FORVM, No. 91/92
Juli
1961

Mörder und Mimosen

Zum psychologischen Verständnis des Nationalsozialismus

Herbert Eisenreich unternimmt hier den riskanten Versuch, ein brennendes, von unsäglichen Emotionen belastetes Thema — das Thema der nazistischen Morde und der nazistischen Mörder — so kühl und nüchtern zu behandeln, als wäre diese Behandlung in der Wirklichkeit schon längst abgeschlossen. Wir wissen indessen, und erleben gerade jetzt als schaudernde Zeugen, daß dem keineswegs so ist. Auch Eisenreich weiß das, und nichts könnte die Lauterkeit, mit der er sich dem schmerzhaften Versuch dieser Analyse dennoch unterzieht, besser bekunden als die folgenden Zeilen aus seinem Begleitbrief:

Meine Bemühung zielt dahin, die unbegreifliche Massenvernichtung bestimmter Volksteile, insbesondere der jüdischen, begreiflich zu machen: eben aus der Nazi-Psyche mit ihrer doppelten Moral, einer für den konkreten und einer für den abstrakten Bereich. Der individuelle Mord gehört noch durchaus in den menschlichen Bereich. Um so schärfer tritt dann das im genauen Wortsinn Unmenschliche des abstrakten Tötens hervor, des Mordens, das bewußtseinsmäßig nur auf dem Papier geschieht. Fast jedermann begreift die Unsittlichkeit der Ermordung einer Frau Schulze oder sogar eines Herrn Kohn — nicht aber die der Ermordung von Millionen Juden. Denn das Abstrakte ist nicht gut faßbar, und deshalb erregen sich die Leute weit mehr über einen Engleder oder einen Gufler als über Eichmann ...

(Diese Wahrnehmung wurde vor kurzem durch einen von der „Furche“ durchgeführten Meinungstest erschütternd bestätigt. Anm. d. Red.) — Die Bücher, aus denen Eisenreich im nachfolgenden zitiert: Achim Besgen: „Der stille Befehl. Medizinalrat Kersten, Himmler und das Dritte Reich“ (Nymphenburger Verlagshandlung, München). — „Das Tagebuch von Joseph Goebbels 1925/26“. Mit weiteren Dokumenten herausgegeben von Helmut Heiber (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart). — „Kommandant in Auschwitz“. Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höß, eingeleitet und kommentiert von Martin Broszat (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart).

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