FORVM, Sonne Nr. 6
Mai
1982

Glücklich, dass es eine Schande ist

Falsche Bescheidenheit

Den Weg vom Teppichwunderland ins Kinderparadies der Großkaufhäuser muß man zu Fuß zurücklegen; kein fliegender Teppich, keine umgeschnallten kleinen Flügel tragen einen dorthin. Im Kinderparadies zeigt sich, daß man nicht der einzige schäbige und unwürdige Erwachsene ist, der da eingegangen ist. An solchen Zumutungen ist abzulesen, wie es um die Glücksverheißungen der Kaufhäuser bestellt ist.

Ohne rechten Glauben, leichtfertig inflationär gebrauchen Werbeleute Märchen- und Glücksbegriffe. Der Konsument ignoriert sie als Bestandteil der allgemeinen Verlogenheit. Bei manchen Tageszeitungen stimmt ja nicht einmal das Datum! Der Konsument weiß längst, was Philosophen, Umweltschützer und Bedürfnisforscher ihm händeringend beizubringen suchen: Daß Konsumieren nicht glücklich macht. Umso mehr irritiert es einen, daß von dem, was bereits so wenig befriedigt, noch weggenommen werden soll.

Die politische Werbung arbeitet nicht mehr mit Glücksversprechen wie früher, als sich diese meist in Abbildungen von harmonischem Familienleben niederschlugen. Sie unterstreicht jetzt unsere Ängste rot. Es geht den Parteien ähnlich wie den Philosophen des deutschen Idealismus. Nicht mehr das Glück interessiert sie, sondern der Weltgeist und die Pflicht; er heißt Wirtschaftswachstum um jeden Preis, sie heißt Erhaltung der Arbeitsplätze durch öffentlichen oder privaten Konsum, wie sinnlos er auch sei.

In den Schwanengesang fallen auch die Umweltschützer ein, mit umgekehrten Vorzeichen. Noch beunruhigender als das tatsächliche Konsumverhalten der Menschen sind ihre unerfüllten Konsumwünsche. Wenn man der Empirie Glauben schenkt, so stellt sich heraus, daß nicht einmal der gehobene Lebensstandard die Menschen befriedigt. Erstrebt wird vielmehr eine relative Verbesserung gegenüber der nächsthöheren Einkommensklasse. [1] Wenn einer sich sein Bedürfnis befriedigt, desto mehr muß der andere. Ist diese Beobachtung richtig und nicht bloß die Antwort, die sich der fragestellende Empiriker ohnehin erwartet hat, so ist keine Sättigung der Konsumgelüste abzusehen, kein Ende und gerade drum ein Ende. Das globale Aufholen führt zur ökologischen Katastrophe.

Wir wollen aber nicht allzuviel, sondern allzuwenig. Wir sind zu bescheiden. Wir haben aus den Augen verloren, wie ein tatsächlich luxuriöses Leben aussehen könnte. Die vergeblichen Versuche kleiner privater Prachtentfaltung — my home is my castle — sind schlicht ekelhaft. Der Geschmack ist auf das zweifelhafte Niveau der meisten industriell gefertigten Güter herabgekommen. Die Einbaulebensläufe auch. Wir umgeben uns mit Plunder und arbeiten noch dafür.

Der Wohnkomfort in der Stadtrandsiedlung oder im Einfamilienhäuschen ist lächerlich und gar kein Trost für das unterbliebene geglückte Zusammenleben mit Familie, Freunden und Nachbarn. Die vielen Kleidungsstücke im Kasten sind je dezenter, desto bewegungs- und lustfeindlicher, und Dezenz ist nach wie vor Kernstück des allgegenwärtigen Kleinbürgergeschmacks. Die Theater und sonstigen Spektakel sind auf Fernsehschirmgröße geschrumpft. Die Liebe ist zur Partnerschaft verkümmert, üppige Gefühle, Leidenschaften, Würde und Pathos sind ins Museum verbannt; Spiel, Tanz und Sexualität zu Sport abgesunken.

Unser bevorzugtes Transportmittel ist nicht nur unökonomisch, sondern unbequem. In geeigneten öffentlichen Verkehrsmittel könnten wir, statt selber zu fahren, uns kutschieren lassen, wenn schon nicht Zeit ist, uns zu Fuß wohinzuverfügen. Die Autolawine verschüttet das Gefälle zwischen unserem möglichem Glück und unseren bescheidenen Ansprüchen, zwischen wahrem und »faschistischem« Hedonismus, wie Pasolini den Konsumismus nennt. [2] Im falschen Glück tun manche, was ihnen beliebt. Im wahren tun alle, was sie wirklich wollen.

Der bescheidene Autor eines 367seitigen Werkes über das Glück, Wolf Schneider, läßt seine Betrachtungen in einer Gegenüberstellung himmlischer und irdischer Freuden gipfeln. Das irdische Glück faßt er in Form eines Schiurlaubes: »Schnee, Sonne, Geschwindigkeit — heiße Dusche — Völlerei, Tanz, Liebe« [3] Unter Paradiesesfreuden kann er sich wenig vorstellen: »Der Araber träumt von plätschernden Quellen, der Hungernde von gebratenen Tauben, der Geplagte von einem Leben ohne Schweiß und Not ... Daß die plätschernde Quellen dann ihrerseits des Kontrasts bedürften, um als Genuß empfunden zu werden zu dieser bescheidenen Einsicht reicht die Phantasie nicht hin.« [4]

Mein Vorschlag, wie Wolf Schneider sein außerirdisches Jahr gewinnbringend verbringen könnte: 3 Wochen Himmel, 11 Monate Hölle und 1 Woche Anstellen zum Lift nach oben. In schweren Schischuhen. Wiederholtes Brausen im Paradies. — Wessen Phantasie zum ordentlichen Wünschen nicht hinreicht, verdient nichts Besseres.

Das Glück in schlechter Gesellschaft

»Gott behüt uns vor allem, was noch a Glück ist«, läßt Friedrich Torberg seine Tante Jolesch sagen. »Noch a Glück« ist nicht der allerschlimmste, aber ein schlimmer Zufall, böses Glück, eine Wortverbindung, die dem Mittelalter geläufig war.

Die Zufallskomponente des Glücks wird im Deutschen nicht von seiner Machbarkeit geschieden, wie etwa im Englischen, wo »luck« als unbeeinflußbares Ereignis von »happiness« als Seelentüchtigkeit säuberlich getrennt ist. Daß also »noch a Glück« und »Glückseligkeit« dasselbe ist, verweist darauf, daß die Deutschen das schiere Davonkommen bereits mit Zufriedenheit erfüllte. Abzulesen ist dies am Märchen »Der Wolf und die sieben Geißlein«, das Oskar Negt und Alexander Kluge für typisch deutsch halten. Glück ist Hauptthema der Märchen, hier besteht es in der überstandenen Gefahr. Angst und Schrecken autoritärer Regime haben zu dieser Entwicklung mit beigetragen.

Die Trennung von »luck« und »happiness« beruht auf der Vorstellung, Schicksal sei machbar; das ist als ein Stück gelungener bürgerlicher Revolution anzusehen. Ursprünglich fallen alle Glücksbegriffe der indogermanischen Sprachen mit dem Zufall in eins. »Gelücke«, auch »luck«, nehmen Walde/Pokorny an, gehörten zur gleichen Wortfamilie wie »lügen, leugnen, locken«; auch gotisch »liuga« (sprich lüga) = »Ehe, Versprechen« gehört phonetisch pikant mit dazu. [5] Das französische »chance« kommt von lateinisch »cadere«, »fallen«, ist also Glück als Zufall. »Fortuna« gehört zu »ferre« = »tragen, bringen« und ist verwandt mit mancherlei Zwielichtigem, etwa »fur«, der Dieb. [6] Auch »happiness« hieß ursprünglich wohl Zufall, wie am Wort »to happen« zu sehen ist; diese Bedeutung hat es aber durch die Gegenüberstellung mit »luck«, als Zufall, im Neuenglischen verloren.

»Der Mensch strebt nicht nach Glück, nur der Engländer tut das«, bemerkte Friedrich Nietzsche. Die Statistiken und Bertrand Russells Glücksphilosophie rechtfertigen diesen Spruch noch heute. In Russells »Die Eroberung des Glücks« ist nachzulesen, Glück sei eine Frage individueller Willensanstrengung im vorhandenen Gesellschaftszustand. Statistiken zeigen, daß etwa 40% Amerikaner sich für »sehr glücklich« halten, aber nur 20% Westeuropäer. Engländer sind zufriedener als Deutsche und Italiener. [7] Diese Zahlen sagen weniger über die Befragten aus als über die Befrager und ihre schiefe Terminologie. »To be happy« ist weniger als »glücklich sein«. »Happiness« ist Glück, erleichtert um die Last des Zufalls, die seit je schwer auf die Tüchtigen und Gerechten fällt.

Der Zufall erinnerte alle Aufklärer an zweierlei: an feudale Willkür, weil die zufällige Geburt den Bürger in unüberwindbaren Standesschranken gefangen hielt; und an das ungebildete Volk, das immer auf eine günstige Wende in seinem Schicksal hoffte. Das Glück der tugendhaften Aufklärer ist eines, das den eigenen Hang zur Ausschweifung besiegt hat, also etwas Erworbenes, Erarbeitetes, entgegengesetzt dem »Scheinglück der vom Zufall Begünstigten«. So drückte sich Friedrich von Hagedorn aus, ein tugendhafter deutscher Anakreontiker, der von ein »bißchen Wein, ein bißchen Weib« schwärmte, das der Zufall einem vergönnte — gerade nur zur Unterstützung im Kampf um die Mäßigung der Gelüste.

»Alle gebildeten Menschen hassen den Zufall«, sprach Friedrich Schlegel Goethens ureigene Anschauungen nach: »Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide, und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden ... Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe Materie«. [8] So der Chefideologe in »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, Vorsitzender einer Geheimgesellschaft zur Beseitigung des Zufalls.

Die Mehrung des Zufalls, wie sie beim Glücksspiel anzutreffen ist, wird konsequent ins Außerbürgerliche abgeschoben, entweder in den feudalen Bereich (der roulettespielende russische Großfürst) oder in den kriminellen (der stoßspielende Zuhälter) oder in den proletarischen (Lotto und Toto zwecks Bau eines Eigenheims). Und wie im Glückspiel wird auch im Autoverkehr der Unfall als Zufall gewertet.

Dem Zufall ins Auge zu blicken, ist schrecklich. Kein Gott, keine Weltgeschichte, auch nicht der Ziegel, der vom Dach fällt, interessiert sich für einen, und er erschlägt einen doch. Sonne, Mond und Sterne stehen nicht still über dem großartigen Ereignis der eigenen Geburt. Dieses Leiden lindert die Astrologie. Die Unerbittlichkeit der Wahrscheinlichkeitsrechnung empört manche so, daß sie Bücher damit füllen, daß es kein Zufall sei, sondern außersinnliche Wahrnehmung und sonstiges parapsychologisches Vermögen greife steuernd ins scheinbar Ungeordnete. [9]

Als ich an den Folgen eines Zufalls leidend und über seinen Zusammenhang mit meinem Leben grübelnd darniederlag, trat der hiesige Verlagsleiter an mein Krankenbett und versicherte mir dunkelgewandig, mild und ernst, daß Zufall und Notwendigkeit in der göttlichen Vorsehung in eins falle: convertuntur, etenim ens et unum et bonum et verum et pulchrum.« Schon der lateinische Klang führte zur augenblicklichen Erleichterung, als wäre mir die Sünde des Überfahrenwerdens vergeben worden.

Das Schlimme am Zufall ist das Ausgeliefertsein. Er kann sich ja auch durchaus positiv auswirken. Wie im Schüleraufsatz, wo unter dem Titel »Mein schönstes Erlebnis« erzählt wird, daß eine Lehrerin, bei der eine Prüfung abzulegen war, plötzlich erkrankte. Ein solcher Schüler ist leicht als untüchtig zu erkennen.

Glück, sagt Herbert Marcuse, ist im jetzigen Zustand der Gesellschaft nicht über den Gebrauch der Vernunft, sondern nur über Hingabe zu erringen. »Eben kraft dieser Rezeptivität, dieser offenen Hingabe der Sinnlichkeit an die Objekte (Menschen und Dinge) kann die Sinnlichkeit Quelle des Glücks werden, weil in ihr ganz unmittelbar die Isolierung des Individuums aufgehoben ist und die Objekte ihm hier zufallen können, ohne daß ihre wesentliche Vermittlung durch den gesellschaftlichen Lebensprozeß und damit ihre unglückliche Seite für den Genuß konstitutiv wird.« [10]

Den Armen des Mittelalters war klar, daß keine noch so große Tüchtigkeit zum Aufstieg führen konnte, sondern nur der Zufall. Heine erzählt das Märchen eines Mädchens, das nicht spinnen konnte und wollte und gerade deswegen, mit Hilfe dreier Feen, zu einem Königsprinzen kam: »In jedem Fall könnt ihr aus der Geschichte lernen, daß man seinen Hanf von anderen spinnen lassen und doch Prinzessin werden kann. Es ist großzügig von der Amme, den Kindern rechtzeitig zu versichern, daß es etwas Wirkungsvolleres als die Arbeit gibt, nämlich das Glück. Man verbreitet bei uns die Sage von den Kindern, die in einer Glückshaut geboren werden und denen später alles in der Welt gelingt. Der Glaube an das Glück als an etwas Angeborenes oder auf unvorhergesehene Weise Eintreffendes ist heidnischen Ursprungs und kontrastiert auf reizende Art mit den christlichen Vorstellungen, in denen die Leiden und Entbehrungen als höchste Gunst des Himmels betrachtet werden.« [11]

Der feudale Ballast im deutschen Glücksbegriff, die schlechte Gesellschaft launischer Feen und Hexen, die über das Glück der einzelnen mitbestimmen, wird zur progressiven Kritik gegenüber dem Machbarkeitswahn und dem Ordnungsrausch der Technokraten, Wissenschafter und Politiker.

Industrie und Glück

Keiner spricht mehr davon, daß das Paradies auf Erden kommt, wenn die zur Aufrechterhaltung des Lebens notwendige Arbeitszeit abnimmt. Warum eigentlich nicht? Statt von Glück ist die Rede von der düsteren »Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist«. [12] Die Arbeiterparteien rund um die Welt haben sich in Arbeitsparteien verwandelt.

»Was wir eigentlich tun, wenn wir tätig sind«, [13] läßt sich so rasch nicht beantworten. Der Versuch eines Überblicks über das historisch gewachsene bzw. veränderte Arbeitsvermögen führt zu einem 1300seitigen Werk. [14] Die Tatsache, daß »der Mensch bei einfachsten Vorgängen wie Gehen und Stehen dem Hinfallen entgegenarbeitet«, [15] läßt erahnen, aus welch komplexen Arbeitsmomenten ein ganz gewöhnlicher Tag eines ganz gewöhnlichen Menschen zusammengesetzt ist. Wer das Kapitel über »Beziehungsarbeit« ernst nimmt, gerät in Versuchung, seinen letzten restlichen Freunden und Bekannten wegen Überarbeitung den Abschied zu geben.

Den vorkapitalistischen Glücksvorstellungen kam Arbeit nicht als möglicher Freudenquell in Betracht. Die Kontemplation, das Erschauen des Göttlichen war allein seligmachend, das äußerste Entzücken hieß »Sich-nicht-satt-sehen-können«. [16] Das desinteressierte Anschauen, die »Theoria«, war bei den Griechen Privileg der Götter, menschliche Theorie konnte sich an solche göttliche nur annähern. Vermutlich schon deshalb, »weil menschliches Glück nur möglich ist auf dem Grund der Zustimmung zur Welt im ganzen, und wahrscheinlich ist ohne diese Voraussetzung auch das Sehen, die Kontemplation, auch die ‚irdische‘, das einfache schweigende Vernehmen dessen, was ist, nicht erwartbar.« [17]

Je größer die Kluft zwischen unseren technologischen Möglichkeiten (zum Beispiel könnten wir spielend die ganze Menschheit ernähren) und ihrer ausgebliebenen Verwirklichung ist (zum Beispiel tun wir es nicht) — desto schwerer fällt die Zustimmung zum Ganzen, desto unmöglicher wird »Glück durch Schauen«.

Unglück ist daran zu erkennen, daß gerade diese Fähigkeit interesseloser oder interessierter Betrachtung fehlt. Schmerz ist nach Marx »Selbstgenuß«, ist »der einzige Zustand, in dem man nichts fühlt als sich selbst; die Lust dagegen genießt nicht sich selbst, sondern ihren Gegenstand«. [18]

Kontemplation, die viel Muße zur Voraussetzung hat, war nicht Privileg der Oberklassen. Ganze Scharen von Frommen und Sündern zogen im Mittelalter über das Land und ließen sich in keinen Arbeitsprozeß einspannen. Sie erhielten dabei die ideologische Unterstützung der katholischen Kirche. »So ist bis zum Beginn der Neuzeit die Vorstellung der Vita activa immer an ein Negativum gebunden; sie stand unter dem Zeichen der Unruhe, sie war nec-otium ... Das absolute Primat der Kontemplation vor jeglicher Tätigkeit ruht letztlich auf der Überzeugung, daß kein Gebilde von Menschenhand es je an Schönheit und Wahrheit mit dem Natürlichen und Kosmischen aufnehmen könne, das, ohne der Einmischung oder der Hilfe der Menschen zu bedürfen, unvergänglich und unveränderlich in sich selbst schwingt, von Ewigkeit zu Ewigkeit.« [19]

Die der Vita contemplativa entgegengesetzte Vita activa ist nicht notwendig durch das Fehlen von Kontemplation gekennzeichnet; das Handeln als politische Tätigkeit im klassischen Sinn wie auch Arbeit zur Erhaltung des gewöhnlichens Lebens enthalten kontemplative Aspekte; einzig die »produktive Arbeit« im Kapitalismus, wie sie Marx beschreibt, erfordert Blindheit gegenüber der eigenen Tätigkeit. Da solche Arbeitsweise vorherrschend geworden ist, kam es zu jenem enormen Erfahrungsschwund, der mit dem Verlust der Kontemplation einhergeht:

Keine der Tätigkeiten der Vita activa war so unmittelbar von dem Verlust der Anschauung und der Kontemplation als eines sinngebenden, menschlichen Vermögens betroffen wie gerade das Herstellen. Denn im Unterschied zum Handeln, das wesentlich darin besteht, Prozesse zu veranlassen, und im Unterschied zur Arbeit, die an den Stoffwechselprozeß des Organismus gebunden bleibt, betrachtet das Herstellen die Prozesse, mit denen es zu tun hat, als etwas Sekundäres, als bloße Mittel für seine Ziele und objektive Zwecke. [20]

Kann Industriearbeit glücklich machen? Die sie erfunden und ihren Nutzen daraus gezogen haben, wollen zumindest privat nicht an sie erinnert werden. Literarisch läßt sich der Bürger nicht als Kapitalherr, sondern im feudalen Gewand präsentieren. Seinen Liebesleidenschaften, durch und durch außerindustrielle Gefühlswallungen, frönt er im antiken, im ritterlichen oder Schäferkostüm. Wird ein alter Mythos remodernisiert, wie Tristan und Isolde in der Westside Story, so wird dies an die Peripherie der kapitalistischen Gesellschaft verlegt, ins italienische Milieu New Yorks mit noch halbagrarischen Traditionen.

Industrie und Literatur begegnen einander mit Scheu: das beweisen die vielen Arbeitskreise zum Thema Literatur und Arbeitswelt. Brecht ließ seine Proletarier gerne in China oder in fernen Jahrhunderten auftreten; wo das nicht der Fall ist, wird gerade gestreikt. In der Literatur gilt insgesamt, was Keller über Shakespeare sagt, daß alle Figuren das Metier ihres Charakters betreiben.

»Laßt uns arbeiten, ohne zu räsonnieren. Das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen«, sagt Martin in Voltaires »Candide«. Er ist, wie sein Autor, Höhepunkt und Endprodukt hundertjähriger Aufklärungsarbeit. Er meint damit nicht Fabriksarbeit, sondern die »Gartenarbeit« eines Gutsherrn. Voltaires Alterswerk bestand darin, in seinem Dorf am Genfersee Straßen, Schulen und eine Seifenfabrik bauen zu lassen, Sümpfe trocken legen zu lassen (ein verbreiteter Dichtertraum), die Justiz zu reformieren und gegen die Leibeigenschaft der Bauern anzukämpfen. Sonst schrieb er Briefe, Pamphlete, Romane. Wer würde schon freiwillig auf solche Arbeit verzichten?

Kann also Industrie glücklich machen, selbst unter geänderten Voraussetzungen? Es wird nicht immer Sinnvolles produziert und immer unter unsinnigen Produktionsverhältnissen. Werden diese beiden Posten vom Unglück der Industriearbeit abgezogen — also angenommen, eine gesellschaftlich vernünftige Produktion sowie Selbstverwaltung wären installiert — würde sich unter dem Strich das Glück der Industrie zeigen? Käme es dann zum »bis heute seltenen Fall der Selbstregulierung, der es fertig bringt, die Fülle primärer, dem menschlichen Willen an sich entzogener und ihm fremder Regulationen ohne Ausschluß in den Zusammenhang der lebendigen Arbeit einzugemeinden«? »Glückt das in reichlichem Maße, so entsteht daraus ein eigentätiges Kraftfeld, das weder in der Natur, noch in der Geschichte als andauernder Zustand natürlich vorkommt: Das bedeutet Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen.« [21]

Aber vielleicht ist Glück ein außerindustrieller Zustand.

Auch entfremdete Arbeit bereitet Lust: die perfekte Abschrift der Sekretärin, den gutsitzenden Anzug des Schneiders, den perfekten Haarschnitt des Friseurs und das erfüllte Soll des Arbeiters erwähnt Herbert Marcuse als mögliche Lustquellen; auffällig in dieser Aufzählung ist das Überwiegen von Dienstleistungen. »Entweder liegt die Lust außerhalb (in der Erwartung des Lohnes, z.B.) oder sie ist die Befriedigung darüber (selbst ein Kennzeichen der Unterdrückung), gut beschäftigt zu sein, am richtigen Platz zu stehen, seinen Beitrag zum Funktionieren des Apparates zu liefern. In jedem Fall hat diese Lust nichts mit einer primären Triebbefriedigung zu tun.« [22]

Die Freude an entfremdeter Arbeit hat einen historisch gewachsenen pathologischen Zug an sich. Oder sie ist ein Ausdruck davon, daß die Freizeit noch viel schlimmer ist.

Beschränktes Paradies

Wenn einer sich aus der »Enge der Geschichte« in die Weite der bäuerlichen Welt [23] zurückzieht, geht er — was wunder — der Wissenschaft verloren. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist halbwegs dokumentiert, ausständig ist eine Geschichte der Glücksuche in entgegengesetzter Richtung, nämlich des Rückzugs auf das Land.

Der Rückzug auf das Land ist so alt wie die Stadt. Naturbegeisterung war keine romantische Domäne. Grotten, Ruinen und Einsiedeleien sind schon eine Erfindung des Manierismus. Sie gelangten im 17. und 18. Jahrhundert in England zu ihrer Blüte.

Im klassischen England wurde der Rückzug aufs Land zum Synonym für Glück. [24] Unter dem ersten Eindruck einer bürgerlichen Herrschaft, Cromwells »Commonweal«, zogen sich die Royalisten zurück auf ihre Güter, nicht verdrossen, sondern mit einer dem Horaz entlehnten »beatus-ille« Philosophie. Der glückliche Gutsbesitzer verfügte über stoische Ruhe, viel-Zeit für Freunde, Muße und Natur. Er unterschied sich von seinem Vorgänger, dem barocken »Schäfer«: er betrachtete die ihn umgebende Natur nicht als Kulisse für Spiel, sondern als an sich schon interessant. Vom Eremiten trennten den Gutsherrn die weltlichen Freuden.

London war zu diesem Zeitpunkt eine Großstadt. Die Luft war verseucht; Philosophen und Dichter beklagten sich häufig darüber. Der Dichter Abraham Cowley hing bereits einer »Small is Beautiful«-Theorie an: »I confess, I love Littleness almost in all things. A little convenient Estate, a little chearful House, a little Company, and a very little Feast.« [25]

Kontemplation wurde der bürgerlichen Betriebsamkeit bewußt entgegengesetzt. Auch die Vorstellung vom weltlichen Glück widersprach puritanischem Glaubenseifer, der sich zu beweisen hatte in unausgesetztem Ringen mit dem Satan, einschließlich Satan Natur. Die Puritaner interessierte nicht das Glück, sondern die Macht im Staat.

Der glücksuchende Stoiker im England des 17. Jahrhunderts »hielt die Mitte zwischen Untätigkeit und allzu großer Geschäftigkeit. Er kultiviert seinen Geist eher wie einen Garten als wie ein Feld, vergnügt, nicht mühselig; durch das Studieren macht er ihn fröhlich und unbeschwert, nicht melancholisch und traurig.« [26]

Je länger diese Rückzugsbewegung andauerte, umso stärker betonte man die kontemplative Seite des Landlebens. Der »glückliche Landwirt« wurde zum »fröhlichen Betrachter« oder gar zum ekstatischen »Gartenheiligen« (hortulan saint), alles Bezeichnungen, die sich die Schriftsteller der Zeit selbst gaben. Der Gartenheilige entzifferte die Natur als göttliche Hieroglyphe und entnahm ihren Formen hebräische, griechische, lateinische Buchstaben. Das ist bei genügend langer Betrachtung der Natur noch nachvollziehbar. Auch die Kreuzesform schien dem Gartenheiligen allgegenwärtig: Mystiker sind ungenierte Eklektiker.

Parallel dazu trieb puritanische Moral die seltensten Blüten auf dem Land. Bei der Dichterin Aphra Behn schlug die Dialektik des Fortschritts einen speziellen Purzelbaum: als Konservative, als Tory gab sie dem Landleben deshalb den Vorzug, weil ihr dort die freie Liebe, ohne jegliche Eifersucht, eher möglich schien als in der Stadt.

Landluft macht frei.

Eingeübt wurden, obwohl der Rückzug aufs Land als Gegenbewegung zur offiziellen puritanischen Haltung begann, dann auch bürgerliche Tugenden: die Vernunft und — zumindest theoretisch — auch die Mäßigung.

Als im 18. Jahrhundert die Bürger das Land für sich entdeckten, Kaffeehausmoralisten wie Steele und Addison etwa, war es gerade der mäßigende Einfluß der Natur, den sie gerne hervorhoben. An ihrem Zugang zum Landleben lassen sich die wesentlichen Unterschiede zu ihren adeligen Vorgängern ablesen. Rasch wurde auf die mystische Naturschau verzichtet zugunsten der Naturwissenschaften. Die Bürger überzogen die Natur mit ihrer schleimigen Moral und betrachteten sie fortan als noch tugendhafter, als sie selbst schon waren. Der Tugend folgte die Tüchtigkeit auf den Fuß. Die ursprünglichen Motive der Rückzugsbewegung wurden schließlich in ihr Gegenteil verkehrt: der Rückzug wurde zur Erholung von kaufmännischer Tüchtigkeit.

Traurige Gärten

Nichts ist bedeutsamer für das Glück als die Umgebung, aus der es wachsen soll. Für das literarische Genre Idylle gilt als einzig verbindliches Kriterium der »locus amoenus«. Schäfereyen im Wiener Burggarten wurden kürzlich zu Recht mit harten Polizeiknüppeln geahndet: der liebliche Ort verführte Weidende wie Passanten zum begeisterten Nichtstun; sie fallen vorübergehend aus ihrer Rolle als Produzenten und Konsumenten.

Der Garten ist der rechte Ort für das stille wie für das ewige Glück; darin decken sich Paradiesvorstellungen vieler seßhafter Kulturen. Wie es um unser stilles Glück bestellt ist, ist am Wiener »Kurpark Oberlaa« abzulesen: breitgewalzte Asphaltdecken mäandern durch künstlich angelegte Erdhaufen. Auf diesen lassen sich unglückliches Gras und einsame Bäume widerwillig ziehen. Der geistige Vater dieser Stätte, ehemaliger Geschäftsführer der zuständigen Gartenbaugesellschaft, ist inzwischen zu einem führenden Grünen Österreichs avançiert. Dies besagt wenig zum Thema Glück, mehr über den Zustand der hiesigen Grünen.

Gartengeschichte ist die Geschichte des menschlichen Verhältnisses zur Natur; damit auch zu sich selbst. Bei den heutigen »Grünanlagen« zeigt sich das tauschwertorientierte Interesse unverhüllt schon im Namen. Inmitten der meisten Anlagen thronen unübersehbar, geheimnisvoll und tief die modernen Sphingen: Mistkübel.

In solchen Grünanlagen schreckt uns, wie »beherrscht« die Natur ist. Früher war es umgekehrt: »Wo Natur nicht beherrscht war, schreckte das Bild ihres Unbeherrschtseins. Daher die längst befremdende Vorliebe für symmetrische Ordnungen der Natur.« [27] Im Barockgarten war die ganze Welt enthalten und allegorisch geordnet; selbst die Geschichte wurde zur Natur in allegorischer Form versteinert (Walter Benjamin). Alles zusammen erinnerte, trotz Ordnung, den Betrachter beständig an die Vergänglichkeit alles Irdischen, an die Hinfälligkeit von Gebäuden, Pflanzen und Leibern. Demgegenüber war es eine wahre Erleichterung und Freude noch am Leben zu sein. »Steingemeißelt fickt der Knabe seinen Ziegenbock von hinten« [28] und schon dachte man wieder ans Sterben.

Der englische Garten emanzipierte die im Barockgarten gefangene Natur. Der barocke Anspruch gegenüber der Natur war bescheidener als der nunmehrige bürgerliche; er zielte nur auf Ordnung eines Ausschnitts. Der englische Garten der Bürger sollte sich, wie seine Erfinder, auf den ganzen Erdball ausdehnen. Mit einer ähnlichen Verlogenheit wie diese. Denn der Höhepunkt solcher Gartenkunst lag darin, Natürlichkeit vorzutäuschen. Die Künstlichkeit wurde umso raffinierter, als sie sich zu verbergen hatte. Kühn aber mußte der Eingriff schon sein, ein Plan aus einem Guß mußte hierbei verfolgt werden, wie bei einer richtigen Kapitalanlage.

Der Hauptmann aus Goethes Wahlverwandschaften, aufgeklärter Fachmann in solchen Fragen, kritisiert an Charlottes Landschaftsgärtnerei: »Man tastet an der Natur, man hat Vorliebe für dieses oder jenes Plätzchen; man wagt nicht dieses oder jenes Hindernis wegzuräumen, man ist nicht kühn genug etwas aufzuopfern; man kann sich voraus nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es gerät, es mißrät, ... und so bleibt es zuletzt immer ein Stückwerk, das gefällt und anregt, aber nicht befriedigt.« [29]

Von solchen kühnen Plänen führt ein direkter Weg nach Oberlaa.

Irgendwo dazwischen versuchte Kafka seinen seelischen Gesundheitszustand durch Gartenarbeit zu verbessern. Seine Tagebucheintragung zu dieser Erfahrung klingt wie eine von ihm selbst erfundene Geschichte:

Die Geschichte der Gärtnerstochter, die mich vorgestern in der Arbeit unterbrach. Ich, der ich durch die Arbeit meine Neurasthenie heilen will, muß hören, daß der Bruder des Fräuleins, er hat Jan geheißen und war der eigentliche Gärtner und voraussichtliche Nachfolger des alten Dvorsky, ja sogar schon Besitzer des Blumengartens, sich vor zwei Monaten im Alter von achtundzwanzig Jahren aus Melancholie vergiftet hat. Im Sommer war ihm verhältnismäßig wohl, trotz seiner einsiedlerischen Natur, da er wenigstens mit den Kunden verkehren mußte, im Winter dagegen war er ganz verschlossen. Seine Geliebte war eine Beamtin — uřednice — ein gleichfalls melancholisches Mädchen. Sie gingen oft zusammen auf den Friedhof. [30]

Die Idylle tanzt Walzer

Renate Böschensteins Monographie »Idylle« lesend, hätte ich fast das Germanistikstudium aufgegeben. Schwer lastet die Idylle mir auf den Schultern; ihr literarıscher Niederschlag ebenso wie ihr tatsächlicher Mangel. Der gesamte Fundus an Furcht und Schrecken anderer Genres hat mich nie mit vergleichbarem Ernst erfüllt: Unschuldig und rasch gestorben ist einfacher als unschuldig und endlos gleichförmig zu leben; zumindest für den Leser.

Es müssen nicht immer Schäfer und Schäferinnen sein, die den arkadischen Raum bevölkern; auch Dorfschulmeister und Pastoren eignen sich. Wichtig für die literarische Idylle ist der Ausschluß der »Menge der Personen« und der »Gewalt der großen Staatsräder«. [31]

Diese »dargestellten Wunschlandschaften« (Bloch) blicken so erfüllt, unbeweglich und leicht vorwurfsvoll. Zu sehen ist ein ewiger Frühling und nicht »was für ein Sommer hätte sein können, wenn einer gewesen wäre«, wie Stifter dies in seinem »Nachsommer« wollte. Dieser angedeutete Sommer erfreut durch seine Diskretion, die Platz für eigenes Wünschen läßt.

Idyllenangst ist Angst vor Regression; und Appetenz in einem. Zu manchen Gelegenheiten blitzt der allgemeine Mangel an Idylle besonders grell auf; an Familienfeiertagen bringen sich viele Leute um.

Die Abwesenheit von Staatsgewalt und Unglück rücken die Idylle in die Nähe der Utopie. Neben dem vielen Angenehmen, Schönen und Wichtigen ihrer Entwürfe sind Utopien auch Gesellschaften am Ende. Vom Nirgendwo führt der Weg nirgenwohin, außer ins Verderben. Utopisten darf es also in Utopia keine geben. [32]

Unbestimmte Aussichten verlocken eher als das Glück in der Tasche: »Sehnsüchtig sah ich jedem Wandersmann nach, der auf der Landstraße vorüberzog; wie wohl ist Dir, sagte ich, daß Du Dein ungewisses Glück noch suchst! ich habe es gefunden!«, seufzt Franz Sternbald, Romanfigur Ludwig Tiecks. Sternbald setzt sich bald darauf wieder selber in Bewegung; zu seiner Erleichterung stellt sich heraus, daß seine Braut nicht ihn liebt. Erst die nächste junge Dame ist so umwerfend, daß mit ihr auch sein Wünschen ans Ende gelangt.

Bewegung, Wanderschaft, Reise sind Voraussetzungen für das Glück. Im Märchen bleibt kaum wer zu Hause. Auch die großen Religionsstifter sind herumgezogen, ihre Gläubigen kommen noch heute in den Genuß von Wallfahrten. Mit wieviel weltlichem Vergnügen diese verbunden sein können, ist an den Canterbury Tales noch abzulesen. Der Wiener Dialektausdruck »Pücher« steht für hochdeutsch »Pilger«; Askese war vermutlich nicht sein erstes Kennzeichen.

Bewegung bringt frische Luft in die Idylle. Sie aber hält nicht allzuviel davon aus. Im ewigen Kommen und Gehen löst sie sich auf.

Das Flanieren wird durch den Straßenverkehr nicht erleichtert. Benjamin vergleicht den rastlosen, preisgegebenen Flaneur mit der kapitalistischen Ware; nur ist diese nicht mehr so exquisit wie zu Baudelaires Zeiten. Die Tageszeitungen, die Bibliothek des Flaneurs, sind in dem Ausmaß an Bedeutung gesunken, in dem sie Skandale aufdecken und die Leser damit langweilen; früher haben sie die Korruptionisten erpreßt und mit dem Erlös bessere Journalisten gekauft. Passagen sind selten, Fußgängerzonen mit unerfreulichen Geschäften übersät. Es bleiben die vielen Leute, von denen Baudelaire sagt, daß jeder ein Dummkopf wäre, der sich unter ihnen langweilt.

Flanieren ist sich hin- und herwiegen und dabei aufmerksam um sich schauen. Flanieren ist die Idylle, die Walzer zu tanzen beginnt. Es begegnen ihr dabei: das Aktuelle, das Interessante und so viele Romananfänge wie Leute, bis ihr davon leicht schwindlig wird.

Die Tugend der Schönheit

Aesthetisch heißt wörtlich »den Sinnen zugehörig«. Im Ästhetischen liegt der letzte Rest unserer Überlebenschancen.

Die Gehirne scheinen gegen den vorhandenen Schmutz und gegen die Gefahren atomarer Vernichtung nicht zu protestieren; vielleicht aber die Augen, Ohren, Nasen, Münder und Häute. Glück ist ästhetisch oder gar nicht.

Stellt man die Rechtsfrage unter moralischem Gesichtspunkt, landet man bei der Ästhetik: die Herrschaft der Menschen über die Menschen ist unappetitlich.

Das »fade Moralisieren« warf Karl Marx den »Glücksphilosophen« Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner vor: »Die Philosophie, welche das Genießen predigt, ist in Europa so alt wie die kyrenäische Schule ... Die Philosphie des Genusses war nie etwas anderes als die geistreiche Sprache gewisser zum Genuß privilegierter gesellschaftlicher Kreise. Abgesehen davon, daß die Weise und der Inhalt des Genießens stets durch die ganze Gesellschaft bedingt war und an allen ihren Widersprüchen litt, wurde die Philosophie zur reinen Phrase, sobald sie einen allgemeinen Charakter in Anspruch nahm und sich als Lebensanschauung der Gesellschaft im Ganzen proklamierte. Sie sank hier herab zur erbaulichen Moralpredigt, zur sophistischen Beschönigung der vorhandenen Gesellschaft, oder sie schlug in ihr Gegenteil um, indem sie unfreiwillige Askese für Genuß erklärte.« [33]

Die marxistische Kritik am Hedonismus verweist auf zweierlei: daß die Hedonisten sich nicht für entfremdete Arbeit interessieren; und daß erst ein Produktionsniveau erreicht werden müsse, das die Entfaltung sämtlicher Produzenten ermöglicht. Auf einem Produktionsniveau aber, das durch Großindustrie, Großtechnologie und Großbürokratie erreicht wird, verflüchtigen sich Sozialismus wie Glück und lassen die geschmähte Moral als einziges Instrument der Kritik zurück. Glück aber ist Geschmacksfrage.

Das Verbrechen am Ornament

Pasolini war Kommunikation verdächtig, wenn sie zur reinen Mitteilung wird, ohne spielerisches Element. Er schätzte Sprechen um des Sprechen willens, große Gesten, Gefühlsornamente, als Formen des Luxus. Sie setzen Muße und Überschuß an Lebenskraft voraus.

Reine Kommunikation ist Sprache von Maschinen. Die reine Funktionalität der modernen Wohngebäude verlängert die Betriebslogik in die Privatsphäre. Die »Wunschmaschinen« laufen wie geschmiert. Überflüssige Teile landen im Krankenhaus, im Altersheim, auf der Psychiatrie, in Suff oder Selbstmord: Die Industrie will auch außerhalb ihrer unmittelbaren Sphäre keine Extratouren.

Wo etwas unternommen wird, dieser Funktionalität zu entrinnen, wirkt es oft abgeschmackt und kitschig: Hunderln, Katzerln, Vogerln, Gartenzwerge, Liebesromane, Abenteuergeschichten, Boulevardpresse sind unbeholfene Versuche, Schnörksel am Alltag anzubringen. Ihre Masse und die Hartnäckigkeit, mit der sie auftreten, beweisen, daß die Abschaffung des Ornaments ein Verbrechen ist.

Die Logik der Industriegesellschaft bewirkt, daß die Masse des zum Leben Notwendigen ständig vergrößert wird. So kann ein am Stadtrand in einer modernen Wohnsiedlung wohnender Berufstätiger tatsächlich nicht auf Auto, Fernsehen und anderes mehr verzichten. Seine Vergnügungen und Genüsse sind verhüllte Arbeitsleistungen.

Glück entspringt dem Überfluß. Weil wir so viel notwendig haben, kommt Überfluß so schwer zustande.

Glück als Pflicht

Kein Zeitalter ist derart am Glück herumgeritten wie die Aufklärung. Schon die penetrante Häufung im aufgeklärten Sprachgebrauch weist auf Selbst- und Fremdüberredung. »Glück fungierte ... so ähnlich wie die Karotte, die man müden Eseln vor die Nase hängt, um sie anzutreiben.« [34] Das Volk war faul, d.h. irrational, und bedurfte der inneren und äußeren Motivation: des Glücks und der Arbeitshäuser. Die Bürger Deutschlands waren selbst kein Muster industriellen Fleißes; im Vergleich mit Frankreich und erst recht mit England. England ein- und überholen war das erklärte Ziel deutscher Aufklärer: erst mußten die faulen Frommen und die faulen Sünder daran glauben.

Der Vorrang des Willens vorm Werk, der seit der Reformation in protestantischen Ländern postuliert wird, öffnet der Arbeitsmoral ein himmlisches Tor, durch das sie sich von oben auf die Menschen ergießt. In den Himmel aufgenommen werden fortan die Arbeitswilligen, die nicht nach dem Resultat ihrer Tätigkeit fragen, sondern jedenfalls zu allem bereit sind. Die Arbeitsmoral als göttlich dekretierte Form regiert über menschliche Inhalte.

Die Angst vor dem strafenden Gott hat bestenfalls zur Vermeidung der Sünde, also zum Stillstand geführt; die Vergebung der Sünden zum Sündigen. Gearbeitet wurde in beiden Fällen nicht übermäßig. Der allumfassend gütige Gott der Theodizee und seine beste aller Welten offenbarten sich als ungleich anstrengender. Die Vernunft erschöpfte sich keineswegs in verzückter Anschauung göttlicher Produktivität. Aufgabe des aufgeklärten Menschen war »den Urheber alles Guten gebührend [zu] lieben und nachzuahmen«. [35] Der Fortschrittliche versuchte, sich in ständig tugendhafter Vervollkommnung dem göttlichen Vorbild asymptotisch anzunähern. Viel von dieser rabiaten, intimen Arbeitsmoral ist in der modernen Psychotherapie und in den Encountergruppen zum Gipfel gebracht.

Das Unglück wird zur Kritik an der besten aller Welten; der Tugendhafte ist kritiklos glücklich. »Unser Vergnügen«, sagt die moralische Wochenschrift »Der Menschfreund«, »bleibt dem höchsten Wesen so gefällig, uns selber aber so anständig, daß wir den Absichten Gottes und unserer eigenen Natur widerstreben, wenn wir mißvergnügt und unruhig sind. Trauet denen Menschen nicht, welche immer über das Elend des Lebens zu klagen haben, die von beständigen Unglücken träumen, und welche die Welt als einen Kerker betrachten, worinn wir zu unserer Plage gelegt worden. Alle diese Leute sind grausam und unerkenntlich!« [36]

Auf dem quantitativen Glückversprechen (»the greatest happiness for the greatest number«) [37] wurde die Industriegesellschaft errichtet. Dorthin führte der mittlere Weg zwischen barocken Ausschweifungen und damit einhergehender barocker Weltverachtung. Maßvolles Glück war die Losung: »Das irdische Vergnügen muß in einem angemessenen Verhältnis zu den Leistungen, zum Vermögen und zum Stand jedes Einzelnen stehen; es muß Rücksicht nehmen auf die Mitmenschen und darf nicht ausschweifen. Dauernde Müßiggängerei, Prunksucht, Eitelkeit, Wollust, Völlerei, Spielleidenschaft, Hoffart, Verschwendung sind lasterhaft ... Das Vergnügen des Tugendhaften ... ist beschaulich-harmlos, zuweilen bieder, gemütlich und ökonomisch dosiert.« [38]

Dieser positivistische Zugang zur eigenen Gefühlswelt ist mehr denn je en vogue im Konsumismus, in dem ja auch eine Abwägung des Glücksgewinns der einzelnen Güter, zwischen denen man nun einmal wählen muß, stattfindet. Die verkrampfte Glücksbuchhaltung verhindert aber gerade das mögliche Glück, nämlich die unkalkulierte Hingabe an eigene und fremde Leidenschaften. [39]

Den Tugendhaften wird gerechterweise kein rauschendes Glück zuteil. Glück flüchtet zu den Außenseitern. Schon daß sie glücklich sind, macht sie zu solchen. In der Schande wohnt das Glück.

1) Alle schmutzigen, zerrissenen Lumpen, alle verfaulten und zerbrochenen Möbel, alle stinkigen, verfallenen Wohnungen werden verbrannt und zerstört, und die Armen einstweılen in die öffentlichen Gebäude oder bei den Reichen einquartiert, desgleichen vom Überfluß der vorrätigen, neuen Kleider gekleidet.

2) Alle Schuldscheine werden für null und nichtig erklärt.

3) Die Organisation der Arbeit beginnt durch die Wahlen in jedem Geschäftszweige.

...

5) Der Gebrauch des Geldes ist abgeschafft. Die Steuern werden in rohen Naturprodukten eingeliefert.

Wilhelm Weitling: Garantien der Harmonie und Freiheit.
Mädchen und Wein
Ich suche mich durch beide
Im stillen zu erfreun.
Sie gibt mir größre Freude,
Doch öftre gibt der Wein.
Friedrich von Hagedorn (1708 bis 1754).

Wenn das Glück nur allein von äußeren Umständen, wenn es also Zufall abhinge, mein Freund, und wenn Sie mir auch davon tausend Beispiele aufführten, was mit der Güte und Weisheit Gottes streitet, kann nicht wahr sein. Der Gottheit liegen die Menschen alle gleich nahe am Herzen, nur der bei weitem kleinste Teil ist indes der vom Schicksal begünstigte, für den größten wären also die Genüsse des Glücks auf immer verloren. Nein, mein Freund, so ungerecht kann Gott nicht sein, es muß ein Glück geben, das sich von den äußeren Umständen trennen läßt, alle Menschen haben ja gleiche Ansprüche darauf, für alle muß es also in gleichem Grade möglich sein.

Heinrich von Kleist: Aufsatz den sichern Weg des Glücks zu finden, und ungestört, auch unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn zu genießen!

»Glücklich ist nicht« (so hat der Amtsrat am Ende zusammengefaßt), »wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist; so etwas kann überhaupt nur in einer Operette vorkommen. Eine derartige Auffassung würde nichts weniger wie ein Unterbleiben der Evidenz bedeuten, beziehungsweise als solches anzusehen sein. Glücklich ist vielmehr derjenige, dessen Bemessung seiner eigenen Ansprüche hinter einem diesfalls herabgelangten höheren Entscheid so weit zurückbleibt, daß dann naturgemäß ein erheblicher Übergenuß eintritt.«

Heimito von Doderer: Die Strudelhofstiege

Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.

Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande.

Ich konnte nie mehr als drei Wege glücklicher (nicht glücklich) zu werden, auskundschaften. Der erste, der in die Höhe geht, ist: so weit über das Gewölk des Lebens hinauszudringen, daß man die ganze äußere Welt mit ihren Wolfsgruben, Beinhäusern und Gewitterableitern von weitem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen liegen sieht. Der zweite ist: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, daß, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt, deren jede für den Nestvogel ein Baum und ein Sonnen- und Regenschirm ist. Der dritte endlich — den ich für den schwersten und klügsten halte — ist der, mit den beiden anderen zu wechseln.

Jean Paul: Leben des Quintus Fixlein, Vorrede.

Im Mittelalter waren die Genüsse vollständig klassifiziert; jeder Stand hatte seine besondern Genüsse und seine besondre Weise des Genießens. Der Adel war der zum ausschließlichen Genießen privilegierte Stand, während bei der Bourgeoisie schon die Spaltung zwischen Arbeit und Genuß existierte und der Genuß der Arbeit subordiniert war. Die Leibeigenen, die ausschließlich zur Arbeit bestimmte Klasse, hatte nur höchst wenige und beschränkte Genüsse, die ihnen mehr zufällig kamen ... — Unter der Herrschaft der Bourgeoisie nahmen die Genüsse ihre Form von den Klassen der Gesellschaft an. Die Genüsse der Bourgeoisie richten sich nach dem Material, was diese Klasse in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen produziert hatte ... Die Genüsse aller bisherigen Stände und Klassen mußten überhaupt entweder kindisch, ermüdend oder brutal sein, weil sie immer von der gesamten Lebenstätigkeit, dem eigentlichen Inhalt des Lebens der Individuen getrennt waren, und sich mehr oder weniger darauf reduzierten, daß einer inhaltslosen Tätigkeit ein scheinbarer Inhalt ergeben wurde.

Karl Marx: Die deutsche Ideologie

Wer in dieser Schlinge der Liebe gefangen ist und auf diesem Wege wandelt, was auch immer er tun oder nicht tun mag, das ist völlig eins; ob er etwas wirke oder nicht, darauf kommt es ganz und gar nicht an. Und doch ist das geringste Werk oder die geringste Übung eines solchen Menschen für ihn selbst und alle Menschen nützlicher und fruchtbringender und Gott wohlgefälliger als die Übungen all jener Menschen, die zwar nicht in Todsünden leben, dabei aber geringere Liebe haben. Seine Muße ist nutzbringender als eines anderen Wirken.

Meister Eckhart: 59. Predigt.
auf dem kleefeld auf dem kleefeld
liebte mich ein schwein
doch erfüllung doch erfüllung
hat nicht sollen sein
tückisch trat ein rauchfangkehrer
in die handlung ein
schlug mein schweindi schlug mein schweindi
ohn erbarm entzwein
(und es war ein eisenhuf
das dieses arme opfer schuf)
klagend rief ich klagend rief ich
bleib ich jetzt allein?
ei da, sprach der rauchfangkehrer
aber nein doch, nein!
Unbekannte österreichische Autorin.

Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wuz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern — und schon außer dem Grabe schliefest du sanft!

Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wuz

Hinter mir gingen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter, vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf ... Unter mir Saaten, Büsche und Wiesen bunt vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchen in der klaren blauen Luft — ich schämte mich, laut zu schreien, aber innerlich jauchzte ich und strampelte und tanzte auf dem Wagentritt herum.

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts.

Ich verstehe jetzt Deine Vorliebe fürs Landleben, ich liebe sie an Dir und fühle wie Du. Ich mag sie gar nicht mehr sehn, diese unbeholfenen Klumpen von allem, was verderbt und krank ist in der Menschheit; und wenn ich sie im allgemeinen denken will, erscheinen sie mir wie wilde Tiere an der Kette, die nicht einmal frei wüten können. Auf dem Lande können die Menschen doch noch beisammen sein, ohne sich häßlich zu drängen. Da könnten, wenn alles wäre, wie es sollte, schöne Wohnungen und liebliche Hütten wie frische Gewächse und Blumen den grünen Boden schmücken und einen würdigen Garten der Gottheit bilden.

Friedrich Schlegel: Lucinde

Leonce: Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

Valerie: Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott und Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!

Georg Büchner: Leonce und Lena

Die Straße wird zur Wohnung für den Flaneur, der zwischen Häuserfronten so wie der Bürger in seinen eigenen vier Wänden zuhause ist. Ihm sind die glänzenden emaillierten Firmenschilder so gut und besser ein Wandschmuck wie im Salon dem Bürger ein Ölgemälde; Mauern sind das Schreibpult, gegen das er seinen Notizblock stemmt; Zeitungskioske sind seine Bibliotheken und die Caféterrassen Erker, von denen aus er nach getaner Arbeit auf sein Hauswesen heruntersieht ... Kriminalistischer Spürsinn mit der gefälligen Nonchalance des Flaneurs vereinigt gibt den Aufriß von Dumas’ »Mohicans de Paris«. Ihr Held entschließt sich, auf Abenteuer auszuziehen, indem er einem Fetzen Papier nachgeht, den er den Winden zum Spiel überlassen hat. Welche Spur der Flaneur auch verfolgen mag, jede wird ihn auf ein Verbrechen führen ... Die Menge ist nicht nur das neueste Asyl des Geächteten; sie ist auch das neueste Rauschmittel des Preisgegebenen. Der Flaneur ist ein Preisgegebener in der Menge. Damit teilt er die Situation der Ware.

Walter Benjamin: Charles Baudelaire
EINEN KRANZ aus butterblumen
winde ich dir um das haupt,
streue deinem habicht krumen,
weil du stets an mich geglaubt;
linsen, erbsen, gladiolen
biet ich dir zum nachtisch an,
will auch dann die laute holen,
muskatbraun wie marzipan.
 
mit musik ich dich verwöhne,
klimpre dich ins paradies,
dort, im reich der holden töne,
wäscht gott baldur dir die füß;
zauberhafte turteltauben
bringen seife ihm zur hand,
hunderttausend liebeslauben
werden dir zum vaterland.
 
aus akazjen, azaleen,
pappelbäumen, safferan,
auch aus weiden, blauen schlehen
weht die neue zeit uns an;
ei! im lenzhauch wogt dein busen,
dieser zwillingsnackedei —
froh zum tempel meiner musen
er von mir ernennet sei.
 
auf karottenroten wölklein
schwebt die göttin freya hin;
summend wie ein bienenvölklein,
ausgeklinkt vom zeppelin,
schwirren küsse und gedanken,
sommer, winter, tag und nacht
keine grenzen, keine schranken:
lieb und freiheit sind erwacht.
 
wodans linkes aug sieht wieder,
flugs s monokel eingeklemmt,
donar zupft vom lila flieder,
frischgestärkt sein rosa hemd,
die valkyrien lächeln leise,
feen aus mythomania,
und ich taufe meine weise:
artmann an germania.
H.C. Artmann: Aus meiner Botanisiertrommel
BASSGEIGEN dröhnen,
blaßgrün im hag
feiert das einhorn namenstag.
 
mähne der waldfey,
röter als zimt,
zarter zunder
im aug ihr glimmt.
 
aus erlen elfen
flüstern ihr zu:
elphoi thaláritha,
gehst du?
 
H.C. Artmann: Aus meiner Botanisiertrommel
EIN VERREGNETER samstag
mit kuchen und sekt
und drei orchideen,
o ja, das schmeckt!
 
elektrische wärme
und ein grammophon,
ein tango zum träumen —
man mag das schon!
 
von blaßroten lippen
drei wörter mit chic
verändern das wetter
im augenblick ...
 
H.C. Artmann: Aus meiner Botanisiertrommel
Die Scherzhaften
Immer spielt ihr und scherzt?
ihr müßt? o Freunde! mir geht
diß / In die Seele, denn diß
müssen Verzweifelte nur.
Friedrich Hölderlin: Epigramm.

Einem Frommen ist selbst das Unglück, so ihm wiederfährt, was Gutes; denn es dient zu seinem Besten. Die Blase, so einem Kinde am Finger aufläuft, den es ins Licht gesteckt, ist nebst allen Schmertzen, so sie verursachet, mehr was Gutes als was Böses vor dasselbe zu nennen. Denn wer wollte das böse nennen, wodurch man klug und vorsichtig gemachet wird? So wiederfährt auch einem Tugendhafften nichts, was er nicht vor eine Wohlthat Gottes ansehen könnte. Selbst die natürlichen Strafen bessern ihn; selbst das Leiden macht ihn glücklich. Kranckheit, Armuth, Dienstbarkeit, Ketten und Banden, Lästerungen, Verfolgungen u.s.w. sind nur vor ruchlose Gemüther was Böses. Vernünftige Leute wissen auch in diesen bittern Blumen ihr Honig zu finden. Wie manchen hat die Unpäßlichkeit fromm, die Armuth fleißig, die Dienstbarkeit gelassen, die Ketten geduldig, die Lästerung tugendhafft, die Verfolgung berühmt und beliebt gemacht. Auch das Gift wird zur Artzeney, wenn mans recht anzuwenden weiß ...

Der Biedermann, Moralische Wochenschrift (1727—1729), hrsg. v. Johann Christoph Gottsched

[1Dieter Birnbacher: Was wir wollen, was wir brauchen und was wir wollen dürfen. In: Klaus Meyer-Abich und Dieter Birnbacher (Hrsg.): Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein. München 1979. S. 53.

[2Pier Paolo Pasolini: Freibeuterschriften. Berlin 1979. S. 49.

[3Wolf Schneider: Glück — was ist das? München 1978. S. 114.

[4Ibid.

[5Julius Pokorny: Indogermanisches etymologisches Wörterbuch, Bern und München 1959. Bd. 1, S. 686.

[6Ibid., S. 128 ff.

[7Wolf Schneider, op. cit., S. 44.

[8Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1. Buch, Kapitel 17.

[9Arthur Koestler: Die Wurzeln des Zufalls. München, Bern, Wien 1972.

[10Herbert Marcuse: Zur Kritik des Hedonismus. In: Schriften Bd. 3, Frankfurt am Main 1979, S. 260.

[11Heinrich Heine: Die Elementargeister. In: Sämtliche Schriften, München, Wien 1976, Bd. 6, S. 1001.

[12Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981. S. 12.

[13Ibid.

[14Oskar Negt, Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn. Frankfurt 1981.

[15Ibid. S. 680, Anm. 59.

[16Josef Pieper: Glück im Schauen. In: Was ist Glück? München 1976. S. 53.

[17Ibid. S. 52.

[18Hannah Arendt, op. cit. S. 302.

[19Ibid. S. 21.

[20Ibid. S. 300.

[21Negt/Kluge, op. cit. S. 69.

[22Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft. Schriften Bd. 5, Frankfurt 1979. S. 184.

[23Pier Paolo Pasolini, vgl. Sonne Nr. 2.

[24Maren-Sofie Roestvig: The Happy Man. Studies in the Metamorphoses of a Classical Ideal. 1600-1760. 2 Bde. Oslo 1954 bis 1958.

[25Ibid. S. 69.

[26Richard Fleckenoe: Enigmaticall Characters, London 1658, S. 36.

[27Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt 1970, S. 102 f.

[28Heidi Pataki: Belvedere.

[29Goethe: Die Wahlverwandschaften, 1. Teil, 3. Kapitel.

[30Franz Kafka: Tagebücher. Eintragung vom 2. Mai 1913.

[31Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. zit. n. Renate Böschenstein: Idylle. Stuttgart 1967. S.92.

[32Freyer Hans: Die politische Insel. Eine Geschichte der Utopien von Platon bis zur Gegenwart. Leipzig 1936.

[33Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, S. 402.

[34Monika Pelz: Am Beispiel Glück. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. 5. Jg. 2-3/1980. S. 87.

[35G. W. Leibniz: Monadologie. In: G. Krüger (Hrsg.): Die Hauptwerke. Leipzig.1933. S. 155.

[36zit. n. Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Stuttgart 1968/71. S. 266 f.

[37Der Moralphilosoph Francis Hutcheson: Untersuchungen über das Gute und das Böse. Glasgow 1726. zit. n. Wolf Schneider, op. cit. S. 11.

[38Wolfgang Martens: op. cit. S. 268.

[39Herbert Marcuse: Zur Kritik des Hedonismus. s.o. S. 10.

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