MOZ, Nummer 55
September
1990
Nachruf

Hermi Hirsch, 1924-1990

Ich habe lange den Zusammenhang zwischen mir und Politik nicht verstanden.

Foto: Burgi Hirsch

Jedes Reden über die am 1. Juli an Nierenkrebs verstorbene Hermi Hirsch, linke und feministische Kämpferin, läßt ein Mosaik der gesamten Kultur- und politischen Geschichte (nicht nur) der Wiener Szene aus den letzten fünfzehn Jahren Revue passieren — Verbindungen zwischen ‚Man-trifft-sich‘-Beisln und ‚Frauen-wehrt-Euch‘-Demos, namhaften Künstlern und namenlosen Sozialfällen, antifaschistischer Hoffnung und alternativem Hickhack.

Gestalt annehmen in der autonomen Frauenbewegung: Mitte der 70er Jahre kellnerte Hermi Hrisch im Cafe Dobner, als dieses, die Winter waren kalt, zur Außenstelle des Frauenzentrums wurde. Mit den von ihr 1978 gegründeten „Frauen für den Frieden“ mußten wir radikal Bewegten uns konfrontieren, gerade als wir voller Stolz den Slogan gebaren, daß Feminismus nie und nimmer Pazifismus sei. Hermis eigenes, 1978-82 geführtes Lokal in der Kumpfgasse fungierte, während autonome Frauen sich in Projektarbeit übten, als kulinarischere und geselligere Alternative zum Frauencafe. In der Redaktion der „AUF“-Zeitung engagierte sie sich, neben dem Bund Demokratischer Frauen, am längsten und kontinuierlichsten.

Frauen, Alltag, Politik: Die Praxis der Unterstützungs- und Überlebensnetzwerke. Ganz selbstverständlich andere durchfüttern, versorgen, verpflegen, sich kümmern. Bewegung in den 80er Jahren: Politische Reisen zu Kongressen, auf Podien sitzen, Artikel schreiben, Reden halten. Wider besseres Wissen vieler die Einigkeit Verschiedenster zum Internationalen Frauentag versuchen. Gegen die Feminisierung der Armut, gegen Anti-Abtreibungs-Kampagnen, gegen Gen und Repro. Denkwürdiger Protest gegen Herrn Rafenstein, der in einem Lehrbuch Anleitung zum effizienten Frauenmord lieferte. Rege Solidarität mit Ingrid Strobl, selbst wenn sie nicht freigesprochen wird. Das österreichische Bedenkjahr und weiblichen Widerstand zusammenbringen.

Ein Politikverständnis, das am internationalen ‚Trotz alledem‘ und am ‚Da muß frau doch was tun‘ festhält, mutet 1990 anachronistisch an. „Trauer, immer wieder Trauer, wenn ich täglich von den Verfolgten und Gefolterten, Geschundenen und Toten höre und lese. Angst auch vor der Abstumpfung, weil ich das alles nicht mehr fassen und verarbeiten kann. Hoffen, daß die dümmlichen Grabenkämpfe, die jetzt auch in der Frauenbewegung stattfinden, eines Tages allen als so sinnlos erscheinen, wie sie tatsächlich sind.“

Ehe sie ‚die Hermi‘ wurde: Aufwachsen in Armut, sozialdemokratische Pflegeeltern, Mädchen-Sein im Austrofaschismus und als Jüdin nur knapp am KZ vorbei. Mit 20 ein Sohn, Saisonarbeit im Gastgewerbe, immer wieder Arbeitslosigkeit. „Ich habe gute 20 Jahre — die besten Jahre meines Lebens — gesoffen, habe fast nur Leute, die auch gesoffen haben, gekannt und mit denen, die nicht gesoffen haben, die allergrößten Schwierigkeiten gehabt“. Mit Anfang 50, auch dank Arena, die Erfahrung, etwas zu sagen zu haben, sich durchsetzen zu können, den Zusammenhang zwischen sich selbst und der Politik verstehen zu wollen: nicht bequem. Für die Frauenbewegung repräsentierte Hermi Hirsch denn auch alle Ambivalenzen im Umgang mit personifizierter Streitbarkeit, mit Alter und Generationsklüften, mit Vorbildern und deren Demontage. Wer hat nicht fürchterlich mit ihr gefightet, wer konnte gegen Hermi schon recht behalten, wer fand sie nicht zeitweise unerträglich? Die bislang eher spärlichen Nachrufe einigen sich auf die Schlußformel: Sie wird uns fehlen.

Zitate im Text: aus Beiträgen von Hermi Hirsch in „AUF-Eine Frauenzeitschrift“ (z.T. leicht gekürzt).

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