MOZ, Nummer 55
September
1990
Contras in Nicaragua:

Mission beendet

Die sandinistische Revolution ist zu Ende. Und mit inr der gegen sie gerichtete Terror der Contras. Die 10 Jahre lang von den USA unterstützten antisandinistischen Verbände geben nun ihre Waffen ab. Sie fühlen sich als Sieger, ihre Mission ist vollbracht.

Die Contras: „aus den Schergen im Solde Washingtons werden wieder ‚Senores‘“
Fotos: Ralf Leonhard

Der strömende Regen unterstrich, daß eine besonders trübe Epoche der nicaraguanischen Geschichte zu Ende ging. Man schrieb den 27. Juni 1990, als auf dem Kirchplatz von San Pedro Lovago, rund 200 km östlich von Managua, der letzte Kommandant der bewaffneten Konterrevolutionäre sein Sturmgewehr niederlegte. Der neunjährige Krieg, der damit seinen feierlichen Schlußpunkt fand, hinterläßt 50.000 Opfer Tote, Verstümmelte, Verschwundene, Vertriebene — und Materialschäden von 17 Milliarden Dollar. Israel Galeano, alias Comandante Franklyn, der Generalstabschef der Contras, fühlte sich als moralischer Sieger, als er in seiner Ansprache erklärte: „Unsere Mission ist beendet, weil bereits eine demokratische Regierung gewählt wurde.“ Staatschefin Violeta Chamorro lächelte huldvoll unter ihrem Regenschirm hervor. Sie weiß, was sie den Contras verdankt. Denn die Wahlen im vergangenen Februar konnte sie nicht zuletzt mit dem Versprechen gewinnen, den Militärdienst aufzuheben und den Krieg zu beenden. Mehr als zwei Monate hatten die Contras die längst versprochene Entwaffnung hinausgezögert, der neuen Regierung immer neue Konzessionen abgerungen. Der 30-jährige Bauernsohn Franklyn konnte sich als der eigentliche Sieger der Wahlen fühlen.

Die Konterrevolutionäre — jahrelang der Inbegriff des Bösen, die Schergen im Solde Washingtons, die ‚Bestien‘, wie sie eine Zeitlang im Jargon der sandinistischen Parteizeitung „BARRICADA“ hießen — waren plötzlich ‚Senores‘, denen das versammelte Ministerkabinett seine Vorschläge unterbreiten mußte. Gesundheitseinrichtungen und Bildung, Witwen- und Waisenversorgung, Land und Maschinen, finanzielle Starthilfe und günstige Kredite, ja sogar das Recht auf regionale Selbstverwaltung und die Aufstellung einer eigenen Polizeitruppe ließen sich die Kommandanten am Verhandlungstisch zusagen. Die Konterrevolutionäre waren durch den Wahlsieg der Konservativen nicht nur salonfähig geworden, sie wurden plötzlich zu Helden und Patrioten. Auch Erzbischof Kardinal Obando y Bravo ließ es sich bei einem Festakt für die Contras nicht nehmen, in seinem lateinischen Zitatenschatz zu kramen: „Dulce et decorum est pro patria mori“, deklamierte er aus den Oden des Horaz und stellte damit die Geschichte auf den Kopf: „Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben“.

Leitfaden zum Terror — im Handbuch der CIA

Bald nach der Flucht des Diktators Anastasio Somoza und der Machtübernahme der Revolutionsregierung im Juli 1979 begannen sich im benachbarten Honduras versprengte Mitglieder der aufgelösten Nationalgarde zu sammeln. Während Violeta Chamorro noch als Vertreterin des bürgerlichen Flügels in der Revolutionsjunta die Dekrete zur Enteignung der Somozisten mitunterzeichnete, wurde in Tegucigalpa und Miami bereits konspiriert. Schon die weltweit gepriesene Alphabetisierungskampagne im Jahre 1980 wurde überschattet durch Attacken auf freiwillige Lehrer, die den Campesinos in den entlegensten Berggebieten das Lesen und Schreiben beibringen wollten. Terroristische Anschläge auf Brücken oder Fahrzeuge, Überfälle auf grenznahe Dörfer kennzeichneten die Aktivitäten der ersten Jahre. Nach jeder Attacke zogen sich die Contras wieder blitzschnell über die sichere Grenze nach Honduras zurück, wo sie die Mitwisserschaft und tatkräftige Unterstützung der Armee genossen und zunehmend auch von Abgesandten der CIA aufgesucht wurden. Denn in Washington hatten Präsident Reagan und sein Stab beschlossen, daß die unbotmässige Regierung in Managua gewaltsam beseitigt werden müsse. Angebliche Waffenlieferungen an die Revolutionäre in El Salvador dienten als willkommener Vorwand für das direkte Engagement der USA. 1982 enthüllte das Nachrichtenmagazin „NEWS-WEEK“, daß der aus Offizieren der ehemaligen Nationalgarde bestehende Generalstab der Contras direkt dem Kommando der CIA-Zentrale in Langley, Virginia, unterstand. Fast 60 Millionen Dollar aus Steuergeldern waren bis dahin an die Söldner geflossen. Argentinische und US-amerikanische Experten unterwiesen die Antisandinisten in Sabotagepraktiken und Überlebenskampf. Noch vor kurzem konnte man in den Bergen Nicaraguas Contras treffen, die auf ihrem Barett stolz ein Emblem trugen, das dem Wehrmachtsadler zum Verwechseln ähnlich ist: ein Fallschirmjägerabzeichen, erworben auf der ehemaligen US-Luftwaffenbasis Aguacate in Honduras. Der Geheimdienst verteilte an seine Schützlinge in Nicaragua sogar einen Leitfaden für terroristische Anschläge, der später im Kongreß einen Skandal auslöste. Denn der darin enthaltene Aufruf zur Ermordung von Regierungsfunktionären ging der Mehrheit der Abgeordneten doch zu weit. Das Vertrauen der CIA-Strategen in die Effizienz der nicaraguanischen Konterrevolutionäre kann nicht sehr groß gewesen sein: Für heikle Einsätze schickten sie vorsichtshalber ihre eigenen Leute aus. Im Oktober 1983 attackierten sie den Exporthafen Corinto vom Meer aus und setzten dabei die Öldepots in Brand. Kurz darauf wurde die Hafenzufahrt von Corinto sowie jene des Erdölhafens Puerto Sandino und des Karibikhafens El Bluff von Froschmännern vermint. Die Contras, die ursprünglich von den Sabotageaktionen gar nichts wußten, beeilten sich, den Coup auf ihre Kappe zu nehmen.

Neben der Nordfront der ehemaligen Nationalgardisten in Honduras war inzwischen auch eine Südfront mit Basis in Costa Rica entstanden. Sie wurde von Eden Pastora, einem ehemaligen Helden des sandinistischen Befreiungskampfes, angeführt. Der Haudegen und Antikommunist, der sich bald nach dem Sieg der Revolution von seinen Kameraden abwandte, um eigene Wege zu gehen, konnte sich auf eine Reihe von Kampfgefährten und Verbündete in Costa Rica und Venezuela stützen, um erneut in den Krieg zu ziehen. Sein Operationsgebiet war die dünn besiedelte und unterentwickelte Urwaldregion Rio San Juan an der costaricanischen Grenze. Ein Bombenanschlag seiner Leute auf den Flughafen von Managua im September 1983 endete mit einem Fiasko. Die zweimotorige Maschine der Attentäter zerschellte am Radarturm und die sichergestellten Dokumente enthüllten, daß auch Pastora von der CIA gesponsert wurde.

Die Sandinisten sahen sich einem Zwei-Fronten-Krieg ausgesetzt und mußten die allgemeine Wehrpflicht einführen, um den militärischen Attacken die Stirn bieten zu können. Keine andere Maßnahme sollte die Regierung soviel Sympathien kosten wie die massenhafte Rekrutierung von Jugendlichen, die zumeist unzureichend ausgebildet in die Berge und Urwälder geschickt wurden.

Contras bei der Demobilisierung Ende Juni

Die Freiheitshelden des Ronald Reagan

Den Contras gelang es mittlerweile, ihre Reihen aufzufetten und sich zu einem Heer von Campesinos zu entwickeln. Teils schlossen sich die konservativen Kleinbauern aus dem nördlichen Bergland freiwillig den Freischärlern an, die ihnen weismachten, die Sandinisten wollten ihnen ihr Land wegnehmen oder die katholische Kirche verbieten, teils wurden die Einwohner ganzer Dörfer verschleppt und nach Honduras mitgenommen. Später geflüchtete oder in Gefangenschaft geratene Contra-Kämpfer erklärten, wie auch Unwillige bald zu Konterrevolutionären wurden. Sie wurden nämlich auf Aktionen mitgeschickt und mußten sich bei Hinterhalten und Überfällen mit Blut beflecken. Einmal schuldig geworden, sahen sie ihren Weg zurück verbaut.

Während der ersten Jahre hatte die Last der Verteidigung auf den schlecht ausgerüsteten Reservetruppen und den lokalen Milizen gelegen. Die beweglichen Bataillone der Wehrpflichtigen, die ab Mitte 1984 in Aktion traten, ermöglichten es der sandinistischen Armee, erstmals auch in die Offensive zu gehen und Contra-Trupps aufzuspüren. Doch der strategische Wendepunkt konnte sich erst einstellen, nachdem die Contras von der Bevölkerung getrennt und die von der Sowjetunion gelieferten Kampfhubschrauber eingesetzt werden konnten. Die zwangsweisen Massenumsiedlungen verstreut lebender Bauern im Jahre 1985 sorgten zwar erneut für böses Blut unter der Landbevölkerung, doch konnten in den folgenden Monaten die Einheiten der Contras ohne Gefährdung von Zivilisten zurückgedrängt werden. General Humberto Ortega begann 1986, von einer bevorstehenden „strategischen Niederlage“ der Contras zu sprechen. Tatsächlich waren die ‚Freiheitshelden‘ des Ronald Reagan nicht nur militärisch, sondern inzwischen auch innenpolitisch in der Bredouille. Der Kongreß hatte ihnen nach einer heftigen Diskussion weitere Waffenhilfe verweigert. Und nach dem Abschuß des US-Söldners Eugene Hasenfus im Oktober 1986 folgte eine Enthüllung nach der anderen. Das geheime Netzwerk des Marineoffiziers Oliver North, der im Auftrag der CIA einen geheimen Waffenhandel in den Iran organisierte und den Reingewinn an die Contras überwies, flog nach und nach auf. Contra-Chefs wie Adolfo Calero wurde öffentlich der Korruption überführt und die Drogengeschäfte, die die CIA für die Dschungelkämpfer eingefädelt hatte, waren auch nicht dazu angetan, die Sache der Contras in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen.

General Agustin Quesada, Oberkommandierender der Uno-Truppen (Mitte)

Im August 1987 unterzeichneten die fünf zentralamerikanischen Präsidenten in Guatemala ein Abkommen, das als Esquipulas II bekannt wurde. Die Staatsoberhäupter verpflichten sich darin, in ihren Ländern Demokratisierungs- und Versöhnungsprozesse einzuleiten sowie auf die Stützung irregulärer Truppen, die andere Länder attackieren, zu verzichten. Daniel Ortega akzeptierte damit international überwachte Wahlen und volle Gültigkeit aller verfassungsmäßigen Freiheiten als Gegenleistung für das Versprechen der Honduraner, die ContraLager nicht mehr länger auf ihrem Territorium zu dulden. Allerdings waren die Sandinisten die einzigen, die den Vertrag tatsächlich erfüllten. Eine neutrale Verifizierungskommission, die fünf Monate später allen Ländern außer Nicaragua mangelnde Bereitschaft zur Umsetzung des Abkommens bescheinigte, wurde kraft Mehrheitsbeschluß aufgelöst. Und als zwei Jahre später in Nicaragua gewählt wurde, hatten die Contras immer noch ihr Generalstabsquartier und Lager für rund 10.000 Mann in Honduras.

Statt freiwilliger militärischer Organisation lieber Heimkehr in die Dörfer, auch wenn das Arbeiten während der Militär­zeit verlernt wurde

Friedensverhandlungen mit Hinterhalt

Ein Friedensvertrag mit der Contra-Spitze im März 1988 hatte zwar einen zeitweiligen Waffenstillstand gebracht, der von sandinistischer Seite Monat für Monat einseitig verlängert wurde, doch wurden weiterhin Hinterhalte gelegt und kleinere Siedlungen überfallen. Daniel Ortega ließ sich auf eine Vorverlegung der Wahlen ein und erreichte dafür den Beschluß seines zentralamerikanischen Amtskollegen, daß die Contras vorher noch entwaffnet würden. Das Kalkül ging jedoch nicht auf: Die Regierung von Honduras und die Contra-Führung fanden immer neue Vorwände, um die Demobilisierung hinauszuzögern. Die Wahlen mußten unter Kriegsbedingungen stattfinden. Die mit den Contras verbündete Opposition konnte daher versprechen, was die Sandinisten guten Gewissens nicht konnten: nämlich die Abschaffung des unpopulären Wehrdienstes und die Beendigung des Krieges. Hätte Daniel Ortega trotzdem gewonnen, so würde heute noch gekämpft werden. Das haben die Contra-Comandantes ausreichend klargemacht.

Unter der Regierung Violeta Chamorros haben die Konterrevolutionäre ihre militärische Macht gegen wirtschaftliche un.d politische eingetauscht. Franklyn träumte von der Gründung einer landesweiten Bauernpartei, die ihn früher oder später an die Regierung bringen würde. In sogenannten Entwicklungspolen — Ländereien, die die Contras autonom bewirtschaften und verteidigen können — wollte er seine Truppen zusammenhalten, um sich auch im Frieden auf eine militärisch organisierte Basis stützen zu können. Allerdings dürfte er die Attraktivität dieses Projekts überschätzt haben. Vor die Wahl gestellt, in ihre Dörfer heimzukehren, hat die große Mehrheit der entwaffneten Fußtruppen die Heimkehr gewählt. Das Agrarreforminstitut seinerseits will erst dann das versprochene Land freigeben, wenn klar ist, wie viele Familien mitmachen wollen. Das Arbeiten haben die Contras längst verlernt, waren sie doch jahrelang gewöhnt, daß ihnen Nahrungsmittel und Ausrüstung von den USA geliefert werden. Nur so kann man verstehen, warum an die 4.000 ehemalige Kämpfer inzwischen wieder nach Honduras geflüchtet sind. Dort werden sie jetzt vom UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge verpflegt.

Die Waffen werden unbrauchbar gemacht
Foto: Miguel Reyes
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