MOZ, Nummer 56
Oktober
1990
Nachruf

Kollege Walter Neuhaus gestorben

Im Juli verstarb das Gründungsmitglied der „Gewerkschaftlichen Einheit“.

Walter Neuhaus
Foto: GE-Archiv

Kollege Neuhaus ist nach einem langen und schweren Leiden im 72. Lebensjahr am 8. Juli 1990 für immer von uns gegangen.

Bereits in seiner Jugend nahm er aktiven Anteil an der Arbeiterbewegung und wurde deshalb im Jahre 1934 aus der technischen Schule hinausgeworfen, weil er schon als Schüler und Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes gegen Unrecht und Unterdrückung kämpfte.

1938 entkam er nur durch einen glücklichen Umstand den Fängen der Gestapo, und es gelang ihm die Flucht nach Schweden ins Exil. Nach dem Krieg in die Heimat zurückgekehrt, handelte er wieder getreu seiner politischen Überzeugung, daß es wichtig ist, für eine gerechtere und bessere Welt zu kämpfen, und daß man für diese Ziele auch einstehen muß. In Erfüllung seiner politischen Überzeugung war Walter nach 1945 als Landessekretär der Freien Österreichischen Jugend (FÖJ) Niederösterreich tätig, die zu dieser Zeit über 5.000 Mitglieder mit sehr vielfältigen Tätigkeitsbereichen — von der Lebensmittelversorgung für Kinder- und Jugendheime bis zur geselligen und politisch-organisatorischen Tätigkeit — umfaßte. Seit dieser Zeit übte Walter auch sehr viele Tätigkeiten im Rahmen der KPÖ aus. Kollege Neuhaus hat es sich in seinem Leben nie sehr leicht gemacht, das wissen alle, die ihn näher gekannt haben. Am engagiertesten war er in seiner gewerkschaftlichen und betrieblichen Tätigkeit. Besonders die Angestellten des Zentraltanklagers der ÖMV, deren Betriebsrat und Betriebsratsvorsitzender er viele Jahre gewesen ist, schätzten seine Standhaftigkeit bei den Verhandlungen über ihre Interessen, aber auch, wenn es um einzelne Probleme seiner Mitarbeiter gegangen ist. Kollege Neuhaus war für alle da, und noch heute erinnern sich seine ehemaligen Mitarbeiter/innen gerne an ihn, obwohl er die letzten 10 Jahre in Pension war.

Auf Grund seines Eintretens für eine humanistische Gesellschaftsordnung, für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, war Walter Neuhaus in den 60er Jahren ein engagierter Agitator für eine neue Politik der KPÖ. Sein Engagement für eine humane, demokratische, sozialistische Politik führte — wie bei hunderten anderen auch — zum Ausschluß aus der KPÖ.

Walter war, gemeinsam mit anderen politisch engagierten Gewerkschaftern, von der Notwendigkeit einer fortschrittlichen, gesellschaftspolitisch orientierten Gewerkschaftsarbeit — ohne Einfluß und Bevormundung einer Partei überzeugt. Aus dieser Überzeugung heraus gehörte Walter 1969/ 70 zum Proponentenkomitee für die Gründung der autonomen „Arbeitsgemeinschaft für Gewerkschaftliche Einheit“ und somit zu den Geburtshelfern unserer gewerkschaftlichen Gruppierung. Durch seinen Optimismus, seine Grundsätzlichkeit und Tatkraft half er gerade in schwierigen Situationen immer wieder mit, die gewerkschaftliche Arbeit zielorientiert umzusetzen.

Nach seiner Pensionierung im Jahre 1979 betätigte er sich politisch besonders aktiv in seinem 23. Wiener Wohnbezirk. Er half in Bürgerinitiativen und bei Meinungsbildungsprozessen als Mitglied der „Alternativen Liste Wien“ aktiv mit und brachte so Menschen zum Nachdenken. Als er auf der Liste der Grünen Alternative zum Bezirksrat gewählt wurde, übte er diese Funktion so lange aus, als dies sein Gesundheitszustand zuließ.

Wir alle haben mit dem Ableben des Kollegen Walter Neuhaus einen guten und aufrechten Menschen, einen engagierten Gewerkschafter verloren, der den Problemen der sozial Schwachen besonders zugetan war. Seine Arbeit soll nicht umsonst gewesen sein, wir werden ihm ein gutes Andenken bewahren.

Gekürzte Fassung aus: „alternative“, Nr. 7-8/90.

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