Heft 5/2001
September
2001

Kritik der Universität

Die heutige Universität ist eine Institution mit der unerklärten, aber deshalb nicht weniger verbindlichen Aufgabe, Reflexion zu verhindern. Das ist die Zuspitzung, die der traditionelle Auftrag der Universität, Erkenntnis zu verhindern, mittlerweile erfahren hat.

Die traditionelle Universität als Erkenntnisverhinderungsanstalt entsprach dem Bedürfnis der bürgerlichen Gesellschaft nach der Neutralisierung von Interessen, Ideen und Intentionen, die sich gegen die bestehende Ordnung richteten und auf mehr oder minder revolutionäre Veränderungen der Gesellschaft drängten. Dreh- und Angelpunkt dieses Erkenntnisverhinderungsauftrags war der Wahrheitsbegriff. Wahrheit im Verein mit dem Quellenbegriff als empirischem Bewahrheitungskonzept garantierte, daß keine Version der vergangenen und gegenwärtigen Wirklichkeit Geltung erlangte, die nicht zuvor von Status quo-widrigen Interessen und Absichten gereinigt beziehungsweise auf die im Status quo objektivierten Interessen und Absichten vereidigt worden war. Es ist weiß Gott kein Zufall, daß die Entstehung der heutigen Universitäten zeitgleich war mit der Entstehung der gegen die bürgerliche Gesellschaft gerichteten modernen sozialkritischen Bewegungen.

Die heutige Universität als Reflexionsverhütungsinstitut entspringt dem Bedürfnis der universitären Betroffenen selbst, Professoren/innen wie Studenten/innen, sich über die reale Situation und Funktionslosigkeit der Universität keine Rechenschaft zu geben. Dreh- und Angelpunkt dieses Reflexionsverhütungsbedürfnisses ist der Bildungsreformbegriff. Ursache für diese neue Situation ist die Zerschlagung der traditionellen Universität mit ihrer erkenntnisverhindernden Wahrheitsideologie und ihre Umfunktionierung in ein Instrument staatlicher Arbeitsmarktpolitik. Der Vorgang findet Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre statt, und die sogenannte Studentenbewegung spielt dabei den nützlichen Idioten, der die alte Ordinarienuniversität für staatliche Eingriffe öffnet. (Das soll nicht heißen, daß der alten Universität auch nur eine Träne nachgeweint werden müßte.)

Am Ende der Nachkriegsaufbauphase, Mitte der sechziger Jahre, treten in der BRD die ersten Absatzkrisen auf und schließt sich zum ersten Mal der spätkapitalistische Teufelskreis einer Arbeitslosigkeit, gegen die als Heilmittel exportorientiertes Wirtschaftswachstum aufgeboten wird, dessen Hebel die Rationalisierung ist, die wiederum neue Arbeitslosigkeit schafft. Angesichts der sich ankündigenden Dauerkrise auf dem Arbeitsmarkt beschließt der Staat, da seine Kassen von den fetten Nachkriegsjahren noch gut gefüllt sind, die Bildungsreform, für die es zwar viele gute Pseudogründe gibt, deren einziger wirklicher Grund aber die Schaffung einer Parkstation oder eines Verschiebebahnhofs für jugendliche potentielle Arbeitslose ist.

Voraussetzung für diese Umfunktionierung der Universität ist die Erledigung ihrer ideologischen Funktion. Als akademische Erkenntnisverhinderer, sprich, als Geisteswissenschaftler, wird die Intelligenz nicht mehr gebraucht. Die großen gesellschaftlichen Aufbruchsbewegungen scheinen am Ende, der Status quo scheint fest genug verankert; die Ikone akademischer Erkenntnis, der Wahrheitsbegriff hat ausgedient; danach kräht heute kein Hahn mehr, geschweige denn ein Professor.

Seit der sogenannten Studentenbewegung und der anschließenden Universitätsreform ist die Intelligenz nicht mehr als Intelligenz an der Universität, sondern als überflüssige Arbeitskräfte, als potentielle Arbeitslose. Kein/e Student/in und auch kein/e Professor/in, sofern er/sie sich noch irgend als Teil des akademischen Betriebes versteht, ist zynisch genug, diese durch die staatliche Verwandlung der Universität in ein Arbeitsmarktinstrument geschaffene neue Situation sehenden Auges zu akzeptieren. Aber das Leben an der Universität ist schließlich nicht das schlechteste und, verglichen mit der Situation draußen in der Gesellschaft, nach wie vor höchst erhaltenswert.

Foto: Lisl Ponger, Juli 2001

Hier fangen die Rationalisierungen an. Man tut so, als hätte man noch eine intellektuelle Aufgabe an der Universität, simuliert einen der Akademie von der Gesellschaft erteilten Auftrag. Man betreibt permanente Reform, man doktert unablässig an Formen und Inhalten des Studiums, an Studiengängen und Studienperspektiven herum, obwohl der gesellschaftliche Bezugspunkt, die Berufsfelder, sich längst verkrümelt haben und die Inhalte nichts weiter mehr sind als das positivistisch verwaltete Kulturerbe. Gegen ihre Wirklichkeit, Stauraum für von der Gesellschaft nicht gebrauchte Jugend, potentielle Arbeitslose, zu sein, geriert sich die Universität unverändert als Ausbildungsstätte und kompensiert ihr heimliches Unbehagen an dieser Lebenslüge durch fieberhaftes Reformieren.

Das hat das Pikante, daß sie sich in diesem Punkte mit dem Staat trifft, der am gleichen Strang zieht, wenn auch in entgegengesetzte Richtung. Auch der Staat will Studiengänge und Lehrinhalte verbessern, aber nicht, um eine nicht mehr gebrauchte Intelligenz für nicht vorhandene Aufgaben zu rüsten, sondern um die Universität zusammenzustauchen und die geisteswissenschaftliche Ausbildung auf die paar Aufgaben reklametechnischer und medialer Natur zu reduzieren, bei denen die bürgerliche Gesellschaft die Intelligenz noch brauchen kann. Dem Staat geht wirtschaftskrisenbedingt das Geld aus und sein Arbeitslosenstauraum wird ihm zu teuer.

Als institutionalisierte gesellschaftliche Gruppe sind die Akademiker/innen eine ganz normale gesellschaftliche Interessengruppe, die bestrebt ist, sich ihre Privilegien zu bewahren, sich die relativen Vorteile, die der Staat ihr im Zuge seines als arbeitsmarktpolitische Maßnahme erkennbaren Ausbaus des Bildungssystems gewährt hat, zu erhalten. Aber weil die Gruppe nicht zynisch ist, versteckt sie ihr profanes Interesse an der Erhaltung ihres ökonomischen Status quo hinter der als permanenten Reformeifer zelebrierten ständigen Suche nach besserer Ausbildung, fortschrittlicheren Inhalten.

Im Rahmen der Universität geübte Intelligenz ist unter den derzeitigen Umständen hoffnungslos korrupt. Gesellschaftskritik hat unter diesen Umständen, soweit sie nicht praktisch zu werden, sich politisch zu organisieren, vermag, soweit sie also nolens volens theoretisch bleibt, nur als reine Privatsache eine Chance.

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