Grundrisse, Nummer 39
September
2011
Achim Bühl:

Islamfeindlichkeit in Deutschland

Ursprünge, Akteure, Stereotype

Hamburg: VSA Verlag, 2010, 320 Seiten, Euro 22,80

Auf antirassistische Arbeit ist in emanzipatorischen und linken Kreisen ein Hauptaugenmerk gerichtet – völlig zurecht. Zu versuchen, die Mechanismen offenzulegen, wie Gruppen als „fremd“ und im weiteren Verlauf häufig als „minderwertig“ konstruiert werden und wurden, ist unerlässlich, um gegen RassistInnen aller Art aktiv werden zu können. Unausweichlich ist deshalb auch die Frage, wie das Phänomen der Islamfeindlichkeit behandelt wird. In der Szene scheint man sich teilweise offenbar recht schwer damit zu tun den richtigen Umgang hiermit zu finden. Viele (teilweise etwas seltsam anmutende) Fragen werden im Zuge solcher Diskussionen, in denen die Fronten schnell etwas verhärtet wirken, immer wieder aufgeworfen: gibt es so etwas wie Islamfeindlichkeit überhaupt? Hat das alles irgendetwas mit Rassismus zu tun oder ist das alles ohnehin nur legitime und notwendige Religionskritik, die völlig zu unrecht als Rassismus diffamiert wird? Ist das alles gar eine Strategie „der IslamistInnen“ , um das Thema des Antisemitismus ins Abseits zu drängen? Sachliche Antworten auf derartige Fragen erhält man nur schwer, wobei positiv angemerkt werden muss, dass in jüngster Zeit zu diesem Thema verstärkt Brauchbares publiziert wurde. Das Buch des Soziologen Achim Bühl zu Islamfeindlichkeit in Deutschland ist – soviel sei vorweg verraten – eines dieser lesenswerten Publikationen zu diesem Thema.

Aber nicht nur in aktivistischen Kreisen herrscht Verwirrung und Uneinigkeit: Thilo Sarrazin kann schier unglaubliches von sich geben, und der politische Mainstream meint bloß, er habe sich wohl etwas im Ton vergriffen. Die Thesen an sich, die er in seinem Buch, in Zeitungsinterviews und Pressekonferenzen von sich gibt, werden in ihren Grundzügen nicht oder kaum angezweifelt (lediglich sein „Juden-Gen“-Sager wurden von allen Seiten abgelehnt), der inhärente Rassismus als „provokante Thesen“ verharmlost. Sarrazin genauer analysierend, kommt Bühl zu treffenden Schlüssen wie: „Verschwörungstheorien gepaart mit dystopischer Bevölkerungsprognostik, dies war das Einmaleins rassenhygienischer Handbücher. Wie in der rassistischen Eugenik, so werden auch bei Sarrazin Migranten in Gruppen unterteilt und mit wertenden, stereotypen Eigenschaften versehen. […] Die platzierende Sortierung von Intelligenz, Charaktereigenschaften und Integrationsfähigkeit in Abhängigkeit von ethnischer Zugehörigkeit und ihrer ‚genetischen Ausstattung’ ist faschistische Rassenhygienik pur.“ (S. 139f) Der Autor kommt durch sorgfältige Analyse zu dem ganz richtigen Schluss, dass es hier nicht um ein „im Ton vergreifen“ geht, sondern um Rassismus, der als solcher benannt und angeprangert werden muss. Sein Beitrag zu der „Sarrazin-Debatte“ ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Und Sarrazin ist nur eine Facette dieses komplexen und auch historisch interessanten Phänomens der Islamfeindlichkeit. Was uns zu einer weiteren Stärke des Buches führt: der Autor belegt eindrücklich, dass Islamfeindlichkeit kein Phänomen ist, das es erst seit kurzem oder, wie so oft angenommen wird, seit dem 11. September gibt. Gut ein Drittel des Buches widmet sich den historischen Wurzeln dieses Phänomens (die laut dem Autor mindestens bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen), und wie es, gemeinsam mit dem Antisemitismus, vor allem während der Reconquista (die als „Geburtsstunde des modernen Rassismus“ und „Wurzel des antisemitischen wie antimuslimischen Rassismus“ beschrieben wird), essentiell war, um das auch heute noch so intensiv bemühte „christlich-europäische Abendland“ auf Kosten der „Anderen“ konstruieren zu können. Diese Konstruktion sei von Anbeginn an zutiefst antijüdisch und antimuslimisch gewesen.

Dass der Autor viel Wert darauf legt, Sachverhalte die er diskutiert, erstmal genau zu definieren, ist zu begrüßen. Diese akkurate Herangehensweise lässt sich z.B. auch daran erkennen, dass es ein eigenes Kapitel gibt, das sich mit der Frage beschäftigt, welcher Begriff denn nun der angemessene sei, um diese Problematik zu diskutieren: Islamfeindlichkeit, Islamophobie, anitmuslimischer Rassismus, Antiislamismus, Muslimfeindlichkeit, … die Wahlmöglichkeiten sind zahlreich. Bühl hält den recht gängigen Begriff der Islamophobie für nicht geeignet. Er argumentiert, dass antimuslimischer Rassismus/Islamfeindlichkeit keine diffuse Angst, keine Phobie ist, die den Rassisten/die Rassistin zum Opfer seiner/ihrer Unwissenheit oder irrationalen Ängste macht, sondern eine „intentionale sowie rationale gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (S. 292) sei. Er führt weiter aus: „Judenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit stellen weder eine Phobie dar, noch ein Vorurteil, sondern ein Denken und Handeln, das auf die Existenz des Anderen zielt. […] Judenfeinden wie Islamfeinden ist weder psychologisch noch pädagogisch zu begegnen, sondern letztendlich nur politisch [...]“. (S. 295)

Dies führt zu einem weiteren äußerst spannenden Thema, das das Buch (leider aber zu kurz) anschneidet: das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Bühl stellt zu Beginn des Kapitels die Frage, ob es legitim sei „Islamfeindlichkeit mit Antisemitismus zu vergleichen?“. (S. 271) Eine spannende Frage, über die besonders heftig gestritten wird. Wer jetzt aufschreckt und ein plattes „die Muslime sind die Juden von heute“-Gerede erwarten, liegt glücklicherweise falsch. Achim Bühl stellt einige essentielle Dinge klar. Es geht ihm darum, diese beiden Phänomene „komparatistisch [zu] betrachten, Parallelen heraus[zu]arbeiten sowie Grenzen des Vergleichs [zu] markieren.“ (S. 272, Hervorhebung S.K.). Und auch, dass diese Herangehensweise „per definitionem auf eine Relativierung der in der Komparatistik einbezogenen Objekte hinausliefe“ sei, so der Autor, „wissenschaftlich [...] nicht haltbar“ (S. 285) und macht unmissverständlich klar, dass die Shoah eine dieser deutlichen Grenzen ist, die es zu ziehen gilt. Leider ist dieses Kapitel trotz seiner spannenden Ausführungen verhältnismäßig kurz ausgefallen. Eine ausführlichere Analyse hätte dem Buch gut getan, da speziell zu diesem Themenfeld brauchbare und sachliche Analysen äußerst rar sind.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass das Buch eine kohärente Analyse des Phänomens der Islamfeindlichkeit bietet. Es ist von einer klar antirassistischen Position aus geschrieben, dessen argumentative und rhetorische Schärfe (und in diesem Sinne Parteilichkeit) gut tut. Von historischen Abhandlungen bis hin zu akkuraten Analysen der bekanntesten ExponentInnen der sog. „IslamkritikerInnen“ wie Thilo Sarrazin, Ralph Giordano, Necla Kelek, Alice Schwarzer oder der Aktion 3. Welt Saar, hat das Buch alles zu bieten und ist zudem auf dem aktuellen Stand der Diskussion und Forschung.

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