ZOOM 2/1996
März
1996

In der Wolga versenken

Friedrun Huemer über ein Kriegerdenkmal, mit dem die Täter ihren Opfern verzeihen

Am 8. Juni wurde in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, ein Denkmal für die Opfer der Schlacht von 1943 eingeweiht. Friedrun Huemer, Wiener Landtagsabgeordnete der Grünen und Vorstandsmitglied von SOS-Mitmensch, versuchte drei Jahre lang, das „Versöhnungsdenkmal“ (Junge Freiheit) zu verhindern.

ZOOM: Wem wird mit diesem Denkmal gedacht?

Friedrun Huemer: Zuerst war das Denkmal nur für die Soldaten der 6. Armee der Deutschen Wehrmacht. Jetzt, nach der vierten oder ich weiß nicht wievielten Variante, sind auch die zivilen Opfer der Russen eingeschlossen, alle Opfer von Stalingrad. Das Denkmal läßt aber überhaupt keinen Gedanken in die Richtung zu, was da eigentlich passiert ist, was die Ursache war. Dahinter steht der Gedanke, im Tod sind alle gleich. Und die Täter bieten die Versöhnung an.

Den Opfern.

Ja, doch glatt.

Wie ist die Idee zu diesem Denkmal entstanden?

Der Anlaß war, daß 1992 von den Österreichern ein fünfzig Jahre altes Schlachtfeld entdeckt wurde. Der Herr Seledec [1] hat eine Begehung gemacht, um einen Film über Stalingrad zu drehen, und gesehen, daß da ja noch die Reste vom Krieg herumliegen: Knochen, Stiefel, wahrscheinlich auch Orden – was halt nach fünfzig Jahren noch übrig ist. Das ist schon spannend, was einen Militaristen erschüttern kann. Das muß ihn sehr getroffen haben, daß Krieg auch so ausschauen kann.

Für die hier gefallenen Soldaten aus Deutschland, Österreich und aus allen anderen Ländern erbitten wir den ewigen Frieden in russischer Erde.

(Inschrift auf dem Denkmal)

Er hat dann begonnen, ProponentInnen zu sammeln, und wohl sehr schnell mit dem damaligen Wiener Bürgermeister geredet, der auch leicht zu erschüttern war. Es gab auch die Idee, aus dem Schlachtfeld einen Tourismusort zu machen, so wie Verdun.

Daraufhin sind Sie aktiv geworden?

Es gab einen Finanzbeschluß im Wiener Gemeinderat. Damals habe ich nicht sehr viel darüber gewußt. Ich habe die Nürnberger Prozeßberichte gelesen und bin sehr bald auf die Baby-Yar-Geschichte [2] gekommen. Da hat es einen Folgeprozeß gegeben, der gegen die Wehrmacht gerichtet war. Da gibt es ständig die wiederholte Äußerung, daß sich die SS für die hervorragende Zusammenarbeit mit der Wehrmacht bedankt. Da waren Leute dabei, die genau von der Judenvernichtung gewußt haben.

In der 6. Armee waren einerseits Leute, die keine Ahnung gehabt haben und die sich wohl kaum hätten wehren können, auf der anderen Seite aber auch solche, die an Kriegsverbrechen teilgenommen haben. Es gibt ja inzwischen sehr differenzierte Äußerungen, was möglich war – auch sich den Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zu entziehen.

Daß das alles so genau belegt ist, weiß ich erst seit der Wehrmachtsausstellung im letzten Jahr. Aber es war schon damals genug Anlaß zu sagen, das war keine Verteidigung der Heimat, das war ein Angriffskrieg, und da gab es auch Leute, die an Verbrechen der Wehrmacht teilgenommen haben.

Mit welchen Geldern wurde das Denkmal errichtet?

Das Komitee hat Budgetmittel organisiert und ganz Österreich in Geiselhaft genommen: Alle Länder haben gezahlt, der Bund zweieinhalb Millionen. Es gab einen Ministerratsbeschluß, da müssen alle zugestimmt haben. Und es hat niemand was dabei gefunden. Es hat gereicht: Da ist eh der Bürgermeister Zilk dabei, paßt schon. Weiters gab es Finanzbeschlüsse in allen Landtagen.

Ich nehme an, es wird sich insgesamt so um die vier Millionen gehandelt haben, plus private Spenden. Im Burgenland sollen Präsenzdiener des Bundesheeres mit Listen von Haus zu Haus gegangen sein.

Wer sind die AktivistInnen in diesem Komitee?

Zilk ist ganz wesentlich – und Seledec. Die MinisterInnen Dohnal, Scholten und Schüssel sind nicht Mitglieder im Komitee, haben aber den Ministerratsbeschluß mitgetragen. Ansonsten ist das Komitee wirklich ein Who is who von Österreich. Es sind viele darunter, die ganz bestimmt keine Nazis sind, die sich einfach nichts dabei gedacht haben. Das ist für mich das Betroffenmachende.

Sind auch bekannte rechte Personen, etwa von der Kamerdaschaft IV, dabei?

Die FPÖ ist geschlossen im Komitee, aber auch extreme Rechte, wie Willi Portschy. [3] Und neben ihnen die SPÖ. Der Wiener Militärkommandant Semlitsch zum Beispiel. Er hat immer versucht, für ein anständiges Bundesheer aufzutreten und müßte daher ein extremes Interesse daran haben, die Dinge auseinanderzuhalten. Trotzdem ist er drinnen.

Ist im Zuge der Diskussion irgendjemand aus dem Komitee wieder ausgetreten?

Aufgefallen ist mir, daß die Liberalen sich nun distanzieren. Die Heide Schmidt ist im Komitee, Frischenschlager ist im Komitee. Bei einer Diskussion im Parlament haben sie aber eindeutig kundgetan, sie stehen jetzt auf der anderen Seite. Immerhin. [4] Von den Sozialdemokraten ist nichts gekommen. Ob jemand ausgetreten ist, weiß ich nicht.

Gab es kritische russische Stimmen?

Es gab eine Menge Widerstand. Die Aufstellung des Denkmals mußte zum Beispiel wegen lokaler Wahlen in Wolgograd verschoben werden. Das war einfach untragbar für den Wahlkampf. Aber es gibt einen Vertrag zwischen Wien und Wolgograd, in dem Wolgograd im Falle der Nichteinhaltung zu einer Abstandszahlung verpflichtet worden wäre. Auf das haben die sich nicht einlassen wollen.

Was die Russen nun damit wollen oder nicht, ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Wie wollen wir uns im Ausland präsentieren? Es ist vollkommen klar: Wo der Krieg vielleicht nicht so verbrecherisch war, wie an der Westfront, würde niemand auf so eine Denkmalsidee kommen. Nur dort. Ein Denkmal ist ja bereits in Rußland errichtet worden, in Murmansk.

Deutsche Soldaten als Zuschauer und Fotografen bei einer Erhängung, vermut­lich Winter 1941/42
Das hat auch der Herr Seledec initiiert?

Ja, das war im August ’94. Das wurde viel geschickter und offensichtlich nur privat organisiert. Das schöne war, daß danach Peter Gnam in der Kronen Zeitung geschrieben hat, wie schlecht sie von den Russen behandelt worden sind.

Welche Reaktionen gab es in Österreich?

Es gab Widerstand in einzelnen Kreisen. Wirklich was dagegen tun kann man nicht mehr.

Das Denkmal steht ja schon.

Na ja, man kann es immer noch in der Wolga versenken. Da würde mir schon noch was einfallen.

Was bedeutet das für die Vergangenheitsbewältigung in Österreich, für das gesellschaftliche Klima?

Ich halte das für einen absoluten Rückschlag. Das politische Interesse ist zweifelslos das, genau zu differenzieren und zu sagen: die böse SS, die Waffen-SS ziemlich unschuldig und die Wehrmacht ohnehin lauter anständige Vaterlandsverteidiger. Diese These ist keinesfalls mehr aufrechtzuerhalten, das bestätigt die historische Wissenschaft. Politisch wird diese Erkenntnis aber so stark wie möglich unterdrückt.

Was mich unglaublich ärgert, war die Reaktion des Bundeskanzlers auf unseren offenen Brief. Daß er auf den Brief nicht geantwortet hat, sondern in der Kronen Zeitung hat antworten lassen. Das empfinde ich schon als ein ganz grausliches Symptom.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, zur Thematik Vernichtungskrieg in Rußland ein Denkmal zu machen, wie würde das ausschauen?

Ich glaube, ich würde kein Denkmal machen. Ich würde den Versuch unternehmen, Nachgeborene einzuladen, Menschen, die das in Wolgograd noch bewegt und berührt. Wunderbar wäre ein gemeinsames Forschungsprojekt: Einmal so offen wie möglich diese gemeinsame und Gegeneinander-Geschichte aufzuarbeiten. Das ist gescheiter, als noch ein rostendes Trum hinzustellen. Kriegerdenkmäler haben wir schon genug.

[1Oberstleutnant der Reserve, ORF-Journalist und PR-Berater der „Freiheitlichen“.

[2In Baby Yar bei Kiew wurden von der SS zwischen 1941 und ’43 hunderttausend ZivilistInnen, großteils Juden und Jüdinnen, ermordet.

[3Portschy ist Präsident der burgenländischen Landsmannschaft und Ehrenmitglied der Kameradschaft IV, dem rechtsextremistischen Veteranenverband ehemaliger Waffen-SSler.

[4auf Nachfrage teilte der liberale Parlamentsklub mit, daß seit ’93 niemand vom Komitee mehr an sie herangetreten sei, Schmidt und Frischenschlager daher auch keinen Grund sehen, ihre Unterstützung offiziell zurückzuziehen. Solange das Denkmal auch dem Gedenken der zivilen Opfer diene, sei es, so Schmidt, richtig – auch wenn sie fürchte, daß es sich zu einer Wallfahrtsstätte entwickeln könnte. Es fahre aber sicher keinE LiberaleR zur Einweihung nach Wolgograd. Im übrigen, so die Auskunft aus dem Parlamentsklub, nähmen die Liberalen an der Diskussion über das Denkmal nicht teil.

Aus einem Brief des Unteroffiziers F. K. vom 14.8.1942:

Was das Juden-Regime in Rußland angerichtet hat, sehen wir mit jedem Tag, und auch der letzte Zweifler dürfte hier angesichts der Tatsachen kuriert werden. Es muß und wird uns gelingen, die Welt von dieser Pest zu befreien, dafür garantiert der deutsche Soldat der Ostfront, und wir wollen nicht eher zurück, als hier die Wurzel allen Übels ausgerissen und die Zentrale der jüdisch-bolschewistischen ‚Weltbeglücker‘ vernichtet ist. Mögen unsere Wünsche recht bald in Erfüllung gehen, denn nur dann kann uns ein frohes Wiedersehen vereinigen, wenn wir uns vom jüdischen Einfluß von innen und außen befreit wissen.

aus: Walter Manoschek (Hg.): Das Judenbild in deutschen Soldatenbriefen 1939–1944. Hamburger Edition 1995.
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