ZOOM 3/1996
Juni
1996

Mail art Russia

Rea Nikonova und Serge Segay

Rea Nikonova:

aus: Tautologien, Teil II (1965-1985)

Rea Nikonova und Serge Segay leben in Eysk (Yesk) in Rußland. Sie befassen sich mit visueller, konkreter Poesie (HerausgeberInnen von über 200 handgemachten Büchern und Zeitschriften: u.a. „Nomer“, „Transponans“, „Double“) und Soundpoems (Kassetten: „Ax Work“, „Transponans“, „Listen-eat“ und „Plubmatica“). Seit 1985 haben sie via mail art zahlreiche Kontakte zu vielen KünstlerInnen in anderen Ländern.

Serge Segay und Rea Nikonova waren 1962 in Vologda (Russia) MitbegründerInnen der „Anarchistisch Futuristischen Gruppe“ (1965 neugegründet unter dem Namen „Futur DADA“). Die Mitglieder dieser Gruppe realisierten zaum-poesie (eine Poesiesprache, die sich jenseits der Regeln sogenannter konventioneller Grammatik bewegt).

Realisiert wurden auch verschiedene Aktionen, zum Beispiel Ausstellungen im Dunkeln, Gedichte auf Papier geschrieben und in Pfützen geworfen, Gedichte auf Bauzäunen und Wänden. Serge Segay: „Die zaumnistischen Gedichte schreibe ich seit 1962. Ich gestalte sie vorwiegend als Knishki (dieses gute futuristische Wort meint Büchlein, Anmerkung von Valeri Scherstjanoi, der die Texte für ’Transponace Transfurimus’ zusammengetragen und aus dem Russischen übersetzt hat), manchmal in kleinen Auflagen von fünf bis dreißig Exemplaren. Die Manuskripte werden von uns nicht aufbewahrt. Seit einigen Jahren verwende ich sie in meinen poetischen Collagen. Schon seit 1962 versuche ich verschiedene Leute ins zaumnische Schöpfertum hereinzuziehen. Auf solche Weise existieren in Rußland die Gruppen ’Anarchofuturisten’, ’Budustschel’ in Vologda, ’Futurodadaisten’ in Taganrog usw. Ich bin ein Mensch des heutigen Tages und manchmal der Vergangenheit. Das betrifft in erster Linie die aufgegebenen Buchstaben des russischen ABC, ohne die ich mir meine Poesie nicht vorstellen kann. Dabei halte ich mich wenig am Russischen, ich sehe keine Notwendigkeit, die Worte zu verwenden. Und ich verwende x-beliebige Schriftzeichen nicht deshalb, weil ich Sprachen lerne, sondern weil ich die allgemeinen poetechnischen Ideen zum Ausdruck bringe.“

Rea Nikonova: „Ab 1965 gaben wir die Zeitschrift ’Nomer’ (Die Nummer) heraus – in Swerdlowsk. Wir schrieben alles von Hand nieder, es gab keine Schreibmaschine, die Texte wirkten dafür avantgardistisch: sur und absurd. Es gab viele Theorien, Manifeste, Streitigkeiten, Begegnungen, sogar eine experimentelle Ausstellung in der Stadt, dort wurde ein Bild von mir von einem ’Kollegen’ zerrissen. Aber der wichtigste Traum jener Zeiten war die SCHREIBMASCHINE.“

1985 begannen Rea Nikonova und Serge Segay mit mail art: „Wir haben Tausende unserer Arbeiten ins Leere geschickt, wobei wir nicht wußten: an wen? – Verabschieden Sie sich erbarmungslos von unserem Schöpfertum, von dem, was Sie schon besitzen. Es wäre besser, wenn etwas veröffentlicht wird als aufbewahrt für einen postumen Quatsch.“

Die biografischen Angaben und Briefauszüge sind folgenden beiden Publikationen entnommen:

  • Transponans Transfurismus, experimentelle reihe der Gesamthochschule Siegen, Siegen 1989.
  • ZAUM, Das Fröhliche Wohnzimmer – Edition, Wien 1990.

Die beigefügte Arbeit stammt aus meiner Mail-art-Sammlung.

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