FORVM, No. 280/281
März
1977

Inder & andere Rinder

Woher kommt die Diktatur?
Trockenheit in Maharashtra

Papiersozialismus

Als die Engländer Indien verlassen mußten, hinterließen sie nicht nur ein ausgeraubtes Land, sondern auch eine große Lüge: Indien brauche sich nur vom Kolonialjoch zu befreien, und schon kann eine neue Entwicklung beginnen. Eine Entwicklung, in der individueller Wohlstand, persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit aufblühen würden. Der institutionalisierte Ausdruck dieser Lüge ist der indische Kongreß, die heutige Regierungspartei. Der Kongreß organisierte den Widerstand gegen die Kolonialherrschaft, kanalisierte ihn und unterdrückte sämtliche sozialen Widersprüche innerhalb der indischen Gesellschaft. Sie wurden nur als religiöse Widersprüche geschichtswirksam, was zur Teilung des Subkontinents erst in zwei und 1971 in drei Länder führte, ohne daß sich die sozialen Verhältnisse in den drei Ländern wesentlich voneinander unterschieden.

Der Kongreß organisierte alle Sektoren der Gesellschaft und mußte daher alle Klassen in seinem Programm berücksichtigen. Während für die Bourgeoisie das Ziel die nationale Unabhängigkeit war, konnten die verschiedenen sozialen Unterschichten nur organisiert werden, wenn diese Unabhängigkeit auch eine Änderung ihrer sozialen Lage mit sich brachte. Die Kongreßführung ging darauf ein und versprach soziale Änderungen. Fortschrittliche, sogar sozialistische Zielsetzungen waren der Leim der Front des Unabhängigkeitskampfes.

Der Kampf für soziale Änderungen wurde offizielles Programm, dem die herrschenden Kompradoren nichts entgegensetzen konnten, wollten sie nicht unterm kolonialen Joch bleiben. Die Engländer haben zwar die sozialen Positionen der indischen Oberschicht gestützt, aber diese niemals als ebenbürtig akzeptiert: Der britische Rassismus zwang auch große Teile der indischen Oberschicht zu einem Widerstand gegen die Kolonialmacht und damit auf den Boden sozialer Veränderung. Den Ausgebeuteten war dadurch die Notwendigkeit, sich unabhängig von den Herrschenden zu organisieren, genommen.

Die Kongreßpartei, die seit der Unabhängigkeit ununterbrochen die Zentralregierung sowie die meisten regionalen Regierungen bildet, handelt in ihren Versuchen, die Gesellschaft durch Reformen grundlegend zu ändern, gegen die sozialen Realitäten: Reform ist vor allem bedrucktes Papier, sei es als Programm, sei es als Gesetz. Kaum anderswo dürfte der Unterschied zwischen geschriebenem Recht und sozialer Realität größer sein als in Indien. Keiner der Sozial- und Wirtschaftspläne hat sich als Instrument gesellschaftlicher Planung bewährt. Effizient war die indische Regierung lediglich in der Unterdrückung sozialistischer Alternativen: Zwei legal gewählte kommunistische Provinzregierungen wurden unter Androhung von Waffengewalt abgesetzt.

Kleinbauern und Wucherer

Die indische Gesellschaft ist nicht homogen. Es existieren nebeneinander mehrere Gesellschaften, die nur wenig Zusammenhang haben. Abgesehen von den auf den verschiedensten Kulturstufen stehenden, an den Rändern des Subkontinents und in den Wäldern wohnenden Stämmen, muß zwischen der traditionellen Agrargesellschaft und der modernen kapitalistischen Gesellschaft in den Städten unterschieden werden.

Indien besteht aber auch aus vielen Nationen — indische Banknoten sind in 14 Sprachen gedruckt, und da sind die Sprachen der Minderheiten noch nicht dabei — mit jahrhundertelang unterschiedlicher Geschichte und daher unterschiedlichen Strukturen. So konnte etwa im Westen und Nordwesten eine indische Kapitalakkumulation stattfinden, da die Engländer diese Teile erst im 19. Jahrhundert erobert hatten und dort von Anfang an als staatliche Autorität auftraten und nicht als private Rauborganisation. Man findet dort, vor allem im Pandschab, eine Religion, die dem Kalvinismus ähnelt und stark arbeits- und leistungsorientiert ist: die Sikh. Im Osten und Südosten, von wo aus die East Indian Company ihre Raubzüge startete, befinden sich die ärmsten und elendsten Provinzen, wo sämtliche Ausbeutungsverhältnisse noch brutaler hervortreten.

Der größte Teil der indischen Bevölkerung lebt im traditionellen Agrarbereich. Von da hat eine Analyse auszugehen.
Obwohl jede Regierung hoffte, die Klassenbeziehungen des Feudalismus durch freiere Marktbeziehungen zu ersetzen, konnte sich die Oberschicht des Agrarsektors erfolgreich gegen Reformen zur Wehr setzen. Es gelang ihr sogar, die Reformversuche zur eigenen Stärkung auszunützen. Man findet feudale Abhängigkeiten, z.B. Schuldknechtschaft, sogar in der Industrie und im Bergbau außerhalb der großen Städte: Als 1975 in einem indischen Kohlenbergwerk Hunderte Menschen unter Tag eingeschlossen wurden, konnte niemand sagen, wie viele Hauer unter Tage waren, und schon gar nicht, wie sie hießen. Viele der in den Listen eingetragenen Bergarbeiter hatten ihren Arbeitsplatz verpachtet und einen Teil des Lohnes einbehalten. Lokale Gewerkschaftsführer sind oft als Subausbeuter tätig.

Die indische Landwirtschaft kennt mit Ausnahme der Plantagen, auf denen Tee, Kokosnüsse und industriell verwertbare Pflanzen angebaut werden, keinen Großgrundbesitz, wie er für den europäischen Feudalismus oder heute noch für Teile Lateinamerikas typisch ist. Mit zehn Hektar gehört man bereits zur dörflichen Oberschicht.

Daraus darf aber nicht geschlossen werden, daß die Klassengegensätze am Land nicht schroff wären. Gerade die relative Armut der dörflichen Oberschicht treibt diese zu einer unfaßbar brutalen Ausbeutung des Volkes. Die große Masse der landlosen und landarmen Bauern ist der dörflichen Oberschicht auf mehrfache Weise ausgeliefert: Die Armen sind gezwungen, Land zu pachten oder sich als Landarbeiter zu verdingen. Die Pachtgebühren betragen 40 bis 60 Prozent der Ernte. Nur in wenigen, vorwiegend bewässerten Gebieten sind feste Pachtzahlungen üblich. Für Lohnarbeit werden oft nur sechs bis acht Schilling pro Tag bezahlt. Das ist weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn, den aber niemand einklagt.

Da landwirtschaftliche Arbeit nur zu wenigen Zeiten des Jahres anfällt und auch der Rest einer erarbeiteten Ernte oft nicht das Überleben bis zur nächsten Ernte sichert, muß zu Krediten Zuflucht genommen werden. Als Kreditgeber tritt wiederum der Grundbesitzer oder einer seiner Verwandten auf. Als noch immer relativ armer Bewohner des Landes kann er mit den Pfändern des Dorfarmen etwas anfangen: An erster Stelle steht dabei das Versprechen auf Arbeit, aber auch Töpfe und anderer Hausrat oder ein Stück des Daches kann als Pfand gegeben werden.

Wahlkampf in Indien:
Ein Plakat der Communist Party of India (Marxist) (CPIM), das die Grausamkeit der Central Reserve Police anprangert (Westbengalen 1972)

„Notwendiges“ Elend

Die Zentralregierung hat versucht, diesem Wucherwesen durch Gründung moderner Banken entgegenzutreten. Nach dem Sieg über Pakistan 1971 wurden die Banken verstaatlicht und das Filialnetz ausgebaut. Da aber landlose oder landarme Bauern der Bank keine Sicherheit geben können — was soll auch eine nach kapitalistischen Prinzipien funktionierende Bank mit dem Versprechen, auf einem Feld zu arbeiten, oder mit ein bißchen Hausrat? —, konnten die Banken nur wenig am Monopol des Wuchers ändern. Die Zinssätze sind immer noch mindestens zehn Prozent pro Monat, als untere Grenze für Getreidedarlehen. Daraus resultiert eine oft über Generationen andauernde Schuldknechtschaft, die aus anfänglich kleinen Schulden entsteht, etwa 500 Schilling für eine Hochzeit oder nach einer Dürre.

Gegen diese doppelte Ausbeutung hat jede Regierung seit einem halben Jahrhundert „Maßnahmen“ getroffen, sich in der Durchsetzung der entsprechenden Gesetze aber auf die dörfliche Oberschicht verlassen. Polizei und lokale Behörden sind mehr von der lokalen Herrschaft als von der regionalen oder zentralen Regierung abhängig; die Gerichte sind personell eng an die Herrschenden gebunden: Richter sind überwiegend Brahmanen.

Vor allem der Kapitaleinsatz sollte laut Kongreßpolitik in der Landwirtschaft geändert werden: Chemische Düngemittel, verbessertes Saatgut, Maschinen, elektrische Pumpen usw. Aber nur die Oberschicht, die über die Kreditmöglichkeiten verfügt, kann davon Gebrauch machen. Ihr fallen alle Subventionen zu, die der Landwirtschaft gegeben werden.

Die Oberschicht macht aber nur so lange davon Gebrauch, als es ihrem kurzfristigen Profitinteresse dient. Meistens hat sie aber kein Interesse an wesentlichen technischen Änderungen: Würde die halbe Ernte das Überleben auch in schlechten Jahren sichern, stiege also die Produktivität im Agrarbereich so, daß höhere Löhne unvermeidlich wären, dann verlören die Grundherren die Möglichkeit des Wuchers. Die Grundherren haben nicht nur an der Ausbeutung ein ökonomisches Interesse, sondern am Elend selbst. Investitionen zahlen sich bei Mehrwertraten von 50 Prozent nicht aus, sie würden nur Geld binden, das dem Konsumfonds der Grundbesitzer entzogen würde. So findet man etwa in einigen Gegenden nicht ausgenützte Brunnen.

Landlose Bauern sind bei diesen Produktionsverhältnissen eine technische Notwendigkeit: Die Arbeit fällt nur zu wenigen Zeitabschnitten im Jahr an, aber dann in einem Maße, daß selbst Eigentümer und Pächter kleiner Grundstücke auf fremde Arbeit angewiesen sind.

Die Bank und die zerbrochenen Töpfe

Die Erweiterung des Bankensektors war ausschließlich für die Oberschicht von Nutzen. Nicht nur verfügt sie jetzt über die notwendigen Kredite, falls sie investieren will, sie verfügt auch über das Kapital, das zur Spekulation mit der Ernte notwendig ist. Die Dorfreichen und der Zwischenhandel bekamen mit den Banken ein wichtiges Mittel im Kampf gegen soziale Reformen in die Hand: Die indische Regierung schreibt vor, daß ein Teil der Ernte zu festen Preisen verkauft werden muß und in rationierten Mengen in den Städten an die Armen abgegeben wird. Der Rest bleibt für den freien Markt. In den Jahren nach 1971, als durch eine Reihe von Mißernten die Versorgung der Städte schlecht war, konnte mit Hilfe von Bankkrediten ein Teil der Ernte zurückgehalten werden, um dann am schwarzen Markt frei vertrieben zu werden. In Kalkutta war es die Jugendorganisation der Kongreßpartei selbst, die den Reisschmuggel in die Stadt besorgte.

Zeitlich fiel die schlechte Ernte mit dem Kampf um den Getreidehandel zusammen. Die Regierung verstaatlichte 1971 den Weizenhandel und hoffte, nach und nach den gesamten privaten Getreidehandel auszuschalten. Durch das Horten und den Schwarzmarkt gelang es, den staatlichen Weizenhandel zu unterlaufen. Die Korruption tat ein übriges. Im Frühjahr 1974 mußte die Verstaatlichung zurückgenommen werden und damit alle Pläne für weitere Verstaatlichungen. Diese Entscheidung kann als Wendepunkt indischer Regierungspolitik betrachtet werden. Sozialismus läßt sich nicht mit Parlamentsentscheidungen ohne Kampf einführen. Der Versuch, gegen die Klassenverhältnisse ohne Klassenkampf zu regieren, brachte nur Versorgungsschwierigkeiten.

Die Landwirtschaft hat sich nicht nur selbst nicht entwickelt — alles, was erreicht wurde, war, daß die Versorgung der Bevölkerung seit der Befreiung nicht gesunken ist —, sie bietet auch wenig Entwicklungsmöglichkeiten für den kapitalistischen Sektor. Die Kapitalakkumulation ist trotz der großen Einkommen im Agrarbereich schwach. Ein zu großer Teil der Einkommen der Oberschicht geht für Konsum auf: das Leben in der Stadt, Pilgerfahrten, religiöse Dienste, Studium eines oder mehrerer Kinder, Auslandsreisen.

Auch die staatliche Akkumulation im Agrarbereich ist gering. Es gibt nur eine Grundsteuer, die nicht sehr hoch ist, aber fast keine Einkommensteuer für Einkommen aus der Landwirtschaft.

Die Armut des Volkes wiederum beschränkt die Kaufkraft und dadurch den Markt für die Konsumgüterindustrie. Nicht Kapitalmangel, wie es bürgerliche Entwicklungstheorien behaupten, sondern die Verschwendung von Einkommen und die Armut der Massen sind die Hindernisse für eine Entwicklung der Industrie.

Kniefall der Bäuerinnen vor Indira Gandhi:
Die Diktatorin zeigt sich ein Stündlein in einem Dorf in ihrem Wahlkreis Hillaur (April 1976). Hier gibt es weder Fließwasser noch Schule

Landreform braucht Bürokratie

Die Versuche der Regierung, an den Verhältnissen etwas zu ändern, sind im großen und ganzen gescheitert. Bodenreform und Kapitaleinsatz schienen der Schlüssel zu einer Änderung, eine Bodenreform mit den Mitteln von Gesetz und Verwaltung, Kapitaleinsatz durch Subventionen und Marktmechanismen.

Landreformgesetze wurden in fast allen Provinzen erlassen, ihre Wirkung ist kaum zu bemerken. Nicht nur weil der maximal erlaubte Besitz für indische Verhältnisse sehr groß ist — er liegt zwischen 6 und 100 ha, abhängig von Gegend, Bewässerung und Boden —, sondern auch, weil die Gesetze leicht umgangen werden können bzw. gar nicht vollzogen werden: Übertragung von Boden an Familienangehörige oder an landlose Bauern, die das Land dann als Landarbeiter bebauen; aber auch gewöhnliche Bestechung oder Einschüchterung. Genossenschaften spielen eine verschwindend geringe Rolle.

Durch das System der Einzelbewirtschaftung können landwirtschaftliche Großprojekte nur durch eine zentrale Bürokratie bewältigt werden. Indien ist, ebenso wie China, von einem Bewässerungssystem abhängig. Da es auf lokaler Ebene kaum eine planende Instanz gibt — die kleinste autonome Einheit ist eine der 18 Provinzen —, müssen Bewässerungsanlagen, Straßen und Schulen zentral verwaltet werden. Die unabhängigen Bauern, die man in der bürgerlichen Ideologie als Garanten der Freiheit betrachtet, erzwingen einen riesigen Staatsapparat, den man anderswo nicht kennt.

Gebremster Kapitalismus

Im industriell-kapitalistischen Sektor leben nicht mehr als 15 Prozent, also kaum ein Sechstel der indischen Bevölkerung. Industrialisierung sollte der Schlüssel zur Entwicklung Indiens werden. Das Fehlen ausreichender Industrie erschien nicht nur als Ursache von Elend, sondern war das Kriterium für Unterentwicklung überhaupt. Nicht nur materieller Reichtum, sondern auch freiere Sozialstrukturen („Arbeitsmarkt“) sollten durch die Industrialisierung geschaffen werden. Wirtschaftsplanung war vor allem Planung der Industrie.

Da es nur wenig private Akkumulation gab und diese auf einige Gebiete in den Großstädten und im Westen des Landes konzentriert war, mußte der Staat von Anfang an aktiv in die Industrialisierung eingreifen. Staatliche Investitionen, vor allem in der Schwerindustrie, sollten die Basis für die Privatindustrie bilden. Aber auch die Privatinvestitionen sollten sich nicht frei entwickeln: Nur in jenen Bereichen sollte investiert werden, die sich in die staatlichen Fünfjahrespläne einfügten.

Diese Pläne waren an abstrakter Industrialisierung orientiert: Mehr Industrie ist besser als weniger Industrie; mehr Stahl ist besser als weniger Stahl; moderne Verfahren sind besser als ältere Verfahren; nationale Entwicklung drückt sich in Zuwachszahlen industrieller Produktion aus. Größere Investitionen waren genehmigungspflichtig, vor allem, wenn ein Teil der Ausrüstung importiert werden mußte.

Es war der Versuch eines Kapitalismus ohne Kapitalismus: Private Investition, aber keine Anarchie; private Aneignung von Profiten, aber nur im begrenzten Maße freie Verfügung über diese Profite; Anhäufung von Reichtümern bei der Oberschicht, aber ihre Konsummöglichkeiten sollten beschränkt werden.

Das Ergebnis war: eine staatlich konzessionierte Profitwirtschaft, in der die Bürokratie durch Korruption an den Profiten teilhat. Die staatlichen Regelungen erwiesen sich als Hemmnis für die Entwicklung des Kapitalismus. Daher mußte der Staat einbezogen werden: Erlaubnis zur Investition wurde zu einer Frage des Schmiergeldes; sämtliche Güter, die eine Firma aus dem Ausland benötigte, konnten geschmuggelt werden. Natürlich wurden alle Konsumgüter, die der kaufkräftigen Oberschicht erstrebenswert erschienen, erzeugt oder importiert, während Konsumgüter für die Massen in zu geringem Umfang produziert wurden: Billige Baumwollstoffe, die zu geregelten Preisen rationiert verkauft wurden, gab es weniger, als der Plan vorsah, während teure Textilien in ausreichendem Maße vorhanden waren.

Diese Form der staatlichen Wirtschaftsverwaltung steuerte das Ausmaß der Konkurrenz: Nicht alle konnten durch Bestechung eine Erlaubnis zur Investition bekommen. Die Zahl der Lizenzen war beschränkt. Bestechung konnte auch bewirken, daß ein anderer die Lizenz nicht bekam. Der Monopolisierungsgrad der indischen Industrie wurde dadurch erhöht.

Die verwendeten Technologien richten sich nach der Profitabilität und dem Prestigebedürfnis der Unternehmer. Folge: Die indische Industrie arbeitet immer kapitalintensiver, d.h., pro erzeugter Einheit werden immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Die Planung hoffte durch Industrialisierung Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft abzuziehen. Die verwendeten Techniken steigern den Bedarf an Arbeitskräften weniger, als der Kapitalakkumulation entsprechen würde.

Indira Gandhi im Wahlkampf in Nagpur (Maharashtra)
Tribünenschmuck: Heilige Kuh mit Kalb und linksdrehendem Hakenkreuz (Symbol der Kongreßpartei)

Die Arbeiter haben’s besser

Die Arbeiter der Industrie und des sonstigen organisierten Bereichs, z.B. der Eisenbahn oder Post, gehören in Indien bereits zu den besser Verdienenden. Mit Einkommen von öS 500 bis 1.000 im Monat gehören die Arbeiter zu den oberen 20 Prozent der Einkommenshierarchie. Die Zahlen täuschen aber über die wahren Lebensbedingungen hinweg. Viele Arbeiter, insbesondere außerhalb der großen Städte, sind verschuldet. In den Städten liegen die Lebenshaltungskosten um vieles über denen am Land: eine Schlafmöglichkeit muß gemietet werden, der Weg zur und von der Arbeit ist oft eine Fahrt mit dem Autobus. Dennoch leben die Industriearbeiter unvergleichlich besser als die Armen im Dorf — Arbeiter haben zu essen, sie sind weniger als die Landarbeiter persönlicher Unterdrückung und Willkür ausgesetzt.

Gewerkschaftliche Organisationen und Kämpfe gibt es nur in der Industrie und im staatlichen Bereich. Da die Industriearbeiter trotz familiärer Bindungen an das Dorf von den übrigen Ausgebeuteten abgehoben sind, gehen sie nicht zusammen mit den Landarmen. Forderungen der Arbeiter sind nicht nur Forderungen gegenüber der Bourgeoisie bzw. dem Staat, sondern werden zu Forderungen gegenüber anderen Teilen der Gesellschaft. Typisch: Die Eisenbahner, die eine lange Kampftradition haben und in den letzten Jahren eine Reihe von Verbesserungen durchsetzen konnten, verlangten, daß die Kinder von Eisenbahnern bevorzugt in den Eisenbahndienst aufgenommen werden. Die Spaltung in Arbeitende und Arbeitslose, in Agrarbereich und Industrie soll verewigt werden.

Tradeunionismus ist in den Entwicklungsländern stärker verwurzelt als in den Industrieländern: Nicht nur steht eine Gewerkschaft gegen die andere, die Arbeiter können sich auch Einkommen auf Kosten der Bauern erkämpfen. Die ökonomische Spaltung der Ausgebeuteten ist für die politische Entwicklung von enormer Bedeutung: Sie erschwert solidarische Aktionen und einen einheitlichen Kampf. Der für Marxisten geläufige Satz: daß für den Sozialismus unter der Führung des Proletariats gekämpft werden muß, ist in der Dritten Welt problematisch. Eine reine Bauernbewegung wiederum kann keine sozialistischen Strategien entwickeln. Geht die Arbeiterbewegung nicht von den Problemen der Ausgebeuteten des Agrarbereichs aus, ist sie zum Scheitern verurteilt.

Was sucht Shakespeare in Indien?

Für die indische Entwicklung seit 1949 war die intellektuelle Mittelschicht entscheidend wichtig. Sie ist die eigentliche Trägerin der Fortschritt-durch-Technik-Ideologie. Sie rekrutiert sich vor allem aus Brahmanen und Mitgliedern anderer oberer Kasten, sehr oft aus dem Agrarbereich. Aus dieser Klasse kommt die Masse der Politiker, Techniker und Planer in Industrie und Gesellschaft. Sie stehen außerhalb des ökonomischen Geschehens, stärker, als dies in den Industrieländern der Fall ist; ihr Einfluß auf Produktion und Verteilung ist viel geringer als bei uns.

Da die indische Gesellschaft den Intellektuellen oft nicht einmal Arbeitsmöglichkeiten bietet (auf eine Zeitungsanzeige für den Posten eines Büroboten melden sich Dutzende Akademiker), auf keinen Fall aber Entfaltungsmöglichkeiten, und sie von sich aus keine sozialistische Alternative entwickeln können, suchen sie Antwort auf die Probleme Indiens in einer technokratischen Entwicklung, ähnlich der Europas und der Sowjetunion. Nur so sehen sie nationale Entwicklung und eigene Privilegien gesichert.

Gefördert wird diese Mentalität durch ein Schul- und Universitätssystem, das an englischen und amerikanischen Standards orientiert ist. Kaum ein englisches Schulkind wird Shakespeare so gut kennen wie Schüler besserer indischer Schulen. Es ist ein Schulsystem murrender Diener, die ihren ehemaligen Herren zeigen wollen, daß sie es besser können. Theorie wird — bei uns — getrennt von der Praxis, sie ist „besser“ als Praxis; der Fortschritt der Wissenschaft als solcher ist gut usw. Verstärkt wird all das durch amerikanische und englische Entwicklungshilfe, die billige Lehrbücher für Schulen und Universitäten stellt.

Qualifizierte Planer, Mediziner und Wissenschafter entwickeln immer neue Pläne für die Entwicklung Indiens. Soziale Verhältnisse registrieren diese Leute nur als Hemmnis für die Anwendung von Technik, als Mangel an Kapital. Die herrschenden angloamerikanischen Entwicklungstheorien werden in nationale Pläne umformuliert. Der wichtigste Reichtum Indiens findet bei den Planern kaum Beachtung: die menschliche Arbeitskraft. Diese mobilisieren hieße in die sozialen Verhältnisse eingreifen. Das Nichtfunktionieren von Plänen hat bisher nur zu neuen Plänen geführt.

Von keinem dieser Pläne aber kann gesagt werden, daß sie den technischen Bedürfnissen der Herrschenden entsprechen. Die Herrschenden auf dem Land haben kein Interesse an einer Entwicklung der Produktivkräfte. Die Kapitalisten brauchen zwar neue Technologien, um als Kapitalisten überleben zu können, fürchten aber die damit verbundenen sozialen Veränderungen.

Indira Gandhi mit Kuh und Kalb
— die Bloßfüßigen können nicht lesen (hier im Zentrum von Kalkutta)

Aufstieg der Rechten: Provinzen, Nationalitäten

In den sechziger Jahren sanken die Zuwachsraten sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft. Der Optimismus, der mit der Befreiung vom kolonialen Joch freigesetzt wurde und der sich politisch in den Hoffnungen auf die Kongreßpartei manifestierte, schien erlahmt. Die Kongreßpartei mußte in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre etliche Rückschläge hinnehmen, darunter eine schwere Wahlniederlage auf Bundesebene.

Es gelang Indira Gandhi aber nochmals, den Schein zu erwecken, daß die Kongreßpartei unter ihrer Führung die sozialen Verhältnisse ändern würde. Auf Bundesebene wurden die rechten Führer aus dem Kongreß hinausgeworfen; die drohende Spaltung der riesigen Organisation konnte durch eine Propagandaoffensive gegen die Rechten, die Vertreter von Grundbesitz, Wucher und Kapital, abgewendet werden. Die patriotische Einigung des Landes im Kampf gegen Pakistan und die Unterstützung und Ausnützung des Befreiungskampfes der Bengalen in Ostpakistan stärkte die Position Gandhis sowohl gegenüber den Rechten in der eigenen Partei als auch gegen die oppositionelle Linke in Bengalen.

Die darauffolgenden Wahlen wurden vom „linken“ Flügel des Kongresses unter dem Motto Kampf der Armut unter Gandhis Führung gewonnen. Auf die propagandistische Offensive gegen Reaktion und Korruption folgte, außer der Verstaatlichung der Banken und des Weizenhandels — nichts. Geplant wurde weiterhin von der Regierung, gehandelt wurde wie bis dahin von der Bourgeoisie und den Grundbesitzern. Mißernten, die Ausweitung der Geldmenge durch die verstaatlichten Banken, der Versuch, den privaten Weizenhandel durch Dekrete auszuschalten, ließen die Krise nur deutlicher werden: Das Wirtschaftswachstum sank auf Null, die Inflation stieg auf über 20 Prozent. Die Planung hatte so wenig mit der Realität zu tun, daß der fünfte Fünfjahrplan, der am 1. April 1973 anlaufen sollte, auf unbestimmte Zeit vertagt wurde.

Durch diese Krise wurden Landaristokratie und Bourgeoisie nicht unmittelbar gefährdet, wohl aber wurden rechte Bewegungen stark, die immer partikuläre, meist nationalistische oder religiöse Interessen vertreten: Hindus gegen Moslems, Kastenhindus gegen die „Unberührbaren“, Stammesvölker, Sikh gegen den Rest des Landes, Draviden gegen den arischen Norden und umgekehrt. [1]

Eine einheitlich faschistisch-populistische Bewegung kann daher in Indien nicht existieren, wohl aber innerhalb der einzelnen Staaten. So konnte etwa eine faschistische Bewegung in Bombay, die unter den armen und arbeitslosen Ariern starken Anhang hat, gegen streikende Textilarbeiter, gegen die Wohnviertel politisch bewußter Unberührbarer und gegen die aus dem Süden stammenden Draviden eingesetzt werden. Die lokale und regionale Regierung der Kongreßpartei, die in Bombay besonders eine Partei des Grundbesitzes ist, kollaborierte mit dieser Bewegung.

Im Süden des Landes, in der Provinz Tamil Nadu, wurde bei Wahlen die regierende Kongreßpartei durch eine dravidisch-nationalistische Partei hinweggefegt, die genauso wie der Kongreß propagandistisch gegen die Reaktion auftritt und in der Praxis eine reaktionäre Politik betreibt.

Nur ein Einzelgänger, der außerhalb der rechten Parteien und damit außerhalb der nationalen und religiösen Kämpfe steht, wurde zu einer Gefahr für die Zentralregierung. Es gelang Jajaprakesh Narayan, einem Mitkämpfer von Gandhi und Nehru, innerhalb von drei Monaten zwei Provinzregierungen der Kongreßpartei zu stürzen. Seine „Antikorruptionsbewegung“ einigte alles, was rechts von der Regierung stand.

Ein Sieg der rechten Parteien in den Provinzen und eine weitere Schwächung der ohne Alternative dastehenden Kongreßpartei hätte den Zerfall des Landes bedeutet. Den Grundbesitzern ist die Einheit des Landes egal: sie sind die Träger der partikulär nationalistischen Parteien. Anders die Bourgeoisie: sie kann sich nur in einem einheitlichen Land entfalten, mit einem einheitlichen Markt.

Indira Gandhi im Kreise ihrer Atomexperten
auf dem Kernexplosionsversuchsgelände von Pokharan in Rajastan

Ein „linker“ Putsch von oben

Der Putsch von oben, mit dem sich Indira Gandhi samt Kongreß an der Macht hielt, war daher in erster Linie gegen die rechten Parteien gerichtet. Die radikale Linke war schon nach ihrer Niederlage 1971 vogelfrei und extremer Unterdrückung ausgesetzt. Für die Communist Party of India (CPI) — sie ist in zwei Provinzen sehr stark — hat sich zunächst wenig geändert. Als Sprachrohr der Sowjetunion, und weil die Regierung von rechts bedrängt wurde, betrachtet sie sich mehr als einen Koalitionspartner des Kongresses als in Opposition zu ihm. Erst Ende 1976 begann ein Umdenken, das die CPI in die Opposition treibt. [2] Die Communist Party of India (Marxist), die sich weder der Sowjetunion noch China verpflichtet fühlt und die in den gleichen Provinzen stark ist wie Ihre moskautreue Konkurrentin, spürt die Unterdrückung stärker.

Verboten wurden eine Reihe von faschistischen Organisationen. Unterbunden wurde weitgehend die gewerkschaftliche Tätigkeit: Streiks, aber auch Aussperrungen sind verboten. Wirtschaftspolitisch hat sich die indische Regierung zum erstenmal zu dem bekannt, was sie schon immer war: eine Regierung der Oberschicht. Auf Bundesebene in erster Linie als eine Regierung der Kapitalisten. Der Kapitalismus wird nicht mehr versteckt, er ist erlaubt: Freiere Investitionsmöglichkeiten, leichterer Zugang zu Importlizenzen, geringere Steuern für Gewinne, bessere Konsummöglichkeiten für die Oberschicht. Es gibt mehr Luxushotels, schöne Wohnungen, Autos usw. Die Industrie wächst.

Es zeichnet sich eine brasilianische Entwicklung ab, die das Land noch tiefer als bisher in zwei Teile spaltet: den modern-kapitalistischen Sektor und den Agrarbereich. Die Starrheit des Agrarbereichs aber verhindert eine echte Entwicklung der Industrie, da die Massen der Bauern keine Käufer für Industriewaren sind und nur ein geringer Teil des im Agrarbereich anfallenden Surplus der Industrie zur Verfügung steht. Der industrielle Aufschwung wird sich totlaufen.

Die anfängliche Opposition gegen die Maßnahmen der Regierung verläuft sich. Frei gewählte Provinzregierungen können per Dekret entlassen werden, ohne daß mehr als verbale Proteste erhoben werden. Abgeordnete der Opposition gehen zur Kongreßpartei über, um bei der Verteilung von Pfründen nicht leer auszugehen. Der Krieg gegen die an der burmesischen Grenze lebenden Minoritäten konnte nach vielen Jahren plötzlich siegreich beendet werden, und die bisherigen Träger der Minderheitenopposition bemühen sich, Anschluß an den Kongreß zu finden. Der Regierung kamen einige gute Ernten zu Hilfe, mit denen es gelang, die Inflation vollkommen zu beseitigen. Da die Bourgeoisie nach anfänglicher Unsicherheit begriffen hat, daß die Regierung nichts unternehmen wird, steigen die Preise seit Ende März wieder — diesmal trotz guter Ernte. Natürlich wurde wieder versprochen, die feudalen Strukturen am Land zu zerschlagen. Es ist für Beamte und Richter, die tatsächlich etwas reformieren wollen, leichter, etwas zu tun, seit das Gewicht der Zentralregierung gegenüber den Provinzen stärker geworden ist. Grundiegend wird sich aber nichts ändern. Die Dorfarmen sind auf wohlwollende Beamte angewiesen. Selbstorganisation wird unterdrückt.

Die Aktivitäten der Regierung an der Oberfläche ändern fast nichts an den grundlegenden indischen Realitäten. Sie reichen aber aus, um die Einheit des Landes zu gewährleisten und neue Hoffnungen zu wecken — auch bei den Massen der Armen und Ausgebeuteten. Damit führt Indira Gandhi ihren Wahlkampf.

[1Die vier Südprovinzen Indiens, Kerala, Andra Pradesh, Tamil Nadu und Mysore, werden von dravidischen Völkern bewohnt. Der gesamte Norden von arischen Völkern, die im minus ersten Jahrtausend aus Innerasien eingewandert sind. In den Bergen und in den Wäldern wohnen indische Urvölker, die von Ariern und Draviden vertrieben wurden. Elf Prozent der Inder sind Moslems und 75 Prozent Hindus, der Rest Sikh, vor allem im Pandschab, Christen leben in den von Engländern gegründeten Großstädten und in Kerala. Daneben gibt es Jains, eine Abspaltung vom Hinduismus, und ein bißchen Buddhismus.

Der Buddhismus hat seit einigen Jahren eine ähnliche Bedeutung wie der Islam der amerikanischen Neger: Politisch bewußte Unberührbare in den Städten verbinden den Buddhismus mit dem Kampf um ihre Befreiung. Eine ihrer Organisationen heißt nach dem Vorbild der Black Panther: Dalit Panther.

Nach der Befreiung vom Kolonialjoch wurden die Verwaltungsgrenzen neu gezogen, da die Fürstenstaaten der Maharadschas, die direkt der englischen Kröne und nicht der Regierung in Delhi unterstanden, eingegliedert werden mußten. Alle fortschrittlichen Kräfte inklusive der Führung der Kongreßpartei waren sich einig, daß das nicht nach nationalen Gesichtspunkten geschehen dürfe. Dennoch wurden nationale Provinzen geschaffen. Die Folge: Jede Provinz hat Minderheiten aus den Nachbarstaaten. Es gibt ununterbrochen nationale Unruhen um Grenzziehungen, Verwaltungssprachen usw.

Die echten Minderheiten, die Stammeskulturen, sind die am meisten ausgebeuteten Teile des indischen Volkes. Nicht nur, daß sie von den Kastenhindus ausgenützt werden, sie stellen auch innerhalb der Hierarchie der Unberührbaren die unterste Stufe. Die Regierung geht mit ihrem Land recht großzügig um, wenn es Großprojekte durchzuführen gilt. So etwa steht das Stahlwerk Rurkelah auf dem Boden eines solchen Volkes. Es wurde ihnen anderer Boden als Ersatz gegeben, der aber wesentlich schlechter ist.

[2Indien wird sich von der Sowjetunion wohl bald lösen. Der SU stehen weniger Druckmittel zur Verfügung als den USA. Ein Hinweis ist der Austausch von Botschaftern mit der Volksrepublik China sowie die siegreiche Beendigung der Kriege an der burmesischen Grenze, was möglich war, weil China die Unterstützung dieser Völker eingestellt hat. Auch der Besuch des Königs von Nepal in Tibet deutet auf bessere Beziehungen zwischen Indien und China hin, da durch diesen Besuch die Handelsstraßen zwischen Nepal und Tibet wieder zum Leben erweckt werden. Diese Wege sind dann bald für indische Waren offen. Bessere Beziehungen zu den USA sind vor allem ein Bedürfnis für die Bourgeoisie, die sich dadurch eine Unterstützung gegen mögliche Linkstendenzen erhofft und auch ihren Lebens- und Konsumstil auf amerikanische Verhältnisse ausgerichtet hat.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)