MOZ, Nummer 54
Juli
1990

Mariahilf im Drogenfieber

Wien, 6. Bezirk, Gumpendorferstr. 64, vor dem ehemaligen „Ganslwirt“. Dort, wo eine Station zur Betreuung Drogenabhängiger errichtet werden soll, findet eine Bürgerversammlung statt. Ein Protokoll.

Lösung des ‚Ganslwirt‘-Konfliktes: Arbeitsdienst für die Jugend? Forde­rung einer Wiener Stimme 1990
Foto: AUF-Archiv

Kurt Pint, Bezirkskaiser, gab das Motto aus: „Kommen Sie und geben Sie ihren Willen kund“ — eine Einladung, die sich die GegnerInnen der Drogenstation nicht entgehen lassen konnten. Eine besorgte Mutter eröffnet: „Man sagt Entwöhnung, gut ..., mit kleinen Spritzen undsoweiter, das glaub’ ich nicht! Ich glaub’, man muß brutal sein. Mein Kind daschlag ich mir selba, bevor er dort, am Karlsplatz, vor die Hunde geht“. Eine neidische Pensionistin: „Ned um unsa Göd die do einesetzn vom Korlsplotz. Oda muaß i aa haschen dos ia Wohnung kriag umasunst?“ Eine weitere Pensionistin, mit sich überschlagender Stimme: „Die soin olle oabeitn gehn in a Oabeitslaga, aba urndlichst! Sie! I bin ned füan Hitla gwesn, aba: do war a Ruhe“. Eine dritte, pragmatische Pensionistin: „Da Oabeitsdienst war nicht schlecht, für die Jugend überhaupt“.

Die Pro-„Ganslwirt"-DemonstrantInnen ziehen auf das Beisl zu. Manche tragen Holzkreuze in den Händen und verteilen ein Flugblatt und eine weiße Nelke als Symbol der Versöhnlichkeit.

Der vor dem „Ganslwirt“ versammelte Bürgerzorn glaubt zunächst, die jungen Leute seien auf seiner Seite und applaudiert. Eine Dame belehrt die Umstehenden: „Die san fürn Ganslwirt“ Sogleich kommt die dunkle Seite der Bürgerseele zum Vorschein: „Es olle da g’hern daschlogn“, „Des san lauta Tschuschn“, „A absolute Minderheit terrorisiert die ganze Stadt“, „Geht’s olle in a Spital und loßt’s eich entgiften, so schaut’s nämlich aus“.

Ein Alter schreit auf einen Pro-Demonstranten ein, der versucht, mit ihm zu diskutieren. Der Alte: „Mir ham uns aus der Nazizeit no die Hoknkreiz aufg’hobn, mit de daschlogn ma eich“. Ein Herr von der ÖVP zieht ihn beschwichtigend zur Seite. Der Alte, beleidigt, in zärtlichem Tonfall zu seinem Hund: „Nelli, gell, du bist auch eine Abstinenzlerin“.

Auf tritt (sic) Kurt Pint, braungebrannt im legeren Sommeranzug nimmt er den Jubel jener, die er rief, entgegen. Er raucht eine Zigarette. Eine Dame: „Er tuat’s scho erfossn (das Mikro), mit der Zigarettn im Mund!“ Eine zweite: „Natürlich, der Pint“. Eine andere (wissend): „Ja, natürlich. A Scharmör. A schöne Sache, ned? Wann ma da bei so ana Veranstaltung is, muaß ma se scho a bissl zruckholtn“.

Floriani-Pint, Stolz der ÖVP-Rhetorik-Schule, spricht nun zu den Seinen, immer wieder von Beifall unterbrochen. Nicht müde wird er, sein Mitgefühl für die Kinder vom Karlsplatz zu betonen, aber, bitte, nicht in seinem Bezirk. Er versäumt es auch nicht, sich von rechtsradikalen „Elementen“, „die, wie mir zu Ohren gekommen ist, sich auch hier eingefunden haben“, zu distanzieren, wirbt um Verständnis für die wohlmeinenden, aber verirrten „Ganslwirt“-Anhänger, übergibt gar das Mikrophon an Pater Gabriel, Anführer der Pro-Demonstranten.

Auftritt Pater Gabriel. Pfui-Rufe werden laut, Beifall von seiten der BefürworterInnen des Projektes. Der Pater: „Ich halte einen Bezirk für so gut, wie er mit den Randgruppen umgeht. Die vielen Sozialzentren gereichen erstens dem Bezirk zur Ehre ...“ — Zwischenruf: „Die Rosa-Lila Villa — eine Gefahr“. Pater Gabriel setzt fort „Mir tut es wahnsinnig weh, daß die Nichtwählerpartei immer mehr zunimmt. Heute kann ich verstehen, daß sich viele Jugendliche abwenden, mit Grausen abwenden von der Politik.“ Allgemeiner Applaus: „Bravo“. Pater Gabriel: „Leider, leider. Ich bin Lehrer am Amerlinggymnasium. Ich glaube, die Schüler sind dann gefährdet, wenn wir sie in einem Klima von Haß und Materialismus aufwachsen lassen.“ Buh-Rufe, Pfui-Rufe, Pfiffe. Zwischenruf: „Der hat ja keine Kinder, der kann ja ned mitredn“. Ein Herr: „Des is a Untergriff, junge Frau“. Ein zweiter Herr: „Vielleicht hod er eh wöche, er gibt’s nur ned zua, könnt’ ja sein.“ Ein kecker Jüngling, Marke Junge ÖVP, ergreift das Mikrophon, schreit: „Ich hätte einen Vorschlag, ich hätte einen Vorschlag zu machen: wenn der Herr Pfarrer schon so mit den Süchtigen fühlt, dann soll er sie doch alle bei sich unterbringen, bei sich in der Pfarre.“ Bravo, Applaus etc. Der Vertreter der Grünen aus dem 5. Bezirk ergreift das Wort. „Ich bin Vertreter der Grünen aus dem 5. Bezirk“. Zwischenruf: „Ein Ausländer!“. Gelächter. „Wir Grünen fordern eine Drogenbetreuungsstation, einen ‚Ganslwirt‘ in jedem Bezirk“. Rufe, es wird skandiert: „Schleich di!“ Dann Herr Aigner. Er nimmt das Mikro, lispelt, spricht im Tonfall eines Polizisten bei einer Razzia: „Achtung, Achtung! Mein Name ist Herr Aigner. Ich bin Vertreter der Geschäftsleu ...“ Zwischenruf: „Lauter, lauter!“ Herr Aigner verhaspelt sich: „Mein Name ist Herr Aigner. Ich bin Geschäfts ... ich bin der Vertreter ...“ Zwischenrufe: „Lauter, lauter!“ Herr Aigner unternimmt einen neuen Anlauf, er hat ja etwas vorzubringen: „Mein Name ist Herr Aigner. Ich bin der Vertreter der Geschäftsleute. Ich hab gemeinsam mit unserem Herrn Bezirksvorsteher bei der Vizebürgermeisterin Smekul, ’tschuldigen, Smejkal, vorgesprochen und habe 10.000 Unterschriften übergeben“. Applaus, Applaus. „10.000 Unterschriften, mit der Bitte, das Projekt ‚Ganslwirt‘, einen Baustopp zu erwirken und die (sic) Therapie- und Drogenzentrum am Getreidemarkt 2-4 zu errichten“.

Das Wort ergreift die evangelische Pfarrerin des Bezirkes. „Ich habe heute vormittag auf dem Zentralfriedhof einen 27jährigen Drogentoten begraben.“ Eine rotgesichtige, platinblonde Endvierzigerin: „Gottseidank“, klatscht, schreit „Bravo“.

Es ist 19.30 Uhr, Pint setzt den offiziellen Schlußpunkt. „Wir wollen nicht ohne Hoffnung auseinandergehen“, gibt er der sich zerstreuenden Menge mit auf den Weg. Die Pro-„Ganslwirt“ -DemonstrantInnen stimmen „We shall overcome“ an und ziehen wieder ab. Einige diskutieren immer noch. Ein engagierter Mittelschüler versucht, ein paar ganz Fanatische zu überzeugen und bekommt zu hören: „Oabeits wos? Geh scheißn, du Oasch, sunst bist in der Kinett’n.“

P.S.: Am 22. Mai wurde zwischen der Stadt Wien und den AnrainerInnen ein ‚Stillhalteabkommen‘ geschlossen, über die Zukunft des Projekts Drogenbetreuung im „Ganslwirt“ wird ab Ende Juni weiterdiskutiert.

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