FORVM, No. 411/412
März
1988

Kriegsgerichtsrat a. D. Schwinge macht mobil

Die Justiz und die Juristen konnten bekanntlich nach 1945 (fast) ungehindert weiterarbeiten: Wenig betroffen von der Entnazifizierung und kaum gezeichnet von antifaschistischer Gesinnung vermochten Kommentatoren, Legisten, Professoren, Richter und Anwälte der Nazi-Zeit ihre rechtstechnischen Kenntnisse erneut zur Verfügung zu stellen. Böse Zungen behaupteten, es handle sich um Restauration; der deutsche Staatsrechtler Helmut Ridder nannte es kürzlich „,Vergangenheitsbewältigung‘ durch Wiederherstellung von Vergangenheit.“

In Österreich hat diese Thematik anders als in der BRD — bislang wenig Aufmerksamkeit gefunden. [1]

Eines der wenigen Bücher, das darauf genauer eingeht, in das 1985 im Europaverlag, Wien, erschienene Werk Verborgene Wurzeln der NS-Justiz. Strafrechtliche Rüstung für zwei Weltkriege von Eduard Rabofsky (Wien) und Gerhard Oberkofler (Innsbruck). Die beiden Professoren arbeiten heraus, daß „alles, was auf der Strafrechtsebene getan wird, vorher gedacht, in der Theorie vorbereitet und gelehrt worden“ ist (S. 111); und daß die Juristen in der Regel willig und aus eigenem Antrieb ihre wissenschaftlichen Potenzen für die faschistische Politik zur Verfügung gestellt haben. Besonders haben Rabofsky und Oberkofler die kaum vorstellbare Brutalisierung der faschistischen Justiz — auch im Vergleich zu früheren Formen reaktionärer Unterdrückung — hervorgehoben. Sie betraf sowohl die Ziffern der Todesurteile wie die Delikte, für die nun Todesurteile verhängt wurden:

Für antifaschistische Äußerungen, Abhören feindlicher Sender, Schwarzschlachten etc. So wurden im Raum Wien zwischen 1876 und 1918 nur zwölf Todesurteile vollzogen, zwischen 1938 und 1945 allein im Straflandesgericht Wien 1184. Unter Kaiser Franz Joseph wurden 97 Prozent der zum Tode Verurteilten begnadigt, unter Adolf Hitler wurden 97 Prozent hingerichtet (S. 22). Das Buch enthält eine Fülle von Materialien, Dokumenten und sonstigen Informationen und ist — ungeachtet seines Erscheinungsdatums — auch im Jahre 1988 das aktuelle Buch über Österreichs Justiz im Faschismus.

Nun wäre Österreich nicht das, was es ist, hätten sich seine Juristen die Lektüre des Buches angetan: In juristischen Fachzeitschriften sucht man vergeblich nach einer Besprechung. [2] Erst der Linzer Professor für Strafrecht, Reinhard Moos, ging 1987 auf das Buch ein, verfaßte eine Rezension und sandte sie an die „Österreichische Juristen-Zeitung“, deren Schriftleitung ihm das Manuskript aber postwendend retournierte — aus politischen Gründen könne einem Abdruck nicht nähergetreten werden. So kam es, daß Moos’ Besprechung erst im Dezember 1987 im „Österreichischen Anwaltsblatt“ erscheinen konnte. [3] Darin gibt Moos eine treffliche Zusammenfassung des Werks von Rabofsky/Oberkofler und resümiert: „Die Alternative lautet: Verjährung ohne Trauerarbeit oder Durcharbeiten bis zu den Wurzeln der Vergangenheit, die an sich noch keine Unmenschlichkeit waren, aber doch das Klima für diese schufen.“ (S. 633) In diesem Sinne begrüßte er die Veröffentlichung des Buches und postulierte eine wissenschaftliche Fortsetzung.

Eine dieser „Wurzeln“ der NS-Justiz war das Wirken des Professors für Strafrecht und Kriegsgerichtsrates a.D. Erich Schwinge. [4] Moos wies auf dessen Arbeiten hin und machte auf den „von 1940 an in Wien als Strafrechtslehrer und Militärrichter amtierenden Erich Schwinge, später Strafrechtslehrer in Marburg (aufmerksam), der den Geist des Nationalsozialismus, der Erziehung zum unbedingten Gehorsam und der brutalen Justiz lehrte.“ (S. 634) Just dieser Satz scheint den heute 85jährigen Schwinge — der wohlgemerkt gegen das Buch von Rabofsky/Oberkofler nicht aktiv wurde — veranlaßt zu haben, seinen Rechtsanwalt einzuschalten, der nachfolgenden Brief an Moos verfaßte:

Schwinge 1988

1. Erziehung zum unbedingten Gehorsam

Eine solche Behauptung ist gegenüber meinen Mandanten völlig fehl am Platze. Ein Anhänger des unbedingten Gehorsams war er gerade nicht. Darauf ist im Schrifttum schon mehrfach hingewiesen worden.

Im Juli 1939 hielt Professor Schwinge in der Aula der Marburger Universität über das Thema „Gehorsam und Verantwortung“ eine Festrede, in der er — zum Staunen seiner Zuhörer — die These vertrat, daß es für den hohen militärischen Führer Situationen gebe, in denen er den Gehorsam verweigern müsse. Er griff damit eine der Grundnormen nationalsozialistischer Staatsführung an. Die 2. Auflage dieser Rede wurde 1940 vom Reichspropagandaministerium verboten (Titelblatt s. Anlage 1).

Es hat nicht viele Wissenschafter im Dritten Reich gegeben, die mit derart offenen und mutigen Worten ein solches Risiko eingegangen sind und prompt auch ein Verbot erlebt haben. Daß Professor Schwinge auch für seine Person alles andere als ein Anhänger blinden Gehorsams gewesen ist, beweisen die als Anlage 2 und 3 angefügten Bescheinigungen von Dr. F. Nagl und Dr. Seutter-Lötzen.

Dr. Nagl war in der ersten österreichischen Nachkriegsregierung Chef der österreichischen Justiz (einen Justizminister gab es damals noch nicht). Deshalb kommt seiner Äußerung besonderes Gewicht zu. Er hat in seiner Erklärung vom 15.12.1945 bezeugt, daß mein Mandant sich Zumutungen von oben beharrlich und entschieden widersetzt hat. Ähnlich lautet die Äußerung von Dr. Seutter-Lötzen, dem einstigen Polizei-Vizepräsidenten von Wien.

Als Beleg dafür, daß mein Mandant nicht daran gedacht hat, Weisungen von oben blinde Gefolgschaft zu leisten, füge ich als Anlage 4 ein Urteil in Sachen Dembkowsky bei. Als dessen Strafsache an ihn kam, lag von Berlin die Weisung vor, auf Todesstrafe zu erkennen. Das Gericht entsprach dieser Forderung nicht, und so wurde das Urteil auch nicht bestätigt und die Sache nach Berlin gezogen. Das Urteil ist nur ein Beispiel dafür, daß Professor Schwinge niemals ein Mann des blinden Gehorsams gewesen ist.

2. Erziehung zu „brutaler Justiz“

Auch diese Behauptung entspricht aller Wahrheit. Als Beweis überreiche ich Fotokopien der Erläuterungen von Professor Schwinge zu § 5 KSSVO (Zersetzung der Wehrkraft). Hier ist er nationalsozialistischen Tendenzen in seinem Kommentar zum Militärstrafgesetzbuch aufs entschiedenste entgegengetreten. Als einziger der drei Kommentatoren wandte er sich z.B. gegen eine Ausdehnung des Öffentlichkeitsbegriffs auf den Kameraden-, Verwandten- und Freundeskreis und warnte ganz allgemein vor einer Überspannung dieses gefährlichen Tatbestands (s. Anlage 5). Er hat dadurch mit Sicherheit viele Soldaten vor schwerer Strafe bewahrt. In seinem Erläuterungswerk ist er im übrigen an mehr als 40 Stellen für eine Auslegung eingetreten, die dem Beschuldigten günstig war. Von „Lehre zu brutaler Justiz“ zu reden, ist deshalb völlig abwegig.

3.

Daß sein Handeln als Richter und Schriftsteller auch sonst nicht „vom Geiste des Nationalsozialismus“ beherrscht war, lassen außer den Äußerungen von Dr. Nagl und Dr. Seutter-Lötzen auch die Erklärungen von General Müller Derichsweiler und Oberst Scheyer erkennen, die ich Ihnen als Anlage 6 und 7 ebenfalls zuleite.

Sie — sehr geehrter Herr Professor Moos — haben sich Behauptungen zu eigen gemacht (Sie sagen in Ihrer Rezension „lehrte“ und nicht „lehre“), die grob der Wahrheit widersprechen und schwer beleidigender Natur sind. Im Namen meines Mandanten frage ich Sie, was Sie zu tun gedenken, dieses Unrecht aus der Welt zu schaffen.

Ich erwarte Ihre Antwort bis zum 29. Februar 1988.

gez. Rechtsanwalt und Notar

Jener Schwinge, der „einer der führenden Militärjuristen des ‚Dritten Reiches‘ (war)“ [5] und noch in seinem 1977 erschienenen Buch Die deutsche Militärjustiz in der Zeit des Nationalsozialismus „ein die Zeit überdauerndes ungebrochenes Selbstverständnis erkennen läßt“, [6] sucht nun also den Rechtsweg. Waldheim ist nicht mehr allein in seinem Vertrauen auf die heutige Justiz. Lehrte Schwinge Erziehung zu unbedingten Gehorsam, den Geist des Nationalsozialiimus und brutale Justiz? Noch sind nicht alle Akten verschwunden, noch läßt sich auf Dokumente greifen, die der Vergeßlichkeit einstiger Beihelfer entgegengesetzt werden können:

Schon ım Frühjahr 1939 suchte der NS-Dozentenbund nach geeigneten faschistischen Professoren für Österreichs Universitäten. Schwinge, damals angesehener Strafrechtslehrer in Marburg, [7] wurde als Begutachter für die Zuverlässigkeit und Tauglichkeit des in Aussicht genommenen Kandidaten befragt und antwortete in der Sache „Dozent Dr. Erich Becker. UN 6705“ wie folgt:

Schwinge 1939

1. Fachlich. Dr. Becker hat sich im Jahre 1935 hier in Marburg für Staats- und Verwaltungsrecht und für Deutsche Rechtsgeschichte habilitiert. Er ist Dr. phil. und Dr. jur. und verfügt neben der juristischen über eine philologisch-historische Ausbildung, wie sie außer den Rechtshistorikern im eng. S. nur wenige deutsche Rechtsdogmatiker aufzuweisen haben. Die Themen seiner ersten Arbeit sind der Rechtsgeschichte der Rheinlande und Luxemburgs entnommen. In späterer Zeit ist Dr. B. zu verfassungsrechtlichen Studien übergegangen, deren Ergebnisse er in der vielbeachteten Schrift über: „Diktatur und Führung“ (1935) und einem größeren Aufsatz über: „Die Rechtsstellung der deutschen Länder“ (1937) niedergelegt hat. Gegenwärtig ist ein zweibändiges Werk über: „Geschichte und Wesen der Selbstverwaltung“ in Druck, das die Reihe der bisherigen Arbeiten Beckers zusammenfassen und abschließen wird.

Bei diesen Veröffentlichungen handelt es sich ohne Ausnahme um Arbeiten von hohem wissenschaftlichen Rang, die von der Kritik günstig aufgenommen worden sind und den Namen des Verfassers weit über die Grenzen seines Fachs hinaus bekannt gemacht haben; letzteres gilt insbesondere für die historischen Arbeiten. So wie ich den Verfasser kenne, wird er nach einer Berufung in eine beamtete Stelle die Hände nicht in den Schoß legen, sondern mit verdoppelter Kraft weiterarbeiten, um seine wissenschaftliche Stellung auszubauen und das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Die deutsche Rechtswissenschaft wird nach meiner Überzeugung von dem Verfasser noch vieles zu erwarten haben.

2. Politisch-weltanschaulich. Dr. Becker, der seit 1933 Mitglied der NSDAP ist, würde meiner Ansicht nach auch politisch-weltanschaulich in Innsbruck gut am Platze sein. Er ist zwar Katholik, hat aber seit Jahren die Beziehungen zur Kirche gelöst und ist mit einer Protestantin verheiratet, die ebenso wie ihre Mutter — seit 1931 Mitglied der NSDAP ist.

Wie sehr er das Vertrauen weitester und maßgeblicher Parteikreise genießt, beweisen folgende Tatsachen: er ist seit Jahren Lektor für Staatsrecht der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutz des deutschen Schrifttums (dort ist ihm u.a. das Dauerreferat für einige der wichtigsten juristischen Zeitschriften anvertraut!); ihm ist kürzlich von einem unter dem Vorsitz von H. Goering, H. Himmler, Darré und anderen führenden Männern der Partei stehenden Ausschuß ein Sonderforschungsauftrag für eine deutschrechtliche Untersuchung übertragen worden; er ist in der Kurhessischen Verwaltungsakademie alleiniger Dozent für Verfassungsrecht.

Wegen seines frischen, temperamentvollen und umgänglichen Wesens würde er auch seiner ganzen Persönlichkeit nach gut nach Innsbruck passen. Wer wie der Verfasser dieses Gutachtens viel mit aus der Ostmark stammenden und dort ausgebildeten Juristen zu tun gehabt hat, der kann sich nicht im Zweifel darüber sein, daß es noch Jahre, ja vielleicht sogar Jahrzehnte dauern wird, bis an den österreichischen Universitäten derjenige Rechtswahrertyp geformt werden wird, wie wir ihn im Altreich haben und wie er zur Herstellung wahrer Reichs- und Verwaltungseinheit unerläßlich ist. Für die gewaltige Erziehungsarbeit, die hier an den österreichischen Universitäten zu leisten ist, scheinen mir Leute wie Dr. B. besonders geeignet. So wenig es ratsam wäre, Innsbruck und die anderen österreichischen Hochschulen nur mit Österreichern zu besetzen — so wenig würde es sich empfehlen, etwa Berliner oder gar Niedersachsen dorthin zu schicken, denn diese könnten jener Erziehungsarbeit niemals jenen psychologischen Nachdruck geben, der nötig ist. Mit seinem rheinischen Temperament und seiner rheinischen Aufgeschlossenheit wird Dr. Becker den Weg zum Herzen seiner österreichischen Hörer sicherlich nicht verfehlen. Aus diesem Grunde halte ich es für einen besonders glücklichen Gedanken, ihn für eine Universität wie Innsbruck ins Auge zu fassen.

Dr. Erich Schwinge
ord. Professor der Rechte

Keine Erziehung zum Nationalsozialismus?

Schwinge war Kriegsgerichtsrat und verhängte am 14. September 1944 als Richter des Feld-Kriegsgerichts der Division Nr. 177 (II Nr. 952, 1944) über den am 15. Februar 1927 in Wien geborenen Andreas R. die Todesstrafe; das „todeswürdige Vergehen“: Der Junge hatte beim Räumen einer bombengeschädigten Wohnung neben anderen Kleinigkeiten eine Armbanduhr mitgenommen und damit — ohne es zu wissen — einen Standeskollegen von Schwinge (einen Staatsanwalt) bestohlen. Er wurde hiefür nach § 129 MStB. zum Tode verurteilt, die „Straftat“ wurde als „Plünderung“ qualifiziert, obwohl Schwinge (juristisch ohnedies korrekter) die Möglichkeit offengestanden wäre, den 17jährigen gem. § 2 der VO gegen Volksschädlinge zu verurteilen und eine mildere Strafe zu verhängen. Sogar der Anklagevertreter hatte einen Eventualantrag auf Verhängung von 15 Jahren Haft gestellt. Schwinge war also einer jener Militärjuristen, deren Abschreckungseifer von oben gebremst werden mußte: Die Verurteilung schien dem zuständigen Gerichtsherren, dem Befehlshaber des Ersatzheeres Heinrich Himmler, zu hart — er wandelte die Strafe in 15 Jahren Zuchthaus um. Anton R. überlebte — Dank Himmler, nicht dank Schwinge! [8]

Keine Erziehung zur brutalen Justiz?

Schwinge war auch als Propagandist für die Faschisten unterwegs und erstattete regelmäßig Bericht. Besonders hatte es ihm die „Mannszucht“ angetan. [9] Über einen seiner Vorträge in Saloniki (Waldheim war zu dieser Zeit zwar dort stationiert, aber eben auf Heimaturlaub) berichtet Schwinge an den „Herrn Chef des Wehrmachtsrechtswesens“ wie folgt:

Schwinge 1944

Betr.: Vorträge in Griechenland.

Hierdurch bringe ich als besonderes Vorkommnis folgendes zur Meldung:

In der Zeit vom 4. bis 23.3.1944 nahm ich mit gütiger Erlaubnis des Herrn Chefs der Heeresjustiz an den rechtswissenschaftlichen Hochschulwochen teil, die im Auftrag des OKW von der Wiener Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät in Saloniki und Athen veranstaltet wurden. Außer meinen Vorlesungen hielt ich dabei sowohl in Saloniki wie in Athen wie auch in Pyräus öffentliche Vorträge, die das Thema: „Die Entwicklung der Manneszucht in den modernen Heeren“ zum Gegenstand hatten. Ich rückte dabei das von mir schon in einer Tornisterschrift behandelte Thema in eine neue Beleuchtung. Hierbei hob ich sehr stark auch die Leistungen der gegenwärtigen deutschen Militärjustiz, insbesondere ihre Wachsamkeit und Schlagfertigkeit, heraus.

Alle meine Vorträge waren sehr stark besucht und fanden großes Interesse. Dem Vortrag in Athen, der in einem Theatersaal stattfand, wohnte außer zahlreichen Offizieren und den Teilnehmern der Athener Hochschulwoche auch der deutsche Geschäftsträger, dem in Pyräus der Militärbefehlshaber Griechenland bei.

Nach dem Athener Vortrag wurde ich von dem deutschen Geschäftsträger und dem Leiter des deutschen wissenschaftlichen Instituts gebeten, diesen Vortrag abgeändert auch noch vor dem griechischen Offizier- und Reserveoffizierkorps zu halten. Da der Militärbefehlshaber Griechenland und die Abwehrstelle diesen Gedanken unterstützen, erklärte ich mich dazu bereit. Der Vortrag fand dann am Mittwoch, dem 22.3.1944, nachmittags, 16 Uhr, im Hause des griechischen Offiziersklubs statt. Der Andrang war so stark, daß schon eine Viertelstunde vor Beginn der große Saal des Klubhauses mit etwa 500 Personen restlos überfüllt war; mehrere hundert Interessenten mußten umkehren. Anwesend waren u.a. der Kriegsminister, der Kultusminister, der Oberbefehlshaber der Evzonen, die Generalität und Angehörige der Admiralität. Der Vortrag dauerte wegen der Übersetzung ins Griechische 2½ Stunden, er hatte von Anfang bis zum Ende die gespannteste Aufmerksamkeit der Erschienenen. Entsprechend dem Rate der deutschen Herren hatte ich jede propagandistisch klingende Wendung weggelassen und mich auf die Wiedergabe von Tatsachen beschränkt. Meine Ausführungen werden derzeit, einem Wunsche der griechischen Zuhörerschaft entsprechend, ins Neugriechische übertragen, um gedruckt zu werden. Nach dem Vortrag gab der griechische Kultusminister einen Empfang.

Prof. Dr. Schwinge
Kriegsgerichtsrat

Dieser und andere Vorträge in Verbindung mit Schwinges einschlägigen Publikationen, wo zwischen soldatischer Mannszucht und nationalsozialistischem Strafrecht der Zusammenhang mit bester preußischer Überlieferung hergestellt werden könne — keine Erziehung zu unbedingtem Gehorsam?

Ungeachtet der Kenntnis dieser Umstände konnte Schwinge ab 1946 wieder Professor in Marburg werden. Zuerst versuchte er allerdings in Wien eine Anstellung zu bekommen; zunächst berichtete er an den Dekan der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien:

Schwinge 1946

Über meinen Verbleib seit Frühjahr dieses Jahres melde ich dienstlich folgendes:

Am 2. Mai dieses Jahres geriet ich bei Bruneck im Pustertal in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Welsberg und Bozen wurde ich in den Raum von Rimini in britische Kriegsgefangenschaft überführt, wo bis Mitte Juni unter einem eigenen deutschen Hauptquartier 150.000 Mann versammelt wurden. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Zeltlager wurde ich als Rechtsberater des deutschen Kommandierenden Generals in das Deutsche Hauptquartier Bellaria versetzt, wo ich Anfang Juli von den deutschen und britischen Kommandobehörden mit dem Aufbau einer Lager-Universität beauftragt wurde. Am 26. Juli wurde diese mit rund 60 Dozenten und Lektoren und rund 1300 Studenten in Gegenwart von Vertretern der britischen Kommandostellen feierlich eröffnet. Ich habe diese Universität dann als Rektor geleitet und sie über einen anfänglichen Störungsversuch politisch unbelehrbarer Elemente, denen einige Feststellungen von mir über die Behandlung der Wissenschaft im Dritten Reich nicht paßten, glücklich hinweggeleitet. Am Schluß des Semesters, das im Geiste echter Wissenschaft und voller wissenschaftlicher Meinungsfreiheit einen sehr erfreulichen Verlauf nahm, wurde dieses Universitätsunternehmen allerseits als ein großer Erfolg bezeichnet und mir bei meinem Weggang die volle Anerkennung der britischen Kommandostellen ausgesprochen.

Am 16. September wurde ich mit einem Österreicher-Transport in Richtung Heimat in Marsch gesetzt. Nach einem neuen Lager-Aufenthalt wurde ich vor zehn Tagen zu einer britischen Dienststelle überstellt, wo ich als rechtskundiger Dolmetscher beschäftigt werde.

Wann ich die Möglichkeit haben werde, nach Wien zurückzukehren, ist mir unbekannt. Über meine Tätigkeit als Rektor der Lager-Universität Bellaria werde ich noch ausführlichen Bericht vorlegen.

Dr. Erich Schwinge
ord. Professor des Strafrechts

Anschließend suchte er mit Schreiben vom 1. Jänner um Zulassung zum Professorenamt an, worauf ihm der damalige Dekan, Ferdinand Degenfeld-Schonburg, folgendes mitteilte:

Dekan an Schwinge 1946

Sehr vereehrter Herr Kollege!

(...) Es wäre mir eine große Freude, wenn diese Entscheidung zugunsten Ihres weiteren Verbleibens bei uns fallen würde. Aber ich darf Ihnen nicht verschweigen, daß ich in dieser Hinsicht leider erhebliche Befürchtungen hegen muß. So wie die Dinge nun einmal liegen, wird bei aller Hochschätzung Ihrer Person von seiten maßgebender Stellen ihr Hierbleiben aus optischen Gründen sich nicht leicht machen lassen.

(...)

In aufrichtiger Hochschätzung bin ich, sehr verehrter Herr Kollege,
Ihr ergebener

Dieser Skandal, daß nämlich der damalige Dekan den Schwinge lediglich aus Gründen der Optik nicht wieder zulassen wollte, hat bislang überhaupt keine Erwähnung gefunden! Und in einschlägigen Arbeiten kommt der Name Schwinge nicht einmal vor. [10] Es ist vermutlich nur seiner in Marburg erlangten Professur zu verdanken, daß er nicht wie etwa sein Kollege Helfried Pfeiffer in Österreich wieder zu akademischen Ehren gelangte. Die vom Rechtsvertreter ins Treffen geführten „Persilscheine“ für Schwinge legen bloß offen, daß Österreich bei der „‚Vergangenheitsbewältigung durch Wiederherstellung der Vergangenheit“ (Ridder) etwas langsamer als die westlichen Besatzungszonen in Deutschland war.

Mag sein, daß hier ein von Schwinge gegen Moos angestrengter Prozeß durchaus erhellend wirken würde. Der Verfassungsgerichtshof hat jedenfalls mit seinem Erkenntnis vom 29. November 1984 (G 175/84-34) die Richtung vorgegeben: „Die kompromißlose Ablehnung des Nationalsozialismus ist ein grundlegendes Merkmal der wiedererstandenen Republik. Ausnahmslos jede Staatstätigkeit hat sich an diesem Verbot zu orientieren.“ Man sollte diese höchstgerichtliche Maxime der Republik Österreich auch dann ansehen, wenn es um die Bewältigung der spezifischen Vergangenheit der österreichischen Justiz geht und auch dann, wenn man an die Spitze dieser Republik blickt!

[1Ausnahmen aber: M. Szezi/K. Stadler, Die NS-Justiz und ihre Opfer, Wien/München 1962; E. Rabofsky, Die Blutjustiz des Dritten Reiches, Weg und Ziel 1962, S. 818-828; ders., Unbewältigte Justiz — Die Blutrichter, Tagebuch 1962, Nr. 4 und 5; ders., Zu einer Methode der Geschichtsschreibung, Weg und Ziel 1974, S. 171-173; Justiz und Zeitgeschichte, hg. v. E. Weinzierl/K. R. Stadler, Wien 1977; E. Rabofsky, Bewältigung der Bewältigung der Vergangenheit, Fortschrittliche Wissenschaft, H. 3+4/1977, S. 33-39; Die Todesstrafe in Österreich 1938-1945. Protokolle des Symposions „Justiz und Zeitgeschichte“, Wien 1981; Zur Geschichte der richterlichen Unabhängigkeit in Österreich. Protokolle des Symposions „Justiz und Zeitgeschichte“ am 24. und 25. ?? 1986, Wien 1987, bes. den Beitrag von W. Neugebauer über die Richter in der Zeit von 1938-1945.
PS: Oskar Bronner, Die Richter sind unter uns, FORVM, 1. Sonderheft Herbst 1965; Auslandsecho in FORVM Nov. 1965, S. 491; ders., Die Richter bleiben unter uns, FORVM Nov. 1965, ebda. Red.

[2Besprechungen erschienen jedoch von: K. Retzer, in: ÖVDJ-Mitteilungen (Wien), Dezember 1985, S. 12; J. J. Hagen, in: Demokratie und Recht 1985, S. 356-358; R. Kühnl, in: Deutsche Volkszeitung, Nr. 50 vom 13.12.1985, S. 15; W. Silbermayer, in: Fortschrittliche Wissenschaft, H. 14/1986, S. 127-130; W. Maßl, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft 1986, S. 11-118.

[349. Jahrgang (1987), H. 12, S. 633-635.

[4Vgl. zu Schwinge etwa: Rabofsky/Oberkofler, a.a.O., S. 56 ff., 62 ff., 90 ff., 109 und 242; I. Müller, Furchtbare Juristen, München 1987, S. 89, 188, 192, 216 und 238; H. Kramer, Die Aufarbeitung des Faschismus durch die Nachkriegsjustiz in der BRD, in: H.-E. Böttcher (Hg.), Recht — Justiz — Kritik, Baden-Baden 1985, S. 107-126 (123 f.).

[5Kramer, a.a.O., S. 123 f.

[6Ebd., S. 123; vgl. auch Müller, a.a.O., S. 216, der schreibt, daß in diesem Buch „die Rolle der Kriegsjustiz beschönigt, verharmlost und gerechtfertigt wird“.

[7Vgl. etwa E. Schwinge, Teleologische Begriffsbildung im Strafrecht, Bonn 1930; ders., Militärstrafgesetzbuch nebst Kriegssonderstrafrecht, Berlin 1936 (Kommentare zum deutschen Reichsrecht 1); ders./L. Zimmerl, Wesensschau und konkretes Ordnungsdenken im Strafrecht, Bonn 1937.

[8Vgl. Rabofsky/Oberkofler, a.a.O., S. 62 f.; Kramer, a.a.O., S. 124; Müller, a.a.O., S. 192; ÖVDJ-Mitteilungen, Okt. 1984, S. 7-9; Der Spiegel, Nr. 40/1984; Frankfurter Rundschau vom 11. Sept. 1986.

[9Beispielhaft: E. Schwinge, Soldatischer Gehorsam und Verantwortung, Marburg 1939; ders., Die Entwicklung der Mannszucht in der deutschen, britischen und französischen Wehrmacht, Berlin 1940; ders., Schuldbegriff des Militärstrafrechts, Zeitschrift für Wehrrecht 1937/38, S. 443-448; ders., Mannszucht, Ehre und Kameradschaft als Auslegungsrichtpunkte im Militärstrafrecht, Zeitschrift für Wehrrecht 1937/38, S. 29-35; ders., Die Behandlung der Psychopathen im Militärstrafrecht, Zeitschrift für Wehrrecht 1939/40, S. 110-125.

[10Typisch: W. Ogris, Die Entwicklung der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, in: 100 Jahre Universität am Ring, hg. von G. Hamann, K. Mühlberger, F. Skacel, Wien 1986, S. 43-64; W. Brauneder (Hg.), Juristen in Österreich, Wien 1987.

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