Café Critique, Jahr 2004
Februar
2004

Moishe Postones Interpretation der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie

Moishe Postone versucht in Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx.

Was bedeutet es, wenn die Deutschen von einer Emanzipation von Staat und Kapital nichts wissen wollen, aber Karl Marx laut ZDF-Umfrage für einen ihrer „Besten“ halten? Eine Kritik, die Marx ernst nimmt und also die Befreiung vom Staat statt durch den Staat, die Abschaffung von Arbeit, Geld und Kapital, von Warentausch und repressiver Gleichheit fordert und sich mit Marx gegen jede ressentimentgeladene Kritik richtet, die sich stets, wie es in den Theorien über den Mehrwert heißt, nur gegen das Kapital in „seiner wunderlichsten und zugleich der populärsten Vorstellung nächsten Gestalt“ wendet, hat bei den Deutschen keine Chance. Ein Marxismus aber, der mit den Parolen „Die Arbeit hoch!“, „Geld gerecht verteilen!“ und „Staat statt Markt!“ hinreichend charakterisiert ist, verschafft Marx einen Platz unter den deutschen Top Ten gleich neben Martin Luther und Konrad Adenauer. Während ein sozialdemokratisch-christlicher Reformmarxismus samt seiner antisemitischen Implikationen hoch im Kurs steht, setzt die Linke zunehmend wieder auf dessen radikalisierte Variante: den Leninismus samt einem als konsequente „Interessenpolitik“ ausgegebenen Klassenkampf.

Vielleicht hilft dagegen eine „neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx“, wie sie im Untertitel von Moishe Postones Studie über Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft angekündigt wird. Ganz so neu ist diese Interpretation zwar nicht mehr, da die nun vorliegende deutsche Übersetzung zehn Jahre nach der amerikanischen Originalausgabe erschienen ist und die Kritik am Traditionsmarxismus gerade in der deutschsprachigen Linken spätestens seit der Wiedervereinigung Gegenstand zahlreicher Auseinandersetzungen war. Angesichts des Revivals von Klassenkampfdenken, Arbeitsfetischismus und Interessensoziologie kann die Wiederholung von Grundsätzlichem aber durchaus nützlich sein.

Postone, heute Professor in Chicago, ist in der deutschsprachigen Linken vor allem durch seinen Aufsatz über Nationalsozialismus und Antisemitismus bekannt geworden. Wer nun eine Verbindung von seiner Interpretation der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie mit seiner Kritik des Antisemitismus als einer besonders gefährlichen Form des Fetischismus sucht, wird von der vorliegenden Studie enttäuscht sein. Postone beschränkt sich diesbezüglich auf wenige Hinweise und Fußnoten. Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft ist vielmehr der Versuch, das negativ-kritische Potenzial der zentralen Kategorien der Marxschen Kritik gegen ihre positivistische Interpretation im Traditionsmarxismus zu verteidigen. Seine Studie ist ein Einspruch gegen jede Form von wert-, geld- und preisidealistischem Mathematikersozialismus, der nie auf die Abschaffung einer Ökonomie zielt, die auf der Wertförmigkeit der Arbeitsprodukte beruht. Postones Kritik bezweckt einen Kommunismus, dessen Wesen nicht eine revolutionierte Berechnungs- und Verteilungspraxis wäre, sondern der Bruch mit der Wertlogik, an deren Stelle er die Diktatur der Bedürfnisse über die Produktion setzt.

Seine Interpretation ist in einem eine Kritik am Traditionsmarxismus mit seiner Vorstellung vom Proletariat als der Verwirklichung der Totalität und an poststrukturalistischen Theorien mit ihrer schlichten Leugnung einer vom Wert gesetzten Totalität. Postone grenzt sich von Arbeitsontologie, Widerspiegelungstheorie und Interessensoziologie ab. Er wendet sich gegen jede Form von Gebrauchswertfetischismus, der stets das vermeintlich Natürliche der Waren vor der Okkupation des Abstrakten retten will, und er hält gegen den strukturalistischen Marxismus á la Althusser an der zentralen Bedeutung der Differenz von Wesen und Erscheinung fest.

In immer neuen Variationen erläutert er, dass sich bei Marx, trotz aller Ambivalenzen bei der Bestimmung der abstrakten Arbeit am Beginn des Kapitals, eine Kritik der Arbeit findet und kein transhistorischer Arbeitsbegriff, dass die Arbeiterklasse nicht nur wegen des historischen Prozesses der Integration der Lohnabhängigen,sondern schon ihrem Begriff nach nicht das revolutionäre Subjekt sein kann, und dass für den Kapitalismus nicht einfach die Herrschaft von Menschen über Menschen charakteristisch ist, sondern die Herrschaft von abstrakten, von Menschen konstituierten Formen über Menschen. Ausgehend von Marx’ Grundrissen wendet er sich gegen historisierende Interpretationen der Wertformanalyse, verweist darauf, dass die Erkenntnisprobleme in der Kapital akkumulierenden Gesellschaft nicht aus einer Verschleierung realer Verhältnisse, sondern aus der Herrschaft von Realabstraktionen resultieren, und er rehabilitert den Begriff der Entfremdung, indem er ihn aus dem Kontext einer stets auf ein präexistentes menschliches „Wesen“ verweisende und fast zwangsläufig in antiemanzipatorische Lebensphilosophie mündende Anthropologie herauslöst. Unklar bleibt dabei allerdings, warum er den Entfremdungsbegriff jenem des Fetischismus vorzieht, der in seiner Studie eine merkwürdig untergeordnete Rolle spielt.

An die Stelle der traditionsmarxistischen Vorstellung eines Grundwiderspruchs von Kapital und Arbeit setzt Postone die Diskrepanz zwischen Bestehendem und Möglichem. Den zentralen Antagonismus des Kapitalismus ortet er ganz ähnlich wie die Nürnberger Krisis-Gruppe in einem wachsenden Widerspruch zwischen Wert und stofflichem Reichtum. Die Implikationen dieses Widerspruchs, die nur mittels einer Thematisierung von Krise und Krisenlösung diskutiert werden könnten, werden bei ihm aber nicht deutlich.

Vor dem Hintergrund einer Rekapitulation der Marxschen Kategorien aus dem Kapital analysiert er, wie die Entwicklung der Vorstellung von abstrakter Zeit mit der Entwicklung der kapitalakkumulierenden Wirtschaft zusammenfiel. Er verweist darauf, dass die Kritik der „Tyrannei der Zeit“ für Marx zentral ist, und beschreibt in der Absicht, die Dynamik kapitalistischer Entwicklung deutlich zu machen, analog zur gesellschaftlichen Teilung der Arbeit die „gesellschaftliche Teilung der Zeit“. Postone führt die Marxsche Analyse von Gebrauchswert und Wert, abstrakter und konkreter Arbeit, Arbeits- und Verwertungsprozess hin zu einer Analyse von abstrakter und konkreter Zeit. Er deutet die Implikationen seiner Interpretation für eine Analyse des Geschlechterverhältnisses vor dem Hintergrund einer Kritik bürgerlicher Subjektivität und für eine Kritik der politischen Ökologie an, kritisiert den Produktivitätswahn des Realsozialismus und kennzeichnet, ohne je in Antimodernismus oder Zivilisationsfeindlichkeit zu verfallen, die industrielle Produktion als die „Materialisierung des Kapitals“.

Postone stellt sich selbst in die Tradition der Kritischen Theorie, konstatiert aber auch bei ihr einen „transhistorischen Arbeitsbegriff“ und stößt sich an ihrem „Pessimismus“. Seine diesbezügliche Kritik kann aber allein schon deshalb nicht ganz überzeugen, weil eine Auseinandersetzung mit Adorno, etwa mit seinen Bezugnahmen auf die Marxsche Fetischkritik, kaum stattfindet.

Die Einsicht, dass materialistische Kritik jenseits jeder „Staatsableitung“ nur als Einheit von Staats- und Ökonomiekritik zu haben ist, spielt für Postones Studie, ähnlich wie schon für seinen Aufsatz über Nationalsozialismus und Antisemitismus kaum eine Rolle. Ausgehend von einer reichlich unkritischen Vorstellung von „demokratischer Selbstbestimmung“ geistert ein Begriff von politischer Praxis durch seine Arbeit, mit dem implizit auf ein emanzipatorisches Potenzial bestimmter Strömungen innerhalb der Neuen Sozialen Bewegungen spekuliert wird. So virtuos er die verselbständigten Formen der Ökonomie kritisiert, so fremd scheint ihm eine Kritik der Form Politik zu sein. Postone will zwar die „politische Sphäre“ als „keinesfalls notwendigerweise staatszentrierte Form“ verstanden wissen, wartet damit aber nur mit der alternativen Interpretation einer vorgefundenen Form zwecks Instrumentalisierung für eigene Zwecke auf – ein Verfahren, dass er am Traditionsmarxismus trefflich kritisiert hat.

Postone begreift seine Studie lediglich als „Vorarbeit“. Von diversen Lesezirkeln wurde sie jedoch als eine Art heilbringende Schrift erwartet. Vielleicht kann dieses Grundlagenwerk in Verbindung mit Postones Überlegungen zum Antisemitismus die etwas eingeschlafene Auseinandersetzung über die Bedeutung der Marxschen Formkritik für die Kritik des sich globalisierenden deutschen Krisenlösungsmodells und des faschistischen Ressentiments wieder beleben. Angesichts des Zustands der deutschsprachigen Linken ist für die Rezeption von Postones Arbeit allerdings zu befürchten, dass sie, anstatt die Frage aufzuwerfen, ob Kritik der politischen Ökonomie heute nur mehr in Reflexion auf die Möglichkeit einer negativen Aufhebung des Kapitals in die Barbarei denkbar ist und was das für eine adäquate Kritik der Formel „x Ware A = y Ware B“ bedeutet, eher einer ebenso interesse- wie leidenschaftslosen Marxrezeption Vorschub leistet.

Unter dem Titel Kritisiere: x Ware A = y Ware B erschienen in Jungle World, Nr. 6/2004


Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. ça ira-Verlag, Freiburg 2003, 616 S., 34,— Euro

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