FORVM, WWW-Ausgabe
November
2018
Liegengebliebenes

Kleiner Kranz für grossen Mimen

Kein Zweifel, der kürzlich verstorbene Ignaz Kirchner war einer der ganz Grossen. Unvergesslich, wie sein häufigster Bühnenpartner Gert Voss und er, gleichgültig ob in einem Stück von Shakespeare, Bernhard oder Tabori, das Herr/Knecht-Thema immer aufs Neue variierten und sich dabei gegenseitig in unglaubliche Höhen der Schauspielkunst hinaufschaukelten. Aber, und das blieb bei den ehrfürchtigen Nachrufen, die ihn zu Recht nochmals in ein helles Licht stellten, meist liegen: Er war auch im Kleinen gross.
Davon ich singen und sagen will.

Es ist Jahre her, da sass er drei Tische entfernt im Garten der Weinstube Josefstadt. Irgendwann am späteren Nachmittag war ich dann angetrunken genug, um zu ihm an den Tisch zu treten und mutig zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, einmal in unserer kleinen Eingliederungsstätte für schwierige junge Menschen in der Schweiz zu lesen oder zu spielen. Und er, er war offenbar angetrunken genug, um ohne Umschweife zuzusagen.

Ein paar Umschweife stellten sich in der Folge schon noch ein. Termin, Unterkunft, Anreise. Man versuche einmal, ein bereits gelöstes Flugticket von „Ignaz Kirchner“ auf „Hans Peter Kirchner“, seinen Namen im Pass umzubuchen. Der Vorschlag der Fluglinie, das Ticket einfach zu löschen und dreimal so teuer kurzfristig zu buchen, schien mir nur bedingt kundenfreundlich. Schliesslich einigten wir uns darauf, dass dieser „Ignaz“ ganz einfach ein „Hans Peter“ mit mehreren Tippfehlern sei, und das konnte der gestrenge Computer, auf den es offenbar allein ankam, akzeptieren.

Ein anderer Umschweif: Wenn man einen Star präsentiert, muss man mit ziemlichem Publikumsandrang rechnen. Da bestand die Gefahr, dass unsere gut 80 Sitzplätze nicht ausreichen würden. Die wendeten wir ab, indem wir die Einladungen möglichst kurzfristig verschickten.

Es wurde ein grossartiger Abend. Ignaz brachte den „Spaziergang“ von Robert Walser, von der Anmutung her eine absolute Grossstadtproduktion. Seinerzeit, bei der Premiere am Burgtheater, hatte eine Qualitätszeitung geschwurbelt:

Nein, mit Robert Walser geht man nicht einfach „spazieren“; man setzt sich wie ein Tagpfauenauge auf die Alltagsdinge. Diese sind von Rabatten umstanden – von den Zier- und Geziertheits-Floskeln der Walserschen Schulheftchensprache, von den Ornamenten einer töricht schönen Verzweiflungskunst. Der Schweizer Walser (1878-1956) ist der letzte „Spaziergänger“, der sich den Schock des gehetzten „Flaneurs“ für die Länge seiner Sätze vom Leibe hielt. Die Moderne steht schweigend hinter ihm, klopft ihm auf den Überzieher, fletscht ihre Eisenzähne. Walser tut, als wäre (ihm) nichts geschehen. Er balanciert die ganze Welt noch einmal auf dem Knauf seines Spazierstöckchens – und sie dreht sich, kugelrund und kinderbunt und konversationsheftchen-schlau, vor seinen Augen.

Das hatte für mich als Veranstalter im eher biederen Zürcher Unterland, dazu mit einer stets unsicheren Anzahl von Lehrlingen im Publikum, ziemlich besorgniserregend geklungen.

Besorgnis erwies sich als unnötig. Die fünf Viertelstunden vergingen wie im Flug, und das bei atemloser, gebannter Stille. Nur einmal wurde diese unterbrochen durch das Gezirpe eines Zuschauerhandys, welches offenbar einen Anruf ankündigte. Ich war gespannt. Wie würde Kirchner darauf reagieren? Der liess sich nicht aus der Fassung bringen. Freundlich schaute er den Handybesitzer an und meinte: „Heben Sie ruhig ab. Vielleicht geht’s ja um Leben und Tod.“ Und spielte weiter.

Am Schluss gab’s grossmächtigen Applaus. Aber auch Ignaz war begeistert. Beim anschliessenden allgemeinen Imbiss mit Umtrunk erklärte er mir, dass die ganze Übung ihm ausnehmend gefallen habe, und das betreffe den Ort, das Publikum und vor allem die Betreuung durch unsere Theatertechniker. Selten werde man so herzlich empfangen. Er spende uns sein ganzes Honorar und sei gerne bereit, nächstes Jahr bereits wieder einen Auftritt zu machen. Ich sagte zu ihm: „Das ist lieb, vielen herzlichen Dank. Aber nächstes Jahr will ich hier gar keinen Auftritt von Dir.“ Er schaute mich ziemlich erstaunt an. „Wie meinst Du das?“ Ich erklärte ihm: „Bei uns treten vor allem junge Leute auf, die hier noch unsicher ihre Vorstellungen absolvieren, oder ältere Kolleginnen und Kollegen, die etwas Neues ausprobieren. Da scheint es doch ungerecht und höchst entmutigend, wenn wir einmal im Jahr den grossen Star aus der Kunstmetropole einfliegen, damit unser Publikum gewissermassen seine Massstäbe eichen kann.“ Diese Rede nahm er mit Zustimmung, ja mit einer gewissen Begeisterung zur Kenntnis, und wir verabredeten, dass er in drei, vier Jahren wiederkommen würde.

Sein Versprechen hielt er. Vier Jahre später kam es zu einem zweiten Auftritt bei uns. Diesmal war’s Brecht. Und es wurde genau so grossartig wie beim ersten Mal. Er war eben wirklich ein Grosser.

Eine schöne Rezension von Ignaz Kirchners Lebens- und Theatererinnerungen hat ein anderer, gleichfalls aus dem weiland Print-FORVM wohlbekannter Autor geschrieben:
Thomas Rothschild: Notwendig eitel. Am 18. November 2016 in: Nachtkritik.de.

Ignaz Kirchner, eigentlich Hanns-Peter Kirchner-Wierichs (* 13. Juli 1946 in Wuppertal; † 26. September 2018[1] in Bremen) war ein deutscher Schauspieler.

Bühnenkarriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchner wuchs als Sohn eines homosexuellen Vaters und einer lesbischen Mutter auf.[2] Nach dem Besuch des Jesuiten-Internats Stella Matutina zu Feldkirch (in Vorarlberg, Österreich) absolvierte Kirchner zunächst eine Buchhändlerlehre und erhielt anschließend an der Schauspielschule Bochum seine Schauspielausbildung. Seine erste Rolle bekam er 1970 noch als Student, er spielte als Peter Kirchner in Alfred Kirchners Vitrac-Inszenierung Der Coup von Trafalgar. Als Künstlernamen wählte er danach jenen des Ignatius von Loyola. Sein erstes Fest-Engagement trat er 1970 im Theater Bonn an. In den Jahren 1973 und 1974 wirkte er an der Freien Volksbühne Berlin in zwei Inszenierungen von Wilfried Minks mit. 1974 holte ihn Claus Peymann nach Stuttgart. Bis 1978 gehörte er zum dortigen Ensemble, dann wechselte er nach Bremen, wo er 1980 als Hamlet unter Regie von Jürgen Gosch und der Intendanz von Frank-Patrick Steckel seinen dortigen größten Erfolg hatte.

Zwischen 1982 und 1986 war er Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele, wo er unter anderem mit Dieter Dorn, Ernst Wendt und Thomas Langhoff arbeitete. Hier lernte er auch George Tabori kennen, mit dem er später am Wiener Burgtheater eng zusammenarbeitete. In der Saison 1983/84 spielte er am Kölner Schauspielhaus, unter anderem den Fürsten in MarivauxDer Streit unter Regie von Benjamin Korn, Lopachin in Tschechows Der Kirschgarten unter Regie von Jürgen Flimm und Estragon in Becketts Warten auf Godot unter Regie von Gosch.

1987 wurde er unter der Intendanz von Claus Peymann zum ersten Mal Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Seine erste Rolle war Schlomo Herzl in George Taboris Uraufführung Mein Kampf. Weitere wichtige Rollen waren unter anderem 1988 die Titelrolle in Sophokles/Müllers Ödipus, Tyrann unter der Regie von Matthias Langhoff, im selben Jahr der Antonio in Shakespeares Der Kaufmann von Venedig und 1990 als Doktor Lvov in Tschechows Iwanow mit Regisseur Peter Zadek. Ebenfalls 1990 spielte er den Jago in Shakespeares Othello wieder unter Tabori und 1992 Macduff in Shakespeares Macbeth (Regie: Peymann). 1991 wurde er als Goldberg in Taboris Goldberg Variationen zusammen mit Gert Voss von der Zeitschrift Theater heute zum Schauspielerpaar des Jahres gewählt. Seine Soloprogramme wie Wilhelm Reichs Rede an den kleinen Mann und Robert Walser in Fortsetzungen wurden auch große Erfolge, seit 2010 las er am Burgtheater von Fernando Pessoa aus dem „Buch der Unruhe“.

In der Saison 1992/93 wechselte er an das Deutsche Theater Berlin, wo er unter anderem 1992 unter Regie von Thomas Langhoff in Ostrowskis Der Wald und 1993 unter Gosch wieder als Sosias in Kleists Amphitryon mitwirkte. Anschließend kam er zum Hamburger Thalia Theater, wo er 1995 den Arzt in Schnitzlers Das weite Land unter Regie von Jürgen Flimm spielte und 1996 Zettel in Shakespeares Ein Mittsommernachtstraum mit dem Regisseur Jens-Daniel Herzog und die Titelrolle in Molières Tartuffe erneut unter Flimm spielte.

Ab 1997 war Kirchner wieder Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Seine wichtigsten Rollen der letzten Jahre waren unter anderem 1998 Clov in Becketts Fin de Partie (Regie: George Tabori, eingeladen zum Berliner Theatertreffen), 1999 Schigolch in Lulu von Frank Wedekind (Regie: Andreas Kriegenburg), 2000 Solange in Genets Die Zofen (Regisseure: Ignaz Kirchner, Gert und Ursula Voss), ebenfalls 2000 Dr. Dorn in Tschechows Die Möwe mit Regisseur Luc Bondy. 2001 folgten der Sandperger in Karl Schönherrs Glaube und Heimat (Regie: Martin Kušej) und die Rolle eines Aufsehers und eines Polizisten in Koltès Roberto Zucco (Regie: Klaus Michael Grüber). 2002 spielte er Uta-Napishti in der Uraufführung von Raoul Schrotts Gilgamesh (Regie: Theu Boermans, 2002) und den Richard in der österreichischen Erstaufführung von Thomas Bernhards Elisabeth II. (Regie: Thomas Langhoff). Er hatte auch wieder Soloprogramme wie Der Spaziergang von Robert Walser, die Thomas Bernhard-Lesung Der Stimmenimitator und Minetti. Vor allem seine Auftritte mit Gert Voss sind legendär. Seit 2005 spielte er in der Burgtheater-Produktion Der Anatom von Klaus Pohl im Anatomischen Saal der Bildenden Künste die Solorolle des Stückes. In Der Kirschgarten unter Regie von Andrea Breth als Diener Firs und als Hermann, der Fahrer, in Lukas Bärfuss Der Bus – Das Zeug einer Heiligen war er anschließend zu sehen. Bei den Salzburger Festspielen übernahm er 2007 die Rolle des Samiel in der Freischütz-Inszenierung von Falk Richter.

Kirchner trat am Wiener Burgtheater in zahlreichen Stücken als Komikerduo mit Gert Voss auf, etwa in der schwarzen Komödie von George Tabori Goldberg-Variationen (1991) oder in Neil Simons Die Sunshine Boys (2003), aber auch in Samuel Becketts Endspiel und in Jean Genets Die Zofen. Begonnen hatte ihr gemeinsames Auftreten in klassischen Stücken wie Shakespeares Der Kaufmann von Venedig (Shylock/Antonio) und Othello (Othello/Jago). „Wie Shylock und Antonio, wie Othello und Jago sind auch Mr. Jay und Goldberg ein sadomasochistisches Männerpaar – eine Kombination wie Herr und Knecht, Vater und Sohn, Laurel und Hardy.“ (Theater Heute, August 1991).

2011 war Kirchner am Burgtheater u. a. als Pozzo in Warten auf Godot (Regie: Matthias Hartmann) zu sehen sowie als Fürst Bolkonskyi in Krieg und Frieden, einer Dramatisierung des Tolstoi-Romans. Für diese Rolle wurde er auch als „Beste Hauptrolle“ für den Nestroy-Preis 2010 nominiert. 2012–2014 arbeitete er mit René Pollesch, Frank Castorf, Jan Bosse und Antú Romero Nunes weiter am Burgtheater. Dort las er auch Robert Musils Mann ohne Eigenschaften in Fortsetzungen.

Kirchner starb im September 2018 im Alter von 72 Jahren an den Folgen eines Anfang April erlittenen Schlaganfalls.

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. Bernd Sucher: Theaterzauberer. Schauspieler. 40 Portraits. München/Zürich 1988, ISBN 3-492-03125-0.
  • Peter von Becker: „Willst Du mich einen Virtuosen schimpfen“ Gert Voss und Ignaz Kirchner – ein freundschaftliches Streitgespräch über Kunst und Wahnsinn des Theaters. In: Theater heute. Jahrbuch 1992, S. 38–51.
  • Klaus Dermutz, Nikolaus Bachler (Hrsg.): Tragikomiker: Ignaz Kirchner/Martin Schwab. Deuticke, Wien 2007.
  • Haide Tenner, Ignaz Kirchner: Immer an der Grenze der Verrücktheit. Amalthea, Wien 2016.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg Leyrer: Burgschauspieler Ignaz Kirchner gestorben. In: Kurier.at. 27. September 2018, abgerufen am 27. September 2018.
  2. Georg Leyrer: Burgschauspieler Ignaz Kirchner gestorben. In: Kurier.at. 27. September 2018, abgerufen am 27. September 2018.
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