FORVM, WWW-Ausgabe
Oktober
2018

Nicht genügend kontrovers

Warum aus Günther Anders’ Nachlass nichts im Tumult [1] erscheint.
Zuerst erschienen in: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik,
Heft 6, Wien und Freiburg, Frühjahr 2015, Seite 233 – 241

Auf Grundlage einer kursorischen, doch sorgfältigen Einschau in vier der bisher sechs erschienenen Ausgaben der Zeitschrift Tumult gelange ich zu einem ungünstigen Ergebnis, denn ich sehe nicht eine Zeitschrift, die dem Konformismus Paroli bietet – diese Parole trägt ihre werbliche Selbstbeschreibung nur vor sich her; sondern eine Zeitschrift, die unter dieser Flagge einfach nur kontrovers sein möchte, was naturgemäß ohne viel Mühe gelingt. Es kommt aber nicht darauf an, sich redaktionell in noch so schöne Kontroversen zu werfen, was nur zu leicht den Charakter einer gewissen Mutwilligkeit gewinnt, deren Verleugnung sodann die Opferrolle der missachtet Verkannten vorbereitend einübt. Sondern es kommt darauf an, eine Blattlinie zu ziehen, die ihre Kontroversen dazu nützt, die jeweils guten [3] Seiten argumentativ zu ermitteln und diese, ohne Unterbestimmung der weniger guten sowie der schlechten, dem Publikum hilfreich zur Orientierung anzubieten. Das tut dieser Tumult nicht, und zwar tut er es programmatisch nicht, sondern sie betreiben dort redaktionelle Desorientierung, und das geht zum Beispiel so:

Es fällt natürlich sofort ins Auge, dass einige rechtslastige Autoren die Inhaltsverzeichnisse zieren. Das wäre völlig in Ordnung, auch wenn es sich dabei um Carl Schmitt und seinen Propheten, vielleicht auch nur Ministranten Günter Maschke handelt: Niemand kann etwas dagegen haben, dass solche Autoren gelesen, und also auch nicht, dass sie veröffentlicht werden: Wie anders soll wer eine qualifizierte Meinung sich über sie bilden. Es kommt nur darauf an, wie sie veröffentlicht werden. Selbst die N. S.-nostalgische Rede Jörg Haiders beim „Friedenstreffen“ der jüngeren N. S.-Nostalgiker mit den Originalveteranen der Wehrmacht und SS am Fuße des Kärntner Ulrichsberges konnte in meiner eigenen Zeitschrift völlig wortgetreu und komplett erscheinen – freilich nicht ohne Garnierung mit Diskussionselementen: einer politischen Analyse der Rede, verfasst vom Klagenfurter Germanisten Klaus Amann; ergänzt von mir mit der kleinen Glosse, die eine ganz bestimmte historische Ungereimtheit Haiders – die Amann nicht ansprechen wollte – unter dem Titel P. S: „Trottel“ statt „Nazi“ aufgespießt hat; schließlich bekam noch, um fair zu sein, der Kärntner slowenische Dichter Janko Messner gebührend Gelegenheit, auf Anwürfe Haiders in dessen Rede zu replizieren. [4] Wegen „Trottel“ klagte mich Haider, und erst in Straßburg habe ich Recht bekommen; gegen die Republik Österreich, deren Justiz mich in beiden Instanzen verurteilt hatte, und mittelbar auch gegen Haider, den ich also aus meinen gerichtlich bestätigtermaßen guten Gründen einen Trottel genannt haben durfte. [5]] Als ich, anschließend an die Veröffentlichung des genauen Wortlautes der Verhandlung erster Instanz, [6] in einer weiteren kleinen Glosse mit dem Titel P.S: „Auch“, nicht „statt“ ihn „einen wahrhaft lebensgefährlichen Nazi“ nannte [7] – wohlbedachte Wortwahl, denn genau für diesen Ausdruck war wenige Jahre zuvor der alte Bruno Kreisky strafgerichtlich verurteilt worden –, da zog es Haider vor, lieber nicht nochmals zu klagen, während Günther Anders jede dieser redaktionellen Assemblierungen in der Causa lobte, und auf selten vergnügte Art.

Wie der Tumult kontrovertiert

Einige Auszüge aus Glossarium und Surrealistische Collage von Carl Schmitt präsentiert der Tumult als unveröffentlichte Kostbarkeiten, ohne erkennbare Ambition, einen mehr als bewundernden Blick darauf zu verschwenden. Nicht einmal ein Satz wie dieser löst bei der Redaktion ein deutliches Befremden oder gar einen analysierenden Kommentar, sondern nur einen milden Ausdruck verwunderter Entzückung aus – sie umrahmen das tolle Zitat mit eigenen Artigkeiten so, dass sie den Satz typographisch eher verstecken als auffällig präsentieren:

Was in aller Welt hat sich Carl Schmitt dabei gedacht, als er am 11. September 1951 in sein Glossarium schreibt: ,Der Besiegte schreibt die Geschichte; der Gescheiterte ist der Gescheitere.‘ (Die Herausgeber … sowie der Verlag …haben uns freundlicherweise erlaubt, Auszüge aus den bisher unpublizierten Bänden IV und V von Schmitts Aufzeichnungen der Jahre 1947–1958 vorweg abzudrucken – wahre Fundgruben unzensierten, kühnen Erkennens.) [8]

Und diese unzensierte, kühne Hymne auf den Mit-Besiegten der Niederlage des N. S., der seine Mit-Gescheiterten Hitler und Parteigenossen sowie natürlich zu allererst sich selbst als Gescheitere erkennen mochte, wird noch über eine halbe der sympathisch textlastigen Druckseiten fortgesetzt. Sie mündet nach der vollmundigen Annoncierung dreier Schmitt-Exegeten sowie drei oder vier anderer Beiträge in der wehleidig mitfühlenden Ankündigung eines Artikels von Ernst Nolte: Dessen „Laufbahn nach dem sogenannten Historikerstreit kommt Carl Schmitts Verbannungsgeschick in gewisser Hinsicht nahe (ohne historisch vergleichbar zu sein).“ – Also was jetzt? Was soll das für eine historisch nicht vergleichbare, aber doch Nähe sein? Eine räumliche? Oder eine emotionale, vielleicht eine Nähe in der Geographie der redaktionellen Emotionen; also eigentlich – kurz davor hatten sie, es klingt wie mit leisem Bedauern, einbekannt: „Die Autoren dieser Zeitschrift befinden sich unseres Wissens nicht in der Situation Carl Schmitts.“ – eine Nahe-Empfindung, die sie selbst zu den beiden hegen? Und was meint „Carl Schmitts Verbannungsgeschick“? Dass der sein Leben in Tomis wie Ovid oder à la Napoleon auf Sankt Helena hatte beschließen müssen? Ach, welcher Druck auf diesen redigierenden Tränendrüsen doch lastet. [9]

Die Prüfungsaufgabe

Wie auch immer. Ich habe gemäß seinen Wünschen zu prüfen, wie Günther Anders in diese Konstellation passt. Zur Erklärung der mir gegebenen Direktiven will ich zeigen, mit welcher Begründung Anders selbst seine Mitarbeit beim Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken beendet hat: einem ungleich renommierteren Blatt, in dem er viele Jahre und zahlreiche seiner Essays, oft Vorabdrucke aus beiden Bänden seiner Antiquiertheit des Menschen veröffentlicht hatte. Zu diesem Behufe zitiere ich seinen Absagebrief (nach dem Wortlaut der Zeit, samt deren Vorspann kursiv gesetzt) und gebe damit auch ein kleines Beispiel für Günther Anders’ Sprachkunst und wie er zu analysieren pflegte; was zugleich ein wenig zeigt, wie er in diesem Fall die gute Seite, die er meinte, vorgetragen und vertreten hat. Das Beispiel, wird sich allerdings zeigen, ist auf den Fall Tumult nicht sogleich anwendbar. [10]

Eine Absage von Günther Anders

Mit dem hier auszugsweise veröffentlichten Brief an den Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer begründete der zweiundachtzigjährige Günther Anders, Adorno-Preisträger 1983, seine Ablehnung einer [Fortsetzung seiner vieljährigen; G.O.] Mitarbeit an der Zeitschrift Merkur. [11]

Mit Herrn Jünger, der noch immer, oder schon wieder, im „Merkur“ erscheint, wünsche ich keine Wohnung oder Herberge zu teilen. Mit ihm die Paulskirche und das Lob durch Bürgermeister Wallmann geteilt zu haben, [12] das reicht mir.

Ich spreche hier weder von Jüngers frühen Büchern wie den Stahlgewittern oder Der Arbeiter. Auch nicht davon, daß er uns soeben in besagtem Merkurheft philosophisch dilettantische petits riens als Kleinodien vorsetzt. Vielmehr davon – Zerstörungsfreude ist offenbar unstörbar und unzerstörbar – daß Jünger unlängst – im Fernsehen durfte man das ja mitgenießen – durch sein Haus führend auf den wie ein Kunstobjekt aufgestellten Stahlhelm eines britischen Soldaten aufmerksam gemacht hat. Ein Engländer, so erklärte der Museumsführer, habe sich während des 1. Weltkriegs unvorsichtig über den Rand des gegenüberliegenden Schützengrabens zu weit herausgetraut, was ihm ,,nicht gut bekommen“ sei. ,,Nicht gut“. Vis à vis de la mort gibt es nichts Gemeineres als das Neckische. Er, Jünger, hat also damals, vor etwa 70 Jahren, auf diesen zu weit herausragenden Kopf angelegt und geschossen – das mag damals das unter diesen Umständen Normale gewesen sein. Dann aber – und da hört das Normale auf – hat er den so untadelig getroffenen und durchlochten Helm des Erlegten als Trophäe an sich genommen und beim nächsten Urlaub heimgebracht. Und seit damals ist er also aufbewahrt worden. Mithin seit sechzig oder siebzig Jahren. Vermutlich wird er auch täglich abgestaubt. Ein so lang konserviertes Souvenir verdient ja Pflege, und sich von einem so lieb und gemütlich gewordenen Stück Leben zu trennen, das wäre ja eine Rohheit, die kein kultivierter Mensch übers Herz bringen könnte, und die man keinem zumuten dürfte.

Töten ist schlimm genug. Tötungslust oder -stolz unmittelbar nach der Tötung schlimmer. Am schlimmsten aber, Herr Dr. Bohrer: noch nach sechs Jahrzehnten das Zeugnis der Tötung, den Helm mit dem hübschen Durchschußlöchlein als Schmuckgegenstand aufzustellen und Besuchern und Fernsehmillionen als Exponat vorzuzeigen. Der Besucher hat daran keinen Anstoß genommen. Tant pis pour lui. Trivial und barbarisch gesellt sich gern.

Das Widmungsexemplar von Jüngers Arbeiter an Oswald Spengler im Jahre 1932 hatte bekanntlich gelautet: ,,Für O. Sp., der nach Deutschlands Entwaffnung die ersten neuen Waffen schmiedete.“ Wer zum Schmieden von Waffen gratuliert, der hofft auf neues Töten. Auf neue kleine Löchlein in Stahlhelmen.

Nein, Herr Bohrer, mein Nachbar kann dieser von Ihnen in Ihrer Zeitschrift aufgenommene Mann nicht sein. Und er ist nicht etwa nur mein Gegner, sondern – diese Kategorie kennt und schätzt Herr Jünger ja seit langem – mein Feind. Feinde sind für mich diejenigen, allein diejenigen, die Waffen willkommen heißen, Stahlgewitter preisen und Tötungszeugnisse ästhetisieren. Das definiert Barbarei. Der gewiß sehr hoch betagte Herr Jünger ist sich gleich geblieben. Ich, der nur um ein paar läppische Jahre Jüngere, fühle mich ebensowenig dazu veranlaßt wie er, mich im höchsten Alter noch zu ändern.

Ungefähr zur selben Zeit, in der er sein nettes Löchlein in den Britenhelm, und nicht nur in den Helm, schoß, feierte ich als Fünfzehnjähriger in einem nächtlichen Schuppen nahe Charleville mit dem ebenfalls fünfzehnjährigen Sohn eines ,,von uns“ erschossenen Franctireurs, während die Geschütze im Westen leise rollten – feierten wir also die, wie wir es nannten: ,,P. P. S.“, nämlich die Pacatorum Populorum Societas, kurz: den ersten ,,Völkerbund“. Finden Sie, Herr Dr. Bohrer, ich gehöre unter das Dach eines Hauses, das auch Herrn Jünger beherbergt?

Bedauernd,
Günther Anders

Der Abdruck dubioser Autoren ist kein Hindernis

Nun, weder von Schmitt noch von Nolte liegt ähnlich Neckisches vor, woran Anders bei der Person Jünger Anstoß genommen hatte, und auch Waffen heißen sie keine willkommen – wenigstens nicht in den Beiträgen zum Tumult, soweit sie mir bisher zugänglich sind. Was Schmitt betrifft, wäre es ja wohl etwas lächerlich, für einen Toten ein gemeinsames Dach mit einem anderen Toten für unmöglich zu erklären; ebenso lächerlich, wie es für möglich zu erklären: Beide liegen nun einmal unter der Erd’ und naturgemäß ist ihr persönlicher Streit mit ihnen begraben. Nolte, zwar, lebt noch, für die Absurdität der Rede von einem „gemeinsamen Dach“ ist dieser Umstand aber unerheblich: Es genügt doch wohl, dass einer von ihnen verlässlich schon tot ist. Auf dieser Ebene scheint nichts dagegen zu sprechen, dass auch Anders in der Zeitschrift erscheint. Um eine voreilige Entscheidung zu vermeiden, erinnere ich mich seines Verhaltens mir gegenüber, als ich ihn einlud, in dem Blatt, dessen Redigierung ich gerade erst übernommen hatte, was immer er wolle zu schreiben. Da sagte er nämlich:

„Zeigen Sie jetzt erst einmal, wie Sie das FORVM gestalten, und nach ein, zwei Heften können wir nochmals darüber reden.“ – Da kam es ihm also nicht darauf an, wessen Texte in dem Blatt erscheinen würden, sondern die Qualität des Redigierens wollte er im Ensemble beurteilen können, bevor er bereit war, selbst Beiträge abzuliefern. Danach hat er nahezu jedes meiner Hefte aufgewertet: mit der analytischen Klarheit und kritischen Schärfe seiner Lehre, die er stets kurzweilig und doch ohne intellektuellen Rabatt differenzierend dargelegt hat. Nun, einen ersten Eindruck von der Redigierung des Tumult hatte ich ja bereits gewonnen, siehe oben. Am liebsten hätte ich jetzt den Beitrag von Günter Maschke besehen. [13] Doch ausgerechnet die dritte Ausgabe vom Sommer 2014 fehlt mir noch. Ersatzweise folgt daher eine Befassung mit dem Beitrag: Ernst Nolte, „Der Islam: so! oder so? Von der List der Zurückgebliebenheit“ [14].

Mehrfache Geschichtsverfälschung

Abwandelnd wiederholt Nolte, was vor fast 30 Jahren maßgeblich zur Klimax des Historikerstreits geführt hatte, weil Habermas sich daran stieß: Nolte schreibt nun nicht mehr von einer „Kriegserklärung der Juden“, sondern, vorsichtiger geworden, benennt er ein deklarierendes Subjekt und setzt den Stein des Anstoßes von damals in Anführungszeichen, freilich ohne das lieb gewordene Reizwort aufzugeben:

„,Kriegserklärung‘ des Sprechers des Weltjudentums, Chaim Weizman“ schreibt er diesmal; und meint, „Hitlers Deutschland“ hätte sich dadurch „im August 1939 einen ,moralischen‘ Grund für den Holocaust verschafft“; und behauptet – lügt er oder weiß er es bloß nicht besser? – da wäre Deutschland „mit der Übermacht der materiellen und menschlichen Ressourcen der Alliierten konfrontiert gewesen“.

In Wahrheit hatte sich „Hitlers Deutschland“ nicht „im August 1939 einen ,moralischen‘ Grund für den Holocaust verschafft“. Sondern den Artikel aus der britischen Boulevardzeitung „Daily Express“ vom 24. März 1933 mit der irreführenden Headline „Judea decleares war on Germany“ hat die N. S. D. A. P. als rechtfertigenden Vorwand für ihren sogenannten Judenboykott vom 1. April 1933 genützt. Schon die zeitliche Verschiebung des reißerischen Titels dieses Revolverblatt-Artikels um 6 Jahre und 4 Monate in die vorgebliche Gegend des Kriegsbeginnes „im August 1939“ indiziert Noltes Dolus, mit seiner fälschlichen Behauptung, „Hitlers Deutschland“ wäre damals bereits „der Übermacht der materiellen und menschlichen Ressourcen der Alliierten konfrontiert gewesen“, einen (das Adjektiv sicherheitshalber in Anführungszeichen gesetzt:) „,moralischen‘ Grund“ für die Entlastung des Dritten Reichs von der (alleinigen) Schuld am Holocaust zu erdichten; womit er doch wieder den gewünschten Anschluss an seinen bewährten Exzess historischer Fälschungen sich verschafft:

Noltes doppelte Fälschung

1. Niemals, weder 1939, als Hitler den Zweiten Weltkrieg vom polnischen Zaun brach und den Holocaust noch gar nicht begonnen hatte, noch bei dessen Durchführung ab etwa 1941 hat „Hitlers Deutschland“ diese fälschlich so genannte Kriegserklärung der Juden irgendwie als Begründung für den Holocaust angeführt.

2. In Wahrheit waren 1939 nur die Beteiligten an der Garantieerklärung für die Unabhängigkeit Polens vom 31. März 1939 bereits „Alliierte“: Großbritannien und Frankreich; denen zur Not noch ihre Anhängsel zuzuzählen wären, also die Dominions des Commonwealth: Australien, Kanada, Neuseeland, Südafrikanische Union. – Noch nicht mit diesen alliiert waren die Sowjetunion und U.S.A. – beider Beitritt am 1. Jänner 1942 hat dann erst die tatsächliche „Übermacht der materiellen und menschlichen Ressourcen der Alliierten“ zustande gebracht.

Die beschriebenen Elemente dieser doppelten, intellektuell eher schlichten Geschichtsfälschung verfolgen offensichtlich den boshaften Zweck, Israel mit dem NS-Staat irgendwie in eine Analogie zu setzen. Wie der Nolte das macht, nämlich mit Zuhilfenahme einer weiteren Fälschung, zeigt die oben partiell rekonstruktiv zerlegte Stelle in ihrem Kontext – Hervorhebungen von mir:

„Die Verhältnisse wurden noch komplizierter dadurch, dass der 1948 neu konstituierte jüdische Staat, Israel, von Anfang an durch ein Analogon zum nationalsozialistischen Deutschland gekennzeichnet war: Wie Hitlers Deutschland mit der Übermacht der materiellen und menschlichen Ressourcen der Alliierten konfrontiert gewesen war und sich mit einer zweifelhaften Schulderklärung, nämlich durch die Berufung auf die ,Kriegserklärung‘ des Sprechers des Weltjudentums, Chaim Weizmann, im August 1939 einen ,moralischen‘ Grund für den Holocaust verschafft hatte, so glaubte sich auch Israel gezwungen, auf diese oder jene Weise die Hunderttausenden von Palästinensern, die in Israel verblieben waren, ,unschädlich‘ zu machen. Nicht nur der Außenminister Abba Ebban sah eine ,tödliche Gefahr‘ in dieser mitten in Israel wohnenden und feindlich gesinnten Gruppe. Aber der immer wieder beschworene gemeinsame Wille aller Araber zur Vernichtung des ,Eindringlings‘ führte zu keiner gemeinsamen Anstrengung, und deshalb bestand der ,Kampf um Israel‘ bis in die Gegenwart in einer verwirrenden Mischung paradoxer Unternehmungen und Situationen.“

Die letzten sechs oder sieben Wörter des vorigen Absatzes hält Nolte also für die adäquate Zusammenfassung der zahlreichen Terroranschläge, zahllosen Beschießungen mit Raketen und mehreren Kriege inklusive der Hekatomben an beiderseits Traumatisierten, Verkrüppelten, Toten – alles nur „…eine verwirrende Mischung paradoxer Unternehmungen und Situationen.“ Es lebe die wertfreie Wissenschaft.

Dritte historische Falschheit

3. Die Behauptung, „der ... gemeinsame Wille aller Araber zur Vernichtung“ Israels „führte zu keiner gemeinsamen Anstrengung“ stellt die bange Wahlfrage: Ist diese Behauptung bloß einer historischen Ahnungslosigkeit des Historikers Nolte entsprungen oder, zu welchen Zwecken auch immer, eine weitere schlichte Lüge? Denn wahr ist vielmehr, dass die israelische Staatsgründung durch Erklärung der Unabhängigkeit am Nachmittag des 14. Mai 1948 stattfand; dass noch in der Nacht darauf die folgenden arabischen Staaten dem soeben gegründeten Israel den Krieg erklärten: Ägypten, Saudi Arabien, Jordanien, Syrien, Irak, Libanon. – Welcher arabische Staat fehlte nach Noltes Meinung, damit von einer „gemeinsamen Anstrengung“ aller Araber hätte gesprochen werden könnte? damit der „immer wieder beschworene gemeinsame Wille aller Araber zur Vernichtung des ,Eindringlings‘“ endlich sein Ziel hätte erreichen können? Die Blüte der – in Noltes Augen, wohl weil erfolglosen – unzureichend „gemeinsamen Anstrengung … aller Araber“, der Erste Arabisch-Israelische Krieg von Mai 1948 bis Jänner 1949, ergab Sieg und einige Gebietsgewinne Israels, aus dem in der Folge rund 850.000 Palästinenser teils durch israelisches Militär vertrieben, teils von arabischen Militärs aus strategischen Gründen evakuiert wurden oder geflüchtet sind. Gleichfalls in der Folgezeit flohen ungefähr ebenso viele jüdische Menschen, wohl auch kaum grundlos, aus den arabischen Ländern nach Israel. – Sie bleiben unerwähnt, wohl deshalb, weil die Fluchtjuden und jene, deren Flucht nicht gelang, ja bloß historische Fakten sind, die Nolte zu seinen Zwecken nicht taugen.

4. Verfälschung (ohne Anspruch, dass damit schon alle ermittelt wären)

Kaum mehr zu übertreffen wird dieses „Analogon zum nationalsozialistischen Deutschland“ sein: „...so glaubte sich auch Israel gezwungen, auf diese oder jene Weise die Hunderttausenden von Palästinensern, die in Israel verblieben waren, ,unschädlich‘ zu machen.“ Damit verheimlicht er, dass in Israel rund 1,7 Millionen Araber leben, mit gewählten Vertretern im israelischen Parlament, und dass Arabisch neben Ivrit die zweite Amtssprache ist. Israel ist keine Insel des Friedens im Nahen Osten, aber doch eine Insel, die Menschen den Wechsel zu einem anderem oder keinem Glauben und beliebige sexuelle Orientierung erlaubt – in einem Meer von islamistischen Staaten, die solche Abweichungen durch Tötung gemäß Scharia „unschädlich machen“. Vor der Aufgabe, für Noltes strategische Formulierungstechnik eine nicht unflätige Kennzeichnung zu finden, wird hier kapituliert.

„Zum Charakter der Vierteljahresschrift“

Diese kurz dargestellten Umstände können einem gewiss schon damals politisch wachen Kopf wie Böckelmann nicht verborgen geblieben sein: Spätestens aus Anlass des Sechs-Tage-Krieges 1967, wenn nicht bereits der Suez-Krise elf Jahre davor, müsste der heute doch auch schon ältere Herr über die Entstehungsgeschichte Israels und die damit verbundenen Kriege sich informiert haben. Was er jetzt, Noltes Verteidigungsschrift folgend, einen „sogenannten Historikerstreit“ nennt – als wäre, was Nolte damals losgetreten hatte, entweder gar kein Streit gewesen oder ein Streit ohne Historiker [15] –, das hatte Böckelmann bereits als Mitherausgeber und Redakteur des 1979 gegründeten Tumult [16]] und als dessen Mitbegründer miterlebt. Dass er über so vielen „Mit-“ etwa schon derart gaga geworden wäre, dass er von nichts mehr was weiß, nehme ich, bis es ihm jemand nachweist, lieber noch nicht an. Dass die Verfälschungen Noltes, widerspruchslos redaktionell als prominente Preziosa auf Sammetpölsterchen präsentiert werden, kann daher nur in einer Blattlinie gründen, die von den aktuellen Verantwortern heimlich, hinter dem Rücken des Publikums, mit Bedacht gezogen wird. In ihrer veröffentlichten und – im prägnanten Wortsinn: – unheimlichen Blattlinie deklarieren sie „Zum Charakter“ ihres Blattes gegen Schluss:

TUMULT publiziert neben Luftigem und Unaufgeräumtem auch Schwieriges und Unplausibles, neben experimentellen Textsorten auch Manifestartiges. Die Redaktion schätzt denkerische Strenge und Konsequenz, aber nicht die rituelle Stilisierung selbstgenügsamer Wissenschaftlichkeit. Erkenntnis als Frucht der Begierde zu begreifen, was vor sich geht, ist heute annähernd überflüssiger Luxus. Es herrscht die Zuversicht vor, man könne sich die Welt nach Belieben zurechtmachen, müsse sie nicht erst erkennen. Aber wir hängen am Luxus und nehmen gern das Risiko in Kauf, elitär zu erscheinen. Die Intellektuellen sind die Elite der Überflüssigen. [17]

Der elegant mit den emotionalen Qualitäten der Wörter spielende Schwall drängt mir den Eindruck auf, die Redaktion missverstehe Erkenntnis als Frucht derjenigen ihrer Begierden, um derentwillen sie auf die Lästigkeit denkerischer Strenge verzichtet, intellektuelle Unaufgeräumtheit aufopfernd pflegt, rationale Sortierung rituell vermeidet und sucht, sich’s nach Gusto in der tollen Küche zusammenzurühren – Hauptsach’, ’s is all’s ganz wild kontrovers. Hübsch elegant auch formulieren die Verantworter und kokett ihre nicht einmal leicht zu bestreitende Selbsterkenntnis [18] ganz von allein:

„Gern verwechseln wir unsere Orientierungslosigkeit mit Alleskönnerei. Die alten Hemmungen hemmen nicht mehr – das fühlt sich zunächst an wie Allmacht. Ein folgenreiches Missverständnis“ – dem sie erliegen; was (sie werden’s als Lob auffassen:) eine Prognose für ihre Entwicklung und in welche Gegenden es ihre Publizistik noch verschlagen mag, völlig ungewiss macht und doch auch nur allzu vorhersehbar; und jegliches Vertrauen in deren Redigieren, das ich gern hätte fassen wollen, jedenfalls im Keim erstickt.

Primäres Auswahlprinzip: Promigeilheit

So wichtig es ihnen offenbar ist, berühmte Namen auf ihre Tableaus zu hieven, so deutlich ist die Tendenz ihrer sorgfältigen Schludrigkeit, rechtsnationale bis antisemitische Incentives im Mäntelchen einer angeblichen, aber natürlich nicht selbstgenügsam sein dürfenden Wissenschaftlichkeit subkutan durchzuschleusen. Damit’s nicht allzu sehr auffällt, werden andere, politisch keineswegs rechte Autoren eingestreut. Hauptsach’, es handle sich entweder um Berühmte, die zur Hebung des Ansehens der Zeitschrift beitragen können. So kommt Walter Benjamin zum Handkuss und so möchten sie Anders sich einverleiben, die ja beide auch tatsächlich in gewisser Hinsicht gleichfalls als sowas wie edel patinierte Außenseiter gelten; zumal Anders sogar allerhand lustvoll-lehrreiche, widerborstige Glossen unter dem eitel-widerständigen Titel „Ketzereien“ veröffentlicht (und noch viele mehr davon geschrieben) hat. Bleibt die – hier vorsätzlich unaufgelöste – Preisfrage, wodurch Anders und Benjamin von Nolte, Schmitt und Konsorten wohl sich unterscheiden mögen. Worin ihre Gemeinsamkeit besteht, liegt hingegen klar zu Tage: Sie eignen sich alle zur Befriedigung der Promi-Geilheit einer intellellen Halbwelt, in der die Zuversicht vorherrscht, man könne sich die Welt nach Belieben zurechtmachen, müsse sie nicht erst erkennen und also auch nicht kenntlich machen; eine mithin tatsächlich überflüssige Sorte von Intellen, [19]] die für eine, nein: die Elite gehalten werden möchte, nein: sich als die Elite ausgibt, um ihre Orientierungslosigkeit desto ungehemmter zu verbreiten und sogar unverfroren anzupreisen.

Sekundäres Auswahlprinzip: formbare Verführbarkeit

Hauptsache, begann ich oben, es handle sich bei den eingestreuten nicht-rechten Autoren entweder um Berühmte – oder, setze ich nun fort, um solche jüngeren Kräfte, die vom stets attraktiven Angebot eines Raumes für Publizität zur Mitarbeit sich locken und von der Elitenschwärmerei sich einbeziehen und eine wenig kritische Loyalität sich abschmeicheln lassen. Die werden auch dringend benötigt, denn allein mit den Promis lassen ja füglich die Hefte nicht zur Gänze sich füllen. Wenn schon die Jungfedern noch keine Berühmtheit vorweisen können, müssen es wenigstens eloquente Formulierer sein, deren Bemühung sich erfolgreich einer modischen Eleganz ihres Ausdrucksverhaltens nähert und die den politischen Intentionen des Blattes nicht in die Quere kommen; wozu am besten die Bearbeitung einer leicht abseitigen Thematik sich eignet.

Im vorigen Absatz von „deren Bemühung“ bis „nähert“ liegt eine gewisse Ungerechtigkeit, die ich nicht zurückziehen mag, obzwar bedaure.

Zu Lebzeiten hätte Anders die Herausforderung vielleicht angenommen, um in laufende Kontroversen des Tumult aufklärend einzugreifen – so lange die Redaktion seinen Beiträgen auf einigermaßen faire Weise Raum gab, hätte er keinen Meinungsstreit gescheut, wenn es ihm denn dafür gestanden wäre; was man heute freilich nicht sagen kann. Aber Beiträge von Günther Anders aus dessen Nachlass einer solchen „Elite“ anzuvertrauen, deren verunklarenden Machinationen bestenfalls durch die Auswahl der Texte ein wenig entgegen zu wirken, ihnen aber eigentlich und unvermeidlich den hübschen Paravent vor den dahinter versteckten rechtspolitschen Ambitionen damit verzieren zu helfen, verbietet sich von selbst und kommt überhaupt nicht in Frage.

Eigentlich schade.

P. S: Die Hefte Sommer 14 und Frühjahr 15 sind eingetroffen. Sie gaben Gelegenheit, die Entscheidung noch zu überprüfen. Das hat sie aber verfestigt:

Maschke und die Condition Humaine [20]

Statt eines Maschke-Beitrages im Sommer-Heft, schilt ein Rezensent [21] das einzige Buch, auf dessen Besprechung ich im Tumult gestoßen bin, dass es „ein einziges Ärgernis“ sei. Scharf rügt er den Autor für mehrere Unrichtigkeiten und besonders, dass zwei Fakten zu Maschke fehlten. Hingegen lobt er Rabehl, aber Rudi Dutschkes Dissertation über Lenin, zitiert er den Maschke, sei „so ziemlich das Dümmste“; verglichen mit „Machiavelli, Thomas Hobbes, Georges Sorel oder Carl Schmitt, allesamt Hausgötter … Günter Maschkes bis heute“. Der Rezensent hält also Maschke für einen Propheten der genannten mehreren Götter, nicht für den Ministranten Carl Schmitts, Priesters der Feindseligkeit. Warum? Er sagt es uns nicht, sondern teilt uns nur dieses sein Werturteil mit.

In der sechsten Ausgabe, Frühling 2015 endlich der irrig bereits im Sommer-Heft vermutete Beitrag von Maschke, der in seiner – was sonst: – Schmitt-Paraphrase an zwei der drei Erbtraumata aller deutschen Rechtsaußen sich abarbeiten muss:

Nicht der Erste Weltkrieg, nein, sondern unbeugsam mit eurozentrischem Eigensinn: Der Vertrag von Versailles sei „die eigentliche Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, [22] dazu ein kleiner Schlenker gegen den unbekannten Pazifisten, der „nicht zugeben kann, dass es Schlimmeres geben mag als einen Krieg“. – Er hasst den Pazifisten, weil er den Krieg so liebt, und Hass macht nicht blind: Blindheit ist kein leichtes Schicksal, muß aber nicht hindern, vernünftig zu differenzieren; sondern Hass macht dumm: Wer hasst, läuft Gefahr, zu unterschätzen, was er hasst. Pazifist ist nicht, wer „nicht zugeben kann, dass es Schlimmeres geben mag als einen Krieg“, sondern jemand, der Besseres möchte als Krieg. Nicht fürs Nicht-Zugeben hasst er den Pazifisten, sondern weil dieser Blasphemiker den liebenden Glauben an die Weisheit des Krieges nicht teilt.

Also geschenkt. Wer könnte denn dieses Axiom der überwältigenden Mehrheit aller Menschen bestreiten, „dass es Schlimmeres geben mag als einen Krieg“? Dieses Axiom, zugleich die Geschäftsgrundlage der militärisch-industriellen Komplexe weltweit? Von dem sich die Existenz und Dotierung der Waffenlager und stehenden Heere ableitet? Die vorausgesetzte Bedingung der Möglichkeit des Zusammenschlusses der Alliierten gegen Hitlerdeutschland ebenso wie für das Schmieden und Schmieren der „Achse“? Auch gilt ja der Satz nicht bloß militärisch: Schlimmer als Krieg wären u. a.: der Aufprall eines größeren Kometen, Ebola- oder Pest-ähnliche Virus-Pandämien, gröbere Atomunfälle in dichtbewohnten Gebieten. – Maschke aber will mit dem Axiom, bescheiden genug, nur „Krieg“ und „Frieden“ als „reziproke Begriffe“ behaupten, deren sprachliche Untrennbarkeit er behauptet, woraus er ableiten möchte: „Jeder systematische, grundsätzliche Angriff auf die Erlaubtheit des Krieges“ (wie z. B., das zweite Trauma: die Siegerjustiz der Nürnberger Prozesse) wäre „ein Verstoß gegen die menschliche Natur/Kultur“ und, „anthropologisch wie geschichtlich, ein Un- und Widersinn“ sowie „ein Attentat auf die Condition humaine“. So tief können anthropologische Konstanten fliegen – haltlos schwankend zwischen einem begründungslos behauptenden, also assertorischen Urteil über die Natur des Menschen und einem Sittengesetz nach Art des Ehrenkodex der Samurai.

Aber süß, wie diese Schwundstufe alten Kämpfertums für seine „Condition humaine“ und einen ersehnten Angriffskrieg um Anerkennung und Erlaubnis flennt. Darauf pfeift, wer selbst noch zum Kämpfen aufgelegt ist. Ohne dekadente Risikoscheu griffe so jemand einfach an, streng nach dem Motto: „Alles Große steht im Sturm.“ Doch ist beherzte Praxis – so wenig wie Urteilslogik – Maschkes Sache offenbar nicht, der statt ihn zu führen, nur hemmungslos wie ein Blöder vom Angriffskrieg schwärmt: der sei „gescheiter als die klügsten Gelehrten des Völkerrechts“, und „falls wir das zweifelhafte Vergnügen haben, einmal in einer Welt ohne jeden Krieg zu leben, dürften wir nicht vom ,Ewigen Frieden‘ sprechen, sondern allenfalls von der ,Ewigen Harmonie‘, der ,Ewigen Gewaltlosigkeit‘ oder ähnlichem.“ – Jetzt auf einmal. Vorhin waren sie noch, „Krieg und Frieden“, untrennbar reziproke Begriffe kraft Weisheit der Sprache, die Maschke soeben verlassen hatte, und er hat es noch nicht einmal bemerkt. Neckisch ist an alledem nichts, allein: Der bierige Ernst macht halt nichts besser, wo alle übrigen anathematischen Bestimmungen aus der Merkur-Absage von Günther Anders pünktlich zutreffen.

Das dritte Trauma der deutschen Rechten, die verlorenen Ostgebiete, berührt er geistesgegenwärtig nicht, und so bleibt es reinste Spekulation, von welchem Angriffskrieg er wohl träumen möchte, wenn er, frisch wütend über „die eigentliche Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, um die Erlaubtheit seiner Condition humaine und des unzweifelhaften Vergnügens eines Angriffskrieges bloß so im Allgemeinen auftrumpfend ansucht.

Aber nicht Maschkes „Revolution des Völkerrechts“ war hier das Thema, sondern wie der Tumult damit umgeht. Dessen Offenbarungseid findet sich auf S. 17, abgelegt in der Fußnote mit dem Stern: Die Veröffentlichung erfolge „mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Herausgebers“. Also wieder ein Vorabdruck? Fehlanzeige: Der Text war schon 2008, vor 7 Jahren in einer Festschrift zuerst erschienen. Er war schon gut abgehangen, als die Blattmacher ihn für den jetzigen Abdruck ausgesucht haben, ohne die leiseste Ambition, im Blatt eine Kontroverse darüber anzustoßen. Was also vorliegt, ist die nackte, absolut konformistische Wiederverlautbarung der propagandistischen Kriegslust des Maschke & Schmitt-Duetts [23] – als dessen Mikro dieser Tumult halt gerne firmieren möchte. Ob er glaubt, das bringe ihm Glück?

[1Tumult. Vierteljahrschrift für Konsensstörung. Verantwortet v. Frank Böckelmann und Horst Ebner. Dresden 2013 ff. Bisher sind sechs Hefte erschienen. Im März 2015 traten Böckelmann und Ebner an Gerhard Oberschlick mit dem Wunsch heran, in einer neuen Nummer einzelne Texte von Günther Anders zu publizieren.
Gerhard Oberschlick hat von 1986 bis 1995 die 1954 gegründete Zeitschrift FORVM herausgegeben, deren Online-Ausgabe www.forvm.at er seit 2000 sporadisch betreut. Von Günther Anders selbst zum Nachlassverwalter eingesetzt, hat er u.a. 2001 den ungemein wichtigen Band mit Schriften des Philosophen über Heidegger im Verlag C. H. Beck herausgegeben. [Anm. d. Red. sans phrase]

[2Tumult. Vierteljahrschrift für Konsensstörung. Verantwortet v. Frank Böckelmann und Horst Ebner. Dresden 2013 ff. Bisher sind sechs Hefte erschienen. Im März 2015 traten Böckelmann und Ebner an Gerhard Oberschlick mit dem Wunsch heran, in einer neuen Nummer einzelne Texte von Günther Anders zu publizieren.
Gerhard Oberschlick hat von 1986 bis 1995 die 1954 gegründete Zeitschrift FORVM herausgegeben, deren Online-Ausgabe www.forvm.at er seit 2000 sporadisch betreut. Von Günther Anders selbst zum Nachlassverwalter eingesetzt, hat er u.a. 2001 den ungemein wichtigen Band mit Schriften des Philosophen über Heidegger im Verlag C. H. Beck herausgegeben. [Anm. d. Red. sans phrase]

[3Kommt mir bitte nicht mit dem Vorwurf, ich redete hier moralisierend etwa einem Gutmenschentum das Wort. Zwar rede ich ihm das Wort, aber gerade nicht hier, wo ich ganz formal von „guten Seiten“ rede, ohne im Mindesten auszumachen oder auch nur anzudeuten, worin denn das Gute bestehen könnte oder sollte. Was wir Heutigen vermutlich alle als amoralisch böse ablehnen können, etwa die Folter rothaariger Frauen zur Erzwingung des Geständnisses ihrer Verbindung mit dem Teufel sowie der Hexerei – noch die bestialischsten Folterer der Inquisition hatten gemeint, mit ihrem Tun eine gute Seite zu vertreten, nein: die gute Seite, und ein gottgefälliges Werk zu tun. Den riskant argumentativen Interventionen der Aufklärer haben wir es zu danken, wenn langsam sich herumsprach: die gute Seite ist eine andere, und wenn die Macht und Gewalt der Inquisition nach Jahrhunderten doch ihr Ende fand. Auch wer sich noch so ablehnend gegen „Gutmenschen“ stellt, tut es, weil er solche Ablehnung für gut hält: setzt also dem abgelehnten fanatisch menschenrechtlichen sein eigenes, z. B. fanatisch kriegerisches Gutmenschentum nicht weniger moralisierend entgegen.

[4FORVM 445–447/1991, S. 20–25.

[5Urteil des EGMR vom 1. Juli 1997, online: http://hudoc.echr.coe.int/sites/eng/pages/search.aspx?i=001-58044 [abgerufen 27.3.2016

[6FORVM 452–454/1991, S. 13 f.

[7Ebd. S. 15.

[8Editorial in: Tumult 5/2014–15, S. 4.

[9Es war der Druck von Schmitts Selbstmitleid, in dem dieser – mit dem nach erlittener Folter aus Florenz verbannten Macchiavelli sich vergleichend – gern so lauwarm wie ungefoltert gebadet hat. Die Redaktion hat die wehleidige Selbststilisierung ihres bewunderten Autors unkritisch zu dessen Nennwert übernommen.

[10Prima vista und in den für meine Entscheidung hier analysierten Teilen liegt der Fall durchaus anders. Dennoch stand meine Ablehnung bereits fest, als bei Durchsicht der Hefte 3 und 6 sich herausgestellt hat, dass der Tumult doch auch eine und kaum weniger fatale Parallele zum Fall Merkur aufweist. Ich trage sie ganz unten, in dem Postskriptum, nach.

[11Die Zeit, 20/1985, S. 50, http://www.zeit.de/1985/20/nein-herr-bohrer [abgerufen wie in Anm. 4]

[12In der Paulskirche wurde 1983 Günther Anders in dessen krankheitsbedingter Abwesenheit der Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt verliehen und von Bürgermeister Walter Wallmann in dessen Preisrede versehentlich als „Ernst Jünger“ angesprochen. Noch Jahre später konnte G. A. über den Fauxpas schmunzelnd sich erregen. [Anm. G.O.]

[13Dieser Wunsch erklärt sich weiter hinten, wo Maschkes Beitrag ein P. S. gewidmet ist.

[14Tumult 5/2014–15, Titelei oben wie im Inhaltsverzeichnis. Im Heft, S. 15–18, führt der Beitrag einen abweichenden Untertitel: „Zwei Möglichkeiten der Zurückgebliebenheit“ statt „Von der List der…“

[15In Tumult 5/2014–15, S. 4–6, veröffentlichen die beiden Verantwortlichen ihr gemeinsames Editorial unter dem schönen Wunschdenken-Titel „Der Besiegte schreibt die Geschichte“. Darin übernehmen sie auf S. 5 die Sprachregelung des Untertitels von Ernst Nolte, Das Vergehen der Vergangenheit. Antwort an meine Kritiker im sogenannten Historikerstreit, Berlin-Frankfurt am Main (Ullstein) 1986, 21987, ohne das Buch zu erwähnen.

[16Es handelt sich hierbei um die der Zeitschrift Tumult vorangegangene Zeitschrift, die den gleichen Titel trug, aber im Untertitel Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, später Schriften für Verkehrswissenschaft hieß und in A5-Broschur als Themen-Bücher erschien. Ihre Herausgeber waren Frank Böckelmann, Dietmar Kamper und Walter Seitter. Zu den Mitgliedern der Gründungsredaktion gehörten außerdem u. a. Hans-Peter Gente, Herbert Nagel, Ulrich Raulff und Hanns Zischler. [Anm. d. Red.

[17http://www.tumult-magazine.net/uebertumult/ – genial, dieser treffende Neologismus „Übertumult“.

[18„Verfemte Unvereinbarkeit“, Editorial zu: Tumult 4/2014, S. 7.

[19Verf. vermeidet, wenig inspiriert, den Ausdruck „Tuis“, wegen © Bert Brecht. [Anm. d. Setz.

[20Anno 1966 oder ’67 war er sympathischerweise der Bundeswehr ausgewichen oder von ihr desertiert und über Paris oder die Schweiz nach Wien um Asyl gekommen. Hier fand er schnell Anschluss an eine intellektuell anspruchsvolle, wenn auch zahlenmäßig spärliche linke Szene, die in einem Hörsaal der Universität ihn vorgestellt hat. Zu einem politischen Guru avancierte er durch mitgebrachte Ideen des SDS, was in eine zarte Variante der weltweiten 68er-Bewegung münden sollte. Als er in Schubhaft kam, gab es sogar eine kleine Demonstration vor der „Liesl“ an der Rossauer Lände, und als ihm welche mit guten Beziehungen nach dort eine Asylzusage aus Cuba vermitteln konnten, wurde er tatsächlich frei gelassen. Etwa zwei Jahre später kam er, vom cubanischen Kommunismus, nicht unverständlich, ernüchtert zurück nach Wien, von wo ihn die gar nicht mehr gutwillige Behörde bald nach der BRD abgeschoben hat. Der dortige politische Prozess mit nachfolgender Strafhaft dürfte ihm, was Wunder, nicht gut bekommen sein, und weitere zehn oder fünfzehn Jahre später sahen ich und die Frankfurter Buchmesse ihn bereits als den eifrigsten Aussteller von Carl Schmitt; in der Nähe jenes hochgewachsenen ernsthaften Herrn, der nichts als Schmitts Fastnamensvetters Werk ausstellte: Arno Schmidt, „Zettels Traum“ – nun ja: „Abend mit Goldrand“ wird er wohl auch dabei gehabt haben –, mit eigener Koje beim S. Fischer Verlag; jedoch weit entfernt vom dritten Ein-Autor-Exhibitor in der anderen Halle, dem Selbstdarsteller Rudolf Rolfs, Prinzipal des Frankfurter Kabaretts „Die Schmiere“, Eigenwerbung: „Das schlechteste Theater der Welt“.

[21Stefan Dornuf, Unter dem Pflaster liegt Deutschland. Zu Manuel Seitenbechers Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung? Paderborn 2013. – Sommer 2014, S. 57.

[22St. Germain ist ihm offenbar Hekuba, was den Österreicher in mir, dessen Staat das Diktat der Siegermächte dort nach Fläche und Einwohnerzahl auf ein Achtel geschrumpft hat, und der für diese Entlastung von der jahrhundertealten innerstaatlichen Nationalitätenreibung sowie Befreiung von dem angestammt mörderischen Herrscherhaus nach dessen letzten Tagen von Herzen dankbar ist, naturgemäß gegen Maschke aufbringen muß.

[23„Duett“ allerdings nur, falls nämlich Maschke seinen Schmitt nicht gegen dessen eigene Intention hier neuerlich in den Verruf des Bellizismus bringt; gegen den Schmitt sich selbst doch verwahrt hatte. Und hat Schmitt nicht den „Friedensschluss“ als „Sinn jedes nicht sinnlosen Krieges“ bestimmt? Das klingt nicht ganz wie Maschke, für den „in einer Welt ohne jeden Krieg zu leben“ ein „zweifelhaftes Vergnügen“ darstellt und einen Schimpf, Frieden zu wünschen. Vielleicht ist’s gar kein Duett, was da im Tumult so misstönend klingt, sondern ein Sologesang von Schmitts Mesner Maschke im Stimmbruch, Mikro-verstärkt.

Gerhard Oberschlick: Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

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