MOZ, Nummer 54
Juli
1990
Auch im Fußball:

Nie wieder Deutschland!!!

Für die vierbeinigen Fans mit Schokogeschmack
Foto: van der Straeten

Alle vier Jahre die gleiche Qual: Wem gebührt bei der Fußball-WM unsere — d.h. der vaterlandslosen Linken — Solidarität? Wer will schon die Abende vor der Mattscheibe gänzlich teilnahmslos verbringen? Beginnen wir mit der (vermeintlich) naheliegendsten Option: „Natürlich Deutschland, Kaiser Franz und seine Jungs.“ Immerhin: Die Truppe kann sich durchaus sehen lassen (in meinen Augen DER Favorit, weniger ob der eigenen Stärken, denn der Schwächen der anderen. Mannschaften wie Italien 1982 und Argentinien 1986 kann ich nicht ausmachen). Sie hat sich partiell vom Rasenschach verabschiedet, läßt zuweilen gar spielerisches und technisches Können erkennen und verlegt sich nicht mehr ausschließlich auf Kraft, Brutalität, Glück und Schiebung.

Und trotzdem: Auch wenn die beste deutsche Elf seit der Europameisterschaft von 1972 auflaufen mag: Die Antwort kann nur in einem definitiven NEIN bestehen. Jürgen Klinsmann, den — wie undeutsch — lobenswerterweise nicht primär das Geld und der Fußball, sondern die Herausforderung, ein neues Land, dessen Leute und deren Sprache kennenzulernen nach Italien zog und der zu Stuttgarter Zeiten seinen rechts-konservativen Vereinspräsidenten mit Unterschriften unter Appelle der Friedensbewegung nervte, soll von mir aus Torschützenkönig werden. Aber ansonsten wünsche ich dem Expeditionskorps ein 4:5 gegen Jugoslawien (drei Tore Klinsmann, ein Tor Völler — die 5 jugoslawischen Treffer aus eindeutigen Abseitspositionen erzielt), ein 1:10 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate (Ehrentor durch Klinsmann, 5 Eigentore durch Augenthaler, 2 durch Buchwald und drei hanebüchene Fehler von Bodo Illgner) und ein 5:7 gegen Kolumbien (4 Tore Klinsmann, ein Tor Völler — 7 unberechtigte Elfmeter für die Südamerikaner). 0:6-Punkte würden ein frühzeitiges Ausscheiden bedeuten, während ein Torverhältnis von 10:22 bei 8 KlinsmannTreffern garantieren dürfte, daß ‚Klinsi‘ dennoch Torschützenkönig wird. Aber eigentlich sollte er seine Erfolge besser im Trikot von Internationale Mailand ausleben ...

Da die Referees wahrscheinlich nicht couragiert genug sein werden, wird mein Traum wohl ein Traum bleiben. Wo die ehemaligen Alliierten und auch einige andere, auf die mensch in Sachen Wiedervereinigung gesetzt hatte, versagen, wird man von den Männern in Schwarz kaum erwarten können, daß sie in die Bresche springen.

Dabei würde ich es der nichtdeutschen Welt doch so gönnen: daß sie noch einmal so richtig herzlich über die Deutschen lachen können. Wer weiß, wann es dann wieder etwas zu lachen gibt ...

Ein Titelgewinn im Jahr der Wiedervereinigung wäre eine Katastrophe. Das müßte eigentlich auch jeder Linksliberale erkennen. Ein Titelgewinn würde deutsch-chauvinistische Stimmungen und deutsche Selbstgefälligkeit weiter anschwellen lassen. Bern 1954 bewirkte das „Wir sind wieder wer“-Gefühl und beförderte die Verdrängung der Geschichte („Ein Volk, das Fußballweltmeister wird, hat ein Recht, über andere Dinge als Auschwitz angesprochen zu werden“). Der glanzlose Sieg von München 1974 (als die Holländer und die Polen den Titel eher verdient hatten) manifestierte bundesdeutsche Konsolidierung auf Mittelmachtniveau. Italien 1990, das wäre im Bewußtsein des deutschen Durchschnittsbürgers der Durchbruch zur Weltmacht. Daß es nicht — wie allgemein erwartet — die englischen Hooligans waren, die für die ersten Negativschlagzeilen sorgten, sondern die teutonischen Stoßtruppen, ist alles andere als ein Zufall. Oder: Ohne die bevorstehende Wiedervereinigung bzw. Rekonstruktion des Reichs wären uns die Auseinandersetzungen am Gardasee und in Mailand vermutlich erspart geblieben.

Abschließend noch einige Takte an die österreichische Adresse: ‚Eurer‘ Elf wünsche ich kaum Besseres als der ‚unsrigen‘. Auch wenn es nunmehr 8 Jahre her ist, vergessen und vergeben ist es keineswegs. Die Schande von Cijon, jener taktische Nichtangriffspakt, den Ihr mit den Deutschen ausgekungelt habt, um durch ein Unentschieden die wackeren Algerier um Ihren verdienten Lohn zu bringen. Der Spielplan sagt mir, daß Ihr als Zweiter der Gruppe A (hinter Italien, das unterstelle ich mal) im Achtelfinale auf den Zweiten der Gruppe C treffen würdet. Dieser könnte Costa Rica heißen, wie Algerien ein sogenannter Fußballzwerg ... Rache ist süß... M

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