FORVM, No. 303/304
März
1979

Große Wahnschaffe

Verwirktes Strumpfgeld
Entführer und Opfer:
Walter Palmers fühlte sich von Thomas Gratt gut behandelt

Gerichtsverhandlungen sind wie Alpträume, kreisen um Nebensachen, man will eingreifen, ist wie gelähmt — die Hauptsache verschwindet hinter einem banalen Konflikt, der mit einer schlechten Pointe endet.

Im ersten österreichischen „Terroristenprozeß“, der vom 12. bis 16. Februar 1979 im Wiener Landesgericht abrollte, war viel von nichtunterschriebenen Polizeiprotokollen, widerrufenen Aussagen, gemachten oder nicht gemachten Entführungsankündigungen die Rede — das eigentliche Thema der Entstehung des Terrorismus kam nicht zur Sprache. Man könnte es so formulieren: Wieso verfallen Linke in den Fehler, demokratische Massenaktionen durch gewaltsame Individualaktionen zu substituieren?

„Die Terrorgeilheit der österreichischen Presse“, sagte Thomas Gratt am zweiten Verhandlungstag, „war im Oktober (1977) am Höhepunkt.“ Die Medien hatten die Bühne für den Helden gebaut, die Individualaktion war fällig. In der Mitte des gesellschaftlichen Unbewußten rief ein vages und doch plastisch greifbares Agens die Akteure auf, ihre Rollen einzunehmen.

Die krisenhafte Beunruhigung der Gesellschaft spürte und spürt jeder. Während Angst und Katastrophenerwartung im kollektiven Unbewußten steigen, wiegeln die sozialdemokratischen Regierungen Mitteleuropas ab, versuchen zu beruhigen. Während sich die soziale Realität für jeden einzelnen verhärtet, wird die politische Propaganda immer bunter, blumiger ...

In diese Lücke stößt das schlechte Gewissen über den unaufgearbeiteten Faschismus. „Weil die BRD bekanntermaßen ein faschistischer Staat ist“, rechtfertigte Othmar Keplinger vor Gericht seine Unterstützungshandlungen für die „Bewegung 2. Juni“. Rachedurstige Söhne stampfen vor ihren Vätern auf, sie schließen das erste Signal eines autoritären Kurses kurz mit dem möglichen Ende in Faschismus und Holocaust.

Insbesondere Charaktere, die sich von der Familienautorität nicht „abgelöst“ haben (nach dem Ausdruck Erik H. Eriksons), die sich nicht freispielen konnten zu einem offenen und rationalen Austrag der Gegensätze, unterliegen unbewußt einem Angstdruck, der sie politische Rechtstrends überbewerten läßt. Sowohl Gratt wie Keplinger haben kurz vor ihrer Verwicklung in die Palmers-Entführung mit ihren Vätern Kontakt gehabt; sie konnten aber ihre Meinungsverschiedenheiten mit ihnen nicht ausdiskutieren, es gelang ihnen kaum, sie überhaupt vorzubringen — obwohl sie damals politisch bereits aktiv waren.

Beide Väter sind ÖVP-Bürgermeister aus der Provinz, und es ist ganz klar, daß die Söhne eigentlich den gefrorenen Autoritarismus ihres Milieus meinen, wenn sie „Faschismus“ sagen. Man kann es aus Gratts Schlußerklärung vor Gericht heraushören: Er spricht vom „Totalitätsanspruch, wie er sich vom bürgerlichen Klassenstandpunkt aus ergeben muß“. Es ist der Totalitätsanspruch seines Baumeister-Vaters, wie ihn Gratts Anwalt Klaus-Peter Schrammel treffend charakterisierte:

Der katholische Glaube in Vorarlberg hat eine puritanische Strenge. Thomas Gratt wurden Lebensideale wie Fleiß, Sparsamkeit, Verläßlichkeit, Verantwortung anerzogen ... Sein ganzes privates Leben hat sich im Familienkreis abgespielt, seine Freizeit, seine Ferien ... mit dem Vater ist er ins Konzert gegangen.

Keplinger beginnt seine Schlußerklärung mit einer Einschätzung der „Bewegung 2. Juni“ als „einer Stadtguerillagruppe, deren Kampf den geschichtlich legitimen Anspruch auf Widerstand und Befreiung von Unterdrückung aktualisiert. In einem Brief an seinen Vater vom Juni 1977 beschreibt Gratt dieses Gefühl des Gefangenseins in der Vatersphäre so:

ich fühle mich besonders dir gegenüber in einem ständigen kampf um meine identität stehend, es ist durchaus möglich, daß ich dieses gefühl nur habe, da ich das von dir geprägte „über-ich“ noch nicht verarbeitet habe.

(zitiert nach profil vom 2.Februar 1979)

Wenn der unerlöste Ödipuskonflikt durch politisches Scheitern blockiert wird, kommt es zur Explosion. Insofern sind Gratt, Keplinger und Pitsch mit Fritz Adler verwandt: Sie sind politische Söhne Kreiskys, die in ihm unbewußt ihren leiblichen Vater treffen wollen, den sie nie frontal angehen konnten. [1]

Thomas Gratt beweist diese übertragene Vatersucht, indem er in seinem Schlußwort mehrmals Kreisky zitiert, gleichsam alle Vorwürfe auf ihn hin orientierend:

es ist also durchaus kein zufall, wenn es gerade b. kreisky als einer der sprecher des sogenannten „demokratischen sozialismus“ ist, der im bereits erwähnten interview die ideologie dieses neuen-alten faschismus auf eine knappe, jedoch das wesen treffende formulierung bringt, wenn er sagt: „der mensch versteht freiheit eher als konsument, nämlich mit seinem einkommen machen zu können was er will.“

Diese klassische Formulierung des Manchesterliberalismus mit dem Wort Faschismus zu belegen hat eigentlich nur die Funktion des Schimpfens, damit soll das kleinbürgerliche Konsummilieu der eigenen Familie denunziert werden. Demgegenüber steht für Gratt „hunger und elend, in welches inzwischen mehr als ⅔ der vom kapital regierten menschheit durch imperialistische zerstörung der eigenen volkswirtschaften und historisch gewachsenen soziokulturellen strukturen gestürzt wurde“. Die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt sollen das Treiben der bewaffneten Gruppen in Mitteleuropa legitimieren, wobei die europäische Arbeiterbewegung als verräterisch übergangen und abgetan wird.

Das Schema geht so: Die Multis haben alles in der Hand, Proletariat ist gleich Dritte Welt, mit den Arbeitern hier ist nichts mehr los, in den Metropolen muß jetzt die bewaffnete Guerilla auf die Computer losgehen, die heutzutage den Turm der Herrschaft bilden, bzw. auf die Menschen, die diese zentralisierte Herrschaft ausüben: Politiker, Bankiers, Richter (siehe Kasten mit Gratt-Zitaten).

Diese irrationale Leugnung der Kämpfe, welche die europäischen Arbeiter tatsächlich gegen die Krise führen (Stahlstreiks in Deutschland und Frankreich, Druckerstreik in der BRD), hat ihre reale Wurzel im Scheitern der 3er-Gruppe am Alltagsklassenkampf des eigenen Landes. Erst als es ihnen nicht gelungen war, sich mit ihrem rebellischen Anliegen in die österreichische Linke zu integrieren, erst als sie dort quasi hinausflogen, verbanden sich Gratt, Keplinger und Pitsch mit den deutschen Terroristen. Es ist wichtig, nützlich und lehrreich, dieses Scheitern politisch zu analysieren.

Gratt und Keplinger, die in Wien Theaterwissenschaft studierten, gründeten im Frühjahr 1977 eine „Arbeitsgruppe politische Gefangene“, abgekürzt APG. Die sprachliche Unbestimmtheit dieses Namens ist charakteristisch für die nebelhafte politische Geistesverfassung der Beteiligten: Sie läßt nämlich offen, ob es sich um eine Gruppe zwecks Hilfe für politische Gefangene handelt, oder ob die Mitglieder selbst sich für (präsumtive) politische Gefangene halten. Später wurde der Name noch auf „Arbeitsgruppe politische Prozesse/politische Gefangene“ ausgeweitet. Und in der Tat: Drei Mitglieder sind jetzt „politische Gefangene“ und haben ihren „politischen Prozeß“ hinter sich. Unbewußtes Vereinsziel erreicht?

Es geht noch weiter. Die ersten Aktionen der APG bezogen sich auf die damals (1977) einzige „politische Gefangene“ in Österreich, die Deutsche Waltraud Boock, die an einem Bankraub in der Wiener Innenstadt beteiligt gewesen war. Man besuchte die „Gefangene Waltraud“ und setzte sich für eine Verbesserung ihrer Haftsituation ein. Mittlerweile sind die Besucher im selben Gefängnis eingesperrt und fordern Anerkennung als Kriegsgefangene sowie die Zusammenlegung in Form einer „interaktionsfähigen Gruppe“. Die Identifikation mit der ersten politischen Gefangenen ist vollkommen.

Die APG beteiligte sich im Rahmen der „Linken Liste“ an den Hochschülerschaftswahlen 1977. Pitsch erhielt an der philosophischen Fakultät 151 Stimmen, und Gratt wurde Studentenvertreter am theaterwissenschaftlichen Institut. Weiters arbeitete die APG an der österreichischen Initiative zur Unterstützung eines Russell-Tribunals mit, das sich mit der Repression in der BRD beschäftigen sollte. Im Sommer, als die anderen Linken auf Urlaub fuhren, waren die APGler eifrig tätig; sie machten hektographierte Aussendungen, in denen sie Titel, die ihnen nicht zustanden, für ihre Zwecke arrogierten. Hier z.B. eine Aussendung im Namen der „Studienrichtungsvertretung Theaterwissenschaft“ vom 8. Auqust 1977, in der der spätere Weg der Gruppe bereits angedeutet ist (damals hatten sie bereits Kontakt mit den 2.-Juni-Leuten in Wien):

Wir verurteilen aufs schärfste die über Genossin Waltraud verhängte verschärfte Form der Isolationshaft (Besuchersperre seit dem Beginn des Hungerstreiks und Korrespondenzsperre), die wir als Versuch der Liquidierung jeglichen bewaffneten Widerstands erkennen, aus dem Grund, weil dieser Widerstand anders nicht gebrochen werden kann. Für die legale Linke soll damit demonstriert werden, daß jeder Widerstand sinnlos ist, da die an der bewaffneten Guerilla entwickelte Vernichtungsstrategie gegen jede Form der Opposition gerichtet ist. Gleichzeitig erkennen wir unser bisheriges Versagen vor der Aufgabe der aktiven Solidarität mit Genossin Waltraud.

Genau diese Töne wird Keplinger später vor Gericht wiederholen ... Als ob es möglich wäre, illegal operierende bewaffnete Gruppen „aus der Legalität heraus“ zu unterstützen! Was soll es heißen, daß der „bewaffnete Widerstand“ (nach einem Bankraub?) von der Staatsmacht nicht gebrochen werden soll — soll man fordern, er möge erlaubt sein? Das ist wirklich etwas viel verlangt vom bürgerlichen Staat! Marxisten hegen solche Illusionen nicht.

Als die anderen Linken aus dem Urlaub zurückkamen, entstand ein Streit, wer nun für die Russell-Initiative zu sprechen habe. Die APG vertrat — analog zu gewissen deutschen Gruppen — die Linie, man müsse „die Rolle der BRD als Satrap der US-Interessen im europäischen Raum“ hervorheben (Flugblattext), und das Russell-Tribunal solle seinen Schwerpunkt auf die Situation der politischen Gefangenen legen. Diese Linie ist in Deutschland gescheitert, wo eine gemäßigte Gruppe um das „Sozialistische Büro“ (SB) die Abwicklung des Tribunals in der Hand behielt; man befaßte sich mit so „trivialen“ Dingen wie Berufsverboten, Zensur usw. [2]

In Österreich hat die Aktivität der APG die Russell-Gruppe paralysiert. Auf einer Sitzung am 31. August 1977 im Wiener Votiv-Espresso wurde die APG zwar von den übrigen Linken majorisiert (Pitsch schüttete einem Widersacher Bier ins Gesicht, einige Gläser gingen zu Bruch), die politische Initiative wurde aber weiterhin den RAF-Freunden überlassen.

Hier liegt das Versagen der Linken gegenüber der APG: Einerseits vermochte man nicht, sie in den Alltagskampf der Linken zu integrieren, der für so wenig aufsehenerregende Dinge geführt wird wie, sagen wir, Freiheit von Zwang in den Schulen, Freiheit von Atomkraft, soziale Forderungen usw. Durch so was kommt man nicht mit Foto aufs Titelblatt der Kronen-Zeitung.

Auf der anderen Seite wich man in der Linken vor einer Auseinandersetzung mit den RAF-Lehrlingen zurück, verabsäumte es z.B., ihnen den Titel „Russell-Initiative“ zu entwinden. Die Linke verhielt sich also den Möchtegern-RAFlern gegenüber in falscher Weise antiautoritär. Das führte später etwa dazu, daß Robert Jungk nach der Palmers-Affäre (vorübergehend) aus dem Russell-Tribunal austrat, weil der Eindruck entstanden war, die Österreichgruppe bestehe aus Gratt und seinen Freunden.

Das Tauziehen zwischen der österreichischen Linken und der „Bewegung 2. Juni“ um die drei APGler wurde im Herbst 1977 endgültig zugunsten der Terroristen entschieden (Schleyer-Entführung im September, Mogadischu im Oktober). Gratt ging in den Untergrund und bekam als Mitgliedsausweis eine Pistole der Type Makarov. Er wohnte zusammen mit Inge Viett, Gabriele Rollnik und Juliane Plambeck in der Burggasse. Man trieb angewandte Wirtschaftsgeschichte. Im Buch des Kronen-Zeitung Wirtschaftsredakteurs, das die Unternehmer wohl im stillen verfluchen werden (auch die Böhm-Entführer haben es konsultiert), fand sich folgender Absatz, der das Kapitel über den „Strumpfkönig“ Walter Michael Palmers einleitet:

Vier ungeschriebene Grundsätze sind bei den Palmers stets eingehalten worden. Erstens: Es werden keinerlei Auskünfte an die Öffentlichkeit gegeben. Zweitens: Alle Einkäufe werden sofort bar Kassa bezahlt. Drittens: Es werden keine Kredite aufgenommen. Viertens: Mitarbeiter und Direktoren werden nur mit Vornamen angesprochen. [3]

Der vierte Punkt ist vielleicht der einzige, den die Firma Palmers mit der „Bewegung 2. Juni“ gemeinsam hat. Es war aber der zweite Punkt, der „Herrn Walter“ zum Entführungsopfer des 9. November 1977 prädestinierte: Bargeld lacht. Verlangt wurden 50 Millionen Schilling, ausbezahlt schließlich der Gegenwert von 30.553.406 Schilling in verschiedenen Währungen (Christian Palmers mußte am 13. November 34 Kilo Papiergeld quer durch Wien schleppen).

Das Gericht sprach der Familie Palmers letztlich — nach einer „Rückgabe“ von rund zwei Millionen — eine Forderung von 28.306.647,08 Schilling zu. Auf meine Frage, ob den drei Angeklagten später die Löhne gepfändet würden, sagte mir der Firmenanwalt: „Das ist kaum zu erwarten. Der Familie Palmers ist die Ruhe mehr wert.“

Auch der Entführte selbst äußerte sich zu diesem Punkt; Palmers, auf Befragen durch Pitsch-Anwalt Eduard Wegrostek: „Das Kapital braucht man nicht, um ein gutes Leben zu führen, sondern um die Firma zu führen.“ Und schließlich: „Das hat die Firma verkraftet.“

Wie werden Gratt, Keplinger und Pitsch die Sache verkraften? Vor Gericht gaben sie sich bemüht forsch, wenn auch bloß ein bemitleidenswerter Krampf dabei herauskam. Gratt grimassierte andauernd, bog seinen Körper zusammen, Fuß aufs eine Knie, Ellbogen aufs andere, Hand vors Gesicht — lauter Defensivreaktionen, die die Zeitungen absichtsvoll mißverstanden („Terror-Buben lachen, schimpfen“, schrieb Frau Zacharia im Kurier).

Keplinger, der wie Christus an der Kette hereingezerrt wurde, blickte sanft vor sich hin. Da sagten sogar die Geschworenen in der Gerichtskantine, wo sie sonst nur Trivialitäten tauschten (über „Musterkollektionen“ und: „A halbe Stund Beratung für jeden“): „... der Keplinger noch am wenigsten!“

Es bewahrheitete sich: Keplinger bekam 5 Jahre, Pitsch 6½, Gratt 15 Jahre (minus 14 Tage). Anwalt Wegrostek führt an, daß man dafür schon ein Flugzeug entführen könnte — mit Todesfall (gewöhnliche Luftpiraterie hat einen Strafrahmen bis 10 Jahre).

So freundlich das Gericht agiert hatte, so hart waren die Strafen. Einen derart nachgiebigen Vorsitzenden, einen derart überfreundlichen Staatsanwalt habe ich in österreichischen Gerichtssälen noch nie gesehen, es war schon fast unglaubwürdig. Pitsch sagte etwa: „Moment, Moment, Moment!“, „Schaun Sie im Akt nach!“ oder: „Meinen Sie das ernst ?“ — der Vorsitzende OLGR Peter Straub, gemäßigte Barttracht, steckte es kommentarlos weg, bat ihn allenfalls, „unter angehenden Akademikern solche Ausdrücke zu unterlassen“.

Die Presse, die auf Zucht und Ordnung im Lande schaut, mahnte: „Ob da nicht die gemütliche Fairneß übertrieben wird?“ Zu Unrecht. Es gab einfach eine Arbeitsteilung: Straub kanalisierte das politische Chaotentum in die Bahnen der Strafprozeßordnung, und die Geschworenenbank klappte am Ende zu: „Gesundes Rechtsempfinden“, konnte der Kommentator der Presse aufseufzend registrieren.

Dabei war allerdings ein Betriebsunfall passiert, den eine weitere Arbeitsteilung, nämlich die zwischen erster und zweiter Instanz, sicher noch reparieren wird: Pitsch hatte eine höhere Strafe bekommen als Keplinger.

Reinhard Pitsch
befummelt dauernd seinen Krawattenknoten. Verschiebung nach oben?

Reinhard Pitsch war die ganze Zeit im blauen Nadelstreif dagesessen, mit Gilet und blauem Hemd, das er nach Anprobe einem weißen vorgezogen hatte. Nervös legte er immer wieder die Hand an den Krawattenknoten, zupfte am Schnurrbart, rückte an der Brille, tupfte mit dem Taschentuch die Stirn ab, putzte zwischendurch auch mal die Schuhe blank. Staatsanwalt Wolfgang Mühlbacher hatte im Plädoyer ausdrücklich gesagt: „Pitsch hat wenigstens zur Aufklärung beigetragen, das muß ihm zugute gehalten werden.“

Auch der Vorsitzende führte in der Urteilsbegründung an: „Mildernd bei Pitsch: Entscheidender Beitrag zur Aufklärung der Tat.“ Dann fragte er Pitsch: „Falls Sie glauben, hier schlechter gestellt worden zu sein ...“ Pitsch meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an. Das taten auch die anderen beiden Angeklagten. Keplinger: „Ich bezeichne dieses Urteil als ein Terrorurteil ...“ Der Vorsitzende unterbricht ihn: „Soweit es im Können des Gerichts gelegen war“, sei das Urteil gerecht. Es klang eher wie eine Entschuldigung.

Am Gang ruft Keplinger, sich überschlagend, Dutschkes Wort am Grab von Holger Meins zitierend: „Der Kampf geht weiter!“

Weit wird er nicht gehen. Dieser Kampf. Zu sehr wurden die inneren Widersprüche der Gruppe offenbar: zwischen der deutschen Partie und der österreichischen, zwischen Gratt und Keplinger, zwischen diesen beiden und Pitsch.

Um mit letzterem zu beginnen: Wenn es in Österreich so etwas wie einen Kronzeugen gäbe, hätte Pitsch diese Rolle gespielt. Die Anklage beruhte hauptsächlich auf seinen Aussagen, man hatte den Eindruck, daß auch die anderen beiden nach dem Beispiel der flüssigen Erzählung des Pitsch aussagten, und zwar Keplinger mehr als Gratt. (In bundesdeutschen Terrorprozessen sagen die Angeklagten nichts zur Sache aus.) Das ist die Logik des Rechtstheaters: Wer weniger Strafe will, muß kooperieren, und Pitsch wie Keplinger wollten von der Anklage der Beihilfe wegkommen zur bloßen Begünstigung, was eine Höchststrafe von zwei Jahren bedeutet hätte. (Gratt, der geständig war, wollte ihnen helfen und sagte deswegen auch aus — am wenigsten.) Die Geschworenen empfanden es als Zumutung: Pitsch wäre im März freigegangen ...

Juridisch ist die Sache freilich klar: Pitsch und Keplinger war die Beteiligung (bewußte Mitwirkung) nicht nachzuweisen — in diesem Zweifel waren sie von der schwereren Anklage freizusprechen. Anwalt Wegrostek sagte in seinem Plädoyer treffend:

Ich muß es leider ins rechte Licht rücken, die zwa san mitgefangen mitgehangen, weil sonst schreit die Presse und schreit der Nachbar. Wären die deutschen Beteiligten hier vor Gericht — der Herr Pitsch und der Herr Keplinger stünden vorm Bezirksgericht wegen der Pässe.

Das dicke Ende:
Die schläfrigen Geschworenen tunkten die Angeklagten am Schluß ein — drei bis fünf Jahre Gefängnis zusätzlich für politische Tiraden

Die Aussage von Pitsch war unter zweifelhaften Umständen zustande gekommen. Pitsch erzählt es dem Gericht so:

Um halb sieben Uhr früh aus dem Schlaf gerissen, zur Stapo befördert, nichts zu essen, nach drei bis vier Stunden eine Packung Zigaretten, nicht auf die Toilette gehen, sechs Stunden verhört, teilweise am Rücken liegend, ein Beamter hielt mir die Füße in die Höhe, hat mir in die Hoden getreten, dann Nervenpressungen über den Ohren, Hebelwirkung am Unterkiefer, Brillen nicht aufsetzen, am nächsten Tag kein Frühstück, Verhör bis 17 Uhr, die ersten zwei Tage nichts zu essen.

Der Untersuchungsrichter Hofrat Stieglitz bezeugte, Pitsch sei ihm bei der Überstellung von der Staatspolizei (die gesetzwidrig verzögert worden war) „schon sehr sanatoriumsreif erschienen“.

Eine Entsolidarisierung der Angeklagten mit der „Bewegung 2. Juni“ muß in der Haft zwangsläufig eintreten, sie ist in ihren Aussagen vor Gericht bereits angelegt. Keplinger schreibt in seinem Schlußwort seinen Beziehungen zum 2. Juni „kategorien von selbstbestimmung, emanzipation, befreiung; d.h. also von menschlichkeit im eigentlichen sinn“ zu. In Wirklichkeit ist seine eigene Aussage über diese Beziehungen in einem Jargon gehalten, der eher dem Repertoire der Polizei oder einer Bande entspricht als einer politisch-solidarischen Gruppe. Die Wörter lauten Illegalisierung, Kontakt („I hab keine Kontakte hergestellt, i hab die Kontakte geführt!“), Observation, Treff („Routinemäßig vereinbarter Treff“), Befehl („Nicht in Befehlsform verpackt“), Sicherheitsregeln, Informationsschranken und was dergleichen bürokratisches Unmenschenvokabular mehr ist.

Keplinger: „Es war ein Prinzip von mir, daß ich net frag, mehr als ich wissen muß für meinen Beitragsteil.“ Wie lange kann man in dieser Kälte leben? Noch schaut er auf den „gewöhnlichen“ Linken herab: „Solange er nur herumquatscht und irgendwelche Pamphlete verfaßt, wird er wahrscheinlich nicht verfolgt werden.“ Das Bedürfnis nach Reden und Schreiben wird wieder erwachen.

Bei Pitsch ist es schon erwacht. Er schreibt an seiner Dissertation über „Occams Sozialphilosophie“. Professor Bendikt vom philosophischen Institut der Universität Wien besucht ihn gelegentlich im Gefängnis, man wechselt Briefe, diskutiert.

Früher oder später muß die Reflexion auch jene Zone erreichen, wo die objektive Wirksamkeit der 2.-Juni-Leute klar wird. Was geschah nach der Tat? Eine Polizeidurchsuchungswelle brach über die Wohngemeinschaften herein, Dutzende Linke wurden durch Verhöre geschleift, die Medien entfesselten eine wahre politische Pogromstimmung. [4]

Und die Deutschen? Sind abgezischt, sie ließen ein trauriges Häuflein von Schnürschuhkameraden zurück. Gratt mußte die riskante Schmutzarbeit machen, und als es über die heikle Tessiner Grenze nach Italien ging, da fuhren die Deutschen mit dem Zug. Die beiden Österreicher sollten die Autos rüber nach Como schaffen und wurden gefaßt. Warum? Der Auspuff des Alfa Romeo knatterte. Er hatte schon durch ganz Österreich und die Schweiz hindurch geknattert. Gratt und Keplinger ritten auf einer Zeitbombe. Wollte man die Tolpatsche aus Wien loswerden?

[1Siehe dazu meine Analyse der „Übersprungshandlung“ Fritz Adlers, anstelle der zur Debatte stehenden Parteispaltung den Ministerpräsidenten Stürgkh zu töten, also: anstatt gegen Vater Viktor politisch loszugehen, den Übervater physisch zu erledigen (Es war Vatermord, NEUES FORVM Mai/Juni 1978)

[2Siehe die mittlerweile im Rotbuch Verlag erschienene dreibändige Dokumentation: Drittes Internationales Russell-Tribunal, Berlin 1978

[3Georg Wailand: Die Reichen und die Superreichen in Österreich, Hamburg 1977, S. 100

[4Siehe NEUES FORVM Dezember 1977 und Jänner/Februar 1978

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