Café Critique, Jahr 2008
 
2008

Kritik des Zionismus – Lob der EU

Micha Brumlik hat eine Kritik des Zionismus vorgelegt, die ihn gleichzeitig attackiert und für ihn Partei ergreift. Von der scharfen Kritik an den antiisraelischen Auslassungen des deutsch-französischen Publizisten und Politikwissenschaftlers Alfred Grosser gelangt man bei der Lektüre zur Verharmlosung der kaum minder feindseligen Charakterisierung Israels als historischem „Anachronismus“ durch Tony Judt, der in einem Beitrag für die von Brumlik mitherausgegebenen Blätter für deutsche und internationale Politik immerhin verlautbart hat, dass „für einen solchen Staat eigentlich kein Platz mehr“ in der Welt sei. Die durchgängige Kritik am islamisch-djihadistischen Antisemitismus korrespondiert mit einer zumindest schönfärberischen Einschätzung der nicht-islamistischen Kräfte in der palästinensischen Gesellschaft, die allein schon in Brumliks Unterstützung der „Genfer Initiative“ zum Ausdruck kommt und sich in dem von ihm mitinitiierten Manifest „Glückwünsche und Sorgen“ zum sechzigsten Jahrestag der israelischen Staatsgründung niedergeschlagen hat, in dem einfach mal so behauptet wird, „der größte Teil der arabisch bzw. islamisch geprägten Staaten hat inzwischen seine Bereitschaft signalisiert, sich mit Israel zu arrangieren oder sogar auszusöhnen.“ Das Verständnis, das Brumlik dem Zionismus als Selbstverteidigung gegen den Antisemitismus entgegenbringt, wird konterkariert durch Forderungen, die von dieser Funktion nicht viel übrig lassen würden und durch eine Überbetonung rechtszionistischer und, wie der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und frühere Direktor des Fritz Bauer Instituts das nennt, „faschistisch-nationalreligöser“ Tendenzen in der israelischen Gesellschaft.

In den lesenswerten Hauptkapiteln über den „staatsbildenden Zionismus“ und die „deutsch-jüdische Philosophie der Krise“ lässt Brumlik in Auseinandersetzung mit Theoretikern und Kritikerinnen des Zionismus wie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Hannah Arendt, Gershom Scholem, Ernst Bloch und anderen zentrale Widersprüche, die zum Wesen des Zionismus ebenso gehören wie zur jüdischen Religion, deutlich werden – und verstrickt sich selbst in diesen Widersprüchen. Seine Kritik am Zionismus, der die Transzendenz des Judentums weder verwirklichen noch bewahren könne und sie ins rein Politische, ins „Staatsbildende“ auflöse, erinnert an Max Horkheimers Konstatierung eines Moments der Resignation im Zionismus, der in seiner zwangsläufigen Positivität im Gegensatz zum Messianismus der Religion und zur jüdischen Diaspora als eine Art sozialdemokratisches Arrangement mit der schlechten Realität erscheint. Doch was nützt die im jüdischen Messianismus antizipierte und aufbewahrte Erinnerung an die Versöhnung, wenn die Juden tot sind? Und was bringt der von Brumlik stark gemachte Kulturzionismus, wenn er nicht von einem erfolgreich politischen ergänzt wird, dessen Ergebnis dann ja auch der Autor der „Kritik des Zionismus“ zumindest gegen die schlimmsten Angriffe immer wieder in Schutz nimmt?

Brumliks geschichtsphilosophische Überlegungen münden in einem geradezu aberwitzigen Schlussteil mit ebenso realpolitischen wie utopischen Vorschlägen. Brumlik, der vor einer „Selbstzerstörung des zionistischen Vorhabens“ warnt, konstatiert, dass „der Staat Israel und seine jüdische Bevölkerung sich auf den dornenvollen Weg der politischen Vernunft begeben müssen“. Würde er damit nur die langfristige Orientierung auf eine Zwei-Staaten-Lösung meinen, die in Brumliks Essay stets in der vergleichsweise tatsächlich „vernünftigen“ Variante präsentiert wird, die ein generelles Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge ausschließt und eine Demilitarisierung eines zukünftigen palästinensischen Staates vorsieht, könnte man sich bei aller Kritik damit anfreunden. Doch Brumlik fordert zum einen die Abschaffung des israelischen Rückkehrgesetzes, das allen Juden garantiert, nach Israel einwandern zu können. Er zielt damit auf den revolutionären Kern des Zionismus – und biedert sich entgegen all seinen Intentionen jenen Antizionisten als Stichwortgeber an, die er doch bekämpfen möchte. Zum anderen empfiehlt er allen Ernstes die Integration Israels in die Europäische Union, die bei ihm als ein „Israel freundlich gesonnenes Staatenbündnis“ firmiert – was im Vergleich zur Arabischen Liga stimmen mag.

Ganz im Gegenteil zu Brumliks Utopie wäre doch zu wünschen – auch wenn das ähnlich unrealistisch scheint wie Brumliks Zukunftshoffnungen –, dass sich die europäische Ideologie mit ihrem kriegslüsternen Pazifismus, ihrem antihumanistischen Kulturrelativismus und dem zeitweise zur offenen Kollaboration übergehenden Appeasement gegenüber dem djihadistischen Faschismus durch einen stärkeren Einfluss Israels in Europa zumindest relativieren müsste. Nach dem augenblicklichen Stand der Dinge wäre die von Brumlik favorisierte Integration Israels in die EU jedenfalls weder die Realisierung eines „Märchens“ noch ein „Wunder“, wie Brumlik in Anspielung auf Theodor Herzl und David Ben Gurion meint, sondern ein Albtraum. Es würde das zionistische Projekt unter Kuratel stellen und dazu verdonnern, am Nachgeben gegenüber dem Antisemitismus, wie es von maßgeblichen Akteuren in der Europäischen Union praktiziert wird, zu partizipieren – und das wäre das exakte Gegenteil von politischer Vernunft.

Insofern ist es durchaus konsequent, wenn Brumlik fordert, „insbesondere Deutschland“ sollte diese europäische Option zur „Lösung“ des Nahost-Konflikts befördern. Doch warum meint er, das sei zum Wohle Israels? Ist es nicht gerade die Bundesrepublik, die Israel trotzaller Rhetorik der deutschen Kanzlerin bei den Versuchen, den Iran ökonomisch und politisch zu isolieren, im Stich lässt? Ist es nicht so, dass sich Europa mit Deutschland an der Spitze derzeit mehrheitlich so verhält, dass die militärische Option hinsichtlich des iranischen Nuklearwaffenprogramms, die in jedem Fall dramatische Konsequenzen für Israel und vermutlich auch für Europa und die USA hätte, immer wahrscheinlicher wird? Und ist es nicht so, dass gerade in Deutschland immer wieder Stimmen laut werden, die, wie Muriel Asseburg, die Nahostexpertin der eng mit dem deutschen Auswärtigen Amt kooperierenden Stiftung Wissenschaft und Politik meinen, „die bisherige Isolierungspolitik gegenüber dem Iran“ sei „kontraproduktiv“ und man müsse seine „legitimen Interessen ernst nehmen“? Und ist es nicht auch so, dass die Europäische Union sich beharrlich weigert, die libanesischen Islamisten von der Hisbollah als terroristische Organisation zu betrachten, die deutsche sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung gemeinsame Konferenzen mit Nasrallahs Gotteskriegern organisiert hat und der österreichische Kanzler Gusenbauer Tagungen eröffnet, auf denen Vertreterinnen des Hisbollah-Senders Al-Manar auftreten?

Brumliks Setzen auf Deutschland verwundert umso mehr, als er die Bedrohung durch den islamischen Djihadismus von Hamas, Hisbollah und dem Iran, die alle in der einen oder anderen Form von Deutschland mal hofiert, mal mit Samthandschuhen angefasst werden, in aller Deutlichkeit herausstreicht. Bei all seiner Kritik an den unterschiedlichen Ausprägungen des Zionismus weiß auch Brumlik, dass „nach wie vor die schlichte Selbstbehauptungsvariante des Zionismus gewichtige Argumente für sich hat.“ Er wendet sich explizit gegen die Verharmlosungen des iranischen Regimes: „Die politischen Ziele von Hamas, Hisbollah und der gegenwärtigen iranischen Staatsführung sind derzeit auf eine Elimination nicht nur des jüdischen Staates, sondern auch der jüdischen Bevölkerung Israels ausgerichtet.“ Er ist sich bewusst darüber, in welche Situation Israel zusehends gedrängt wird, wenn die Weltgemeinschaft, einschließlich der Israel angeblich so „freundlich gesonnenen Staaten und Staatenbündnisse“, den zionistischen Staat mit der iranischen Bedrohung alleine lässt: „Nichts spricht dafür, dass ein Volk, eine Minderheit, die vor gerade einmal etwas mehr als sechzig Jahren ein Drittel ihrer Bevölkerung unter entsetzlichen, erniedrigenden Qualen verloren hat, derlei ein zweites Mal zulassen wird, sofern sie es verhindern kann. ... Mag sein, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der gegenwärtige iranische Präsident den Knopf drückt, gering ist – sie ist gleichwohl größer als Null und daher nach dem Holocaust jedenfalls für uns Juden unerträglich hoch.“ Diese Unerträglichkeit besteht bereits heute, wo der Iran erst kurz davor steht, sich jene Mittel zu beschaffen, mit der die Vernichtungsfantasien auch in die Tat umgesetzt werden könnten: „Jeder Tag, an dem der Iran, unbeeindruckt von westlichen Vorhaltungen und milden Sanktionen, seine Nuklearkapazitäten weiter entwickelt, lässt diese Bedrohung wachen.“ Und nun bleibt es Brumliks Geheimnis, wie er von diesen klarsichtigen Einschätzungen zu einer Apologie genau jener europäischen Kräfte gelangt, die sich in den letzten knapp 30 Jahren als zuverlässigste Stütze der Mullah-Diktatur im Iran erwiesen haben und derzeit keinerlei Anstalten unternehmen, an dieser Politik substantiell etwas zu ändern.

Micha Brumlik: Kritik des Zionismus. Europäische Verlagsanstalt: Hamburg 2007,200 Seiten, 16,90 Euro

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