Streifzüge, Jahrgang 2019
Februar
2019

Nicht festhalten!

Loslassen!? Bloß nicht loslassen! Eher noch macht unsereins den Klammeraffen, als mal was sausen zu lassen. Eine Gelegenheit zum Beispiel, die uns ganz unvermutet winkt. Was sich im warenproduzierenden Alltag eben so bietet. Eine Chance, eine echte Herausforderung, in die eins sich verbeißen kann. Da heißt es zuschnappen, zugreifen, die Zähne reinhauen. Die eigene Kraft spüren, da lebt manchereins auf, aber richtig. Oder wir jagen nach Schnäppchen. Gleich ist die Gelegenheit am Schopf gepackt, noch vor allen anderen. So ein schickes Tablet hat gerade noch gefehlt, das vierzehnte Paar Jeans (aber echt bio) ist im Kasten, und die neue Eismaschine bereichert funkelnd den Hausrat. Der Nachbar trumpft mit seiner ausgesucht exquisiten Auswahl später Burgunder auf. Bestellt wird so eine Rarität auf Jahre im Voraus. Wir sammeln und wir jagen, scheinbar aus uralter Gewohnheit. So sind wir, kann doch keiner aus der eigenen Haut. Und nie genug kriegen wir, so nimmersatt und voller Gier ist der Mensch. Das weiß der gemeine Volksmund, so wie er für alles den richtigen Spruch und Glauben parat hält.

Wir hüten und mehren unser Hab und Gut, auch wenn die Seligkeiten immer nur kurz währen, während die Angst vor Verlusten die Stimmung noch zusätzlich drückt. Eigentlich alles recht belastend – auch so eine Weisheit, die es zu bedenken gilt. Es empfiehlt sich, von Zeit zu Zeit auszumisten und wieder Platz für Neues zu schaffen. Besitz beschäftigt – ob eins welchen hat oder emsig danach strebt. Daneben bleibt gerade noch so viel Energie, die Verhältnisse zu beklagen, die wir fortgesetzt stabilisieren, am laufenden Band, mit Hirnschmalz, Fleiß und gehöriger Ausdauer.

Wir halten uns an das, was wir haben. Auch und erst recht an das, was wir im Kopf haben, an unsere Erwartungen, Überzeugungen und gewohnten Denkmuster. Geradezu süchtig nach Bestätigung scheinen wir. Was nicht ins eigene Weltbild passen mag, sieht eins erst gar nicht, da kann es noch so deutlich vor Augen stehen. Dabei ist das weniger böse Absicht denn schlichte Folge selektiver Wahrnehmung. Dank Confirmation Bias – eine Art Aufmerksamkeitsfilter – dringt nur durch, was unsere eigenen Ansichten stützt. Das funktioniert ganz ohne bewusstes Zutun. Durchaus praktisch, eins würde bei all der pausenlosen Reizüberflutung sonst glatt untergehen. Unser Festhalten am Erprobten hat freilich seine Schattenseite: Von vorgefassten Meinungen rücken wir nur schwer wieder ab, von unseren Glaubenssätzen und Ressentiments, stereotypen Vorstellungen, Konventionen und überhaupt von so ziemlich allem, was der „gesunde Menschenverstand“ so gebietet. Mit Argumenten ist der unbewussten Präferenz für das Bestehende jedenfalls kaum beizukommen. Verstärkend wirken in jüngerer Zeit noch diverse Internetsuchmaschinen, die vermittels Algorithmen in die immer gleichen Kanäle leiten.

Das Vertraute scheint sicher, im alltäglichen Trott wie im großen Ganzen. Dazu gehören die unhinterfragt vorausgesetzten Selbstverständlichkeiten des bürgerlichen Daseins: Privateigentum, Geld und Tausch. Woran wir gewöhnt sind, das lässt uns kaum gruseln. Das Leben unter den Bedingungen des Werts erscheint den meisten keineswegs absonderlich oder gar skandalös. Abseitige Gedanken werden – wenn überhaupt – als störend registriert.

Selbst noch in der Krise und angesichts bereits handfester Auswirkungen der sich anbahnenden Klimakatastrophe ändert sich wenig am Verhalten, das marktwirtschaftliche Konkurrenzsystem lässt uns freilich kaum Spielraum. Daran festzuhalten ist nichts anderes als fatal.

Der Klammeraffe übrigens, der für all das nichts kann, ist ein in Süd- und Mittelamerika lebender Baumbewohner, tagaktiv. Er bewegt „sich geschwind und agil durch das Geäst, entweder vierbeinig oder schwinghangelnd“, erfährt eins bei Wikipedia. Aufgrund ihres Fleisches werden die Klammeraffen auch bejagt, die Abholzung der Regenwälder lässt ihren Lebensraum schwinden, sie gelten demnach als gefährdet. Zwei der sieben bekannten Arten sind akut vom Aussterben bedroht.

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