MOZ, Nummer 54
Juli
1990
Geschichtswerkstätten in Deutschland:

Grabe, wo du stehst!

Geschichte hat Konjunktur. Den Jahrestagen — etwa 200 Jahre Französische Revolution oder 40 Jahre Bundesrepublik Deutschland — folgend, wird Vergangenheit konsumiert. Nicht nur der Buchmarkt, auch der Spielmarkt, die Werbung und neuerdings auch die Museen folgen dem Trend nostalgischer Geschichtsvermarktung. Großkonzerne wie Fiat, der 1988 die aufsehenerregende Phönizierausstellung in Venedig sponserte, benutzen Geschichte zur Imagepflege.

Ein Gedächtnis wie ein Elefant?
Fotos: Elefanten Press Berlin

Welche Rolle spielen da noch die ‚Barfußhistoriker‘ in den Geschichtswerkstätten, wenn doch alles und jedes verkauft werden kann, Hauptsache, es ist schick verpackt und mit provokanter Fragestellung versehen? Ende Mai wurde in Hamburg beim Jahrestreffen der Geschichtswerkstätten, einem Zusammenschluß von etwa hundert Initiativen in der Bundesrepublik, die Arbeit der letzten Jahre bilanziert.

Als sich die Geschichtswerkstätten vor acht, neun Jahren aufmachten, die braunen Flecken der deutschen Vergangenheit konkret vorzuführen, wirbelten sie einigen Staub auf. Nicht nur beim wissenschaftlichen Establishment, das zunächst mit Ignoranz reagierte und so zum Zusammenschluß und zur Identitätsfindung der Geschichtswerkstätten nicht wenig beitrug, auch in der Öffentlichkeit wurde ihre Herangehensweise, ihr Mit-der-Lupe-Suchen, ihr Bohren und Neu-Beleuchten mit Skepsis betrachtet und oft als Nestbeschmutzung diffamiert. Noch immer, 50 Jahre nach dem Sieg des Faschismus in Deutschland, war eine „hartnäckig aufrechterhaltene Abwehr von Erinnerung“ (Mitscherlich) zu verzeichnen, wirkten die Verdrängungsmechanismen, die Erinnerung, wenn überhaupt, nur zuließen als eine Aufrechnung der eigenen Schuld gegen die der anderen. Zudem hatten viele die durch Helmut Kohl verteilte „Gnade der späten Geburt“ entgegengenommen und wenig später im sog. „Historikerstreit“ gelernt, daß der nationalsozialistische Völkermord so einzigartig doch wohl nicht sei. So erwies sich der Staub, den die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit aufwirbelte, immer noch als explosiv.

Es zeigte sich, daß der Ansatz der Geschichtswerkstätten, vor Ort, in den Schulen, den Kirchen, den Vereinen die Spuren der braunen Vergangenheit zu verfolgen, sehr wirkungsvoll war. So gelang der Nachweis, daß der Mord an Millionen schutzlos Verfolgter aus vielen Einzelentscheidungen und Handlungen einzelner zusammengesetzt war und die Veranwortung dafür keineswegs nur auf die Führer und Vorgesetzten verschoben werden konnte. Der Nationalsozialismus hatte seine Basis in der Bevölkerung; er war im Volk verwurzelt, und die Geschichte des deutschen Volkes und des deutschen Faschismus durchdrangen sich gegenseitig.

Als ein Beispiel für viele kleine lokale Initiativen mag die Arbeit der Geschichtswerkstatt im katholischkonservativen sauerländischen Städtchen Brilon (Nordrhein-Westfalen) stehen. Gegründet 1981 als ein außerparlamentarisches Sammelbecken der lokalen Gegenbewegungen in den Bereichen Frieden, Frauen, Ökologie und Antifaschismus, hatte sich die Gruppe — etwa 35 Mitglieder — folgende Aufgabe gestellt: Aufarbeitung der bisher in ihren dunklen Kapiteln verschwiegenen lokalen Vergangenheit. 1982 gab es harte Auseinandersetzungen um die Errichtung eines Gedenksteines, der an die Zerstörung der jüdischen Synagoge in der Pogromnacht 1938 durch Einheimische erinnern sollte. Sollte dort „Kristallnacht“ oder „Pogromnacht“ stehen? Es blieb bei „Pogromnacht“, aber die Mahnung „Gedenket und vergesset nie“ durfte nicht geschrieben stehen. In der Folgezeit ging es um die Erforschung der Schicksale der etwa hundert jüdischen Familien im Ort. Fast alle waren ermordert worden. Nur zwei Frauen konnten unter entwürdigenden Umständen im Ort überleben. Eine Dokumentation wurde erstellt und die Recherche erweitert auf die Frage der Wiedergutmachung und die Entnazifizierung der örtlichen Nazigrössen. Da ihr Erinnern ‚Namen und Adresse‘ hat, sind sie Stachel im Fleisch bürgerlichen Wohlbefindens.

Insgesamt jedoch ist die Brisanz, die den Geschichtswerkstatt-typischen Themen wie NS-Zeit, jüdisches Leben, Frauengeschichte und Arbeiterbewegung noch Mitte der 80er Jahre anhaftete, geschwunden. Auch vom etablierten Wissenschaftsbetrieb wird inzwischen die Methode der Mikrohistorie akzeptiert. Vielleicht hat dazu auch der Erfolg des französischen Historikers Emmanuel Le Roy Ladurie beigetragen, der in seinem Buch „Montaillou — ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“ alte, längst veröffentlichte Inquisitionsprotokolle ‚quergelesen‘ hatte und nachweisen konnte, daß es selbst dort, wo es keine Zeitzeugen mehr gibt, möglich ist, Mentalitätsgeschichte zu betreiben, eine historische Situation ‚von unten‘ zu erfassen.

Entpolitisierung?

Was aber wird aus einer Avantgarde — und als solche fühlten sich die Geschichtswerkstätten in ihrem eigenen Selbstverständnis —, wenn der etablierte Wissenschaftsbetrieb von der Ignoranz zur Akzeptanz, ja sogar zur Übernahme der Arbeitsansätze und -methoden übergeht? Was wird aus den Geschichtswerkstätten, wenn sie nicht mehr ‚von unten‘ entstehen, sondern auch ‚von oben‘ — etwa über städtische Kulturämter — gegründet werden? Ist der Preis für die Institutionalisierung die Entpolitisierung? „Sinken wir hinab in das Reich der Gartenzwerge, des Provinzialismus?“ Das war die Fragestellung vor der großen Jahresversammlung der Initiativen Ende Mai in Hamburg, zu der etwa 60 Vertreter lokaler Initiativen, aber auch Historiker aus dem Wissenschaftsbetrieb, die den Ansatz der Geschichtswerkstätten unterstützen, erschienen.

Im Vorfeld der Auseinandersetzung hatte Dietrich Lüders, der von Verlagsseite (Ergebnisse Verlag, Hamburg) die Zeitschrift der Bewegung mit Namen „Geschichtswerkstatt“ betreut, die Situation so kommentiert: „Trotz der unbestreitbaren Erfolge fällt mir im Moment zur Geschichtswerkstatt der Vergleich mit einem Rammbock ein, der mit Wucht das Tor des etablierten Wissenschaftsgebäudes sprengen soll. Aber seine Träger gewöhnen sich mit zunehmendem Schwung so sehr an die Vorwärtsbewegung, daß sie, in der Annahme, es gehe jetzt von alleine, einfach loslassen.“ Die Zeitschrift, die für sich beanspruche, repräsentativ für die Bewegung zu sein, wage den Blick über den Gartenzaun nur selten.

Streit-Kultur, wie das lustvolle Um-die-Ohren-Hauen der gegensätzlichen (Vor)Urteile jetzt genannt wird, war angesagt beim diesjährigen Treffen. „Unser Ziel ist es, Tacheles zu reden und die Frage zu beantworten: Sind die Geschichtswerkstätten Heimatvereine geworden? Sind die Gartenzwerge wieder zurückgekehrt? Wir wollen die Gegenbewegung zu den Gartenzwergen, wir wOllen, daß sich die Bewegung aus den Vorgärten heraus auf die Straße traut“, so Michael Wildt, Historiker und einer der Organisatoren des diesjährigen Treffens. „Na, und!“, konterte Dieter Thiele von der Geschichtswerkstatt im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek. „Wenn uns Begriffe wie ‚alternativer Heimatverein‘ entgegengeschleudert werden, dann schreckt uns das nicht. Wir wollen keine verlorengegangene Avantgardefunktion zurückgewinnen. Uns beschäftigt die Erarbeitung eines Geschichtsbildes für Barmbek.“ Aber hier wurde er festgenagelt: was heißt hier „für Barmbek?“ — „Für wen in Barmbek?“ — also doch Heimatverein?

Ruinenbeseitigung — Berlins erste Sprengmeisterin

Thomas Lindenberger aus Westberlin betonte die Arbeit der Werkstätten als eine Möglichkeit der kulturellen Selbstbestimmung im Stadtteil. Er plädierte für die Beibehaltung eines produktiven Bündnisses und verwies auf die Notwendigkeit, neue gemeinsame Aufgaben anzupacken, die er mit den Stichworten „Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und nationale Frage“ skizzierte.

Fest steht: Die Bewegung hat sich enorm differenziert. Was mit so viel Emphase begonnen hatte, hat sich aufgeteilt oder ist, wie es auch gesehen wird, ‚zu Brei verlaufen‘. Nach wie vor jedoch gibt es einen festen, eher radikalen Kern, sehr politisch engagiert, der eigene Projekte ohne finanzielle Zuwendungen durchsetzt. Die Geschichtswerkstatt in Marbach am Neckar ist so ein Beispiel. Ihre Aktivitäten um ein Deserteur-Denkmal aus Anlaß des Volkstrauertages 1988 erregten in der Bundesrepublik Aufsehen. Heute gibt es zahlreiche örtliche Deserteur-Initiativen, die mit der Werkstatt zusammenarbeiten. Ein anders Beispiel ist Marburg. Mit ihrer Veranstaltungsreihe im Jahre 1989 zum Thema „Die Verfolgung der Sinti und Roma während der NS-Zeit und die Entschädigung der NS-Opfer in der Bundesrepublik“ leisteten sie einen wichtigen Beitrag zur Erhellung dieses weißen Flecks in der Geschichte. Ähnlich brisant ist immer noch die Frage der Entschädigung der Zwangsarbeiter. Allerdings hat sich hier, trotz der Arbeit vieler lokaler Initiativen, politisch noch nicht viel bewegt. Nach wie vor verweigern die Unternehmen, die von diesem Sklavensystem profitierten, eine Entschädigung.

Aber auch die institutionalisierten Ansätze der Geschichtswerkstatt-Bewegung — mag man ihnen nun einen Hang zum Heimatverein nachweisen oder nicht — haben durchaus ihre Berechtigung. Sie wirken z.B. als „pädagogische Methode“ in Volkshochschulen oder in der Stadtteil-Kulturarbeit. Gerade diese Ansätze sind gefährdet, denn die Unterstützung aus der Kasse des Arbeitsamtes über die sog. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hat merklich nachgelassen. Schließlich ist es auch die kleinliche Bewilligungspraxis vieler Kommunen, die die Arbeit der Projekte einschränkt. „Die brüsten sich mit unserer Arbeit, mit unseren Projekten, und sie speisen uns dann mit einem warmen Händedruck ab“, stellt Elisabeth von Dücker fest, Kulturwissenschaftlerin, angestellt beim Museum der Arbeit in Hamburg und, zusammen mit einem Frauenarbeitskreis am Museum, bemüht, feministische Ansätze auch in diese Institution zu tragen.

Welches Geschlecht haben die Gartenzwerge?

„Frauengeschichte“, so sagt sie, „ist noch lange nicht abgearbeitet.“ Sie erinnert an ihre Kollegin Sigrid Matzen-Stöckert, die vor zehn Jahren gegen den erbitterten Widerstand der männlichen Professoren am Historischen Seminar der Universität Hamburg Semester für Semester Veranstaltungen zur Geschichte von Frauen durchsetzte. „Wer damals im Fachbereich die zum Teil erniedriegenden Kontroversen — Frauengeschichte? — Da können wir doch auch Hundegeschichte machen! — erlebt hat, weiß welche Kraft und Durchstehvermögen nötig waren, um Frauengeschichte hier in Hamburg überhaupt zu thematisieren.“

„Geschichtsschreibung“, so Marielouise Janssen-Jurreit in ihrem Standardwerk „Sexismus — über die Abtreibung der Frauenfrage“, „ist die Selbstfeier des Mannes, sie ist die Aufzeichnung seiner Taten und die Verherrlichung maskuliner Werte. Sie ist der große Tank, aus dem die männliche Identität gezapft wird und dient der Mythologisierung großer Männer ... Sie entwickelt nichts anderes als die Perspektive eines Herrenabends. Die Geschichte der Frau wird ignoriert ... dieses Mittel des Aussparens und Auslassens des sozialen und politischen Schicksals der Hälfte der Menschheit ist die wirksamste Form der Herrschaft überhaupt.“ Es ist klar, daß zehn Jahre Frauenforschung an den Universitäten hier erst Ansätze zur Aufarbeitung liefern können.

„Im Unterschied zur Universitätsforschung, die Geschichte aus der historischen Distanz betrachtet, schafft unser Ansatz in den Geschichtswerkstätten Betroffenheit und wirkt direkt auf die politische Bewußtseinsbildung. Oral history, die mündliche und subjektiv von Zeitzeugen erzählte Geschichte, hat auch in der etablierten Wissenschaft ihren Stellenwert“, so Elisabeth von Dücker. Die Spurensicherung jüdischen Lebens in Deutschland ist ohne diese Methode überhaupt nicht mehr möglich.

„Welches Geschlecht haben eigentlich die Gartenzwerge?“

Im zweiten Teil der Jahresversammlung der Geschichtswerkstätten-Tagung ging es um den weiblichen Anteil, sowohl inhaltlich als auch personell, in der Bewegung. In allen größeren Städten gibt es Werkstätten mit eigenem frauenpolitischen Ansatz. Es gibt aber auch, wie in Westberlin, den Versuch, in der Arbeit der Werkstatt Frauenthemen inhaltlich durchzusetzen. Die Gefahr des Provinzialismus stellt sich bei dieser aktuellen Aufarbeitung nicht so sehr — was auf das männliche Geschlecht der Gartenzwerge hindeutet.

Aufschlußreich war auch der Beitrag der Frauen aus der DDR, die übereinstimmend feststellten: Erstmal müssen wir die total vermännlichten Strukturen aufbrechen und eigenständiges Problembewußtsein entwickeln. Sie hielten auch den Unterschied zu den West-Frauen fest: Frauen in der DDR diskutieren sehr schnell politisch und gesellschaftsbezogen. Die BRD-Frauen diskutieren oft mehr sich selbst darstellend, allenfalls in Gruppenbezug, fast nie mit Gesellschaftsbezug.

Fäden zur DDR gab es im übrigen schon vor der Wende. Auch dort wird jetzt der Einstieg in die „Geschichte von unten“ — Laien und Historiker arbeiten gemeinsam — gesucht. Aber auf der neuen Ehrlichkeit lastet noch der Schatten der Vergangenheit. Interessante Projekte sind jedoch im Aufbau. So z.B. das Zusammentragen der Lebenserfahrungen der Anwohner der durch den Mauerbau in Berlin geteilten Bornholmer Straße (Prenzlauer Berg in Ostberlin). Auch haben sich die ersten Gruppen zur Aufarbeitung der NS-Zeit gebildet. Und so war das Resümee der Veranstaltung zusammengefaßt in dem Statement der Gäste aus der DDR: Die Frage ist, welche Fragen tun am meisten weh? Diese Fragen müssen wir stellen. Die Gefahr der Provinzialität entsteht nicht, wenn wir an aktuellen Fragen arbeiten.

Der befürchteten „Rückkehr der Gartenzwerge“ wirkt auch die internationale Verwurzelung der Bewegung entgegen. Der Slogan „Grabe, wo du stehst“ des Schweden Sven Lindquist wurde zu einem der gängigsten Topoi der neuen Geschichtsbewegung. Die history workshops in England gaben nicht allein ihren Namen, sondern mit ihren Debatten auch wichtige Anstöße für die Geschichtswerkstätten in der Bundesrepublik. Nach Dänemark, Frankreich, Italien und jetzt auch zu den Memorialgruppen in der Sowjetunion bestehen gute Kontakte.

Hier wie dort geht es um Demokratisierung der Geschichte.

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