Heft 3-4/2002
Juni
2002

Niederlagen des Friedens

Gespräche und Begegnungen in Guatemala und El Salvador

Gespräche und Begegnungen in Guatemala und El Salvador — gelesen

Die viele Jahre in Guatemala lebende und auch aus ihrer Soli-Arbeit vor Ort zahlreiche DiskussionspartnerInnen kennende Mary Kreutzer reiste zusammen mit Thomas Schmidinger einige Monate durch die beiden Staaten Mittelamerikas. Aus den Gesprächen und Analysen entstand ein Reisebuch, das detaillierte Einblicke in politische Topographien vermittelt; “Camoch’s” karikierende Figuren ergänzen den Bogen der Perspektiven. Aus den Strukturen des Erzählbandes bilden sich genaue Kenntnisse der spezifischen Situation linker Politik in postkolonialen Gesellschaften ab, selbst Zufallsbegegnungen passen in ein Mosaik ideologischer Verortung.

Auf der Ebene parteiförmiger Repräsentation wird der Zustand der URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemala), einst Zusammenschluss revolutionärer Guerillas und nunmehr Parlamentsfraktion, wiederholt Gegenstand der Auseinandersetzung. Die Frage der Transformation bewaffneter Gruppierungen, die nach einem 36-jährigen Bürgerkrieg Friedensverträge unterzeichneten, deren mangelnde Realisierung ihre KämpferInnen und SympathisantInnen enttäuscht, droht die Linke in Splittergruppen zu marginalisieren. Zugleich erscheint (der Leserin) die Kurzlebigkeit politischer Zusammenschlüsse in der Perspektive traditioneller Flügelprägungen in Massenparteien ungewöhnlich kompromisslos und allein darin ansprechend. Hintergrundinformationen zu einer Menge von erwähnten Orten, Sprachen und Organisationen bieten die an den entsprechenden Stellen platzierten, prägnanten Erläuterungen, die vom Fließtext getrennt wurden. Die AutorInnen problematisieren die einigende Funktion des Antiamerikanismus, der in der Imperialismuskritik bis zu offener Sympathie mit den Anschlägen des 11. September und Solidarität mit der Al-Aqsa-Intifada reicht. Eine Großdemonstration anlässlich der guatemaltekischen Oktoberrevolution, zum Jahrestag des Sturzes Jorge Ubico’s, Langzeitdiktators und Hitlerbewunderers, am 20. Oktober wird so unter dem Titel Comandante Che Bin Laden gefasst.

Die Basis der Linken bestand auch in den schlimmsten Zeiten der Militärdiktaturen nicht nur aus den verschiedenen Guerillas, sondern auch aus einer Reihe von Bauern-, Verschwundenen-, Witwen-, Kinder- und Indígena-Organisationen. Viele Besuche und Diskussionen mit VertreterInnen dieser Gruppierungen kreisen um einen weiteren Imperialismushorizont, die Frage der Landreform und einer Klassenkonfrontation, die aus der Eingliederung Guatemalas in das spanische Kolonialreich resultiert. Die Bedeutung der Religionen, der katholischen Befreiungstheologie — deren Opfer etwa in der Gestalt der ermordeten Erzbischofs Romero besonders in El Salvador gegenwärtig sind — Maya-Riten und der steigende Einfluss evangelikaler Kirchen, deren Jenseitsorientierung sich der Bekämpfung von Armut und Klassenherrschaft widersetzt, bilden einen weiteren Komplex der annähernden Betrachtungen. Zahlreiche Lynchmorde, die von Polizeieinheiten nicht verhindert werden, gelten vielen als Indiz für ein Ineinandergreifen militärischer Strukturen, gezielter Desinformation und Machterhaltungsmechanismen herrschender Eliten.

Das Vernetzungs- und auch Zerstreuungspotential heterogener linker AktivistInnen, ihre Verortung an der Universität, in Bauern- und Indígenaorganisationen unter den Bedingungen von Armut, unmittelbarer Ausbeutung und Bedrohung wird in den Erzählungen und Analysen deutlich. Ein Reisebuch, das mikropolitische Interventionen und herkömmliche Organisationsstrukturen beachtet und zu genauer Beobachtung und regem Austausch animiert.

Niederlagen des Friedens Gespräche und Begegnungen in Guatemala und El Salvador von Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger Illustriert mit Karikaturen von Camoch’ — edition wahler, PF-1159, D-71117 Grafenau, 15,— Euro, August 2002

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