FORVM, No. 291/292
März
1978

Hier sind Arbeitsplätze!

Plädoyer für Arbeitszeitverkürzung

Durch keine wie auch immer gesteuerte Wachstumspolitik, selbst mit irreparablen ökologischen Schäden erkauft, ist das 30-Millionen-Heer der Arbeitslosen in den westlichen Industrieländern aus der Welt zu schaffen. Die „westlichen“ Arbeitslosenheere sind nämlich nicht mehr vorübergehende Erscheinungen konjunktureller „Rezessionen“ oder regionaler bzw. sektoraler Strukturschwächen, vielmehr sind diese Arbeitslosenheere seit Jahren (in der BRD sehr spät) sich vergrößernde „Sockel“ von langfristig nicht mehr ins Arbeitsleben einzufügenden arbeitsuchenden Massen.

In der Krise weniger arbeiten

In der BRD lag in den fünfziger Jahren die durchschnittliche ökonomische Wachstumsrate bei 10,5 Prozent pro Jahr, in den sechziger Jahren bei 6 Prozent, und in den siebziger Jahren bisher bei noch nicht 4 Prozent. Neue rezessive Tendenzen kündigen sich, ganz entgegen euphorischen, auch regierungsoffiziellen Konjunktur- und Vollbeschäftigungshoffnungen, an: Ein Arbeitslosenheer von ein bis drei Millionen zum Ende dieses Jahrhunderts. Nur ein absolut unwahrscheinliches reales Wirtschaftswachstum von 6 bis 8 Prozent könnte diese Arbeitslosenmassen absorbieren.

Ein bis drei Millionen Arbeitslose in der BRD, wenn nichts geschieht! Was aber kann geschehen? Ausgehend von der grundlegenden Einsicht, daß die bisherige Regierungspolitik der Subventionierung privater Investitionen mit Milliardenbeträgen des Steuerzahlers fehlgeschlagen ist, hat ein ganzes Bündel von Strategien kumulativ einzusetzen.

Dieses Bündel von Strategien soll sich um zwei Hauptstrategien anordnen:

  1. Eine Arbeitsbeschaffungspolitik des Staates — zeitweise unter Einsatz von erheblichem Deficit spending und antiinflatorischen Preiskontrollen —, die die gewaltigen Steuer- und Anleihemittel der öffentlichen Hände und Sozialversicherungen nicht länger für eine globale, in ihren Arbeitsbeschaffungswirkungen höchst zweifelhafte, tendenziell kontraproduktive Forçierung privater Investitionen verschwendet, sondern sie unmittelbar beschäftigungswirksam für Verbesserungen der sozialen Infrastruktur und Lebensqualität (Bildung, Sozialpolitik, Gesundheit, Städtesanierung, Massenverkehr, Landschaftspflege, Umweltsanierung usw.) verwendet; und
  2. eine konzertierte Aktion von Staat und Tarifkontrahenten zur systematischen Verminderung, Qualifizierung und Flexibilisierung des Arbeitskraftangebots. Mir scheint, daß nur eine Doppelstrategie aus diesen beiden Maßnahmenbündeln (an die zahlreiche flankierende Maßnahmen anzugliedern sind) eine realistische und — nicht zuletzt — ökologisch verantwortliche Gesamtstrategie gegen die Arbeitslosigkeit ergibt. Eine Strategie der Verminderung des Gesamtarbeitskraftangebots (also der Gesamtarbeitszeitverkürzung), die im wesentlichen aus folgenden Teilstrategien besteht:
    • Verkürzung der Lebensarbeitszeit: durch Vorverlegung bzw. Flexibilisierung der Altersgrenze und Verlängerung der Schulzeit;
    • Verkürzung der Jahresarbeitszeit: durch Verlängerung des Jahresurlaubs;
    • Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit: durch Überstundenabbau und Reduzierung der Wochenarbeitsstunden (schrittweise von der 40- zur 35-Stunden-Woche).

Eine Arbeitsmarktpolitik der systematischen Verknappung des Gesamtangebots an Arbeitszeit würde den — heute nahezu unsere gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik lahmlegenden — Zwang zum Wirtschaftswachstum um jeden Preis und die damit gegebene gesellschaftspolitische Schlüsselposition des privaten Unternehmertums aufheben. Auch die Aufrechterhaltung einer „kleinen“ industriellen Reservearmee liegt noch ganz im Interesse kapitalistischer Disziplinierungsstrategien — als Druckmittel gegen Arbeiter und ihre Gewerkschaften; Vollbeschäftigung dagegen macht die Abhängigen selbstbewußter, weil „wertvoller“.

Gewerkschaft als Lohnmaschine

Das Vorhandensein einer industriellen Reservearmee erzeugt Existenzangst auch bei den (noch) nicht Arbeitslosen, schwächt die Organisations- und Kampfbereitschaft der Arbeitnehmer und erzeugt unaufhörlich neu die demagogische Forderung nach gewerkschaftlicher „Lohndisziplin“, da sonst angeblich noch weitere Zehntausende von Arbeitsplätzen wegrationalisiert würden.

Warum auch Gewerkschaftsführungen hierzulande bislang meist nur relativ zaghaft die Strategie der Arbeitszeitverkürzung befürwortet haben (und neuerdings dann oft, von sich ablenkend, vor allem als Forderung an den Staat: frühere Pension, 10. Schuljahr ...), erklärt sich aus der eingeschliffenen gewerkschaftlichen (Legitimations-)Politik: durch ihre „Tarifrunden“ Jahr für Jahr mehr Lohn für ihre Mitglieder (und damit leider auch für fast alle Unorganisierten) herauszuholen. Die Gewerkschaft als Lohnmaschine.

Um so höher ist der Lernprozeß in der IG Chemie zu bewerten, der am 21. Juli 1977 zu der Ankündigung geführt hat: „Die IG Chemie will unter Verzicht auf weitere materielle Forderungen u.a. über Verkürzung der Arbeitszeit für Schichtarbeiter, Verlängerung des Urlaubs auf sechs Wochen, Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer ...“

Auf ihrem Gewerkschaftstag im September 1977 hat sich dann die IG Metall ausdrücklich zu einer Vollbeschäftigungspolitik auch durch Verknappung des Arbeitskräfteangebots bekannt: In der Entschließung Nr. 7 wird neben einer Strategie des forcierten qualitativen (!) Wachstums gefordert:

3. Verknappung des Arbeitskräfteangebots durch Verringerung der Erwerbstätigenzahl. Dazu gehören u.a. neben der Herabsetzung der flexiblen Altersgrenze alle Maßnahmen, die eine Verlängerung der Aus- und Weiterbildung bewirken;
4. Verknappung des Arbeitskräfteangebots durch Verkürzung der Arbeitszeit je Beschäftigten. Darunter fallen u.a. alle Maßnahmen zur Verlängerung des jährlichen Erholungsurlaubs und zur Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit.

Parole 35 Stunden!

In einer Kampfabstimmung haben die Delegierten gegen den Willen des Vorstandes (der die Tarifpolitik auf die Durchsetzung des 6-Wochen-Jahresurlaubs konzentrieren wollte) die IG-Metall-Politik verbindlich auch auf die Durchsetzung der 35-Stunden-Woche in den nächsten Jahren festgelegt.

Inzwischen hat auch die IG Druck und Papier auf ihrem Gewerkschaftstag im Oktober 1977 eine Tarifpolitik der Arbeitskraftverknappung gefordert:

Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich, die generelle Einführung der Fünftagewoche auch in Zeitungsbetrieben, Verbesserung für die personelle Besetzung von Maschinen, verbesserter Rationalisierungsschutz und das Verbot der Weiterverarbeitung von Datenträgern, die nicht nach tarifvertraglich geregelten Normen erstellt wurden, sind die Hauptforderungen der Industriegewerkschaft Druck und Papier für die zukünftige arbeitsplatzsichernde Tarifpolitik.

(Frankf. Rundschau, 22. Oktober 1977)

Es kann aufgrund aller Berechnungen und politischer Kräfteverhältnisse kein Zweifel daran bestehen, daß die — falls wirksam, meist außerordentlich kostspieligen staatlichen Maßnahmen zur Verknappung des Arbeitskraftangebots eine zwar wichtige, aber gegenüber den durchaus realisierbaren, weitgehend kostenneutralen tarifpolitischen Strategien nur zweitrangige Rolle spielen können. Gewerkschaftliche Tarifpolitik aber steht damit vor der entscheidenden gesellschaftspolitischen Aufgabe, zwei grundlegende Tatbestände zu verwirklichen und im Bewußtsein der Arbeitnehmerschaft zu verankern: Erstens die Verwirklichung von Arbeitszeitverkürzungen im Rahmen eines „Forderungspakets“, das den Lohnausgleich sichert, das heißt: eine Schmälerung des materiellen Besitzstandes (Realeinkommens) verhindert. Zweitens die Verlagerung der tarifpolitischen Priorität von der Reallohnsteigerung weg zur Arbeitsplatzsicherung mit Hilfe von Arbeitszeitverkürzung.

Zu diesem Zweck muß aber endlich unmißverständlich von den Gewerkschaften bzw. dem DGB klargemacht werden, was der Begriff „voller Lohnausgleich“ konkret beinhaltet: Voller Lohnausgleich kann nur bedeuten — und hat auch in der Vergangenheit nur bedeutet —, daß Arbeitszeitverkürzung von Lohnerhöhungen begleitet sein muß, die mindestens das bisherige Realeinkommen (also bisheriges Nominalmonatseinkommen plus Ausgleich der Inflationsrate) sichern.

Sozialkosten: ein Vierzigstel

Lediglich die Sozialabgaben des Arbeitgebers würden minimal steigen, nämlich um ein Vierzigstel (2,5 Prozent) — eine Tarifpolitik der Arbeitszeitverkürzung ist also, weil verrechenbar im gewerkschaftlichen Forderungspaket der jährlichen Tariferhöhungen, nahezu kostenneutral, und nicht, wie in der Unternehmerpropaganda immer wieder behauptet wird, wegen ihrer Milliardenkosten „unbezahlbar“. Wesentlicher ist die Tatsache, daß eine Beschäftigungspolitik der Arbeitszeitverkürzung für die Arbeitnehmer allerdings nicht „kostenneutral“ ist, vielmehr einen Verzicht, zwar nicht auf den materiellen Besitzstand, wohl aber auf — ohne Arbeitszeitverkürzung — mögliche Einkommenssteigerungen bedeutet. Ob dieser Verzicht zumutbar ist, gehört zu den wichtigsten Einwänden.

Ist ein gewisser Verzicht auf Reallohnsteigerung den Arbeitnehmern zuzumuten bzw. wird er von ihnen, ohne massive Gefährdung der gewerkschaftlichen Glaubwürdigkeit bzw. Mitgliederloyalität, akzeptiert, ist die Arbeitszeitverkürzungspolitik also gewerkschaftspolitisch riskierbar?

Wir wissen erstens aus verschiedenen repräsentativen Umfragen, daß die Sicherung der Arbeitsplätze für die große Mehrheit der Arbeiter und Angestellten absoluten Vorrang vor allen anderen sozial- und gewerkschaftspolitischen Zielen genießt. Einer zielbewußten und wahrheitsgemäßen gewerkschaftlichen Aufklärung über die beschäftigungspolitische Bedeutung von Arbeitszeitverkürzungen würde es — zumal die Logik der Sache auf der Hand liegt! — ein leichtes sein, die Zustimmung einer breiten Mehrheit für diese Politik zu erreichen. Denn die anhaltende Massenarbeitslosigkeit ist ja nicht „nur“ eine Existenzbedrohung für fünf Prozent, sondern eine ständige latente Bedrohung für die große Mehrheit der Arbeiter und Angestellten. Ihr entgegenzuwirken, wäre nur wenigen mit dem Verzicht auf Reallohnsteigerung zu teuer erkauft.

Hinzu kommt, daß wir einen zweiten Tatbestand als gesichert annehmen können: Wie zuletzt die Emnid-Umfrage (vgl. Spiegel 9/1975) ermittelte, votierten 56 Prozent der Erwerbstätigen für die Alternative „Meine Freizeit ist mir lieber als ein zusätzlicher Verdienst“ — während nur 30 Prozent der Gegenthese zustimmten.

Die Hälfte bleibt über

Der Einwand, die Unternehmer werden Arbeitszeitverkürzung durch weitere Rationalisierung, Arbeitsintensivierung usw. kompensieren, ist durch die gewerkschaftliche Erfahrung bereits widerlegt: Es darf nämlich als Erfahrungstatsache gelten, daß etwa die Hälfte der — rein rechnerisch — durch Arbeitszeitverkürzung bei gegebenem Arbeitsangebot neu benötigten Arbeitskräfte tatsächlich zusätzlich eingestellt werden, [1] um das verknappte Arbeitspotential zu ersetzen. Das heißt mit anderen Worten: Natürlich wird nicht in jedem Klein- und Mittelbetrieb jeder „40. Mann“ bei Einführung der 39-Stunden-Woche neu eingestellt, natürlich wird versucht, ihn durch Rationalisierung und Arbeitsintensivierung einzusparen. Nur: Wer so argumentiert, vergißt, daß ohne Arbeitszeitverkürzung in diesen, ja in den meisten Betrieben demnächst durch Rationalisierung usw. auch jeder 39. oder 38. Arbeitnehmer „freigesetzt“ würde.

Generell gesprochen: Sockelarbeitslosigkeit, auch bei wieder zu erwartenden wirtschaftlichen Wachstumsraten von drei bis fünf Prozent, droht wesentlich auch dadurch bestehen zu bleiben, daß erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften durch immer weiter fortschreitende Rationalisierung und Automation, also durch erhöhte Produktivität der Arbeit, verkraftet wird und daß zusätzlich durch Rationalisierung immer wieder Arbeitskräfte „freigesetzt“ werden, die nicht mehr (wie in der bisherigen, stürmisch expandierenden wirtschaftlichen Entwicklung) in erweiterten Produktions- oder Distributionsanlagen Beschäftigung finden können.

Verknappung des Arbeitskraftangebots würde in diesem Prozeß den Bestand von Massenarbeitslosigkeit allein schon dadurch vermindern, daß dem Rationalisierungsprozeß ein Prozeß von Arbeitszeitverminderung korrespondierte, der die immer weitere Freisetzung von arbeitenden Menschen verhindert und damit die „Absorption“ der Arbeitslosen insgesamt erleichtert (statt daß, wie heute, durch Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen die „industrielle Reservearmee“ immer neu aufgefüllt wird, auch wenn es in anderen Teilbereichen zu erheblichen Neueinstellungen kommt).

Da sind 850.000 Arbeitsplätze!

Gehen wir davon aus, daß in den nächsten Jahren eine „Konzertierte Aktion“ der staatlichen und Tarifpolitik zur Arbeitskraftverknappung verwirklicht wird, so ergibt sich bei gegebener Arbeitskräftenachfrage der folgende zusätzliche Arbeitskräftebedarf:

Eine Wochenstunde weniger 650.000
Eine Woche Jahresurlaub mehr 500.000
Einführung des 10. Schuljahres 150.000
Vorverlegung des Rentenalters um 2 Jahre 250.000
Abbau der Überstunden 150.000
Insgesamt wegfallende Arbeitskraft, in Personen 1.700.000

Würde sich diese Zahl durch Rationalisierungsmaßnahmen etwa halbieren, so bliebe immer noch die stattliche Zahl von 850.000, um die sich die industrielle Reservearmee vermindern würde. Käme, im Sinne der einleitend formulierten, zweifellos unerläßlichen Doppelstrategie, eine sinnvolle, d.h. sozialstaatlich orientierte Politik beschäftigungsrelevanter Staatsausgaben und ein allgemeines Wirtschaftswachstum von zwei bis drei Prozent hinzu, so könnte in der Tat Vollbeschäftigung wiederhergestellt werden.

Der wirtschaftspolitische „Sachverständigenrat“ war sich nicht zu gut, vor Arbeitszeitverkürzung u.a. mit dem Argument zu warnen, nach den geburtenstarken kämen wieder geburtenschwache Jahrgänge und es könne sich dann (etwa Mitte der neunziger Jahre!) eine Knappheit an (deutschen!) Arbeitskräften zeigen. Ganz abgesehen davon, daß die erzkonservative These von der Nicht-Umkehrbarkeit eingeführter Arbeitszeitverkürzungen vollkommen irrational ist angesichts der altbekannten enormen Arbeitskraftreserven, die durch Überstunden mobilisiert werden können (zur Zeit in der BRD: 1 Überstunde = 300.000 Arbeitskräfte!), sowie angesichts der leider bestehenbleibenden „industriellen Reservearmeen“, z.B. in Südeuropa.

SP mit dem Wachstum verheiratet?

In den letzten Jahren sind endlich Ansätze einer Neuorientierung der gewerkschaftlichen Einkommens- und Tarifpolitik erkennbar geworden. Nicht zufälligerweise haben die Gewerkschaften ÖTV, Post, Eisenbahner und GEW, die im Staatsdienst Beschäftigte vertreten, 1976 eine Tarifpolitik gleicher, fester Sockelbeträge für alle gefordert. Diese Tarifpolitik muß endlich von allen Gewerkschaften verfolgt werden: An die Stelle der Politik linearer (prozentualer) Einkommenssteigerung, die in den vergangenen Jahren eine durch nichts legitimierbare Kluft zwischen dem Einkommen des unteren und oberen Drittels der Einkommensbezieher hat entstehen lassen, muß eine die Bezieher geringerer Einkommen „privilegierende“ Tarifpolitik — zum Beispiel durch gleiche Sockelbeträge für alle — treten, die im Ergebnis Reallohnsteigerungen primär für die unteren Einkommensgruppen zeitigt.

Die Interessen konservativer Politiker, in Verfolg der von ihnen vertretenen Kapitalinteressen für die Beibehaltung einer industriellen Reservearmee und gegen eine die Freizeit vergrößernde und das Selbstbewußtsein der Abhängigen wiederherstellende Vollbeschäftigungspolitik einzutreten, verstehen sich von selbst. Um so unverständlicher bzw. kurzsichtiger ist das Beharren vieler Sozialliberaler — von dem ohnehin eher der CDU zuzurechnenden Wirtschaftsminister der Koalition einmal zu schweigen — auf Wachstumsillusionen als Rettung für die Arbeitslosen. Dahinter steht das Unvermögen, endlich ohne diese illusionären Wachstumshoffnungen sozialliberale Politik zu machen.

Das gilt auch für die meisten maßgeblichen Sozialdemokraten — Johano Strasser hat in seiner Studie über die „Zukunft der Demokratie“ [2] nachgewiesen, daß die SPD 1960 selbst „die Verdoppelung unseres Lebensstandards noch in dieser Generation“ auf einem Parteitag zum Programmpunkt erhoben hat, daß der erste Entwurf des „Orientierungsrahmens ’85 noch von ungebrochenem Wachstumsoptimismus gekennzeichnet“ war, und daß erst durch die kritische Auseinandersetzung mit diesem wachstumseuphorischen Entwurf (der wesentliche sozialstaatliche, ja sozialistische Probleme noch weitgehend konfliktlos durch Wachstum und „Wohlstand für alle“ lösen zu können glaubte) in der 1975 in Mannheim verabschiedeten zweiten Fassung des Orientierungsrahmens ’85 der Übergang von einem quantitativen zu einem qualitativen Wachstumsbegriff erkennbar wird, ohne daß diese theoretische Selbstkorrektur allerdings in die Praxis sozialdemokratischer Politik eingegangen wäre.

Dabei scheinen die wirtschafts- und sozialpolitischen „Praktiker“ bis zum heutigen Tage bei ihrem Zögern gegenüber arbeitszeitverkürzenden Maßnahmen nicht einmal realistisch durchzurechnen, welche ungeheuren Kosten — nämlich 20 Milliarden pro Jahr bei einer Million Arbeitslosen! — entfallen würden, wenn durch — zweifellos kostspielige — staatliche Maßnahmen wie 10. Schuljahr und niedrigeres Rentenalter, vor allem aber durch die aktive Unterstützung einer Gewerkschaftstarifpolitik der Arbeitszeitverkürzung das Arbeitslosenheer um Hunderttausende verringert würde: Die Neueinzustellenden würden im übrigen den Steuerausfall, der durch die verminderten Einkommenserhöhungen der Arbeitenden entstünde, weitestgehend kompensieren.

Krisenbekämpfung

Zusammenfassend: Eine Politik der systematischen Arbeitszeitverkürzung ist eine unerläßliche, entscheidende Bedingung für die Abwendung der schleichenden ökologischen Katastrophe, deren Tatbestand von „bürgerlichen“ wie marxistischen Ökonomen so lange hinweggeredet werden mußte, wie Wachstum um jeden Preis als oberstes ökonomisches Axiom — ja, was den Kapitalismus betrifft, als unersetzliche ökonomische Stabilitätsbedingung — angenommen wird, von den wachstumsbesessenen Staatsausgabenplanern ganz zu schweigen. Damit ist aber zugleich ausgesprochen, daß volkswirtschaftliche Arbeitszeitplanung zwar hier und jetzt — d.h. auch unter gegebenen privatwirtschaftlichen Verhältnissen mit ihren periodischen Konjunkturschwankungen — durchaus im Interesse der abhängig arbeitenden Massen in Gang gesetzt werden kann, aber letztlich in einer volkswirtschaftlich sinnvollen Weise nur im Zusammenhang eines funktionierenden Systems ökologischer, gesellschaftlicher und volks- bzw. (mindestens) europawirtschaftlicher Rahmenplanung konzipiert und realisiert werden kann.

Weniger arbeiten, weil Arbeitsplätze fehlen

 Maßnahmen/FürsprecherAuswirkungenKosten
1. Arbeitszeitverkürzungen
Gewerkschaften, SPD-Bundestagsfraktion, CDU-Sozialausschüsse
Pro Wochenstunde: nach Arbeitgeberkalkül („rechnerisch“) Mehrbedarf von 670.000 Kräften; NRW-Sozialminister Farthmann (SPD): 220.000 14,8 Milliarden DM (Arbeitgeber)
2. Überstundenabbau
Gewerkschaften, SPD-Bundestagsfraktion, „Prüfauftrag“ des Bundeskabinetts
Bei Halbierung der durchschnittlichen Überstundenzahl von zwei auf eine Wochenstunde zusätzl. Kräftebedarf: 100.000 (Farthmann) bis 140.000 (Sachverständigenrat) Überstundenabgabe (Sozialminister Ehrenberg)
3. Verlängerung des Urlaubs
Gewerkschaften, SPD-Bundestagsfraktion, CDU-Sozialausschüsse
Pro Tag zusätzlicher Jahresurlaub nach Arbeitgeberkalkül („rechnerisch“) Mehrbedarf von 102.000 Kräften; Farthmann: 40.000 2,3 Milliarden DM (Arbeitgeber)
4. Flexible Altersgrenze
Gewerkschaften, CDU-Bundesvorstand, SPD-Bundestagsfraktion, Mehrheit der Arbeitgeber (nach Ifo-Umfrage)
Bei Senkung von 63 auf 60 Jahre (1978) sowie schrittweiser Wiedererhöhung nach CDU-Kalkül: 335.000 freiwerdende Arbeitsplätze bis 1980; Farthmann: jährlich 125.000 freiwerdende Stellen bei Herabsetzung um 1 Jahr 5 Milliarden DM (CDU); SPD-Bundestagsfraktion „mangels Finanzierbarkeit“ nur für Herabsetzung der Altersgrenze für die länger als 1 Jahr Arbeitslosen (von jetzt 60 auf 59 Jahre)
5. 10. Bildungsjahr
Gewerkschaften, CDU-Bundesvorstand, SPD-Bundestagsfraktion, „Prüfauftrag“ des Bundeskabinetts
Bei jährlich 380.000 Hauptschulabsolventen schrittweise Arbeitsmarktentlastungen. CDU: insgesamt bis 1980 100.000 Schulabgänger weniger; SPD: sofort 150.000 weniger 400.000 DM bis 1980 (CDU) bzw. 1,7 Milliarden DM (SPD)
6. „Babyjahr“ Erziehungsgeld
CDU-Bundesvorstand, SPD-Bundestagsfraktion, Land Niedersachsen
Vorübergehendes Ausscheiden von jährlich 50.000 Müttern aus dem Berufsleben (CDU) 1,4 Milliarden DM (CDU); SPD für Finanzierung durch „Arbeitsmarktabgabe“ (Arbeitslosenbeiträge auch der Beamten, Richter und Selbständigen)

Quelle: Frankfurter Rundschau, 18. Juni 1977

[1Vgl. unter anderem die frühen Berechnungen von Günter Friedrichs, in: Technischer Fortschritt und Beschäftigung in Deutschland, in: ders. (Hg.), Automation und technischer Fortschritt in Deutschland und USA, Frankfurt 1963, S. 80 ff. Der Spiegel-Report (,„Arbeitszeitverkürzung — rettende Rechnung?“) formulierte in Nr. 5/77 das Fazit: „Wirtschaftsforscher sind sich darin einig, daß die tariflich vereinbarten Arbeitszeitverkürzungen der 50er und 60er Jahre nur zu einem Teil — die Schätzungen schwanken zwischen 30 und 50 Prozent — von rationelleren Produktionsverfahren und Arbeitsabläufen abgefangen werden konnten. Der Rest aber führte zu mehr Arbeitsplätzen, die schließlich nur mit Gastarbeitern zu besetzen waren.“

Eine Projektgruppe unter Leitung von Michael Bolle kam für das Jahrzehnt 1960/70 bei einer Berechnung der Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverkürzung im Industriesektor sogar zu einer 100prozentigen Auswirkung der Arbeitskraftverknappung: „In der Bundesrepublik nahm im Zeitraum zwischen 1960 und 1970 im Industriesektor die Produktivität je Beschäftigtenstunde um 75 Prozent bei einem Anstieg des effektiven Nettoproduktionsvolumens 72 Prozent zu, wobei die Jahresarbeitszeit je Beschäftigten um 7,4 Prozent verringert wurde. Bei stagnierendem Arbeitsvolumen nahm die Beschäftigtenzahl im genannten Zeitraum um 143.000 oder 7 Prozent zu. Der hier zu verzeichnende Beschäftigungseffekt scheint somit allein durch die Arbeitszeitverkürzung bedingt zu sein.“ (M. Bolle u.a.: Arbeitszeitverkürzung als Instrument zur Behebung von Arbeitslosigkeit, unveröffentlichtes Manuskript)

[2Johano Strasser: Die Zukunft der Demokratie. Grenzen des Wachstums — Grenzen der Freiheit? Reinbek 1977, S. 25; 92

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