Streifzüge, Heft 2/1998
Juni
1998

Pathologie des Marxismus

Hans-Georg Backhaus’ Studie zur Marxschen Werttheorie

Die Beachtung, die die Marxsche Werttheorie seit Erscheinen des Kapital in der Linken gefunden hat, war sehr unterschiedlich. Die frühen werttheoretischen Debatten innerhalb der westeuropäischen Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung und in der jungen Sowjetunion wurden durch Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus gewaltsam beendet. Nach dem 2. Weltkrieg kam es erst wieder in Folge der Ereignisse um 1968 zu einer verstärkten Rezeption der Werttheorie, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, daß zahlreiche, auch heute noch maßgebliche Werke und Aufsätze zur Werttheorie aus den siebziger Jahren stammen. Mit dem Ende der aus der 68er-Bewegung hervorgegangenen Projekte verlor sich diese verstärkte Rezeption jedoch wieder. Die Abkehr von der in den siebziger Jahren betriebenen Theorie wurde dabei nur mehr von einem kleinen Teil der zuvor an den Diskussionen Beteiligten theoretisch begründet. In den meisten Fällen ist diese Abkehr eher aus den jeweiligen Biographien erklärbar als auf theoretische Erkenntnisse zurückzuführen.

Mit dem Ende des Realsozialismus vollzog sich nochmals ein ähnlicher Prozeß. Von den wenigen verbliebenen Marxistinnen und Marxisten mutierte nochmals eine Vielzahl zu Kronzeugen und -zeuginnen für die angebliche Schuld des Marxschen Theoriegebäudes an den tatsächlichen und den vermeintlichen Verbrechen des Stalinismus.

Dennoch gibt es einige wenige, die sich seit den sechziger Jahren kontinuierlich mit der Werttheorie beschäftigt haben. Einer von ihnen ist Hans-Georg Backhaus. Als Student bei Adorno begann er schon zu Beginn der sechziger Jahre, sich intensiv mit der Marxschen Werttheorie auseinanderzusetzen. Seit den siebziger Jahren hat Backhaus mehrere umfangreiche Aufsätze zur Marxschen Ökonomiekritik veröffentlicht, von denen die meisten nun in einem Band versammelt vorliegen, der durch eine umfangreiche Einleitung, zwei erstmals veröffentlichte Texte und eine Mitschrift eines Adornoseminars aus dem Jahr 1962, in dem Backhaus grundlegende Anregungen für fast alle seine späteren Arbeiten erhielt, ergänzt wird.

Bemerkenswert ist die Kontinuität in Backhaus’ Schriften. Immer wieder beschäftigt er sich mit jenen Grundkategorien der Werttheorie, die auf den ersten hundert Seiten des Marxschen Kapital behandelt werden. Anders als im Marxismus-Leninismus, in dessen vulgarisierten Formen die Grundkategrien der Werttheorie einfach nicht behandelt wurden und das Kapital immer erst beim Mehrwert begann, während die ambitionierteren marxistisch-leninistischen Fachökonomen und -ökonominnen in der Werttheorie vor allem eine Volkswirtschaftstheorie für den Sozialismus erblickten, sind für Backhaus Ware und Wert die Grundbegriffe der Marxschen Kritik. Gegen den wertaffirmativen Sozialismus wendet er ein, daß die Forderung, die Wertrechnung aufzuheben, „eine zwingende Konsequenz, ein substantieller und nicht nur akzidentieller Bestandteil der Marxschen Werttheorie“ ist.

Backhaus geht davon aus, daß die Werttheorie nicht nur seitens der bürgerlichen Nationalökonomie, sondern auch im Marxismus bis heute weitgehend unverstanden geblieben ist. Den Beginn der Mißverständnisse sieht er bereits bei Engels und dessen Interpretation der Marxschen Analyse der einfachen Zirkulation als historische Beschreibung der einfachen Warenproduktion. Die Wirkung und Fortsetzung dieses und anderer Mißverständnisse hat Backhaus in seinen umfangreichen „Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie“, deren abschließender vierter Teil im vorliegenden Band erstmals veröffentlicht wurde, detailliert beschrieben. Er selbst bezeichnet seine diesbezügliche Arbeit als eine Art „Pathologie der marxistischen Nationalökonomie“. Ebenso gründlich hat Backhaus sich in fast allen seinen Texten mit jenen wenigen nicht-marxistischen Nationalökonomen auseinandergesetzt, mit denen sich eine Beschäftigung überhaupt noch lohnt. Am zwangsläufigen Scheitern dieser Ökonomen und Ökonominnen zeigt Backhaus immer wieder die Logik der vorprogrammierten „Misere der Nationalökonomie“ auf.

Zu recht weist Backhaus darauf hin, daß die Marxsche Werttheorie nicht „eine ‚Wirtschaftslehre‘ neben vielen anderen“ ist, sondern eine Kritik aller anderen Wirtschaftslehren — eben Kritik der politischen Ökonomie. Worum es Marx ging, war „das Programm einer Werttheorie qua Gegenstandstheorie im Gegensatz zur traditionellen Werttheorie qua Tauschtheorie“. Nicht wie hoch der Wert einer Ware ist, sondern warum ein Ding überhaupt einen Wert hat, ist die zentrale Frage von Marx.

Einen der Gründe für die Probleme bei einer den Marxschen Intentionen adäquaten Interpretation sieht Backhaus, der die Rekonstruktion der Werttheorie heute für „wesentlich schwieriger (...) als vor fünfundzwanzig Jahren“ hält, in der Tatsache, daß „die einzige authentische Gestalt der Marxschen Werttheorie“ nicht erhalten geblieben ist. Er weist darauf hin, daß es sich bereits bei den Formulierungen im Kapital um eine Popularisierung handelt. Im Marxschen „Urtext“, der 1953 veröffentlicht wurde, fehlen die maßgeblichen Abschnitte über die Ware und den Wert, die die Basis für die vereinfachte Darstellung im Kapital gewesen sein müssen.

Backhaus, der immer wieder auf die Einflüsse der Hegelschen Dialektik und der Feuerbachschen Terminologie im Marxschen Werk hinweist, geht nicht von einem Bruch in der Entwicklung des Marxschen Denkens aus, wie sie etwa in der Tradition Althussers immer wieder behauptet wurde und wird. Vielmehr arbeitet er die Kontinuität des Grundmusters der Marxschen Ökonomiekritik von den Frühschriften bis hin zum Kapital heraus. Der grundlegende Unterschied von Backhaus’ unmittelbar in der Tradition der Kritischen Theorie stehenden Marx-Interpretation zum strukturalistischen Marxismus wie auch zum empirisch oder wissenschaftstheoretisch orientierten Marxismus sowie zur neoricardianisch-marxistischen Ökonomie besteht darin, daß er die notwendigen Mystifikationen und die Verdinglichung in das Zentrum seiner Überlegungen stellt: „Das Thema meiner Arbeiten ist im Grunde immer nur eines: das Problem des Fetischismus.“ Im Zentrum der Marxschen Kritik wie auch der Interpretationen von Backhaus steht daher nicht die Ausbeutung, der Klassenkampf und die von der Bewegungslinken so gerne herbeizitierten vielfältigen gesellschaftlichen Widersprüche an der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft, sondern schlicht und einfach die Differenz von Wesen und Erscheinung. Diese Differenz, die im Fetischismus der bürgerlichen Gesellschaft zum Ausdruck kommt, von dem linke Volksfreunde in der Regel nichts wissen wollen, weil sie dahinter den ungeliebten Begriff des „notwendig falschen Bewußtseins“ wittern, ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Anstrengung. Würden Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfallen, wäre nach Marx alle Wissenschaft überflüssig.

Backhaus, der als Lehrbeauftragter an den Universitäten Frankfurt am Main und Bremen arbeitet und an der Gründung des Marx-Kolloquiums, aus dem heraus 1994 die Marx-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Hamburg entstand, beteiligt war, fördert mit seinen Untersuchungen das kritische und tendenziell gesellschaftssprengende Potential der Marxschen Ökonomiekritik zu Tage. Man kann dem ça ira-Verlag, der Backhaus’ Schriften herausgebracht hat, nur zustimmen: Das, was er in den letzten knapp 30 Jahren zur Marxschen Theorie geschrieben hat, gehört mit Abstand zum Besten, was man im deutschsprachigen Raum an Einschlägigem lesen darf.

Hans-Georg Backhaus: Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur Marxschen Ökonomiekritik. Freiburg i. Br.: ça ira-Verlag, 1997, 550 Seiten

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