MOZ, Nummer 57
November
1990

Gläserne Archen

Das Wiener Palmenhaus wird ab 30. November — nach langem renovierungsabhängigem Intermezzo — der Öffentlichkeit wieder zugänglich sein. Genügend Anlaß, um beim Flanieren unter tropischem Blätterdach einen kleinen Diskurs über diese höchst artifizielle Situation von Pflanzen zu entfachen.

Nachweislich versuchte man bereits in der Antike, Pflanzen in eigens dafür geschaffenen Gebäuden unabhängig von Jahreszeiten und klimatischen Konditionen aufzuziehen bzw. zu bewahren. Erste Funde waren Überreste, Fragmente von Treibhäusern bei den Ausgrabungen von Pompeji, höchstwahrscheinlich an Stelle von Glas damals noch mit dünnen, lichtdurchlässigen Steinscheiben gedeckt, obwohl Römer seit 200 v. Chr. im Sandgußverfahren Glas mittlerer Größenordnung herstellten. Die für uns interessante Geschichte moderner Gewächshäuser resultiert aus den Entdeckungsreisen ab der Renaissance. Kolonialismus und Welthandel, im besonderen die Ausbeutung der spanisch-portugiesischen, der englischen und holländischen Kolonien überfluteten den europäischen Markt mit bis dato unbekannten Früchten, die vor allem auf den Tischen der Aristokraten und besonders wohlhabender Bürger landeten. Ein ständiger Nachschub an Pflanzen, Samen oder Blumenzwiebeln erweckte die Sehnsucht, diese Exoten auch in fremdbestimmten Zonen mit völlig unterschiedlichem Klima haltbar zu machen.

Beispiel Orange: Im 13. Jahrhundert nach Europa gebracht, im 15. Jhdt. die ersten Bäumchen gezogen, bei der italienischen Aristokratie dermaßen beliebt, daß sie (die Orange natürlich) im 16. Jhdt. nicht mehr vom Klischeebild eines europäischen Hofes wegzudenken war. Kann man heute höchstens noch Besucher aus dem Osten damit ködern, so stellten Zitrusfrüchte in der Renaissance hohen Lebensstandard und Prestige dar. Maler dokumentierten diese Tatsache eifrigst mit dem Pinsel, Hieronymus Bosch genauso wie Jan van Eyck.

Improvisierte man vorerst mit bereits vorhandenen Baulichkeiten wie Gartensälen oder Grotten, die sich in der kälteren Jahreszeit mit Holzläden schließen ließen, so entwarf man in der Folge rasch eigene Bauten für die botanischen Exoten. Fachwerkartige Gerüste wurden im Herbst über den Pflanzen errichtet, mit Brettern verkleidet und durch Läden belichtet. Nachteile der ‚abschlagbaren‘ Pomeranzen- oder Feigenhäuser ergaben sich aus der schlechten Wärmeisolierung und den kostenintensiven Auf- bzw. Abbauarbeiten. Die Idee einer dreiseitig gemauerten Grundkonstruktion entstand aus dieser Notsituation, nun brauchte lediglich die Südseite bei bevorstehender Kälte bedeckt zu werden.

Fotos: Birgit Durbahn

Aus dem Holzprovisorium entwickelte sich die Orangerie, die außerdem im passenden Repräsentationsstil in die umgebende Herrschaftsarchitektur eingegliedert wurde. Die Fürsten motivierten ihre Pflanzenkollektionen durch Dekorationssucht oder kulinarische Exzentrik, Privatleute leisteten sich den Aufbau von Exoten in botanischen Gärten im wissenschaftlichen Dienste, meist an Universitäten. Ein reger Tauschhandel entstand, die Anzahl der Veröffentlichungen nahm zu, man sprach nicht nur über reine Botanik, sondern auch über Gartenbaugestaltung, legte medizinisch wichtige Heilgärten (Horti medici) an und diskutierte die Bauweise von Orangerien und Gewächshäusern. Glas war Mangelware, die Bauten eher von bescheidener Größe.

Mit der Erfindung des Tafelglases (Platten bis zu 120 x 200cm Fläche) wuchsen die Möglichkeiten des uns als klassisch vertrauten, langgestreckten Gewächshauses mit Glasdach und transparenter Südfront. Die doppelt ausgeführte Mauerrückwand löste als Beheizungsgrundlage die transportablen Öfen oder gar offenen Feuer ab. Strohmatten oder Vorhänge regulierten die Lichtintensität beim Glasverbau.

Die Pflanzen selbst wurden nun nicht mehr direkt in den Boden gesetzt, sondern auf bewegliche Kübel umgerüstet. Myrten, Lorbeer und Granat hielten Einzug im Park, der Höhepunkt der Orangerie war Mitte des 18. Jahrhunderts erreicht.

Der Zitrus-Trend ließ merklich nach, die barocke Bauweise sinnierte über neuere, passendere Gebäudetypen, die auch im Landschaftsgarten integrierbar wären. „Funktion trifft Repräsentation“ war angesagt, Glas billiger geworden, und so hielten die Architekten den Anteil an konstruktiven Teilen so gering als möglich. Die gesteigerten klimatischen Bedingungen brachten z.B. die Ananas nach Deutschland.

Boom des 19. Jahrhunderts oder Flucht in die Exotik

Die wichtigste Voraussetzung zur Perfektionierung der Glashäuser lag im industriellen Vorsprung Englands gegenüber anderen Ländern. Weiters gingen die Gartenarchitekten vom geometrischen französischen Vorbild zum typisch britischen Landschaftsgarten über. Landflucht, überquellende Städte, ausbaunotwendige Verkehrs- und Kommunikationswege verlangten förmlich den Einsatz neuester Materialien, im speziellen die Verwendung von Eisenkonstruktionen. Nicht nur die Botanik profitierte davon, sondern gerade an Brücken- bzw. Bahnhofsbauten des 19. Jahrhunderts lassen sich diese enormen technischen Entwicklungen ablesen. Optisch war nun eine größere Vielfalt an funktional besseren Formen umsetzbar. Kuppeln und Halbkuppeln, an denen das Wasser problemlos ablaufen konnte, polygonale Muster vom Grundriß weg bis hin zu Spezialbauten mit niedrigem Glasdach bei Wasserpflanzenhäusern, in denen Pflanzen auf Drehtellern in Kreisbewegung versetzt wurden. Legendär aus dieser Zeit blieb das erstmalige Blühen einer Victoria Regia in Kew. Der Architekt John Paxton, dessen Prinzip es war, aus wenigen vorgefertigten Teilen einen Bau herzustellen, zeichnete denn auch für die wohl berühmteste Ikone des industriellen Zeitalters verantwortlich, den Kristallpalast von London 1851, der einen wahren Reigen von Weltaustellungen eröffnete. Symbolisch signalisierte dieses Event den Aufbruch zu noch größeren Dimensionen, von den ‚künstlichen Paradiesen‘ des Baudelaire bis zu den Wolkenkratzern des 20. Jahrhunderts.

Im Monument des „Palastes aus Kristall“, einst einer romantischen Idee entsprungen, manifestierte sich der Sieg modernster Technik mittels präfabrizierter Fertigteile in der Architektur, die Einbeziehung der Natur in hermetische Innenräume. Doch nicht nur Montage und Modulsysteme triumphierten, die Ausstellung selbst setzte Menschen und Erzeugnisse gleich, ganze Volksstämme wurden zu Schauobjekten, Angebot und Nachfrage pervertierten ab nun jegliche Existenzgrundlage.

Das Zeitalter des Menschen war vorbei, Maschinen arbeiteten wie verrückt innerhalb des lichtdurchfluteten Baukörpers, der als moderner Mythenträger bis in unsere Gegenwart hineinwirkt. „In gewisser Weise gehts dem Menschen wie der Ware“, gut beobachtet, Herr Marx.

Man mußte auch kein Krösus vom wahnwitzigen Formate eines Ludwig von Bayern sein, um sich seine private Ausgabe eines kleinen Kristallpalastes leisten zu können. Neben der Zunahme an öffentlichen Wintergärten mit kompletten Salons, eingerichtet für Billardspieler, Tabakraucher oder Schokoladetrinker, verzeichnete der bürgerliche Glas(an)bau enormen Anstieg. Die Beliebtheit dieser Gewächshäuser (conservatory) zeigt u.a. der Beginn von „The big sleep“ mit Bogart in der Hauptrolle.

Zurück zur Wirklichkeitsflucht der Bourgeoisie: Immer ‚malerischere‘ Auswüchse leisteten sich die Bauherren, zumal in Deutschland nach wie vor eher Stein und Holz mangels Eisenindustrie als Grundmaterialien Verwendung fanden. Dem „inszenierten Dschungel“ wurde dadurch Vorschub geleistet, die Palme im besonderen gipfelte als höchstes Symbol und zugleich Klischee bezüglich exotischer Sehnsucht. Bei Zola spielt in „Die Beute“ das Schlüsselereignis in den Gewächshäusern der Villa eines reichen Bauspekulanten. Das ungezügelte, berauschende Düfte verströmende Wachstum fremder Pflanzen enthemmt die Sexualität der Beteiligten, das moralische Korsett wird in den künstlichen Paradieskulissen gesprengt.

Das Glashaus als Mythenträger und Ort für Billardspieler, Tabakraucher und Schokoladetrinker

Paradise lost

Die Schaffung künstlicher Paradiese wurde bei der „Dokumenta 5“ von der Gruppe Haus-Rucker-Co. gewieft bestätigt. Ein durchsichtiger Plastikballon ragte seifenblasenartig aus einem Fenster der Ausstellungshalle, in deren Innerem am Ende einer auf Grund der üblichen behördlichen Schikanen unbegehbaren Treppe kleine Palmen standen. Das Objekt „Oase Nr. 7“ zeigte 1972 unfreiwillig auf, wie es nun um Paradiese bestellt ist: Nach wenigen Wochen war die Plastikhülle von Abgasen und Industrieemissionen beinah bis zur Uneinsichtigkeit verdreckt.

Die Postmoderne werkelte schließlich mit künstlichen Biotopen innerhalb der verglasten oder verspiegelten Baukörper, Hollein zitierte die Palmen aus dem Seebad von Brighton recht plump und unverfroren nicht nur im Verkehrsbüro, sondern auch im einmaligen Bühnenbilddebakel zu Schnitzlers „Komödie der Verführung“ an der Burg.

Auch ein anderer Glasbautyp des 19. Jahrhunderts stand in den 60ern Pate zu innovativen Bauvorhaben: die Passage, Trauminsel aller Flaneure. Zunehmend finden Landschaftsteile, überglast und als künstlicher ‚Außenraum‘ erst über die eigentliche Architektur gestülpt, Einsatz bei Architekturprojekten.

Wollte doch schon 1822 der Schotte John Claudius Loudon, gar nicht geizig, mit im Zickzack gefalteten Glasdächern weite Flächen Überspannen und ein künstliches Klima schaffen. Er regte damit eine Miniaturausgabe einer Schöpfungsgeschichte an, die noch nicht ausgeträumt ist. Ob wir dann unter dem faszinierenden Nebeneinander von vegetabilen und konstruktiven Formen von Palmenhäusern oder Passagen lustwandeln oder auf Grund geistig ärmlicher Weltraumprogramme in hermetischen Seifenblasen vegetieren, sei dahingestellt. Weg von der Schwarzmalerei, Licht fällt durch die Glaswände auf das letzte Kapitel.

Auf die Palme gebracht

Seit dem 16. Jahrhundert filzten Expeditionen für die Habsburger die Botanik des Erdballs und füllten somit nach und nach den „Holländischen Garten“ bei Schönbrunn. Recht spät, um 1882, wurde dann das von Franz von Segenschmidt entworfene Palmenhaus fertiggestellt, eine schöne, mit Dampf geheizte Glas-Eisenkonstruktion, technisch weitaus dem Pflanzerhaus von Kew überlegen, von der Dimensionierung sogar das zweitgrößte Europas. Die Amerikaner, bekannt dafür, daß sie so ziemlich alles in der Weltkulturgeschichte ruinieren konnten, deckten im 2. Weltkrieg dieses Bauwerk dann auch genügend mit Bomben ein. Resultat: Rost zerfraß ab jetzt die Konstruktionen, das Glas ‚erblindete‘, bis letztlich 1976 zwecks relativ komplizierter Reparaturarbeiten das Palmenhaus geschlossen wurde. Vor der hochoffiziellen Einweihung gestattete man ganz in österreichischer Ideologie einigen Betuchten, im Palmenhaus ihre Feten abzuziehen, z.B. dem Oldtimerclub, denn was paßt heutzutage besser in einen gemeinsamen Kontext als Auto und Pflanze. (Zilk wird für seine eisern beibehaltene Freigabe der Praterallee an die motorisierten Vollkoffer bei Messen demnächst zum Ritter der Kokosnuß geschlagen.)

Nebenbei: Diese schlichten sachlichen Informationen waren gar nicht so einfach von erster Hand zu bekommen, da der diensthabende Beamte der Schloßhauptmannschaft meinen telefonischen Sendungsauftrag nicht intellegibel verdauen konnte. Völlig überfordert, die grundlegendsten Daten durchzugeben oder einen Hinweis über Informationsmaterial beizusteuern, nervte er mich mit Gebührenpflicht, da ich mich seiner beschränkten Meinung nach mit diesem Artikel bereichern würde. Endgültig auf die Palme gebracht, heißt mein neuester Wohnsitz Schönbrunn.