ZOOM 3/1996
Juni
1996

Kein Privat-Vergnügen

Die Öffnung des Bundesheeres für Frauen kann nur im Zusammenhang mit Militarismus und Sicherheitspolitik diskutiert werden.

Frauen ins Heer? Hier handelt es sich um eine politische Entscheidung, die gefällt wird, und nicht um das Privatvergnügen einzelner Frauen, die ihr wahres Berufsziel als zukünftige Soldatinnen erkannt haben.

Wenn diese Aussage als Basis der Argumentation verstanden wird, fällt es leicht, die Waagschale zugunsten der „GegnerInnen“ zu füllen. Dann stellt sich die Frage, wem diese Diskussion nützt.

Hexophonium
Überraschend tauchte im Mai und im Juni in der Wiener Innenstadt das „Metamorphile Hexophonium“ auf, das erste feministi­sche Weltverbesserungstheater

Tatsächlich melden sich in erster Linie Militaristen zu Wort: Verteidigungsminister Fasslabend bescherte uns Frauen am 8. März, dem Internationalen Frauentag, ein besonderes Geschenk, indem er sich mit dem Vorstoß für eine Öffnung medial feiern ließ. Eigene Studien, Umfragen und Untersuchungen werden von der Offiziersgesellschaft und anderen veröffentlicht, in denen die Vorteile und vor allem der Gleichbehandlungsanspruch hervorgehoben werden. Der Verein „Frauen freiwillig ins Heer“ wird für militärische Zwecke instrumentalisiert und gut verkauft.

Lauschangriff
Das Hexophonium verwandelte Miethaie in Fischstäbchen, die EU-Fahne in russi­schen Wodka, den Lauschangriff in Vogelgezwitscher ...

Gleichzeitig – und das halte ich für sehr entscheidend – ist die Frage der zukünftigen österreichischen Sicherheitspolitik und die Frage der Finanzierung des Sozialstaates politisch ungeklärt: Berufsheer oder Wehrpflicht oder beides; Beitritt zu Militärpakten oder/und Neudefinition des Neutralitätsbegriffs; Sozialpflicht für alle oder gar ein Konzept der Gesamtverteidigung unter Berücksichtigung einer „Gemeinschaftsdienstpflicht“; Wehrpflicht für Frauen, wie sie zum Beispiel in Deutschland diskutiert wird usw. Bei den politisch Verantwortlichen und innerhalb des Militärapparates besteht Uneinigkeit.

Durch die angebliche Diskussion um Frauen ins Heer gewinnen die Militaristen an Boden. Werbekampagnemäßig wird der eigentliche Zweck des Militärs verharmlost und Sicherheitspolitik tabuisiert beziehungsweise gelenkt. Frauen werden in militärische Strategien eingebaut und damit militärische Macht ausgedehnt. Kriegsvorbereitung wird als nomaler Arbeitsplatz angepriesen, die ohnehin schlechte Arbeitsmarktsituation für Frauen durch die Propagierung angeblicher Karrieremöglichkeiten innerhalb dieses Apparates benützt.

„Nebenbei“ wird in den Verteidigungsausschüssen über Aufrüstung, Waffenanschaffungen, Minenproduktion, Auslandseinsätze, Zusammenarbeit mit der NATO usw. diskutiert. „Nebenbei“ fordern einzelne Politiker die Dienstpflicht beziehungsweise Sozialpflicht für alle. „Nebenbei“ wird groß PR-mäßig Heldentum und Kriegsverherrlichung durch das Denkmal in Wolgograd untermauert und das Kriegsveteranentreffen in Ulrichsberg vorbereitet.

Dennoch werden kritische Frauen in einzelnen Diskussionen oft verunsichert, da sich die persönlichen und politischen Ebenen permanent vermischen: Freiwilligkeit, Berufsausbildung und unrealistische Bundesheerabschaffung, Frauen und Polizei, mögliche „Klimaveränderung“ innerhalb militärischer Strukturen usw.

Frau und Torte
Einer Frau mit Eheproblemen schenkte es eine Torte ...
... mit der diese ihren Ehemann „erfreute“

Als Antimilitaristin ist es klar, die Ausdehnung militärischer Macht abzulehnen und diese nicht von innen verschönern zu wollen. Die Entscheidung über Krieg und Frieden wird nicht innerhalb des Heeres getroffen, schon gar nicht in den Funktionen, die Frauen in anderen Armeen seit Jahren zugewiesen bekommen. Es gilt, die Existenz des Aggressors Militär mit seinen Strukturen von Unterordnung, Disziplin, Unterwerfung und „Entmenschlichung“ zu zerschlagen. Es gilt, die Verbindung beziehungsweise das gleichzeitige Auftreten von Patriarchat, Herrschaft und Krieg sowie frauenfeindliche Propaganda, militärische Ausbeutung der Frau als Hilfskraft und Prostituierte und Massenvergewaltigungen als Kriegsmittel aufzuzeigen und gegen Männerbünde aufzutreten. Es gilt, keinen Schritt in Richtung Dienst- beziehungsweise Sozialpflicht für alle zu gehen. Es gilt, sich nicht männlichen Systemen anzupassen, sondern Frauenmacht und Frauenpolitik einzufordern. Und das als Antimilitaristin und Feministin!

Frauen kämpfen! Und zwar für ihre Rechte und Würde!

Als „very special guest“
durfte das Welttheater Frauenministerin Konrad begrüßen, die sich zur Frage Frauen ins Bundesheer zierte: „Ja, nein, gut Ding braucht Weile“. Ihre Verwandlung, nachdem sie durch das Hexophonium durchgeschleust worden war, demonstriert nebenstehender Artikel, den Konrad unter ihrem Pseudonym verfaßte. Im Herbst, ist zu hören, wird das Hexophonium weitere gute Taten vollbringen. Watch out!
Fotos: Alexander Lehar

Positionierungen aus der Diskussion „Frauen ins Heer?“ [1]

„Die 3300 Frauen, die zur Zeit beim Bundesheer arbeiten, bekommen keine Zulagen, deshalb brauchen sie die Ausbildung.“

Frau Gratzer, Arbeitsgruppe für Gleichbehandlungsfragen

„Realistischer ist es, Generälinnen beim Bundesheer anzutreffen, als daß das Bundesheer abgeschafft wird. Strukturelle Veränderung von innen und außen sind notwendig.“

Frau Zobl, Frauennetzwerk

„Ich will nichts verbieten. Vielleicht würde sich mit Frauen im Heer innerhalb der Strukturen etwas ändern, und Frauen könnten dann strategische Entscheidungen mittreffen.“

Christoph Chorherr, Bundessprecher der Grünen

„Ich stimme Chorherr nicht zu und finde es zielführender, für Frauenmacht in der Politik zu kämpfen und sich nicht männlichen und militärischen Normen anzupassen.“

Doris Pollet-Kammerlander, Frauenbeauftragte der Grünen

[1vom 18.6.1996, veranstaltet von der Grünalternativen Jugend.

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