracht

Seit dem 16. Jahrhundert filzten Expeditionen für die Habsburger die Botanik des Erdballs und füllten somit nach und nach den „Holländischen Garten“ bei Schönbrunn. Recht spät, um 1882, wurde dann das von Franz von Segenschmidt entworfene Palmenhaus fertiggestellt, eine schöne, mit Dampf geheizte Glas-Eisenkonstruktion, technisch weitaus dem Pflanzerhaus von Kew überlegen, von der Dimensionierung sogar das zweitgrößte Europas. Die Amerikaner, bekannt dafür, daß sie so ziemlich alles in der Weltkulturgeschichte ruinieren konnten, deckten im 2. Weltkrieg dieses Bauwerk dann auch genügend mit Bomben ein. Resultat: Rost zerfraß ab jetzt die Konstruktionen, das Glas ‚erblindete‘, bis letztlich 1976 zwecks relativ komplizierter Reparaturarbeiten das Palmenhaus geschlossen wurde. Vor der hochoffiziellen Einweihung gestattete man ganz in österreichischer Ideologie einigen Betuchten, im Palmenhaus ihre Feten abzuziehen, z.B. dem Oldtimerclub, denn was paßt heutzutage besser in einen gemeinsamen Kontext als Auto und Pflanze. (Zilk wird für seine eisern beibehaltene Freigabe der Praterallee an die motorisierten Vollkoffer bei Messen demnächst zum Ritter der Kokosnuß geschlagen.)

Nebenbei: Diese schlichten sachlichen Informationen waren gar nicht so einfach von erster Hand zu bekommen, da der diensthabende Beamte der Schloßhauptmannschaft meinen telefonischen Sendungsauftrag nicht intellegibel verdauen konnte. Völlig überfordert, die grundlegendsten Daten durchzugeben oder einen Hinweis über Informationsmaterial beizusteuern, nervte er mich mit Gebührenpflicht, da ich mich seiner beschränkten Meinung nach mit diesem Artikel bereichern würde. Endgültig auf die Palme gebracht, heißt mein neuester Wohnsitz Schönbrunn.

Das Schönbrunner Palmenhaus

Das 1882 eröffnete Palmenhaus ist das prominenteste der vier Pflanzenhäuser im Schönbrunner Schlosspark und, zusammen mit den Kew Gardens und dem Palmenhaus von Frankfurt, weltweit eines der drei größten seiner Art. Es beherbergt rund 4500 Pflanzenarten. Verwaltet wird es seit 1918 von den Bundesgärten, einer Dienststelle des jetzigen Lebensministeriums.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaiser Franz I., Gemahl und Mitregent Maria Theresias, hatte 1753 von der Gemeinde Hietzing ein Areal an der Westseite des Schlossparks gekauft, auf dem er einen Holländischen Garten anlegen ließ. Adrian van Steckhoven und sein Gehilfe Richard van der Schot errichteten dort ein großes Treibhaus im Norden und vier Glashäuser im Westen des Gebietes, das in drei Bereiche aufgeteilt war:

Der „Blumengarten“ mit exotischen Pflanzen im Norden, südlich daran anschließend der Gemüsegarten (in dem auch Spalierobst gezogen wurde), und ganz im Süden ein Obstbaumgarten.

Der Grundstock der Exotensammlung, darunter die ursprüngliche „Maria Theresien-Palme“,[1] eine Fächerpalme, wurde 1754 in Holland eingekauft. Wegen der Sammelleidenschaft der Habsburger (insbesondere die Expeditionen Jacquins nach Westindien sowie von Franz Boos und Georg Scholl zum Kap der Guten Hoffnung brachten bedeutenden Zuwachs) war bereits unter Joseph II. die Erweiterung des Treibhauses um zwei Flügel und die Errichtung dreier zusätzlicher Glashäuser erforderlich, denen später noch zwei weitere Objekte folgten. 1828 wurde in der Nähe das Alte Palmenhaus errichtet. Zwar blieben pflegerische Erfolge nicht aus, obwohl die nur ostseitige Glasfront dieses gemauerten Gebäudes der einwandfreien Kultur lichtbedürftiger Pflanzen abträglich war, doch war spätestens mit der Wiener Weltausstellung klar, dass nur eine vollverglaste Eisenkonstruktion optimale Bedingungen schaffen konnte.[2] Das abseits gelegene Alte Palmenhaus ausgenommen, wurden alle Glashäuser südwestlich des Schlosses im Zuge des Neubaus abgetragen.

Monarchie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach nur zwei Jahren Bauzeit eröffnete Kaiser Franz Joseph I. am 19. Juni 1882 das vom Hofschlosser und Eisenkonstrukteur Ignaz Gridl nach Plänen des Hofarchitekten und Brückenbauexperten Franz-Xaver von Segenschmid erbaute Palmenhaus. Für die Statik verantwortlich war Sigmund Wagner.

Seitenansicht

Das Bauwerk wurde von der Presse unterschiedlich aufgenommen. Neben überschwänglich-hymnischen Meldungen, etwa

Wie lieb ich Euch Dächer, o gläserne Hülle
ihr berget des Erdenrunds Vielfalt und Fülle…

gab es auch Kritik an dem 100.000 Gulden teuren „Glaspalast“ der Habsburger. Das Wiener Illustrierte Gartenblatt notierte:

Der ganze Bau, aus hervorragendem heimischem Eisen und Glas zusammengesetzt, scheint nur in einigen Theilen etwas zu massiv ausgefallen zu sein. Er erinnert mit seinen drei Kuppeln an eine etwas zu schön geratene Bahnhofshalle.[3]

Der k.u.k. Hofgarten-Inspektor Adolf Vetter war verantwortlich für die gärtnerische Ausgestaltung, die er im März 1883 abschloss. Das größte Problem machte die Übersiedlung der höchsten Schönbrunner Palme, einer Livistona chinensis, aus dem alten Palmenhaus ins neue. Diese später wohl aus Sentimentalität Maria-Theresien-Palme genannte[4] bildete das Zentrum des neuen Hauses, bis sie 1909 zu groß geworden war und ersetzt werden musste. Zuvor war sie einige Zeit durch Stahlseile schräg gestellt worden, um ihr eine Galgenfrist zu geben. Auch ihre drei Nachfolgerinnen wurden als Maria-Theresien-Palme bezeichnet.[5]

Während des Ersten Weltkriegs war das Palmenhaus meist geöffnet, nachdem es 1914–1915 als Glashaus für Gemüse genutzt worden war und daher nicht besichtigt werden konnte. Einnahmen wurden teilweise an den „Unterstützungsfonds für Notleidende Gärtner und deren Witwen“ abgeführt. Wegen des Mangels an männlichen Arbeitskräften wurden ab 1915 für die Gärtnerarbeit weibliche Hilfskräfte aufgenommen, und auch eine Sekretärin für den Kanzleidienst.

Erste Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Ende der Donaumonarchie wurden aus den k.u.k. Hofgärten die Bundesgärten. Während des Winters von 1923 war Schulklassen der Besuch des Palmenhauses untersagt, um „Schädigung der Pflanzen durch das Öffnen der Türen zu verhindern“, oder, anders gesagt, um Heizkosten zu sparen. Aus demselben Grund war übrigens der Eingang für das Publikum anfangs auf der Nordseite, also am Kalthaus.

1939–1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einem Bombenangriff am 21. Februar 1945 fielen mehr als 200 Bomben auf das Areal von Schloss Schönbrunn. Die Verglasung des Palmenhauses ging fast vollständig zu Bruch. Einige wenige wertvolle Pflanzen wurden gerettet, weil sie im benachbarten Sonnenuhrhaus untergebracht werden konnten, andere (einige große Palmen und Baumfarne) überlebten die Temperaturen von zeitweise bis zu −7 °C. Vieles, darunter die zentrale Palme, ging zu Grunde.

Zweite Republik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1948 begann der Wiederaufbau des Palmenhauses. Zum Einsetzen der 45.000 Doppel-Glasscheiben wurden fünf Waggonladungen (ungefähr 55 Tonnen) Fensterkitt verbraucht. Wegen der allgemein schlechten Versorgungslage konnten bereits bekannte Korrosionsschäden nicht behandelt werden.

Im Oktober 1952 wurde mit der gärtnerischen Gestaltung begonnen, die feierliche Eröffnung erfolgte am 14. Januar 1953, und zwar (zwei Tage lang) als exklusiver Ballsaal mit extra aufgebautem Tanzboden. Erst danach wurden die Erdmassen für den Großteil der Bepflanzung aufgeschüttet. Damals wurde auch die später Sisi-Palme genannte in das Zentrum des Hauses gestellt.

Nach dem Einsturz der Reichsbrücke am 1. August 1976 wurden in Wien sämtliche Brücken und Stahlkonstruktionen überprüft und unter anderem auch am Palmenhaus gravierende Mängel festgestellt. Im November dieses Jahres wurde das Bauwerk für die Öffentlichkeit geschlossen, und die Gärtner durften nur noch mit Schutzhelmen arbeiten.

Nach nahezu zehnjähriger Fach- und politischer Debatte über die optimalen Sanierungsmaßnahmen des denkmalgeschützten Bauwerkes wurden die Arbeiten am 12. Mai 1986 begonnen. Ein Grund für die umständliche Vorbereitung war, dass nur während der warmen Jahreszeit gearbeitet werden konnte, weil das Gebäude als Winterquartier für viele der Schönbrunner Pflanzen unentbehrlich war.

Die Arbeiten, an denen die auf den Statiker von 1880 zurückgehende Firma Waagner Biro federführend beteiligt war, mussten daher abschnittweise und in Etappen durchgeführt werden. Sie begannen am Nordflügel. Die Palme, die unter der nördlichen Kuppel aufgestellt war, konnte mit Unterstützung durch das Bundesheer vom Kalthaus in die zentrale Halle übersiedelt werden, wo noch größere Palmen so stark verwurzelt waren, dass sie während der gesamten Bauarbeiten vor Ort bleiben mussten. Die etwa acht Tonnen wiegende Kanaren-Dattelpalme wurde für die Zeit der Renovierungsarbeiten ins Sonnenuhrhaus übersiedelt.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das aus ungefähr 600 Tonnen Schmiedeeisen und 120 Tonnen Gusseisen erbaute Palmenhaus hat eine Länge von 111 Metern, eine Breite von 29 Metern ist 25 Meter hoch. Gedeckt ist es mit 45.000 Glasscheiben.

An den rechteckigen Zentralbau schließt im Norden und Süden je ein quadratischer Anbau an, die als „Kalthaus“ und „Tropenhaus“ geführt werden. Ursprünglich waren diese drei Abteilungen durch bewegliche Glaswände getrennt, später jedoch durch fix eingebaute.

Die geschwungene hauptsächlich außen liegende Konstruktion aus Schmiedeeisen liegt im Inneren des Baus auf gusseisernen Säulen auf.

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heizungstechnisch war das Schönbrunner Palmenhaus zunächst an die Heizung des Tiergartens Schönbrunn angeschlossen, was aber auch zu Problemen führen konnte, weil höhere Temperaturen, wie sie oft für Gehege erforderlich waren, das Palmenhaus zum Nachteil der Pflanzen überheizten. Ein eigenes Heizhaus, dessen Abgase allerdings der in Wien vorherrschende Westwind genau zum Palmenhaus trug, wurde 1904 gleichzeitig mit dem Sonnenuhrhaus errichtet. Zur Reinigung der stark verschmutzenden Glasscheiben und auch zum Schattieren (also für Arbeiten in großer Höhe) wurden Kadetten der österreichischen Kriegsmarine abkommandiert.

Im Zuge der großen Restaurierung von 1986 bis 1990 wurden Wünsche der Gärtner weitestmöglich berücksichtigt.

  • Schattiert wird jetzt auf Knopfdruck (früher von Hand durch Ausbringen von Matten).
  • Unter dem Mittelteil wurde ein Kellerbereich für die Haustechnik geschaffen, wo sich auch eine Gießwasseraufbereitungsanlage befindet. In zwei Zisternen (je 120.000 Liter) wird Regenwasser vom Glasdach gesammelt und zum Gießen verwendet. Ansonsten wird Trinkwasser verwendet.
  • Zur Steuerung der Luftfeuchtigkeit wurde eine Nebelsprühanlage errichtet.
  • Besonders empfindliche Pflanzen wie die Kokospalme erhielten eine zusätzliche Vegetationsheizung (ähnlich einer Fußbodenheizung), damit ihre frei in den Boden gepflanzten Wurzeln von winterlicher Bodenkälte verschont bleiben.

Aufsehen erregende Pflanzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das an Jahren älteste Gewächs im Haus ist ein Ölbaum mit einem geschätzten Alter von 350 Jahren, der von Spanien auf der Wiener Internationalen Gartenschau 1974 präsentiert und anschließend den Bundesgärten zum Geschenk gemacht wurde.
  • Eine Rarität, die außerhalb Australiens höchst selten kultiviert wird, ist das erst 1994 entdeckte „lebende Fossil“ Wollemia nobilis. Die österreichische Pflanze, die der Botanische Garten der Universität Wien 2004 zu seinem 250-Jahr-Jubiläums erhalten hatte, war die erste überhaupt ins Ausland abgegebene. Seit 2005 steht sie dem Palmenhaus als Dauerleihgabe zur Verfügung.
  • Weiters besitzt das Haus eine Seychellenpalme, die aus einer jener Nüsse gezogen wurde, welche die Republik der Seychellen zur Wiedereröffnung 1990 zum Geschenk machte. Die Keimung des Samens dauerte rund neun Monate, bis zur ersten Blüte der Palme ist mit 50 bis 100 Jahren zu rechnen.
  • Im August 2001 blühte im Palmenhaus erstmals nach mehr als 40 Jahren wieder eine Seerose der vom „österreichischen Humboldt“ Thaddäus Haenke entdeckten Art Victoria regia. Sie war aus Samen gezogen worden, die der Botanische Garten in München zur Verfügung gestellt hatte. Mehr als 1.600 Besucher kamen nachts, um das Öffnen der Blüte zu beobachten, das nur für zwei Nächte stattfindet. Die bekannte Verfärbung ins Purpurrote während des Verblühens (also in der zweiten Nacht) zeigte sich jedoch nicht.[6] Bisher ist es im Palmenhaus noch nie geglückt, eine an sich mehrjährige V. regia über den Winter zu bringen, da ihr Lichtbedarf nicht mit vertretbarem Aufwand gestillt werden kann. Die Art muss also alljährlich nachkultiviert werden und wird erst im Frühsommer wieder im Seerosenbecken ausgesetzt.

  • Im Zentrum des Hauses ist traditionell die größte Palme aufgestellt – oder, vorerst genauer, war meist die größte Palme aufgestellt.
    Deren Wachstum wird nämlich zum Problem, sobald sie das Glasdach zu erreichen droht. 1909 kam erstmals die „Maria-Theresien-Palme“[7] auf dieses Maß. Sie wurde noch eine Zeit lang durch Stahlseile schräg gezogen, musste aber letztlich abgeholzt werden. Überlegungen, das bereits denkmalgeschützte Bauwerk mit persönlicher Genehmigung des Kaisers aufzustocken, waren auch aus Kostengründen indiskutabel. Mit 18. Februar 2008 ist einer ihrer Nachfolgerinnen das gleiche Schicksal beschieden, nämlich der möglicherweise 170 Jahre alten Sisi-Palme.[8] Zwar war diese ursprünglich in ein Holzfass gepflanzt, doch hatte sie es durchbrochen und dann so tief in den Boden gewurzelt, dass sie bereits während der Generalsanierung nicht mehr transportiert werden konnte. 2007 erreichte ihr Wipfel die Laterne des Glashauses.[9]
    Zur Nachfolge wurde wieder eine Livistonia chinensis bestimmt. Die etwa 50-jährige Kübelpflanze aus dem Bestand der Bundesgärten wurde zu Ehren der Schwimmerin Mirna Jukić „Mirna-Palme“ getauft und am 22. April 2008 fix eingepflanzt.
  • Besonders erwähnenswert sind auch die Azaleensammlung mit etlichen mehr als hundert Jahre alten Exemplaren sowie die Sammlung von Baumfarnen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Deimel, Kurt Vogl, Ingrid Gregor: „Palast der Blüten – Das Schönbrunner Palmenhaus“, Holzhausen Verlag, Wien, 2002, ISBN 3-85493-052-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Palmenhaus (Wien-Schönbrunn) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sie stammte aus dem Besitz Wilhelms von Oranien, der sie als 30-jährige Pflanze 1684 aus Indien bezogen haben soll. 1702 erhielt sie Friedrich I. von Preußen, von dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm der Botaniker Steckhoven sie im Auftrag seines Kaisers erwarb. 1765 blühte sie in Wien und begann zu fruchten, wodurch ihr Ende besiegelt war. Lit. Deiml u. a. S. 68 und 70.
  2. Eine dort vorgestellte Stahl- und Glaskonstruktion machte dies augenscheinlich.
  3. Lit. Deimel u. a. S. 33
  4. S. oben.
  5. S.oben. Erst der letzte „Sissi“-Boom brachte eine späte Namensänderung für das 1953 ins Zentrum gestellte Exemplar (auch Lit. Deimel u. a., 2002, nennt diese Pflanze noch [unter Anführungszeichen und mit Hinweis auf das 1765 verendete Original] „Maria Theresien-Palme“, wie offenbar das Publikum dies tat (S. 53)).
  6. Lit. Deimel u. a. S. 154 ff.; als Grund für das ungewöhnliche Verhalten vermutet man Irritation der Pflanze entweder durch die ständige Zugluft, die durch den Besucheransturm verursacht wurde, oder die plötzlich durch die Scheinwerfer erhöhte Temperatur.
  7. Siehe dazu ganz oben.
  8. Mangels Jahresringen kann das Alter von Palmen, deren Entstehung nicht protokolliert ist, nur geschätzt werden. In früheren Schätzungen war sie als bis zu 30 Jahre jünger beurteilt worden.
  9. Durch Hormone weiteres Wachstum zu verringern oder die Palme, wie schon die allererste, zu schrägem Wuchs zu zwingen, hätten die letztlich unvermeidliche Lösung bloß wenig hinausgezögert.

Koordinaten: 48° 11′ 5″ N, 16° 18′ 10″ O