Streifzüge, Jahrgang 2019
März
2019

Nichts haben und nichts sein

Eigentlich tue ich wenig anderes, als zu konsumieren. Die Konsequenz davon ist, dass ich viel habe. Ich besitze einige tausend Dinge. Wahrscheinlich besitze ich sie genauso wenig wie die Bäume vor „meinen“ Fenstern, aber etwas in mir meint, sie gehören zu mir wie meine Zähne oder meine Nieren. Manchmal denke ich, wie schön es wäre, nichts zu haben und nichts zu sein. Jetzt denke ich so. Früher war es schön, mein Leben mit Dingen zu bereichern. Jetzt fällt das auf mich zurück. Längst fordere ich eine neue Identität, man verändert sich, die Dinge bleiben. Zwar verdrängen allmählich neue Dinge alte – manche wurden kaputt, andere verräumt –, doch ganz kann mich das nicht mehr überzeugen. In mir spricht eine Stimme: Mach dich frei von allem! Sei nichts, erst dann bist du wirklich!

Manchmal kann ich die Dinge und Sitten, die meinem Leben einen Rahmen geben, überaus schätzen, aber manchmal will ich keinen Beruf mehr haben, keinen fixen Wohnort, kein Gewand, das mehr ist als Hülle und Schutz. Ich will keine vorhersehbare Zukunft mehr haben, kein Handy und keine Schranken im Kopf. Was hält mich also? Was macht mich benehmen, warum funktioniere ich so gut? Für den Zen-Meister wäre der Fall klar: Ich habe mich mit allem, was um mich herum ist und als „meines“ vermute, identifiziert. Demnach halluziniere ich meine Identität. Tatsächlich gehört mir weder mein Körper noch meine Bedürfnisse oder irgendetwas anderes. Das alles ist einfach und ich bin Teil, nicht Besitzer.

Ich entsinne mich der Geschichte des beraubten Zen-Mönches, der, nachdem er den Räuber unbeabsichtigt bei dessen Arbeit in der Mönchshütte gestört hatte, diesem nachsetzte, um ihm noch Brot zu geben – ohne Erfolg. So blickt er in den Nachthimmel und seufzt: „Ach, könnte ich ihm doch nur den Mond schenken“. Diese Einstellung zum Eigentum scheint mir die einzig erquickende. Der Mönch fühlt sich eins mit dem Mond sowie mit dem Dieb und weiß nicht, wie er dieses Gefühl dem Durstigen vermitteln kann, dessen Durst nach Dingen wahrlich der Durst nach dieser Eins-Werdung ist –, und seufzt.

Eine Re-Identifizierung kann auch bedeuten, eine neue Sicht auf die Dinge zu bekommen. Erst wenn wir aufhören, den Verlust von etwas zu fürchten, kann es uns glücklich machen. Eine stille, kleine Freude können uns Dinge und Wesen nämlich machen. Schön, sie zu betrachten, sie zu spüren und wieder zurückzustellen beziehungsweise sie wieder zu lassen. Kurz darf man sie lieben und sie dann wieder sich selbst überlassen.

So liebe ich meine Teeschalen. Sie stehen auf dem Regal und sind Teil meiner Welt wie die Bäume vor dem Fenster. Ich nehme eine von ihnen und sprudle darin leuchtend grünen Matcha-Tee auf, frische Lebendigkeit durchdringt mich und die Schale, sie liegt in meinen Händen, die sie nur für kurze Zeit halten können, dann stelle ich sie zurück. Es sind alte Schalen, die schon in anderen Händen lagen. Teespuren, also Verfärbungen, Kratzer und Reparaturen sind zu sehen. Wer weiß, wer einmal daraus trinken wird oder wird jemand einen Kaktus darin pflanzen?

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