Grundrisse, Nummer 37
März
2011

Holloways Flirt mit der Wertkritik

Ein Rezensionsessay zum Buch Kapitalismus aufbrechen

John Holloway zählt zu jenen AutorInnen, die sich ernsthaft der Frage stellen, wie die tatsächliche Überwindung kapitalistischer Verhältnisse gedacht und praktisch angegangen werden kann. Schon das Aufwerfen dieser Frage selbst, die im offiziösen intellektuellen Betrieb als unwissenschaftlich und subjektiv denunziert wird, ist Holloway als Verdienst anzurechnen. 2002 erschien sein erstes großes Werk in deutschsprachiger Übersetzung. Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen stellte eine spannende und aufregende Weiterentwicklung und theoretische Erneuerung praxisphilosophischer Theorieelemente dar. Ausgehend vom Gegensatz zwischen dem lebendigen Tun und den toten, erstarrten Formen dieses Tuns interpretierte Holloway das Klassenverhältnis als permanent aus dem Gleichgewicht: „Die Arbeit kann entkommen, das Kapital kann es nicht. Das Kapital ist von der Arbeit in einer Weise abhängig, wie die Arbeit nicht vom Kapital abhängig ist. Ohne die Arbeit hört das Kapital zu existieren auf: Die Arbeit wird ohne Kapital zu praktischer Kreativität, zu kreativer Praxis, Menschlichkeit.“ (Holloway 2002; 209) Hier ist die Arbeit das Übergreifende; subsumiert unter das Kapitalverhältnis wird sie fremdbestimmt und fragmentiert, jenseits des Kapitalverhältnisses könnte sie sich als freie Kreativität entfalten. Das Ungleichgewicht zwischen dem lebendigen Tun und den abkünftigen, erstarrten Formen stelle, so Holloway, die Basis für unsere Hoffnung dar, das Kapitalverhältnis überwinden zu können. Unmittelbar, in sinnlicher Gewissheit erfahren wir die Unterordnung unseres Tätigkeitsvermögens unter das Kapital als Beschädigung unserer Würde. Der Kampf um Würde ist zugleich das Bestreben, unser Tun von den Fesseln des Kapitalismus zu befreien.

Diese kleine Skizze kann den Reichtum der Überlegungen von Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen nicht wiedergeben, soll aber zumindest einen Eindruck vermitteln, wovon dieses Buch handelte. Holloway selbst bezeichnete dieses erste Werk als Mutter, das nun erschienene Kapitalismus aufbrechen (der Originaltitel lautet Crack Capitalism) als Tochter. Mit diesem neuen Buch nähert sich Holloway der sogenannten Wertkritik an. Manchen LeserInnen mag der Ausdruck Wertkritik nicht geläufig sein. Nun, hier sind wesentliche Elemente aufgelistet: Nach Auffassung der Wertkritik erfolgt die gesellschaftliche Synthesis, also die Zusammenfügung sozialer Elemente zur Gesellschaft, ausschließlich durch den geldvermittelten Warentausch. Die Vergesellschaftung durch die Arbeit sowie das Verhältnis von Staat und Gesellschaft bleiben aus der Theoriebildung ausgeblendet. Das Übel des Kapitalismus liege nicht so sehr im Kapitalverhältnis selbst, sondern in der sozialen Geltung der abstrakten Arbeit. Im Grunde sei der Kapitalismus primär eine Arbeitsgesellschaft und nur sekundär eine Klassengesellschaft. Die Bedeutung sozialer Herrschaft versinkt völlig vor der Tatsache, dass alle, Kapitalsten wie das Proletariat, Arme wie Reiche, Männer wie Frauen, gleichermaßen unter der Herrschaft anonymer Gesetze stünden und diesen erst mal hilflos ausgeliefert seien.

Viele dieser Momente finden sich in Kapitalismus aufbrechen. Ich zitiere einige exemplarische Formulierungen: „Im Kapitalismus ändert sich all dies. Die Verknüpfung [Synthesis K.R.] wird nicht durch Brauch, Befehl oder gemeinsame Entscheidung hergestellt, sondern durch den Austausch von Produkten.“ (Holloway 2010; 142) „In einer Gesellschaft, in der die Beziehungen zwischen Handlenden durch den Austausch von Waren hergestellt werden, werden die Beziehungen zwischen Menschen in Beziehungen zwischen Dingen verwandelt; …“ (Holloway 2010; 213) „Der Strom der Fremdbestimmung, der von der kapitalistischen Totalität ausgeht, wird durch die Art und Weise, in der wir unsere Tätigkeiten aufeinander beziehen [also durch den Markt K.R.], konstituiert.“ (Holloway 2010; 204) „Noch einmal die Argumentation: wir schaffen die Gesellschaft, die uns in Schach hält.“ (Holloway 2010; 100) „Die abstrakte Arbeit herrscht also. (…) Die von uns geschaffene Totalität wird von Gesetzen beherrscht. (…) Das Kapital (unsere Schöpfung) ist ein ‚automatisches Subjekt’ (wie Marx es nannte), das SUBJEKT der kapitalistischen Gesellschaft.“ (Holloway 2010; 146f)

Vom Bruch des Tuns zum äußerlichen Gegensatz Arbeit – Tätigkeit

Durch die Rezeption wertkritischer Theorieelemente hat sich gegenüber Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen einiges verschoben. Dort stellt Holloway den Gegensatz zwischen der lebendigen Arbeit und der vergegenständlichten, toten, gefrorenen Arbeit in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Die tote Arbeit unterwerfe die lebendige. „Das Tun (menschliche Aktivität) entschwindet zunehmend dem Blick“ (Holloway 2002; 63) In den verdinglichten Formen der Tätigkeit, in Ware, Geld, Kapital, Profit, Pacht, Zins, sei der Bezug zur lebendigen Arbeit ausgelöscht und vergessen gemacht. Der Gegensatz zwischen dem Tun und dem Getanen, zwischen der lebendigen Arbeit und der Ware, zwischen der lebendigen Arbeit und dem Kapital zerstöre den Fluss des Tuns und damit den Fluss unserer Beziehungen. In Kapitalismus aufbrechen hingegen ist es die Arbeit selbst, die als Quell des Übels angesehen wird. Die lebendige Arbeit existiert jetzt nur noch jenseits der Lohnarbeit und hört nun auf den Namen Tätigkeit. In Kapitalismus aufbrechen wird das Tun durch das Kapitalverhältnis nicht zerstört und fragmentiert, sondern durch Arbeit ersetzt. Arbeit kann nur als durch und durch entfremdet verausgabt werden. Sie ist schon beschädigt, schon bevor sie überhaupt ausgeübt wird. Sie ist immer schon entfremdet, weil sie immer schon abstrakt ist. Letztlich meint Holloway auf die Adjektive entfremdet und abstrakt verzichten zu können. Wer Arbeit sagt, sagt auch Entfremdung und Abstraktion (Abzug, Verlust). Aus einem inneren Gegensatz in Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen – das Kapitalverhältnis muss das Tun permanent brechen und entfremden – wird in Kapitalismus aufbrechen ein äußerlicher Gegensatz: das Kapitalverhältnis hat das Tun immer schon in Arbeit verwandelt.

Damit ist der Arbeit die Transzendenz genommen. Der Doppelcharakter der Arbeit verweist für Marx auf zwei unterschiedliche Dimensionen. Die abstrakte Arbeit besitzt ihre „Vollgültigkeit“ (MEW 42; 39) nur in kapitalistischen Verhältnissen. Die konkrete Arbeit hingegen überschreitet jedes spezifische gesellschaftliche Verhältnis. Diese konkrete Arbeit ist nun für Marx keineswegs die gute Seite der Arbeit. Konkrete Arbeit wird im Kapitalverhältnis ohne Zweifel unter Zwang und Fremdbestimmung ausgeübt. Indem der Kapitalismus jedoch die Produktivkraft der konkreten Arbeit ungewollt erhöht, schafft er die Möglichkeit, die konkrete Arbeit unter dem Gesichtspunkt der Autonomie und Selbstbestimmung auszuüben. Die Überwindung des Kapitalverhältnisses ist dazu die Vorbedingung. Holloway hingegen identifiziert konkrete Arbeit mit abstrakter Arbeit. „Nützliche oder konkrete Arbeit gibt es also in jeder Gesellschaft. In der kapitalistischen (oder, allgemeiner, der warenproduzierenden) Gesellschaft nimmt sie eine bestimmte gesellschaftliche Form an, die der abstrakten Arbeit.“ (Holloway 2010; 95) Wir können auch sagen: Für Holloway ist die real ausgeübte, sichtbare, tatsächlich raum-zeitlich ausgeübte Arbeit (die konkrete Arbeit) derart von der abstrakten Arbeit bestimmt und durchdrungen, dass die Unterscheidung zwischen konkreter und abstrakter Arbeit jeden Sinn verliert. „Nützliche Arbeit, oder produktive Tätigkeit, muss es in jeder Gesellschaft geben, sie nimmt aber in jeder Gesellschaft andere Formen an: sie steht nicht außerhalb von Gesellschaft und Geschichte.“ (Holloway 2010; 94) Ich halte dagegen: Die konkrete Arbeit überschreitet im Wesentlichen sehr wohl die spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse. Das war auch die große Hoffnung von Marx. Der Kapitalismus entwickelt unter dem Vorzeichen der Heteronomie und Fremdbestimmung die Produktivkraft der konkreten Arbeit. Wohl ist zu erwarten, dass sich die konkreten Arbeitsvorgänge in einer freien Gesellschaft von jenen unter dem Kapitalismus unterscheiden, aber wir werden auch im Kommunismus nicht völlig anders arbeiten können als im Kapitalismus. Wir werden wohl die Produktivkraft der Arbeit anders einsetzen, aber wir werden keine andere Produktivkraft einsetzen. Davon können wir uns alle durch einfache Gedankenexperimente überzeugen. Wohl werden sich in einer freien Gesellschaft viele Aspekte der konkreten Arbeit verändern, aber keineswegs alle. Ob ich eine Tätigkeit selbstbestimmt oder fremdbestimmt ausübe ändert vieles, aber nicht alles. Der Arbeit die Tätigkeit als das ganz Andere entgegenzuhalten, vergisst, dass jedes Tun unter denselben kognitiven, chemischen, physikalischen, geographischen usw. Gesetzen steht.

An die Stelle des Kapitalverhältnisses tritt das Marktverhältnis

Ich komme nun zu meinem wichtigsten Einwand: Durch welche Prozesse wird in Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen der Fluss des Tuns fragmentiert? Die Antwort lautet: Im Kapitalverhältnis selbst, in und durch die Lohnarbeit. „Der Bruch im Fluss des Tuns nimmt dem Tun die Bewegung. Gegenwärtiges Tun wird toter Arbeit untergeordnet.“ (Holloway 2002; 73) Die Formel der Unterordnung des Tuns unter die tote Arbeit ist zweifellos eine Paraphrase der Marxschen These der formellen bzw. reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Mittels vergegenständlichter, vergangener Arbeit, mittels der Produktionsmittel unterwirft das Kapital die lebendige Arbeit und damit die ArbeiterIn. Dieser Position kann ich voll und ganz zustimmen.

In Kapitalismus aufbrechen hingegen vermeint Holloway die Zerstörung der Tätigkeit völlig unabhängig vom Kapitalverhältnis selbst zeigen zu können. Die bloße Tatsache des Warentausches genügt nun. Mehrfach verwendet unser Autor das Beispiel eines kleinen Warenproduzenten, der Kuchen für den Markt bäckt. „Einige Zeit später, wie wir bereits wissen, beschließe ich, Kuchen für den Verkauf auf dem Markt zu backen. Ich entdecke bald, dass ich, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, auf eine bestimmte Art und Weise und in einem bestimmten Rhythmus produzieren muss. Der Markt misst meine Tätigkeit, und dieses Messen wirkt sich wiederum auf meine Tätigkeit aus. Meine Tätigkeit ist zur Arbeit geworden, und zugleich ist mein Schaffensvermögen zu etwas anderem geworden: zu einer unpersönlichen Macht, die über uns herrscht. Wir haben die Macht über unser eigenes Tätigsein verloren.“ (Holloway 2010; 130f) Schon durch den bloßen Warentausch wird mein Tun in entfremdete, abstrakte Arbeit verwandelt. Das Kapital findet die (abstrakte) Arbeit durch die Tatsache des Warentausches bereits fix und fertig vor und muss sie nur noch in seinem Interesse benützen. Im immer wiederkehrenden Beispiel des Kuchenbäckers, in dieser klaren und populär geschriebenen Erklärung für den Verlust des Tuns, fehlt jeder Bezug zum Klassenverhältnis. Die Perspektive wird gedreht, nicht das Klassenverhältnis erfordert die abstrakte Arbeit, die abstrakte Arbeit erfordert das Klassenverhältnis. Ursache und Wirkung sind vertauscht: „Abstrakte Arbeit produziert also eine Klassengesellschaft.“ (Holloway 2010; 149) Ich sehe es genau umgekehrt: Die Klassengesellschaft produziert die abstrakte Arbeit. Die abstrakte Arbeit tut nach Holloway noch mehr. Sie schafft den Staat und das moderne Geschlechterverhältnis. Sie schafft auch die ArbeiterInnen, denn: „Die Schaffung der Arbeit fällt mit der Schaffung des Arbeiters zusammen. Es kann gar nicht anders sein: Arbeit kann nicht ausgeführt werden, wenn es keine Arbeiter gibt, die sie ausführen.“ (Holloway 2010; 114) Auch hier plädiere für eine umgekehrte Sichtweise. Nicht die abstrakte Arbeit erfordert den Arbeiter, sondern die soziale Existenzweise des Proletariats zwingt dieses zur Lohnarbeit.

Ist das Ausgangszenario, der warenproduzierende Kuchenbäcker, überhaupt real? Gibt es die unabhängigen KuchenbäckerInnen überhaupt? Nein, es gibt sie nicht, sie sind eine Fiktion. Ich berichtige mich sofort. Es gibt durchaus kleine WarenproduzentInnen in bestimmten Nischen der Produktion, es gibt sie in prekärer Form in der Subsistenzwirtschaft. Es gibt sie scheinbar in neuen Arbeitsformen, die jedoch als Stücklohnarbeit ohne formales Arbeitsverhältnis zu dechiffrieren sind. Aber in der Alltäglichkeit und Durchschnittlichkeit der kapitalistischen Verhältnisse gibt es sie nicht. Niemand besitzt hier einfach Waren, sondern entweder die Ware Arbeitskraft oder Warenkapital. Die Konstellation von einfachen WarenproduzentInnen als theoriebildenden Ausgangspunkt zu nehmen heißt, eine Fiktion zum Ausgangspunkt zu nehmen. Die Abstraktheit der Theorie ist die notwendige Folge.

Eine große Figur der Entfremdung

Holloway zeichnet eine große Figur der Entfremdung, die im Prinzip alle einschließt. Wir schaffen mittels der Arbeit eine Welt, die uns beherrscht. Wer ist nun dieses Wir, das den Gesetzen unterworfen ist? Wir, das sind wir alle, letztlich schließt dieses Wir auch die herrschenden Klassen ein. Ich frage mich, ob angesichts dieser Konzeption der Begriff „herrschende Klasse“ überhaupt noch Sinn macht. Wohl konstatiert Holloway: „Der Arbeiter hat viel mehr Gründe, gegen die Charaktermaske zu rebellieren, als der Kapitalist.“ (Holloway 2010; 221) Aber wogegen rebelliert nun dieser Arbeiter? Gegen das Klassenverhältnis? Nein, er rebelliert im Grund gegen sich selbst. Gegen seine Maske, die ihm die Arbeit verpasst hat, also auch gegen die Arbeit. Der Klassenkampf wird wörtlich als Form des Konflikts zwischen Tun und Arbeit interpretiert. „Wo abstrakte Arbeit als Lohnarbeit herrscht, nimmt der Konflikt die Form eines Konflikts zwischen Arbeitern und Kapitalisten an.“ (Holloway 2010; 174) Das kann bedeuten, der Klassenkampf selbst ist etwas Sekundäres, Abkünftiges. Ja er erscheint in manchen Passagen geradezu als Maske, hinter der sich der eigentliche Konflikt verbirgt. „Wenn wir sagen, dass der Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital nur der oberflächliche Ausdruck eines tieferliegenden Konflikts ist, dem zwischen nützlichem Tätigsein und abstrakter Arbeit, dann wird sofort klar, dass der gesellschaftliche Antagonismus mitten durch uns alle, mitten durch jede einzelne Person verläuft.“ (Holloway 2010; 220f)

Was ist nun am Befund der großen Entfremdung so problematisch? Seine Einseitigkeit! Ich vertrete stets die Position, dass wir die bestimmenden Gesetze des Kapitalismus in doppeltem Sinne verstehen sollten: Einerseits als Geltung des Wertgesetzes, zweites als politisch organisierte Herrschaft und als Widerstand dagegen. Ersteres schließt die herrschenden Klassen mit ein, insofern sind sie auch Beherrschte, Zweiteres jedoch keineswegs. Holloway spricht nur über den einen Aspekt, erwähnt den anderen kaum. Die gesamte Sphäre der politischen Herrschaft und ihrer Maßnahmen bleibt ausgeblendet, ganz so als ob es sie gar nicht gäbe. Ich frage mich, wie können politische Entscheidungen linear an ökonomische Gesetze zurückgebunden werden? Stehen die herrschenden Klassen ausschließlich unter dem Diktat des Wertgesetzes? Ich wähle einige Beispiele: Die Regierung in London hat die Studiengebühren auf über 10.000 Euro im Jahr erhöht, zwang sie das Wertgesetz dazu? Den Hartz IV EmpfängerInnen wurden Transferleitungen gestrichen, zugleich wurden sie mit einer Erhöhung von 5 Euro gedemütigt, zwang das Wertgesetz dazu? In vielen Ländern fordert der “Krieg gegen die Drogen” abertausende Tote, zwingt das Wertgesetz dazu? Frankreich erhöht das Rentenantrittsalter, zwang das Wertgesetz dazu? Zwang das Wertgesetz zum Krieg gegen den Irak?

Die These, dass auch das Kapital unabdingbar und vollkommen unter den Gesetzen des Wertes stünde, sehe ich in folgender Aussage methodisch begründet: „Das Kapital besteht aus einer riesigen Anzahl voneinander unabhängigen Einheiten, die Waren produzieren, die sie auf den Markt verkaufen.“ (Holloway 2010; 71) Diese Sichtweise halte ich jedoch für unzutreffend. Wie Marx im III. Band des Kapitals zeigt, verschmelzen die einzelnen Kapitale durch mehrfache Mechanismen (Ausgleich der Profitrate, Zins und Grundrente) zu einer geeinten Klasse. Die Konkurrenz schlägt so in ein allgemeines und übergreifendes Interesse an der Gesamtausbeutung der gesamten ArbeiterInnenklasse um. Die Unabhängigkeit der Einzelkapitale ist letztlich nur eine scheinbare, tatsächlich agieren sie als Anteil am Gesamtkapital. Auch das Verhältnis der Kapitale zueinander konzipiert Holloway also aus der Perspektive unabhängiger und isolierter Warenproduzenten.

Der Fokus auf die allgemeine, alles übergreifende Entfremdung – wir haben die Gesellschaft geschaffen, die uns nun beherrscht – führt zu Problemen, die Bedeutung des Klassenkampfes zu bestimmen. In manchen Passagen tritt das Klassenverhältnis völlig zurück, in anderen hingegen betont Holloway dessen Bedeutung. Geradezu als Selbstkritik kann folgende Passage gelesen werden: „… wenn wir abstrakte Arbeit auf ihre Eigenschaft reduzieren, verlieren wir leicht die antagonistische Dynamik [Ausbeutung und Klassenverhältnis K.R.] im Mittelpunkt dieses Systems aus den Augen; wenn wir andererseits uns nur auf die Ausbeutung konzentrieren, übersehen wir die Abstrahierung des Tätigseins zur Arbeit, die dem Ausbeutungsverhältnis zugrunde liegt.“ (Holloway 2010; 150) In den Schlussfolgerungen tendiert Holloway zumeist zum zweiten Aspekt. „Die Tatsache, dass wir es selbst sind, die unser Gefängnis bauen, ist eine Quelle der Hoffnung, geradeso wie es zutiefst deprimierend ist. Dass wir selbst diese Welt, die unser Gefängnis ist, bauen, heißt, dass wir es auch wieder einreißen können.“ (Holloway 2010; 164) [1] In der großen Entfremdungsfigur relativiert sich die soziale Herrschaft als Quelle der Unterdrückung und Hindernis der Befreiung. Der Klassenkampf wird zur Selbsttherapie; das lesen wir wörtlich. „… die ‚Psychoanalyse’ der Gesellschaft kann nur eine kollektive Selbstanalyse sein. Die einzig mögliche Therapie ist die Selbsttherapie.“ (Holloway 2010; 225) Dass wir alle in die Verhältnisse verstrickt, Teil von ihnen sind, so die Schlussfolgerung in Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen ist eine Sache, eine andere, den Prozess der Befreiung unter das Motto der Selbsttherapie zu stellen. Dass der Klassenkampf auch „in uns selbst“ verläuft, das kann ich nicht mittragen.

Abstrakte Negation: Holloway und die Große Weigerung Herbert Marcuses

Die Substanz des neuen Buches von John Holloway meine ich in einem eindringlichen Plädoyer für die Große Weigerung zu erkennen. Wo existiert die Alternative zur Arbeit, das Tätigsein? Die Antwort: – ich hoffe, ich werde dem Buch gerecht – überall und nirgends. „Das Tätigsein strebt nach Selbstbestimmung, und diese strahlt nach außen.“ (Holloway 2010; 201) Das Streben nach Tätigkeit und der damit verbunden Kampf gegen die Arbeit bestimme und durchziehe, so der Autor, jede ernsthafte Rebellion, jeden noch so großen oder kleinen, sichtbaren wie unsichtbaren Versuch, das eigne Dasein selbst zu bestimmen. Im Kern gehe es immer um Verweigerung, um ein Nein, um das Bedürfnis, nicht mehr mitzumachen. Kommt Kapitalismus aufbrechen über diese hoch abstrakte Perspektive hinaus? Ich meine nicht. Daher erinnert mich das Buch sehr an den Begriff der Großen Weigerung von Herbert Marcuse. Auch Marcuse beharrte auf der Großen Weigerung, auf dem Bedürfnis, am kapitalistischen Irrsinn mit all seinen Aspekten nicht mehr mitzumachen. Die spannende Frage ist nun: Ist dieser Ansatz ein Mangel oder ein Vorteil? Nun, so formulierte rhetorische Fragen leiten ein sowohl – als auch ein. Opposition, Widerstand, Rebellion, welchen Ausdruck wir auch wählen, ist allzu oft in ein affirmatives Mitmachen umgeschlagen. Unter dem Banner der konstruktiven Kritik und alternativer Vorschläge wurde zu oft der Prozess der Befreiung gestoppt, verdünnt und ins Gegenteil gewendet. Schon das Faktum, es einmal klar und unmissverständlich zu sagen, dass wir nicht mehr mitmachen wollen, dass wir nach selbstbestimmter Tätigkeit streben und uns deshalb den Anforderungen von Staat und Kapital verweigern müssen, ist ein erster, kleiner Akt der Befreiung. Insofern markiert Kapitalismus aufbrechen eine Konstellation, hinter die wir nicht zurückfallen sollten.

Doch die Schwindel erregende Abstraktionshöhe hat ihren Preis. Durch die Relativierung des Klassenverhältnisses, durch den Gestus eine tiefgreifendere, umfassendere Kritik zu formulieren, droht der Diskurs in undifferenzierte Zivilisationskritik umzuschlagen. Nichts gegen Aussteigerperspektiven und selbst gewählte Armut, aber diese Art, der Arbeit und damit dem System zu entfliehen, beruht stets auf privilegierten Positionen, sind also als allgemeine gesellschaftliche Perspektive ungeeignet. Zudem, und das halte ich für eine fast zwangsläufige Wirkung allzu abstrakter Gesellschaftskritik, verschwindet die aktuelle politische, soziale und ideologische Intervention der herrschenden Klassen aus dem Blick. Ich will jetzt meine Sichtweise nur andeuten. Nach meiner Auffassung sind wir hier in Europa unmittelbar mit einem Versuch der gesellschaftlichen Umwälzung konfrontiert, den Loren Goldner folgendermaßen skizziert: „Das Kapital hat seit der Rebellion durch wilde Streiks in den 1960er und 70er Jahren (mit Ausläufern in Polen, Brasilien und Korea) die quasi-bewusste Gegenstrategie verfolgt, die Zentren der proletarischen Konzentration aufzubrechen und so weitgehend wie möglich neu atomisierte, prekarisierte und zerstreute LohnarbeiterInnen zu schaffen, die sich an Einverdienerfamilien, langfristige Jobsicherheit, Sozialleistungen, sichere Wohnsituation, Bildung und ‚Hoffnungen’ für die nächste Generation (wie bürgerlich auch immer) nicht einmal mehr erinnern.“ (Goldner 2010; 94) „Nicht einmal mehr erinnern“ ist das Stichwort. Es geht um die Aufspreizung der Lebensverhältnisse der herrschenden bzw. beherrschten Klassen, die sich auch in Europa zunehmend unterscheiden, eine Aufspreizung, die politisch gewollt und aktiv vorangetrieben wird. Wir sind aktuell mit einer herrschenden Klasse konfrontiert, die jede Beißhemmung verloren hat. Es geht darum, diese Umwälzungsprozesse zu erkennen, zu benennen und zu bekämpfen. Die Große Weigerung im Namen von Tätigkeit und Selbstbestimmung ist zweifellos eine wunderbare Ausgangsbedingung dafür, aber eben nur ein Beginn. Gibt es etwas Wesentlicheres als den Beginn selbst?

[1Diese Passage erinnerte mich an einen Liedtext der von mir über alles geschätzten Incredible String Band. Darin besingt Robin Williamson poetisch das Faktum der Entfremdung und die Sehnsucht danach, diese zu überwinden:

I built my prison stone by stone
how many useless knots I tied
I dug the pitfalls in my path
how many useless tears I cried
here to build in worlds of beauty
no-one made a joy a duty
no-one, no-one but me
I saw the birds that flew so free
I envied them their grace divine
I saw the dancer’s airy steps
theirs was a different world than mine
here to build in worlds of glory
no-one made my sad sad story
no-one, no-one but me
when useless walls come tumbling down
sparrows will sing on the fallen stones
Adam will pull the knife from his brow
Eve will lick the salt from his wounds
free to make my own tomorrow
free to free my heart from sorrow
free to hear and smell and see
free to be me, free to be free

Aus: “Cutting The Strings” By Robin Williamson. Das Lied erschien auf: „The Incredible String Band - U”, Textquelle: http://isb.bakkevold.com/u.html

Literatur:

  • Goldner, Loren (2010) „Der historische Moment, der uns hervorgebracht hat“, in: Beilage zu Wildcat Nr. 88; Köln, Seite 79 – 96
  • Holloway, John (2002) „Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen“, Münster
  • Holloway, John (2010) „Kapitalismus aufbrechen“, Münster
  • MEW 42 = Karl Marx, Grundrisse, Berlin 1965
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