FORVM, No. 496-498
Juni
1995

Ist intellektuelle Probität eine philosophische Kategorie?

Betrachtungen zum Heidegger-Vortrag in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur

»Wehret den Anfängen«, mahnten noch vor kurzem viele Stimmen, oder aber auch: »Der Schoß ist fruchtbar noch ...«, zitierten andere Bertold Brecht. Nun, von Anfängen kann wohl nicht mehr die Rede sein, wir sind mitten drin in der braunen Jauche, die schneller kam, als es sich die ärgsten Pessimisten träumen ließen. Sie kommt von überall her, aus den untersten Kanälen, die durch Stammtische getarnt sind, aber ebenso von hehren Kathedern der akademischen Elite.

»Wehret den Anfängen« — daß ich nicht lache!

Der Anlaß folgender Überlegungen ist der Vortrag, nein, die Apologie Heideggers, die vor kurzem in der Gesellschaft für Literatur zu hören war.

Nun, ich bin nicht Philosophin, sondern Kunsthistorikerin, daher weder berufen noch berechtigt, über Philosophie zu philosophieren. Aber über Kunstgeschichte kann und darf ich. Daher möchte ich hier die kunstwissenschaftliche Exegese Heideggers — sine ira et Studio — wahrheitsgetreu und sachlich vorlegen und berechtigte Schlußfolgerungen auf den Totalanspruch des Oevres Heideggers ziehen.

Im Jahre 1936 publizierte Heidegger eine seiner wichtigsten Schriften. In »Holzwege« findet sich ein Kapitel: »Über den Ursprung des Kunstwerkes.« Ausgangspunkt für Heideggers tiefschürfende Überlegungen und »Entbergungen« ist ein Bild von van Gogh, das ein Paar alte, abgetragene Schuhe darstellt. Schuhe hat van Gogh häufig dargestellt, der Œvre-Katalog von J.-B. de La Faille aus dem Jahre 1949 erwähnt ein halbes Dutzend. Heidegger geht von dem Bild, das sich heute im Vincent van Gogh-Museum in Amsterdam befindet, aus und bezeichnet es als ein Paar Schuhe, das einer Bäuerin gehört haben muß. Ausgehend von dieser Annahme, entwirft Heidegger einen in beschwörenden Worten verfaßten Text, über die Geschichte, das schicksalhafte Leben der Bäuerin, die von der Wiege bis zum Grabe mühselig und beladen dahinlebte. So heißt es wörtlich bei Heidegger, und der Text verdient es, teilweise zumindest, wörtlich zitiert zu werden:

Aus der dunklen Öffnung der ausgetretenen Inwendigkeit des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. In der derb-gediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauher Wind steht. (S. 18/23)

Wie es dem Autor gelingt, aus den Schuhen den Wind zu rekonstruieren, »der über dem Acker steht«, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Aber es geht weiter:

Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens. Unter den Sohlen schiebt sich hin die Einsamkeit des Feldweges durch den sinkenden Abend. In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärliches Sichversagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wie-derüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdrohung des Todes.

Und so geht es weiter in »raunenden« Tönen, über das »In-sich-Ruhen« des »Schuhzeuges« der »Bäuerin«, des »Geworfenseins«. Ich persönlich glaube eine Parodie zu lesen. Aber es ist ernst gemeint, ernste Kunsttheorie über den »Ursprung des Kunstwerks«.

Nun aber kommt das dicke Ende. Nach dem Erscheinen von Heideggers »Holzwege« (1950) mit dem obgenannten Beitrag erkennt der vielleicht bedeutendste Kunsthistoriker unserer Zeit, der heute emeritierte Professor der Columbia University, Meyer Schapiro nach genauen Quellenstudien der Korrespondenz von Vincent an seinen Bruder Leo, nach Skizzen ebenso wie Briefen von Gaugoin, der damals in Arles war; Meyer Schapiro also erkennt, daß es sich bei diesem Paar Schuhen keineswegs um die Schuhe einer Bäuerin handelt, sondern um Vincents ganz persönliche Schuhe. Diese Fakten teilt er dem Kollegen in Deutschland mit (Theory and Philosophy of Art ..., New York 1994, 135). Womit die großartige, tiefschürfende »Entbergung« von der »Schicksalshaftigkeit, »die uns aus den »dunklen Öffnungen« des »Schuhzeuges« entgegenleuchtet, eo ipso in sich zusammenfällt. Heidegger empfängt den Brief, nimmt auch Notiz von Schapiros Erläuterungen, was aus gewissen Randbemerkungen in Heideggers Exemplar hervorgeht. Und das Resultat? Eine Berichtigung seitens Heidegger? Eine Korrektur? Nichts dergleichen!

In der Neuauflage der »Holzwege« mit dem Kapitel »Der Ursprung des Kunstwerkes«, im Jahre 1956, erscheint der Text unverändert. Die Berichtigung von Meyer Schapiro wird nicht ad notam genommen. Das aber nennt man im juristischen wie auch gewöhnlichen Sprachgebrauch: eine »mala fide«-Handlung. Damit aber wird die Glaubwürdigkeit des Autors in Frage gestellt. Zumindest in seiner Kunsttheorie ist dies eindeutig nachweisbar. Die Wahrheit einer Erkenntnis ist für ihn unwichtig. Läßt sich Ähnliches am Gesamtoevre aufzeigen? Wie steht es da um das, was man »wissenschaftliche Probität« nennt? Nun, da scheint mir ein Satz von Heidegger von paradigmatischer Aussagekraft. In seinem Aufruf »Deutsche Studenten« zum Wintersemester 1933/34 schließt der Rektor mit den Worten (und die muß man sich im Mund zergehen lassen):

Nicht Lehrsätze und ‚Ideen‘ seien die Regeln Eures Seins. Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz ...

Heil Hitler! Martin Heidegger, Rektor.

So der Philosoph Heidegger in der ‚Freiburger Studentenzeitung‘ (Nr. 1, 3. 11. 1933, 1; auch in: Schneeberger, Nachlese zu Heidegger, Bern 1961, Dok. 114).

»Der Führer selbst und allein ist die ... deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz« — und damit wohl auch die Wahrheit?!

Das ist die Bankrott-Erklärung jeder Ethik, jeder Philosophie. Es war ja gleich, von wem die »Schuhe« waren. Heidegger erklärte sie für solche einer Bäuerin, und damit basta! Sapienti sat oder auch: Quod erat demonstrandum!

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