Heft 6-7/2003
Oktober
2003

Österreichische jüdische Exilantinnen in der Résistance

Der kommunistische Widerstand setzte auf Österreichnationalis­mus. Die Bedeutung der nationalsozialisti­schen Judenverfol­gung wurde dadurch selbst von jüdischen Kämpferinnen lange unterschätzt.

1941 fasst die französische Résis­tance die deutschen, öster­reichischen und deutschsprachigen tschechischen An­tifaschistinnen und Antifa­schisten in einer eigenen Or­ganisation zusammen, der Travail Allemand (eigentlich: Travail Antiallemand), TA, der antideutschen Arbeit. Die TA untersteht der von der KPF in den 20er Jahren ge­gründeten Immigrantenorga­nisation M.O.I., Main d’oevre immigree.

Die TA in Frankreich gibt zwei Zeitungen heraus, den „Soldat im Westen“ für Pa­ris und Nordfrankreich und den „Soldat am Mittelmeer“ für Südfrankreich. In Belgi­en gibt die TA die Zeitschrift „Die Wahrheit“ heraus. Da­neben druckt sie zahlreiche Flugblätter. Sowohl die Zei­tungen als auch die Flugblät­ter sind weitgehend in einer Diktion gehalten, die den Wehrmachtssoldaten vertraut ist. Sie appellieren an ihren Patriotismus, an ihre Angst vor der Versetzung an die Ostfront, an ihre Sorge um die Angehörigen zuhause, die den Bombenangriffen der Al­liierten ausgesetzt sind.

Die schwierigste Aufgabe im Rahmen der TA überneh­men die Frauen. Sie sprechen die Wehrmacht-Soldaten per­sönlich an oder lassen sich ansprechen. Sie geben sich als Französinnen aus, meist als Elsässerinnen oder Lo­thringerinnen, um ihre Deutschkenntnisse zu er­klären, und schließen, wenn ihnen der Mann vertrauenswürdig erscheint, „Freund­schaft“ mit ihm. Der Soldat soll für die antifaschistische Arbeit gewonnen werden und die Soldaten sollen den TA-Aktivistinnen Informa­tionen übermitteln, die diese dann wieder an die Résistance weitergeben und in ihren Zeitungen und Flug­blättern verwerten. Diese Arbeit ist ebenso psychisch be­lastend wie lebensgefährlich. Gelegentlich werden die jun­gen Frauen auch von Fran­zosen als „Huren“ und „Ver­räterinnen“ beschimpft, weil sie sich in ihren Augen mit Besatzungssoldaten herum­treiben.

Einzelne Aktivisten der TA bewerben sich im Auftrag der belgischen und französischen Resistance in deut­schen Dienststellen, in der „Zivilverwaltung“, in erster Linie aber der Wehrmacht. Sie arbeiten dort vor allem als Dolmetscher und versuchen, wie die Frauen von der „Mä­delarbeit“, Informationen zu sammeln und einige vertrau­enswürdig erscheinende Kol­legen zu beeinflussen und für die antifaschistische Arbeit zu gewinnen.

Ab dem Herbst 1942, vor allem aber nach der deut­schen Niederlage in Stalin­grad kehren Aktivistinnen und Aktivisten der TA im Auftrag der Résistance nach Österreich zurück. Als frei­willige französische Fremd­arbeiterinnen und Fremdar­beiter getarnt sollen sie zu­erst versuchen, in Wien den Widerstand zu organisieren. Nach der ersten Verhaf­tungswelle sollen sie, so To­ni Lehr, eine führende Funk­tionärin der TA, nur noch „da sein, wenn alles zusam­menbricht.“ [1] Bis auf wenige Ausnahmen werden alle von ihnen verhaftet und viele, nach langen Folterungen, er­mordet.

Freundschaft
Zeichnung von Violette Lecoq

Frauen wie Antonie „To­ni“ Lehr, Gundi Herrnstadt, Esther Tencer, Hertha Fuchs-Ligetti, Gerti Schindel, Lisa Gavric, Selma Steinmetz, Anni Sussmann und Irma Schwager haben sich zum Thema TA und Mädelarbeit geäußert. Die Biographien dieser Aktivistinnen der TA ähneln sich in vielen Punk­ten. Sie sind fast alle Jüdinnen, sie sind fast alle in assi­milierten Elternhäusern groß­geworden und sie haben sich fast alle schon als Jugendli­che den Kommunisten ange­schlossen. Ihre Widerstands­arbeit nahmen alle aus dem Bedürfnis auf: „Man mußte doch etwas tun“. [2] Mehr als ein großer Teil der jüdischen Kommunistinnen und Kom­munisten anderer Länder agierten sie als quasi eth­nisch-neutrale Wesen. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden berührte ihre Politik nicht oder nur indirekt. Es gab je­doch auch Unterschiede in Identität und Herkunft. Da waren einerseits Frauen wie Gundi Steinmetz, die sich primär als Wienerin definier­te, und Gerti Schindel, die ihrem Sohn sagte, sie seien keine Juden, weil Judesein et­was rein Religiöses sei. Und da waren andererseits Frau­en wie Hertha Fuchs-Ligetti, die mit der Mutter ihrer besten Freundin Jiddisch sprach und, bevor sie sich der KP-Gruppe anschloss, in Belgien eine Hachschara machte, also eine landwirt­schaftliche Ausbildung für die Auswanderung nach Palästina. Sie alle trafen sich in der gemeinsamen Arbeit, die auf der gemeinsamen Überzeugung beruhte, die wichtigste Aufgabe sei es, den Krieg und damit die Herrschaft des Nationalso­zialismus zu beenden.

„Soldatenliebchen beson­derer Art“

Zu den Grundregeln der Konspirativität gehört, jeden Privatkontakt zu meiden. Illegale dürfen sich weder mit Bekannten und Freundinnen von früher oder mit Famili­enangehörigen treffen, noch — außerhalb der Arbeit — mit den Genossinnen und Ge­nossen der eigenen Gruppe. Sie tun es manchmal doch, treffen sich heimlich im Kaf­feehaus oder verbringen — was noch strenger verboten ist — einen Teil des Abends in der Wohnung eines Genos­sen. Die erzwungene Ein­samkeit fällt den jungen Frauen in ihrer gefährlichen und ständig angespannten Lage nicht leicht. Hertha Fuchs-Ligetti schreibt: „Das schwerste war das Allein­sein.“ [3] Toni Lehr hat an man­chen Tagen bis zu zehn Ren­dezvous. Sie trifft die Vertreterinnen der Mädelarbeit, die Vertreter der Eingebauten, die Vertreter der französi­schen Partei beziehungsweise der MOI, die Genossinnen und Genossen, die regel­mäßig aus der Provinz anrei­sen, um Bericht zu erstatten und Informationen und In­struktionen zu erhalten, und sie trifft sich regelmäßig mit Franz Marek, um die Solda­tenzeitung der TA in Paris zu schreiben. Zu Beginn hat sie ständig Angst. Sie ist sicher, jeder müsse ihr ansehen, dass sie Material am Körper trägt. Später verliert sich die Angst etwas durch die Routine, doch ganz zu verdrängen ist sie nicht, vor allem, nachdem Angehörige der MOI der französischen Polizei ins Netz gehen und die Kontaktfrau oder der Kontaktmann nicht zum Treffen erscheinen, weil sie bereits verhaftet wurden. Auch Toni Lehr, ein erfahre­ner Kader, der die Konspirativität in Fleisch und Blut übergegangen ist, trifft sich ab und zu gegen alle Sicher­heitsregeln mit einer Freun­din oder mit einem Genos­sen in ihrer Wohnung. „So haben wir manchmal ein bißchen über die Stränge ge­hauen“, sagt sie, „aber sehr sehr selten.“ [4]

Diese Frauen, die Aktivis­tinnen der Mädelarbeit, sind das, was man anständige Mädchen nennt. Aufreißen, Männer anmachen hat bisher nicht zu ihren Erfahrungen gehört. Nun nennen sie sich selbstironisch „Strich­mädchen“ [5] oder „Soldaten­liebchen besonderer Art“. [6] Ein paar wenige Frauen gin­gen Verhältnisse mit Solda­ten ein. Das waren allerdings die Ausnahmen. Einigen Frauen fällt es nicht nur schwer, die Männer „aufzu­reißen”, sondern auch, den Kontakt mit ihnen zu halten. Um Annäherungsversuchen besser ausweichen zu kön­nen, versuchen die Frauen, die Rahmenbedingungen ent­sprechend zu gestalten. Irma Schwager berichtet: „Zuerst einmal haben wir erreichen müssen, daß der Soldat nie erfahren hat, wo wir wohnen. Es war ja immer das Bedürf­nis da, einen nach Hause zu begleiten. Das hat man halt mit viel Geschick verhindern müssen. Die Soldaten, mit denen wir uns zwei-, dreimal getroffen haben, sind ja schnell draufgekommen, daß wir nicht einfach Soldaten­liebchen sind. Zuerst habens natürlich geglaubt, wir tref­fen uns nur ihretwegen, weil sie so sympathisch sind, aber dann haben sie begriffen, daß wir Mädchen sind, mit denen man reden kann. Wir haben uns auch nichts zahlen lassen, wenn wir zum Beispiel in ein Kaffeehaus gegangen sind. Auch dadurch hat man Distanz geschaffen.“ Die Frau­en sorgen außerdem dafür, dass sie die Soldaten nie im Dunkeln treffen, nie an ein­samen Plätzen und möglichst nicht allein, es sei denn, der Kontakt funktioniert bereits. Diese Arbeit war, wie Irma Schwager schreibt, „ein Kräftemessen. Wenn man nicht in der Lage war, zu überzeugen, war die ganze Arbeit nichts wert. Man mußte ein distan­ziertes Verhältnis zu dem Menschen haben, gleichzei­tig mußte der Soldat spüren, daß er Vertrauen haben kann, daß man ein anständi­ger Mensch ist. Bei all dem durfte man sein Ziel nicht aus dem Aug verlieren, durfte sich nicht provozieren lassen. Da ist ja wahnsinnig viel von den Soldaten gesagt worden, was uns sehr weh getan hat, wo wir gerne was erwidert hätten.“ [7]

Es gelingt nicht allen Frauen, die nötige innere Überwindung aufzubringen. Irma Schwager berichtet von einer Genossin, deren Mann verhaftet worden war. Sie kam zu dem Termin mit den Soldaten mit, brachte dann aber kein Wort heraus. [8] Auch Gundi Steinmetz be­richtet von Mädchen, die da­vongelaufen sind. Sie selbst habe solche Schwierigkeiten nicht gekannt. Selbst die Vor­stellung, „ihr“ Soldat könne sich an Razzien gegen Juden beteiligt haben, änderte nichts an ihrer Gewissheit, das Richtige zu tun: „Das Gefühl, du mußt etwas tun, das war viel stärker als eine eventuelle Antipathie gegen einen Mann, der sich viel­leicht schlecht benommen hat. Das ist etwas, das euch wahnsinnig schwer zu ver­mitteln ist, dieses Auftrags­bewußtsein, das gibt’s heute ja kaum mehr. Aber die Tat­sache, Mitglied dieser Partei gewesen zu sein, die einem den Auftrag gegeben hat, du mußt die Welt verbessern und gerechter machen, hat ei­nem die Kraft gegeben, eine ganze Reihe von emotionalen Hindernissen zu überwin­den.“ [9]

Laut der Aussagen von TA-Aktivistinnen erwiesen sich mehrere derjenigen Soldaten, zu denen ein fester Kontakt geknüpft wurde, als anständige Menschen. Es gab unter ihnen auch erstaunlich wenige Verräter. Und sogar unter denjenigen Soldaten, die selbst verhaftet und ent­sprechend brutal verhört wurden, gab es einige, die ih­re Kontaktfrau nicht verrie­ten und sich an die mit ihr abgesprochene Version eines fingierten Geständnissen hiel­ten.

Dennoch, die Mädelarbeit ist schwierig und gefährlich. Um die Gefahren so gering wie möglich zu halten, brau­chen die Frauen das, was sie „Fingerspitzengefühl“ nennen. Keine von ihnen kann je sicher sein, ob der Soldat sie nicht verrät, ob nicht beim nächsten Rendezvous die Ge­stapo auf sie wartet. Mehre­re von ihnen werden denn auch gefasst. Als Hertha Ligetti, nach jahrelanger erfolg­reicher Mädelarbeit auf, wie sie schreibt, „den Falschen trifft“, fragt sie sich: „Hatte mich mein Fingerspitzenge­fühl, das ich in den Jahren er­worben hatte, verlassen? War ich müde geworden, daß ich auf den Lumpen herein­fiel?“ [10] Vieles hängt von die­sem Fingerspitzengefühl ab, vom richtigen „Gespür“, von der erworbenen Erfahrung, vieles aber auch vom Zufall.

Wenn das Risiko so groß ist und der Widerwille manchmal so stark, warum machen diese jungen Frauen dennoch diese Art von Wi­derstandsarbeit? Toni Lehr antwortet auf die Frage von Hazel Rosenstrauch, „Was geht im Kopf eines jungen Mädchens, das einen Solda­ten anspricht, vor?“: „Na, daß wir was Weltpolitisches geleistet haben. (...) Trotz­dem. Ich sag’ dir, ich war fest davon überzeugt und bin auch heute noch überzeugt (...) jeder einzelne Mensch kann nur ganz klein anfan­gen. Und ich hab mir gesagt, wenn ich ein Hirn eines sol­chen Soldaten beeinflussen kann und ändern kann, dann hab ich für die frühere Been­digung des Krieges ein klei­nes Euzerl beigetragen. (...) Natürlich haben wir den Krieg nicht beeinflußt damit, aber wenn das Hunderttau­sende gemacht hätten, dann wär das schon anders gewe­sen. (...) Die Alternative wäre gewesen — sitzen und nichts tun oder abwarten, daß der Krieg über dich hereinbricht (...) Dagegensein kann doch nicht genug sein, du mußt et­was tun dafür.“ [11]

Austropatriotismus

Die Aktivistinnen der TA sprechen vorzugsweise öster­reichische Soldaten an. Die politische Linie der KPÖ war seit 1936 de facto und seit dem März 1938 dezidiert pro-österreichisch. Die öster­reichischen Widerstands­kämpferinnen und Widerstandskämpfer sollten nicht nur für die Beendigung des Krieges und die Zerschla­gung des Nationalsozialismus kämpfen, sondern vor allem für „ein freies, unabhängiges Österreich“. [12] Seit 1943, als diese Linie nach der Auflö­sung der Komintern auch dem aus Moskau an die ein­zelnen Länderparteien aus­gegebenen nationalen Kurs entspricht, konzentriert sich die TA nur noch auf Öster­reicher. Das Verhalten eini­ger Soldaten, die sich den Be­setzten gegenüber freundli­cher benehmen als die Deut­schen, und die zu verstehen geben, sie könnten die Deut­schen auch nicht leiden, kommt den Illusionen der kommunistischen Exilanten entgegen. Fast alle Österrei­cherinnen und Österreicher, die aus sogenannten „rassi­schen“ Gründen das Land verlassen mussten, wissen seit 1938, was sie vom öster­reichischen Gemüt zu halten haben. Die kommunistischen Emigranten dagegen glauben — zumindest offiziell — fest dar­an, dass Österreich sich nach Befreiung sehne, dass die österreichischen Soldaten, von Ausnahmen abgesehen, keine Nazis seien und, dass die Österreicher früher als die Deutschen bereit wären, etwas zu tun, um die Nieder­lage des Nazi-Regimes zu beschleunigen. Fragt man heu­te nach, erhält man eine selt­same Mischung aus Relati­vierung und Bestätigung die­ser Illusionen zur Antwort. „Wir haben viel Realität ver­leugnet“, sagt Toni Lehr, [13] führt dann aber immer wieder Beispiele dafür an, dass die Österreicher doch „an­ständig“ waren. Dass viele Nazis Österreicher waren, er­klärt sie sich daraus, „daß die Österreicher große Oppor­tunisten sind“.

Wenn man für eine Nati­on kämpft, noch dazu unter der Vorgabe, diese Nation sei ein reines und unschuldiges Opfer des Nationalsozialis­mus, dann muss man an dieser Nation und an den Men­schen, die sie bewohnen, un­ter allen Umständen das Po­sitive sehen. Fühlt man sich selbst als Angehörige dieser Nation, auch wenn einen an­dere Angehörige dieser Na­tion zum Untermenschen er­klären, dann überlagert der Patriotismus selbst noch den berechtigten Hass und die Empörung über das, was Menschen angetan wird, die aus dieser Nation vertrieben wurden oder ihr nicht angehören. Im Gegensatz zu fast allen anderen kommunis­tischen Parteien im besetzten Europa äußert sich der öster­reichische kommunistische Widerstand, obwohl viele sei­ner Angehörigen Juden sind, im französischen und belgi­schen Exil nicht zur antijüdi­schen Politik und noch nicht einmal zu den Deportatio­nen. Auch die jüdischen Kommunistinnen und Kom­munisten anderer Länder wa­ren vorerst nur als Kommu­nisten angetreten, den Fa­schismus zu bekämpfen, auch sie hatten sich nicht als Juden definiert. Doch angesichts der Razzien und der darauf­folgenden Deportationen sa­hen sie sich nicht mehr aus­schließlich als politische Ak­tivisten, sondern auch als Ju­den mit einem tödlichen Gegner konfrontiert. Die jü­dischen Abteilungen der KPs in Frankreich und Belgien begannen, die jüdische Be­völkerung zu warnen, sie rie­fen dazu auf, sich nicht regis­trieren zu lassen und später dazu, sich zu verstecken. Sie organisierten die Rettung jü­discher Kinder, Fluchtrouten ins nicht besetzte Ausland und logistische Unterstüt­zung für Untergetauchte. In ihrer Propaganda definierten sie sich seit den Razzien auch als Juden und sie propagierten, Juden hätten spezifische Gründe, gegen den Besatzer zu kämpfen. Sie appellierten an die jüdische Jugend, sich den Kampftruppen anzusch­ließen und an die nichtjüdi­schen Mütter, jüdische Kin­der aufzunehmen und zu ret­ten.

In memorian Lidice
Zeichnung von Helene Ernst

Nichts dergleichen findet sich in der Propaganda, in den Flugblättern und Zei­tungen der TA. Waren den österreichischen Kommunis­tinnen und Kommunisten die Deportationen politisch gleichgültig? Oder dachten sie, dergleichen könne die deutschen und österreichi­schen Soldaten, die sie mit ih­rer Propaganda erreichen wollten, nicht ansprechen? Und selbst wenn dies der Fall war, eine Aufgabe der TA war es, das Bewusstsein die­ser Soldaten peu à peu zu verändern. Sollten sie gerade in diesem Punkt bei ihrer bestenfalls ignoranten Hal­tung belassen werden?

Die Antworten, die TA-Aktivistinnen heute auf die­se Fragen geben, sind ähnlich widersprüchlich wie die auf die Frage nach ihren patrio­tischen Illusionen. Gundi Steinmetz erklärt ohne Um­schweife: „Heute wird alles konzentriert auf den Kampf gegen die Verfolgung. Das war nicht unser Auftrag. Un­ser Auftrag war, den Krieg zu beenden und den Faschismus zu vernichten. Und alles was da geschehen ist, war ja in­folge oder im Zuge dieses ganz entsetzlichen Herr­schaftssystems. (...) Aber es war bei Gott nicht das Hauptproblem. Wir haben geglaubt, daß das alles Seiten dieses entsetzlichen Systems sind, und daß das System be­seitigt gehört.“ [14] Sie erzählt, einmal hat ein Mann aus ih­rer Gruppe einen Deutschen erschossen: „Und trotzdem wir damals schon gewußt ha­ben, zwar nicht von den Vergasungen, aber von den ganz entsetzlichen Vertreibungen, Verhaftungen, haben wir die­sen Burschen schrecklich iso­liert. Heute sehe ich, das war eine Gemeinheit. Aber Haß und Rache sind kein Element in unserer Politik.“ Auf die Frage, ob sie als Mensch nicht Hass empfunden habe angesichts der Deportationen und angesichts der Überle­gung, was wohl mit ihrer Fa­milie in Wien geschah, erwi­dert sie: „Aber ich sage Ih­nen, das war doch ein Mas­senschicksal, alle sind depor­tiert worden. Ich mag Ihnen hart vorkommen, aber ich sa­ge Ihnen ganz ehrlich, das Entsetzen und die Trauer über den Verlust meines Va­ters kamen erst Jahrzehnte später. Als aus diesem Mas­senschicksal Einzelschicksa­le wurden.“

Warum ist es polnisch-jü­dischen Immigrantinnen in Frankreich und Belgien unerträglich, was mit ihresglei­chen geschieht, sodass sie sehr wohl Trauer und Hass, Wut und Rachebedürfnisse empfinden und sie gegen die Mörder wenden? Warum wissen die jüdischen Abtei­lungen der MOI in Frank­reich und Belgien seit 1943 über die Massenvernichtun­gen in Polen Bescheid und berichten darüber in ihren Untergrundzeitungen? Und warum wissen die öster­reichischen jüdischen Kommunisten in Frankreich und Belgien nichts dergleichen? Warum wird die Shoa wenn schon nicht zu einem Kern­punkt, so doch wenigstens zu einem Punkt in ihrer Politik und Propaganda?

„Wir waren nicht dafür da, unsere Aufgabe war es, mit den deutschen Soldaten zu arbeiten“, sagt Toni Lehr. Sie kommt mehrmals auf die­se Frage zurück, die sie sichtlich beschäftigt. Sie konsta­tiert nachträglich, sie hätte wohl eine „ganz idealistische Auffassung“ vertreten: „Wir haben den Antisemitismus absolut gleichgesetzt mit dem Nationalsozialismus. Wir wa­ren fest überzeugt, wenn es keinen Nationalsozialismus mehr gibt, wird es auch kei­nen Antisemitismus mehr geben. Aber im großen und ganzen diskutiert haben wir vor allem österreich-national. Das war unser Hauptargu­ment. Unser Vaterland, un­sere Heimat ist von den Deutschen besetzt, wir wol­len dort wieder ein freies Österreich haben, deswegen müssen wir alles tun, um die­sen Krieg zu einer Niederlage zu führen, das war unser Hauptargument. Und ich kann mich nicht erinnern, daß jemals die Frage des Antisemitismus eine Rolle ge­spielt hat. Weder bei den Sol­daten, noch bei der Argumentation unserer Leute.“ [15]

Toni Lehr erlebt die großen Razzien vom 16. Juli 1942 in Paris als Augenzeu­gin mit. Aus dem Fenster ih­rer Wohnung im jüdischen Arbeiterviertel Belleville blickt sie auf den Hof des gegenü­berliegenden Hauses, dessen Bewohner zusammengetrie­ben und abtransportiert wer­den. Sie fürchtet sofort um die Sicherheit einer Freun­din, die mit ihren legalen Pa­pieren in einem Vorort wohnt. Sie fährt auf der Stel­le zu dieser Freundin und er­fährt von der Concierge, dass sie am frühen Morgen abge­holt wurde. „Aber“, fügt sie, nachdem sie diese Geschich­te erzählt hat, noch einmal hinzu, „ich könnte mich nicht erinnern, daß das ir­gendwie in unserer politi­schen Propaganda eine Rol­le gespielt hätte. (...) Das war für uns eine der grausamsten Seiten des Nationalsozialis­mus, aber das konnte nur en­den mit einer Niederlage des Nationalsozialismus, und dar­auf haben wir hingearbeitet. In diesem Sinne haben wir auch im Interesse unserer jü­dischen Landsleute gearbei­tet.“ Sie nimmt an, die Soldaten waren für dieses The­ma nicht sensibilisiert. Das Gewinnen der Soldaten für den antifaschistischen Kampf, das war ihre Aufga­be, und so konzentrierte sich die TA auf das, was die Sol­daten bewegte: die Bombar­dierungen deutscher und österreichischer Städte und die schlechte Versorgungsla­ge an der Heimatfront.

Solidarität
Zeichnung von Felicie Mertens

Im Gegensatz zur Mehr­heit der jüdischen Wider­standskämpferinnen und Widerstandskämpfer in Frank­reich und Belgien sind fast al­le Österreicherinnen vollständig assimiliert. Und wo sie das nicht sind, setzt die Disziplin an. Hertha Fuchs- Ligetti macht die Mädelar­beit gegen ihre Gefühle wei­ter, weil sie eine disziplinierte Genossin ist. Als sie nach ih­rer Verhaftung nach Ausch­witz deportiert wird, definiert sie sich primär als Jüdin. Sie, die Jiddisch spricht, hält sich nicht nur an die österreichi­sche Gruppe, sondern freun­det sich mit Frauen aus War­schau an und arbeitet mit ih­nen und belgischen Jüdinnen politisch zusammen. Gundi Steinmetz dagegen beschreibt ihr Dilemma, als sie sich in einer Extremsituation die Frage nach ihrer Identität stellt: Sie liegt, kurz vor der Befreiung Brüssels, die eng­lische Artillerie ist bereits zu hören, im Gefängnistrakt ei­nes von den Deutschen be­schlagnahmten Krankenhau­ses. Sie hört, wie eine Zel­lentür nach der anderen geöffnet wird. In einige Zel­len wird hinein geschossen. Als ihre Tür aufgesperrt wird, erkennt sie in dem ver­antwortlichen Offizier einen Wiener und versucht, ihn mit einem „Schmäh“ zu packen. Sie hat damit Erfolg, sie wird nicht erschossen und für transportunfähig erklärt. Sie schreibt: „Ein doppeltes Ge­fühl der Glückseligkeit über­kam sie. Noch ein paar Stun­den! Und die Wiener sind doch anders! Das war der er­ste Österreicher, dem sie seit ihrer Verhaftung begegnet war und der strahlte in die­ser total verrückten, schauri­gen, gefährlichen Situation ein Fünkchen von Wiener Gemütlichkeit aus. Ist es möglich, daß sie jetzt das Empfinden Heimat überfallen könnte?“ Sie ignoriert, dass derselbe Mann den Ge­fangenen gegenüber, die er erschießen ließ, keinerlei Gemütlichkeit hatte walten lassen. Doch dann beginnt sie um den Mann zu zittern, der in der Zelle gegenüber liegt, der letzten, die noch nicht in­spiziert worden ist. Der Ge­fangene gilt offiziell als De­serteur, weil er in einer Wehrmachtsuniform verhaftet wurde, doch Gundi Stein­metz weiß, dass er in Wahrheit ein polnisch-jüdischer Immigrant und Wider­standskämpfer ist. Und nun, schreibt sie, „verfiel sie in den lebenslänglichen Zwiespalt ihrer eigenen Identität. Wo­hin gehörte sie nun, zu dem Wiener in der Uniform der deutschen Wehrmacht, der im Schnitzlerschen über-Leben-und-Tod-stehenden, tief traurigen Spott sich einer grausamen Aufgabe ent­ledigte, oder zu dem kleinen belgischen Juden, der den Mut, ja den Übermut hatte, eine deutsche Uniform anzu­legen, um die Hitlersche Kriegsmaschinerie besser bekämpfen zu können? Ent­scheide dich, dein Leben ist entweder in wenigen Sekun­den zu Ende oder du hast es neu gewonnen; als wer, als was wirst du sterben oder neu geboren werden (...)“? Sie findet schließlich eine Antwort, die sie offenbar be­ruhigt und über den Zwie­spalt, der nicht zu lösen ist, hinweghebt: Sie würde ster­ben oder neu geboren wer­den „als Kommunistin, das war das einzige, was ihr klar war“. [16]

Gundi Steinmetz hat Glück. Sie trifft in Deutsch­land, wohin sie verschleppt wird, auf einen Arzt, der ihr hilft und auf andere freund­liche Menschen, die ihr gleichfalls beistehen. Sie überlebt. Irma Schwager taucht im fünften Monat ih­rer Schwangerschaft ab und kann bis zum Kriegsende in Frankreich als „U-Boot“ überleben. Die anderen Frau­en, von denen hier nament­lich die Rede ist, werden verhaftet, gefoltert und schließ­lich nach Auschwitz depor­tiert. Hertha Fuchs-Ligetti wurde in Brüssel verhaftet, die meisten anderen Frauen gerieten in Österreich in die Fänge der Gestapo. Von Au­schwitz werden sie nach Ra­vensbrück geschafft. Toni Lehr, Gerti Schindel und Edith Wexberg gelingt es mit Hilfe ihrer Kameradinnen aus Ravensbrück — und damit dem gegen sie verhängten Todesurteil — zu entkommen.
Nach der Befreiung keh­ren sie alle nach Österreich zurück, um ein neues, besse­res, ein sozialistisches Öster­reich aufzubauen. Gundi Steinmetz erzählt: „Ich hab keinen Moment lang dran ge­glaubt, daß die Österreicher jetzt alle Schuldgefühle ha­ben oder Antifaschisten ge­worden sind. Mir war voll­kommen klar, da steht noch ein großes Stück Arbeit vor uns.“ Ich frage sie: „Und warum waren Sie bereit, die­se Arbeit zu machen? Warum haben Sie sich nicht gesagt, die können mich alle ...?“ Daraufhin lacht sie und antwortet selbstironisch: „Ich bin doch eine Weltver­besserin!“ [17]

Die Tatsache, dass sie al­lesamt Weltverbesserinnen waren beziehungsweise sind, hat sie vermutlich vor Bitter­keit bewahrt, als sie erkennen mussten, dass ihre Träume im befreiten Österreich nicht realisierbar waren, und als ih­nen bewusst wurde, dass im Namen des Kommunismus große Verbrechen begangen wurden, und dass sie selbst diesen Verbrechen gegenü­ber lange Zeit die Augen ver­schlossen hatten. Viele von ihnen traten in den 60er Jah­ren aus der Partei aus, sie blieben trotzdem weiter po­litisch aktiv, einige von ihnen im Kontext des „Wiener Ta­gebuchs“.

Die Partei, berichtet Esther Tencer, eröffnete nach der Befreiung die Diskussion darüber, ob „es sich gelohnt hat im Verhältnis zu den Er­folgen, die man gehabt hat, denn die Erfolge waren eher gering.“ [18] Die Frage nach der Relation zwischen den er­reichten Erfolgen und den gebrachten Opfern wurde nach dem Krieg nicht nur von den österreichischen, und nicht nur von Wider­standskämpferinnen und Wi­derstandskämpfern gestellt. Es ist jedoch der Erfolg von Widerstand nicht objektiv messbar. Wo einzelne und re­lativ kleine Gruppen ganzen Armeen von Militär und Polizei gegenüberstehen, wird das herkömmliche Effekti­vitätsdenken irrelevant. Jede erfolgsorientierte Logik wür­de hier zu Defätismus oder gar Kollaboration führen. Der Erfolg liegt hier bereits in der Tatsache, dass Men­schen die durch die Deut­schen geschaffenen Fakten nicht hinnahmen, dass sie et­was dagegen unternahmen, selbst wenn diese Unterneh­mungen oft nur Nadelstiche gegen Panzer waren.

Hilde Radusch

Hilde Radusch wächst in einer bürgerlichen Familie in Weimar auf. Mit 18 zieht sie nach Berlin, tritt in den Kommunistischen Jugendverband, dann in die KPD ein und engagiert sich besonders im 1925 gegründeten „Ro­ten Frauen- und Mädchenbund”. Sie arbeitet als Tele­fonistin bei der Post, wo sie ihre erste Freundin ken­nenlernt, mit der sie zusammenzieht. Sie wird Betriebs­rätin und 1929 Stadtverordnete der Berliner KPD, was dazu führt, dass sie von der Postverwaltung entlassen wird. 1932 wird sie von der Berliner Parteileitung nicht mehr zur Wahl aufgestellt. Mit Hitlers Machtergreifung beginnt das Leben in der Illegalität. Nach kurzzeitiger Inhaftierung arbeitet sie bei Siemens und beteiligt sich an illegalen Aktivitäten im Betrieb. 1944 wird Hilde Ra­dusch rechtzeitig vor einer bevorstehenden Verhaf­tungswelle gewarnt. Sie taucht gemeinsam mit ihrer zwei­ten Freundin in einem Holzverschlag am Land unter. Halb verhungert erleben sie die Befreiung durch die Ro­te Armee. Hilde Radusch arbeitet nun fürs Bezirksamt in der Abteilung „Opfer des Faschismus”. Enttäuscht von der politischen Entwicklung der KPD beschließt sie An­fang 1946 auszutreten. Sie erhält Drohbriefe und wird von „Genossen” beim Bezirksamt als Lesbe denunziert, was zu ihrer Entlassung führt.

Quelle: Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Le­bensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich”. Berlin 1993

[1Interview mit der Autorin, Wien 1995

[2Hertha Fuchs-Ligetti in: Susanne Kriss/Hertha Fuchs-Li­getti/Gundi Herrnstadt-Steinmetz: Wien Belgien — Retour? Materialien zur Zeitgeschichte. Wien 1990, S. 140

[3Fuchs-Ligetti, S. 141

[4Interview mit der Autorin

[5Esther Fencer, in: DÖW (Hg.): Erzählte Geschichte. Bd. 3: Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten. Wien 1992, S. 470

[6Irma Schwager, in: Karin Berger u.a. (Hg.): Der Himmel ist blau. Kann sein. Frauen im Widerstand. Österreich 1938 - 1945. Wien 1985, S. 184

[7ebd, S. 184

[8ebd., S. 183

[9Interview mit der Autorin

[10Fuchs-Ligetti, S. 143

[11Toni Lehr in: Hazel Rosenstrauch: Beim Sichten der Erb­schaft. Wiener Bilder für das Museum einer untergehenden Kultur. Mannheim 1992, S. 67 f.

[12vgl. Kristina Schewig-Pfoser und Ernst Schwager, in: DOW (Hg.): Österreicher im Exil. Frankreich 1938 - 1945. Wi­en - München 1984

[13Interview mit der Autorin

[14Interview mit der Autorin

[15Interview mit der Autorin

[16Steinmetz in: Kriss/Fuchs-Ligetti/Herrnstadt-Steinmetz, S. 220

[17Interview mit der Autorin

[18Tencer, S. 471

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