ZOOM 1/1996
Januar
1996

Good morning, Bosni@

Mit ihrer Landung in Bosnien sind die amerikanischen IFOR-Truppen auch ins World Wide Web einmarschiert. Nicht mehr CNN, das Internet ist das aktuelle Medium des Krieges.

„Willkommen bei BosniaLINK, dem offiziellen Informationssystem über die US-Militäraktivitäten in der Operation JOINT ENDEAVOR.“ Unter dem Logo eines Spinnennetzes grüßt das US-Verteidigungsministerium all jene, die sich in seinen Computer einwählen. BosniaLINK versammelt offizielle Informationen der US-Regierung und des NATO-Hauptquartiers zur „friedenserhaltenden Mission in Bosnien“, von Karten und Fotos über Politikerreden und Biographien führender Militärs bis hin zu Fact sheets: „Welche Ausrüstung benötigt ein US-Soldat für den kalten Winter?“

Schickt patriotische Grüße!

Nachdem ich die Verbindung zu BosniaLINK hergestellt habe, empfängt mich Verteidigungsminister William Perry, der „seine ganze Karriere als kalter Krieger zugebracht“ hat, mit „Bemerkungen“ über den „historischen Moment“: „Als wir den Schrecken dieses Konflikts auf CNN sahen und die Friedensverhandlungen erfolglos dahindümpelten, verspürten viele in den Vereinigten Staaten eine moralische Verantwortung, den Kriegsparteien einen Frieden aufzudrängen.“

Mit einer für das amerikanische Publikum bestimmten, für europäische Ohren somit ungewohnten Offenheit klärt BosniaLINK darüber auf, warum die USA sich an IFOR, dem „Symbol für ein neues Europa“, beteiligen müssen: „Die Vereinigten Staaten haben vitale politische, ökonomische und Sicherheitsinteressen in Europa. Der Krieg in Bosnien bedroht diese Interessen. Die Gefahren für die USA, eine Fortsetzung des Krieges zuzulassen, sind größer als die Risiken, den Frieden durchzusetzen.“ Trotzdem werde IFOR nicht die bosnische Armee ausrüsten und trainieren, falls dies zur Herstellung eines militärischen Gleichgewichts mit den bosnischen Serben notwendig werde. Ebensowenig sei sie in den Wiederaufbau, humanitäre Unterstützung, politische Reformen oder die Durchsetzung der Menschenrechte involviert. Dafür beantworte laut Perry der Bosnieneinsatz „eine Frage, die das Ende des kalten Krieges zurückgelassen hat: Hat die NATO noch eine Existenzberechtigung?“ Sie hat: „Anstatt zu verschwinden, erfreut sie sich einer Renaissance. Um Mark Twain zu paraphrasieren: Die Berichte vom Tod der NATO waren reichlich übertrieben.“

Auch Skurriles weiß Perry zu berichten. Um sich auf ihren Einsatz vorzubereiten, haben die Amerikaner im deutschen Hohenfels „ein Mini-Bosnien errichtet – vollständig mit Dörfern, serbischer und förderierter Armee, paramilitärischen Einheiten, Schwarzhändlern, Schmugglern, UN- und NGO-Vertretern, schlechten Straßen, Heckenschützen, Minen, Dreck und“ – um die Kriegsrealität so richtig „vollständig“ zu machen – „CNN“.

BosniaLINK bietet nicht nur Informationen über die amerikanischen Truppen in Bosnien, es fordert auch dazu auf, diesen als Zeichen der Unterstützung oder von Patriotismus „Grüße und Ermutigungen“ zukommen zu lassen. „Moral und Wohlergehen“ der Soldaten sind schließlich von „allergrößter Wichtigkeit“. Kurz gerate ich vor dem Bildschirm in Versuchung, dieser Aufforderung nachzukommen. Doch meine Nachricht würde ihr Ziel kaum erreichen. Das US-Verteidigungsministerium ist sich der Schwierigkeit bewußt, das Internet zu zensurieren. Die elektronische Feldpost wird deshalb ausgesiebt. Nur eine Auswahl gelangt tatsächlich zu den Soldaten. Und dies auf ganz altertümlichem Weg über interne Truppen-Postillen oder das armeeigene Radio und Fernsehen. Was ich einem GI zu sagen hätte – wenn ich ihm denn überhaupt etwas zu sagen hätte – dies ließe sich wohl kaum nach „Good morning bosnia“ im Armeesender verlesen.

„Wir sind bereit“

Der Krieg im Internet ist nicht weniger virtuell als die Videospielbilder aus den Zielkameras der US-Bomber über Bagdad, doch er ist weit davon entfernt, einen ähnlichen Thrill auszuüben. Kein CNN-Reporter auf dem Dach eines Hotels in Dharan, der in die von den in der Ferne sichtbaren Einschlägen der irakischen Scud-Raketen erbebende Kamera schreit: „OK, boys, let’s get out of here!“ Gegenüber den Realzeitbildern von CNN ist das Internet, das fast eine Minute, also 59 Sekunden zu lang, benötigt, um ein einziges Foto auf den Schirm zu bringen, hoffnungslos langsam. Und was bekommen wir dann zu sehen? „Hubschrauberlandung im Sonnenuntergang“ oder „Air Force-Pilot entspannt sich mit seinem Laptop-Computer in der Tuzla Air Base“. (Bei der Betrachtung fallen mir Handkes Benzinverkäufer an Belgrads Ausfallstraßen ein. Bilder von anderem Inhalt, aber ähnlich romantisierender Betulichkeit.)

Wo BosniaLINK der Realität am nächsten ist:
Der Sarg von Donald Dugan, dem ersten gefallenen US-Soldaten, am Weg in die Heimat

BesucherInnen von BosniaLINK dürfen sich an den Bildern des Panzers Army M-109 155mm Self-propelled Howitzer, des Flugzeugträgers USS George Washington (CVN 73) usw. erfreuen. Das angeschlossene Navy News Service bietet an, direkt per Mausklick von den Pressemitteilungen aus sogenannte Fact Files der Navy-Schiffe und -Flugzeuge abzurufen, inklusive Fotos und stolzer Sprüche ihrer Kommandanten: „Wir sind bereit, der Nation als schnelle Einsatztruppe zu dienen, wo und wann immer wir gebraucht werden.“ Das enorme Waffenarsenal der amerikanischen Bosnientruppen als Cyberspace-Basis für Netzsurfer mit Hang zu Militaria.

Die Wirklichkeit der ex-jugoslawischen Länder und seiner Menschen – „weit entfernte Länder mit Namen, die wir nicht einmal aussprechen können“ (Perry) – bleibt naturgemäß ausgeklammert. Diesbezüglich unterscheidet sich BosniaLINK in nichts von CNN, ist ganz modernes Medium. Was es im Gegensatz zu diesem aber letztlich antiquiert erscheinen läßt, ist sein Charakter als staatliche Verlautbarungsagentur, in etwa so aufregend wie der Amtsteil der Wiener Zeitung oder die Prawda.

Doch mit der richtigen Adresse zur Hand ist im Internet der Kontakt zu kritischen Informationen über den Balkankrieg, zu lokalen und internationalen Antikriegsinitiativen ebenso schnell hergestellt wie jener zu den NATO-Truppen. Wer nicht in „von UNO und NATO unterstützten ’ethnischen Säuberungen’ den einzigen Weg zum Frieden“ sieht, für den bietet etwa das PeaceNet eigene „Balkan Seiten“ an. Von dort ist es nicht weit zu ZaMir, dem „Friedensnetz im Kriegsgebiet“, oder den Belgrader Frauen in Schwarz, die über ihre Unzufriedenheit mit dem Daytoner Abkommen berichten: „Der Krieg ist noch lange nicht vorüber. Wir setzen unsere Straßenproteste und alle anderen Aktivitäten fort.“ BosniaLINK wird darüber allerdings nicht informieren.

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