Heft 1/2001
März
2001

Jüdische Geschichte nach der Massenvernichtung

Eine Gesamtgeschichte der Jüdinnen und Juden Wiens

Siebenundsechzig Jahre nach dem Erscheinen von Hans Tietzes Buch Die Juden Wiens bringt der Philo-Verlag erstmals nach der Schoa eine auf sechs Bände angelegte Geschichte der Jüdinnen und Juden Wiens heraus.

Zwar sind in den vergangenen Jahren immer wieder interessante und wichtige Forschungsarbeiten zu einzelnen Aspekten der jüdischen Geschichte Wiens publiziert worden, eine zusammenfassende Geschichte des jüdischen Wien von der ersten mittelalterlichen Gemeinde bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ist aber, seit der Vernichtung der dritten Jüdischen Gemeinde Wiens in der Schoa, nicht mehr erschienen. Diese Lücke versucht nun der Philo-Verlag zu schließen. Bis zum Jahr 2004 soll eine komplette sechsbändige Geschichte des Wiener Judentums vorliegen. Im vergangenen Jahr sind dazu die ersten beiden Bände erschienen, die diese Geschichte quasi umrahmen.

Der erste Band von Klaus Lohrmann, schildert die erste jüdische Gemeinde des mittelalterlichen Wiens, die mit der Vertreibung und Verfolgung der Wiener Jüdinnen und Juden 1420/21 ihr Ende fand. Die Reste der im Zuge dieser Vertreibung zerstörten mittelalterlichen Synagoge wurden erst am Jahrestag des Novemberpogroms, am 9. November 2000 der Öffentlichkeit in Schauräumen unter dem Mahnmahl am Judenplatz zugänglich gemacht.

Fünf Jahrhunderte nach der Zerstörung der ersten jüdischen Gemeinde Wiens, fiel die dritte und größte jüdische Gemeinde, die rund ein Zehntel der Bevökerung Wiens ausmachte dem deutsch-österreichischen Vernichtungswahn zum Opfer und hinterließ nur wenige tausend wirtschaftlich und oft auch psychisch ruinierte Überlebende, von denen viele so schnell wie möglich das Land ihrer Mörder verlassen wollten.

Die verbliebenen Jüdinnen und Juden und die im Lande gestrandete DP’s, befreite KZ-Häftlinge, die oft nur auf der Durchreise in Österreich Zwischenstation machen wollten, von denen aber manche trotzdem schließlich in Wien verblieben, begannen trotz allem sofort nach der Befreiung Wiens durch die Rote Armee, die verbliebenen jüdischen Institutionen wieder aufzubauen. Dabei wurden rasch die Funktionäre der ehemaligen Judenräte, die sich durch ihre taktische Kooperation mit den NS-Behörden, für viele Teile der KZ-Überlebenden untragbar gemacht hatten, in der Anfangsphase vor allem durch Funktionäre, die der Kommunistischen Partei nahestanden, ersetzt. Diese gewannen auch die ersten Kultuswahlen der wiedererstandenen Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), erhielten jedoch bald Konkurrenz zionistischer und orthodoxer Listen, sowie des sozialdemoktratischen Bundes Werktätiger Juden. Der Bund sollte die IKG schließlich von den Fünfziger- bis in die Achzigerjahre hinein regieren und erntete von vielen anderen jüdischen Gruppierungen für seine absolutistische Regierungsweise heftige Kritik. Von der kommunistischen Einigkeit über die verschiedensten zionistischen Strömungen und Simon Wiesenthals Bund jüdischer Verfolgter des Nazijregimes (BJVN) bis zu orthodoxen Gruppierungen reichte die Kritik, der Bund würde die IKG zu einer Außenstelle der SPÖ degradieren und somit steuere eine nichtjüdische Partei in Wirklichkeit die Politik der IKG.

Aber auch in einer Fülle anderer Fragen waren die verschiedenen jüdischen Organisationen bis in die Achzigerjahre hinein immer wieder mit harten Konflikten beschäftigt, die Evelyn Adunka in ihrem Buch ebenso detailiert schildert, wie die jüdische Presse oder die jüdische Jugendbewegung.

Schließlich bildet auch der österreichische Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der Antisemitismus nach 1945 und die Verzögerungstaktik der österreichischen Bundesregierungen bezüglich Entschädigungszahlungen an jüdische NS-Opfer einen Schwerpunkt des gut recherchierten und sehr umfangreichen Buches.

  • Evelyn Adunka: Die vierte Gemeinde, ISBN 3-8257-0163-8, Philo Verlagsgesellschaft, Berlin 2000, Preis: ÖS 576.- DM 78.-, ISBN 3-8257-0163-8
  • Klaus Lohrmann: Die Wiener Juden im Mittelalter, Philo Verlagsgesellschaft, Berlin 2000, Preis: ÖS 348.- DM 48.-, ISBN 3-8257-0158-1
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