MOZ, Nummer 57
November
1990
Neue Weltfußballordnung:

Mehr Geld, weniger Spaß

Europacupspiele und Fußballweltmeisterschaft 1990 machen deutlich: Der Fußballsport stagniert. Kreativität und Spielwitz haben taktischen Überlegungen Platz gemacht. Von Rio de Janeiro bis Bukarest dieselbe Spielanlage: phantasiearmer europäischer Krautfußball.

Fotos: Contrast/Allsport

„Mir ist aufgefallen, daß eigentlich nichts aufgefallen ist.“ Während das Volk noch einmal national taumelte, das Fähnchen schwang und sich auf die — wieder einmal unsäglich langweiligen — WM-Bildbände stürzte, benutzte sein Kaiser Franz Beckenbauer einen Auftritt in der Kölner Sporthochschule, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Die Bundesrepublik Deutschland ist der neue Fußballweltmeister, keineswegs unerwartet und durchaus verdient. Die bundesdeutsche Elf spielte nicht übel, allemal besser und ansehnlicher als in Spanien und Mexiko und überließ das Ballhalten und Querspielen dieses Mal anderen Mannschaften. Mit 155 Torschüssen und 15 Toren erwies sich das deutsche Team als das weitaus offensivste unter den 24 Endrunden-Teilnehmern. Zum Vergleich: Endspielpartner Argentinien schoß nicht einmal halb so oft auf das gegnerische Gehäuse.

Was im Siegesrausch indessen geflissentlich unterschlagen wurde: Noch nie war es für eine deutsche Mannschaft so leicht, den Weltmeistertitel zu erringen. Die FIFA-Kommission, deren Aufgabe es war, taktische und technische Neuerungen zu notieren, gab sich anschließend völlig ratlos. Der Fußballsport stagniert und scheint sich unaufhaltsam seinem Ende als kreatives Spiel, als Spiel der unzähligen Möglichkeiten zu nähern.

„Es triumphierte der phantasiearme, effektive Krautfußball europäischer Prägung. ... Die Tendenz zu einem reinen Mittelfeldspiel, arm an Torszenen und technischen Raffinessen, unterbrochen von durchschnittlich vierzig bis fünfzig Freistößen, schreitet unerbittlich fort“, lautet Matti Lieskes deprimierendes Fazit in der „Tageszeitung“. Auch der Offensivgeist der deutschen Elf vermag diese Behauptung nicht zu widerlegen. Was in Italien von den Beckenbauer-Jüngern vorgetragen wurde, war lediglich eine immanente Fortentwicklung eines Spielsystems, das sich bei nächster Gelegenheit auch wieder im endlosen Querschlagen der Lederkugel erschöpfen kann. Nur die bombastische mediale Aufbereitung des Ereignisses wie sein Austragungsort, das Fußbailand Italien, wo der Enthusiasmus noch etwas Authentisches hat, konnten über das sportliche Desaster hinwegtäuschen. Da die nächste WM ausgerechnet, aber alles andere als überraschend in den USA stattfmden wird, sind diesbezüglich weitere Steigerungen zu erwarten.

Der Fußball befindet sich in einer Sackgasse. Das Spiel, dessen Faszination in der Vergangenheit gerade in seiner Unberechenbarkeit lag, wird zusehends berechenbarer und verliert im gleichen Maße an Kreativität. Wissenschaftler haben ermittelt, daß heute ein Spieler zwar im Durchschnitt nicht weniger als 10 Kilometer während der 90 Minuten zurücklegt, aber lediglich 200 Meter davon mit dem eigentlichen Gegenstand des Spiels — dem Ball — am Fuß. Hierzu paßt auch, daß die Mehrzahl der nur 115 WM-Tore durch einen direkten Schuß (34) oder per Kopfball (29) erzielt wurde. Beides Belege dafür, daß heute kaum noch Zeit für eine Ballannahme bleibt und die Hauptkonzentration aller taktischen Erwägungen auf Deckungsaufgaben und die Verengung der Räume für Gegner liegt. Wer den „guten alten Zeiten“ der Beckenbauers, Netzers, Overaths oder Cruyffs nachtrauert, muß zugleich eingestehen, daß diese heute keine Schnitte mehr bekommen würden. Das Problem sind dabei weniger die Spieler als solche denn die taktischen Systeme, in die sie gezwängt werden und die sie prägen.

Europäisierung der Ballbehandlung

Italien hat einmal mehr die Herausbildung einer Weltfußballordnung dokumentiert, die sich weitgehend analog zur Struktur der herrschenden Weltwirtschaftsordnung verhält. Auf dem Spielfeld manifestiert sich diese Entwicklung in der Nivellierung bzw. Europäisierung vormals unterschiedlicher Spielstile. Bei nahezu allen WM-Teilnehmern war eine Defensivierung ihrer Spielanlage auszumachen bzw. eine Abnahme der Risikobereitschaft bezüglich der eigenen Angriffsgestaltung. Ein stabiler Defensivblock ist heute das konzeptionelle Herzstück fast aller Mannschaften. Entsprechend gering fiel die durchschnittliche Torquote pro Spiel aus (2,1 pro 90 Minuten).

Selbst als man im Achtelfinale zum k.o.-System überging, änderte sich hieran nichts. Vielmehr versuchten nun einige Teams, sich vom Anstoß an in ein Elfmeterschießen zu retten. Abweichungen vom gängigen Spielsystem demonstrierten lediglich die Republik Irland und Kamerun. Die Republik verzichtete auf den Libero, während England, Schottland und Brasilien diese kontinentaleuropäische ‚Errungenschaft‘ erstmals adaptierten. Das irische Beharren auf die weithin als anachronistisch angesehenen, auf einer Linie operierenden zwei Viererketten hat laut Trainer Charlton vor allem damit zu tun, daß seine Mannen das kontinentale System schlichtweg nicht spielen können. Ansonsten demonstrierten die Iren traditionellen ‚working class‘-Fußball.

Eine positive Abweichung stellten zweifelsohne die Kameruner dar, aber wahrscheinlich war dies auch der Grund, warum die Afrikaner den Sprung unter die letzten vier knapp verpaßten. In 37 von 44 Fällen ging die mit 1:0 in Führung gegangene Mannschaft später auch als Sieger vom Platz, sechsmal mußte noch der Ausgleich hingenommen werden, aber nur zweimal ging das Spiel noch verloren. Eines dieser beiden Spiele war das Kameruns gegen England. Den Afrikanern gelang es nicht, einen 2:1 Vorsprung über die Zeit zu retten, sie unterlagen nach 120 Minuten mit 2:3. Kameruns Schwächen lagen im taktischen Bereich wie im Defensivverhalten, was im übrigen mit eine Erklärung dafür ist, warum die Elf in der Foulstatistik des Tumiers/auf dem ersten Platz rangiert.

Das Leder ist gar nicht so rund

Die Zeiten, wo unterschiedliche Spielsysteme — Manifestationen von kulturell wie sozial unterschiedlichen Lebensumstände und -weisen — aufeinanderprallten, neigen sich dem Ende zu, was die Metropole Europa bevorteilt und die Langeweile befördert.

Aber auch in Europa selbst haben sich die Zeiten geändert: Der traditionelle Arbeiterfußball, in Ländern wie England und Deutschland auch ein Abbild der industriellen Arbeitswelt, gehört mehr und mehr der Vergangenheit an.

Spitzenfußball ist heute ‚Angestelltenfußball‘, zwar technisch perfekter als das proletarische Spiel, aber sowohl an Intuition wie auch an Originalen arm, gewissermaßen ‚herzlos‘. Die Zeit der Beckenbauers, Overaths und Netzers erscheint in historischer Retrospektive als eine Übergangsphase: Traditionelle proletarische Elemente des Spiels — wie Härte, Kraft und Ausdauer — traten zugunsten technischer Finessen in den Hintergrund, aber was diesen Jahren folgte, war das pomadige und gänzlich zweckorientierte Rasenschach Bayern Münchens. Nicht nur die nun einsetzenden astronomischen Gehälter, sondern auch die Spielanlage vergrößerten die soziale Distanz zwischen Akteuren und ihrem traditionellen Publikum. Auch in Südamerika war (und ist) der Fußball primär eine Disziplin der Unterschichten. Nichtsdestotrotz unterschied er sich vom europäischen Pendant erheblich: Südamerikanischer Unterschichtfußball war mehr vorindustriell denn industriell, weniger diszipliniert und spielerischer. Aber in Italien war es nur noch das Team Kameruns, das die „Vision vom Fußball als Kunst“ wach hielt, „von den Sandfußballern und der proletarischen Verve, deren letzte europäische Verkörperung Michael Platini war, der an lothringischen Telegraphenmasten den Freistoß übte“ (Helmut Bottiger in der „Zeit“).

Von den Teams aus Südamerika ließ Brasilien noch am ehesten frühere Individualität und Genialität erkennen, wenngleich auch hier bereits eine sehr fortgeschrittene Annäherung an das europäische System zu konstatieren war. 26 weite Querpässe im Spiel gegen Schweden und lediglich 4 Tore in 360 Spielminuten sprechen eine deutliche Sprache. Vom traditionsreichen risikofreudigen Angriffsspiel war kaum mehr etwas zu sehen. Auf der anderen Seite ließen die — ganz europäisch — aus einer stabilen Abwehr herausspielenden Brasilianer aber auch nur zwei Tore zu. Das Aus kam im Spiel gegen den Nachbarn Argentinien, der von den prominenteren Fußballstaaten der „Dritten Welt“ am europäischsten aufspielte. Argentinien mogelte sich in einer Weise ins Finale, wie man es bislang hauptsächlich von der bundesdeutschen Mannschaft gewohnt war: zwei Siege, zwei Niederlagen und drei Unentschieden, also sozusagen ein ausgeglichenes Punktekonto, reichten Maradonas Truppe zur Vizeweltmeisterschaft.

Schwarze Kicker sind billiger

Die Gründe für die Europäisierung des Weltfußballs sind die folgenden: Zum einen hat sich das europäische System als vermeintlich überlegen — weil systematischer, rationaler und erfolgsorientierter, was allerdings noch nichts über seinen Unterhaltungswert aussagt — erwiesen. Die Diskussion europäischer versus südamerikanischer Stil ist auf dem Subkontinent im übrigen keineswegs neu, sondern beispielsweise in Brasilien mittlerweile gut 40 Jahre alt. Als Brasilien 1950 das WM-Endspiel im eigenen Land verlor, machten viele der der weißen Kompradorenklasse nahestehende Kommentatoren den gemischtrassigen Charakter des Teams für die „nationale Katastrophe“ verantwortlich: Der gemischtrassigen Mannschaft habe es an „europäischer Kraft und Stärke“ gemangelt. So war der Einsatz des damals 17jährigen Pele bei der WM 1958 keineswegs unumstritten, aber zwei Titelgewinne in Folge — dem Sieg von Schweden folgte ein weiterer 1962 in Chile — beendeten die Debatte zunächst. Doch seit dem WM-Debakel von 1966, das nicht zuletzt dem Umstand geschuldet war, daß Pele von seinen europäischen Gegenspielern aufs übelste zusammengetreten wurde, fuhr der Zug immer schneller in Richtung Europäisierung.

Zum anderen wird die Europäisierung allein schon dadurch erzwungen, daß mehr und mehr südamerikanische Kicker ihr Brot in westeuropäischen Ligen verdienen, weil ihre Heimatländer und Heimatvereine finanziell bankrott sind. So standen zum Zeitpunkt der WM nicht weniger als neun Spieler der brasilianischen Stammformation bei westeuropäischen Vereinen unter Vertrag.

Uruguays Trainer Oscar Washington nahm die WM und das enttäuschende Abschneiden seines Landes zum Anlaß, den Massenexport junger und oft noch unfertiger uruguayanischer Fußballer zu beklagen, der für den Niedergang des traditionsreichen ‚Celeste‘ verantwortlich sei. Zwischen den 30er und 50er Jahren galt das Team Uruguays, das in dieser Zeitspanne zwei von vier Weltmeisterschaften gewann, als die Inkarnation von Spielwitz und Technik schlechthin. Über 200 uruguayanische Kicker sollen derzeit im Ausland spielen, wo sie ihrer ursprünglichen Spielweise weitgehend beraubt und in das europäische System gepreßt werden.

Der Vorteil der Verpflichtung von Spielern aus der traditionellen „Dritten Welt“ — neben den südamerikanischen Fußballstaaten Brasilien, Argentinien und Uruguay zählen mittlerweile auch einige afrikanische Staaten zu den Kickerexporteuren — und der neuen „Dritten Welt“ des ehemaligen Ostblock besteht darin, daß sie ungleich billiger ausfallen als Spieler westeuropäischer Herkunft gleicher Qualität. Nicht von ungefähr waren es in der deutschen Bundesliga in der letzten Saison gerade Vereine aus der Abstiegszone und mit finanziellen Problemen — Homburg, der Hamburger SV und der F.C. St. Pauli — sowie einige Zweitligisten, die sich auf den südamerikanischen und osteuropäischen Märkten bedienten. Die Verpflichtung von „Dritte-Welt“-Spielern verspricht dabei gleich zum doppelten Geschäft zu werden: Sie werden zu Dumpingpreisen erworben, um dann innerhalb des europäischen Marktes zum Vielfachen des Einkaufspreises weiterverkauft zu werden. In welchem Ausmaß Weltwirtschaftsordnung und Weltfußballordnung mittlerweile konform gehen, dokumentieren in drastischer Weise die Transfers des Brasilianers Romario und des Rumänen Lupescu. Romário wurde nach der Olympiade 1988, bei der er der erfolgreichste Torschütze war, vom holländischen Erstdivisionär und Europapokalsieger PSV Eindhoven erworben, der dem „Philips“- Konzern gehört. Die Ablösesumme des brasilianischen Stürmerstars wurde mit dem brasilianischen Schuldendienst bei holländischen Banken verrechnet. Lupescu, einer der auffälligeren Akteuere dieser WM, tritt mittlerweile für Bayer Leverkusen den Ball. Die Leverkusener überwiesen für den Rumänen die vergleichsweise bescheidene Summe von 900.000 Dollar plus Medikamente zum Großhandelspreis von 400.000 Dollar. Bei der Medikamentensendung handelte es sich keineswegs um eine milde Gabe an das medizinisch unterversorgte Rumänien, da sie den „Bayer“-Konzern in der Herstellung höchstens ein Viertel des Großhandelspreises kosteten.