FORVM, Zur Zeitgeschichte der Zukunft
September
2023

Nationalismus

Versuch einer Annäherung

Sich einem bestehenden Begriff neu anzunähern bedeutet zugleich, sich von dessen bisherigem Verständnis zu entfernen. Das Deutsche liebt es, in räumlichen Metaphern zu formulieren – enträumlicht gesprochen: Begriffe neu zu klären, bedeutet zugleich Kritik bestehender Vorurteile, die Orientierung und damit Praxis behindern: das, ganz allgemein gesprochen, so schöne wie unabgeschlossene, sogar unabschließbare Projekt mit dem ansprechenden, etwa 300 Jahre alten Namen. -G.O.

Preprint des Editorials der „Zwischenwelt“ Nr. 3–4/2023
Zeitschrift der Theodor Kramer-Gesellschaft

Es ist nicht lange her, dass mir ein alter Bekannter erklärte, die ganze Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert, die zur Herausbildung von Nationalstaaten geführt habe, sei eine Fehlentwickung gewesen. Sie hätte nicht stattfinden sollen. Mir klang es wie der Vorschlag, ein Stück aus dem Stamm eines Baumes herauszuschneiden, wenn dieser allzu hoch gewachsen sei.

Auch wenn man Geschichtsbilder vielfach als Konstruktionen dekonstruieren kann, ist Geschichte doch auch dann noch ein Kontinuum, wenn sie auf kata­strophale Weise unterbrochen und gebrochen erscheint. Selbst der Versuch, die Shoah als „einzigartig“ aus der Geschichte herauszuschneiden, muss daran scheitern, dass gerade die „Singularität“ vom Fortgang der Geschichte abhängig bleibt. [1] Geschichte ist kontingent im übelsten und besten Sinn und lässt sich weder unterbrechen noch einfach neu anfangen. „Die Menschen machen ihre Ge­schichte selbst, aber unter vorgefundenen Bedingungen.“ (Giambattista Vico)

„Nationalismus“ hat in Österreich jedenfalls einen schlech­ten Ruf, und man kann ihm getrost nachsagen, Ursache manchen Übels zu sein. Als Robert Menasse kürzlich behauptete, Nationalismus führe „in letzter Konsequenz zu Auschwitz“, wurde meines Wissens kaum Kritik laut, obwohl man doch Geschichtsrevisionismus beklagen hätte können. Bislang war man aufgrund historischer Fakten nämlich der Ansicht, dass die Machteinsetzung Adolf Hitlers und das von den Nationalso­zialisten errichtete Terrorregime „in letzter Konsequenz“ zu Auschwitz geführt habe. Dass sich die Nationalsozialisten gut darauf verstanden, nationa­listische Einstellungen für ihre Sache zu mobilisieren, mag unbestritten bleiben, doch zwi­schen Nationalismus und antisemitischem Rassewahn ist zu unterscheiden. Der „Na­tionalismus“, wie ihn Menasse per­horresziert, ist auch ein wenig gespenstisch, man müsste ihn nach Ort, Zeit und Zielset­zung konkretisieren. Z. B. habe ich mir einmal erlaubt die Frage aufzuwerfen, ob nicht jene Wider­standskämpferInnen in Österreich und im Exil, die für eine Wiederherstellung eines freien unabhängigen Österreich eintraten, vielleicht als antifaschistische „Nationalisten“, auf jeden Fall aber als „Patrioten“ betrachtet werden könnten, wehrten sie sich doch gegen ein endgültiges Ver­schwinden Österreichs von der Landkarte.

In Österreich hat die Verachtung des Nationalen, besonders wenn es um die Rechte einer Nationalität geht, eine weit ins 18. Jahrhundert zurückreichende Tradition. Schon die Josefi­nische Aufklärung in ihrer Verwaltungsrationalität verfolgte nach dem Ende der Türkenkriege in der Sprach- und Reli­gionspolitik eine Entnationalisierung im Habsburgerreich, und die vielen Aufstände, die die Reformen Josef des II. begleiteten, zeugen von verzweifeltem Widerstand nicht nur gegen die Abschaffung feudaler und klerikaler Privilegien, sondern verteidigten auch eigene Sprache und ständische Selbstverwaltung in den Kronländern. Schon im 17. Jahr-hun­dert hatte sich eine schmale nationale Intel­ligenz in manchen Teilen des Reiches herausgebildet. Ihr verdanken wir Gram­matiken und Wörterbücher der Landes-sprachen, des Kroati­schen, Slowenischen, Tschechi­schen und Anfänge einer eigenständigen Literatur. Das habsburgische Regime ging gegen diese Intelligenz mit staatlicher Überwachung des Klerus, mit Festungshaft, Verbannung und Zensur vor. Drei Jahre lang nur war in diesem Reich, in dem schon das Studi­um Immanuel Kants strafbar sein konnte, die Zensur aufge­hoben.

Das Mitnaschen an der von Preußen und Russland vorange­triebenen Aufteilung Polens bescherte dem Reich einen neuen nationalen Konfliktherd, den sich das Habsburger­reich in guter Kolonialmacht-Manier nicht auszunützen scheute, auch wenn diese Politik der Aufhetzung von Na­tionalitäten gegen­einander zu den schrecklichsten Pogromen und Massakern führte, so etwa beim Volksaufsatnd in der Bukowina 1843–44, fortgesetzt im galizischen Bauernauf­stand, in dem die ruthenischen Bauern die Erbuntertänig­keit abzuschütteln versuchten, ein Aufstand, der 1846 zum Niederbrennen hunderter polnischer Herrenhäuser und zur Ermordung tau­sender Gutsbesitzer und ihrer Angehörigen führte und damit auch dem polnischen Aufstand auf dem Gebiet des Habs­burgerreiches das Rückgrat brach. Dass die Juden dabei nicht unverschont blieben, versteht sich leider von selbst.

Jedenfalls dürfte Franz Grillparzers vielzitiertes Wort

Der Weg der neueren Bildung geht
Von Humanität
Durch Nationalität
Zur Bestialität

sich auf die Vorkommnisse in der Bukowina, in Galizien und Lodomerien bezogen haben.

Unzählige Male ist dieses Sprüchlein zustimmend im Feuille­ton und auch in Publikationen des österreichischen Exils zitiert, ja nachgeplappert worden. Doch der Weisheit Franz Grillparzers, der hier die störrisch um Selbstbehauptung ringende Nationalität zum Sündenbock macht, vermag ich nicht beizupflichten.

Grillparzers Ausgangspunkt, das goldene Zeitalter der Huma­nität, existierte vielleicht in einer geistigen Sphäre über den Dingen, nicht aber in der sozialen und politischen Wirklich­keit Ost- und Südosteuropas und auch nicht in den von Öster­reich besetzten und ausgebeuteten Teilen Italiens. [2] Das zaristische Russland seinerseits unternahm alles, was in seiner Macht stand, die ukrainische und polnische Sprache zu unterdrücken und eine moderne Literatur in den baltischen Ländern, die es als Glacis vor St. Petersburg betrachtete, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und Preu­ßen beließ seine vordem polnischen Gebiete in Rückständig­keit und feudaler Misswirtschaft, worin sich für Heinrich Heine 1822 [3] das wahre Ant­litz Preußens offenbart.

Paradox ist, dass der „Ochse“ Österreich, in seinem offenen Ankampf gegen den Liberalismus, bei Heine als „anständige Bestie“ davonkommt und den nationalistischen Zirkeln der Litauer, Polen, Ukrainer und anderer Nationalitäten in Kra­kau, Lemberg und Wien zeitweise eine prekäre Zuflucht bietet.

Für die meisten Menschen in Mittel- und Osteuropa eröffnete sich eine Perspektive auf Humanität, Gleichberechtigung, Freiheit in der Gestaltung der eigenen Lebensverhältnisse erst durch den Zusammenbruch der beiden „übernationalen“ Imperien, Russland und Österreich-Ungarn. Es blieb im wesentlichen bei einer Perspektive für eine Zwischenkriegs­zeit bis 1938: Dann sollte Österreich ebenso von der Land­karte verschwinden wie der tschechische Staat, der als Reichs­protektorat Böhmen und Mähren zur „Germanisierung“ vor­gesehen war, und wie Polen, das zu einem Sklavenreser­voir entnationalisiert werden sollte. Die ungeheuerlichen Pläne gingen noch viel weiter und währten in gewandelter Form auf anderen Schauplätzen über 1945 hinaus, indem die sieg­reiche Sowjetunion den russisch sprechenden „Sowjetmenschen“ über all die Völ­kerschaften zu stülpen suchte, die das Unglück hatten, im Bereich der russischen Hegemonie leben zu müssen.

An österreichischen Schulen wird vielfach noch gelehrt, nicht so sehr der wahnsinnige Erste Weltkrieg, den das Reich 1914 vom Zaun gebrochen hatte, habe zum Untergang geführt, sondern die aufmüpfigen Nationen, die 1918 ihre Lostrennung und Eigenstaatlichkeit prokla­mierten. Der Nationalitätenkonflikt, der sich auf der Grund­lage des Staatgrundgesetzes 1867 und der damit bestehenden Duldung elementarer Bürgerrechte auf ziviler Grundlage entfalten konnte, wird immer noch für den Niedergang des Reichs verantwortlich gemacht.

In Wahrheit wurden die Nationalitätenkonflikte zur Machterhaltung geschürt und ge­nutzt; die Habsburgerherrschaft legitimierte sich durch sie als die äußere Klammer, die das nicht durch eigenes Handeln der Menschen vermittelte Ganze zusammenhielt.

Für die Endphase dieses Gebildes kann man wahrlich sagen: Die­ses Mauerwerk wurde nur mehr von den Wurzeln zusam­mengehalten, die es dann sprengten.

Die Residenzstadt Wien etablierte sich in dieser Periode heroi­schen Niedergangs und edler Resignation als Zentrum von Widersprüchen, die zwar allenthalben spürbar waren, aber in Wien nicht ausgetragen, sondern ausgehalten wurden, von vielfältigen Spannungen, die nicht zur explosiven, revolutionä­ren Entladung kamen, sondern dem Versäumen und dem Aufschub überanwortet wurden. Insofern dies zu einer un­erhörten geistigen Regsamkeit auf den verschiedensten Ge­bieten beitrug, [4] kann man das Nicht-Ereignis einer neuen Revolution nach der gescheiterten von 1848 nicht bedauern, sondern nur bewun­dern, was auch in den knappen Jahren der Republik 1918–1934 geleistet worden ist. Eingespannt war dieses Zeitalter zwischen zwei tiefe ökonomische Krisen, die von 1874 und die von 1929/30, welch letztere direkt in einen aller Widersprüche müden, selbstmörderischen Austrofaschismus führte.

Eigentlich bin ich mit meinen Ausführungen jetzt nur so weit gekommen, ein möglicherweise differenzierteres Nachdenken über „Nationalismus“ anzuregen. Vor allem, denke ich, sollte man einen Blick auf Österreichs kolonialistische Vergangenheit werfen, bevor man das Konzept „Nation“ taxfrei dem Orkus überantwortet. Oft genug erwies sich nationaler Widerstand gerade in unserem Jahrhundert wieder als letzte appellable Instanz angesichts imperialistischer „Bestialität“.

1985, vor nun fast 50 Jahren, schrieb ich im „Wiener Tagebuch“ in einer Besprechung von Felix Kreisslers Habilitation „La prise de la conscience nationale autrichienne“: [5]

Vom bürgerlichen Nationalismus und Chauvinismus führt kein gerader Weg zum Faschismus. Hannah Arendt hat den qualitativen Unterschied, glaube ich, überzeugend dargelegt: Noch der krasseste Chauvinismus macht sich an den konkreten Erscheinungen einer nationalen Zivilisation fest, während die nationalsozialistische Rassenlehre das letztlich Entscheidende aus der erscheinenden Welt, die uns gemeinsam ist, in die mystische Untiefe der Gemeinschaft des Blutes verlegt. Die Verwandtschaft von Faschismus und Nationalismus ist vielfach zum Volksvorurteil der Intelligenz geronnen; dieses Vorurteil erschwert es der kritischen Intelligenz in Österreich, sich zur österreichischen Nation nicht nur mitunter zu bekennen, sondern sich auch ernsthaft mit Fragen der nationalen Entwicklung auseinanderzusetzen.

Unter „ernsthaft“ verstehe ich aber nicht die chauvinistischen Andachtübungen des offiziellen Österreich an Gedenk- und Nationalfeiertagen.

[1Vgl. meinen Aufsatz „Der Völkermord an den Arme­niern und die Singularität der Shoah“, In: ZW Nr. 2-3/2006, 16f.

[2Vgl. z.B. Primus-Heinz Kucher, „Herrschaft und Protest: Literarisch-publizistische Öffentlichkeit und politische Herrschaft in Oberitalien zwischen Romantik und Restauration, 1800-1847“.

[3in seiner Schrift „Über Polen“

[4Vgl. z.B. Albert Fuchs’ kanonische Schrift über „Geistige Strömungen in Österreich“; aber auch Harry Zohns Konzept der „österreichisch-jüdischen Symbiose“.

[5„Die Entstehung des österreichischen Nationalbewusstseins“

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