Wurzelwerk, Wurzelwerk 29
April
1984

Polen — ein Volk ohne Chance?

Der Freiheit ein Denkmal setzen

Freunde von mir organisierten eine private Polenhilfsaktion. Ich war eher lustlos und am Rande dabei. Bei aller Sympathie für Menschen, die sich gegen die Obrigkeit wehren, fand ich die Berichterstattung doch etwas aufgebauscht und überzogen und außerdem war (und bin) ich der Meinung, daß es auf der Welt viele Menschen gibt, denen es wesentlich schlechter geht und denen niemand hilft.

Foto: Josef Kodym

Papier für Formulare gibt es noch genug

Die Gruppe suchte einen LKW-Fahrer, ich hatte Zeit und war vor allem neugierig auf die Situation. Ein paar Wochen später war ich mit einer LKW-Ladung Kleider, 4 Kartons Medikamenten und drei Paketen Maschinenschreibpapier unterwegs nach Polen.

An der österreichischen Grenze: Formulare — Formulare, ein Grenzbeamter kontrolliert die Ladung, er ist sehr freundlich, sagt: „Ich habe Radaraugen, ich sehe auch an den verschlossenen Paketen, daß sie in Ordnung sind.“ Das Fahrzeug wird plombiert, nach einer halben Stunde geht es weiter. 1 km bis zur tschechischen Grenze. Schlagbaum, Stacheldraht, Wachtürme. Weit und breit kein Fahrzeug zu sehen, aber der Schlagbaum bleibt aus unerforschlichen Gründen zu. Eine Grenzstreife kommt vorbei. Zwei Uniformen mit Maschinenpistolen und ein Schäferhund. Typen, die anscheinend an jeder Grenze der Welt gleich sind: lässig, männlich und komplexbeladen.

Nach einer Viertelstunde geht der Schranken auf und wir fahren bis zum Zollhaus. Wieder Formulare, Formulare — die tschechische Bürokratie schlägt die österreichische um Längen. Als wir endlich fertig sind (pardon, ich dachte, daß wir fertig sind), sagt der Zollbeamte: „Sie müssen das Fahrzeug ausladen, es wird jedes einzelne Paket kontrolliert!“ Er weist uns einen Platz zu und wir laden aus. Irgendwie bekomme ich meinen Ärger unter Kontrolle. und beginne mit dem Beamten ein Gespräch. „Ist nicht meine Vorschrift,“ sagt er entschuldigend und als wir nach 3 Stunden (!) fertig sind meint er tröstend „... aber tschechische Plombe gute Plombe, brauchen sie an polnischer Grenze nicht mehr aufzumachen!“ Ich hör’s gerne, glaube aber nicht mehr so recht daran.

Fahrt durch die Tschechoslowakei: Riesige Felder ohne Baum und Strauch, die Umweltschäden sind noch weiter fortgeschritten als bei uns. Monotonie wohin man schaut. Die Agrarfachleute haben dort ganze Arbeit geieistet. Die Ortschaften unterscheiden sich vom Stil her wenig von den Dörfern des Weinviertels, das gemeinsame kulturelle Erbe ist noch deutlich spürbar. Sie sind etwas schmutziger, verwahrloster, kleinkarierter als bei uns.

An der polnischen Grenze: Die Beamten sind höflich, freundlich, produzieren wieder jede Menge Papier. Die tschechische Plombe ist doch nicht so gut wie angekündigt, sie wird abgenommen, diesmal nur Stichproben, „nur“ die halbe Ladung. Die polnischen Beamten erledigen das eigenhändig. Ich sitze unterdessen im Zollhaus. Neben mir ein Pole, er ist Fernfahrer, spricht einige Worte Deutsch. Wir sitzen schweigend nebeneinander. Unvermittelt sagt er leise zu mir: „Zoll — nix gut! Kommunist!“ Zur Bekräftigung spuckt er aus.

Nach 1 1/2 Stunden sind wir am Zoll fertig. Medikamente und Papier werden jedoch extra plombiert und müssen in Warschau am Zollamt ausgelöst werden. (Medikamente könnten Rauschgift enthalten und vor Papier hat die Regierung Angst. Es könnte ja zum Drucken von Flugblättern verwendet werden. Später erfahren wir, daß aus eben diesem Grund Papier in Polen nicht erhältlich ist.)

Für die 900 km nach Warschau brauchen wir so zwei Tage.

Das Wunder der Polenkirche

Am Abend sind wir in Warschau bei einer Familie zum Abendessen eingeladen. Meine Freunde kennen sie von früher. Wir reden viel über Politik. Die Jungen: „Amerika — Amerika!“ Auf die Friedensbewegung sind sie nicht sonderlich gut zu sprechen. Sie sehen im polnischen Fernsehen immer nur Bilder mit Anti-Nato-Transparenten. Als ich ihnen erzähle, daß wir die russischen Raketen genausowenig mögen und auch Transparente gegen die Hochrüstung der Warschauer Pakt-Staaten mitführen, sind sie einigermaßen überrascht — und beruhigt.

Wir diskutieren auch die Rolle der katholischen Kirche in Polen, und ich gebe zu bedenken, daß sich die Kirche im Laufe der Geschichte immer auf die Seite der Mächtigen geschlagen hat. „In Polen nicht!“ sagen sie, „und sie wird es auch in Zukunft nicht tun!“ Hier spüre ich zum erstenmal die Einheit von Kirche und Volk in Polen, auf die ich während meiner Reise immer wieder stoßen werde.

Es gibt nur ein Volk, das in Polen noch verhaßter ist als die Russen, und das sind die Deutschen. (Aus mir nicht ganz verständlichen Gründen haben sie von den Österreichern eine positive Meinung.) Die Wurzeln dieser Abneigung sind in der jüngsten Geschichte zu finden. Die Preußen, die Russen und Österreich-Ungarn hatten sich Polen geteilt, so daß lange Zeit überhaupt kein polnischer Staat existierte. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der polnische Staat neu errichtet. 1939 marschierten die Deutschen in Polen ein. Hitler und Stalin teilten sich das Land. (Daß Hitler dann die Absprache mit Stalin brach und auch Rußland angriff ist ja bekannt.) Hitler belagerte über 20 Tage Warschau, Stalin ließ 3.00 Gefangene polnische Offiziere deportieren. Lange Zeit galten sie als vermißt, nach dem Krieg fand man sie in Massengräbern wieder. 1943 war der Aufstand im Warschauer Getto. Auschwitz lag ebenfalls in Polen.

1944, beim Rückzug der Deutschen Wehrmacht erhebt sich die Bevölkerung Warschaus gegen die deutsche Besatzung. 2 Monate dauert der Aufstand bis er zusammenbricht. 180.000 Zivilisten und 22.000 Aufständische kommen dabei ums Leben. Es gibt kaum eine Familie in Warschau die von den Deutschen nicht dezimiert wurde!

Wobei dieser Aufstand nur vordergründig gegen die Deutschen gerichtet war. Die Deutschen waren ja auf dem Rückzug und die Warschauer hätten nur zu warten gebraucht bis die Deutschen vor den Russen davonlaufen. Es war im Grunde genommen ein Aufstand gegen die Russen. Die Polen wollten, wenn die Russen kommen, ihre Hauptstadi selbst freigekämpft haben. Sie hätten damit ihrem Anspruch auf einen eigenen souveränen Staat mehr Gewicht verleihen können. Genau das wollten jedoch die Russen nicht. Die Russen marschierten bis ans Ostufer der Weichsel, dort blieben sie stehen und warteten so lange bis die Deutschen den Aufstand niedergeschlagen hatten. Erst dann marschierten sie weiter und „befreiten“ die Stadt.

Diese Ereignisse muß man sich vor Augen halten, wenn man die heutige Situation in Polen betrachtet. Das Volk steht in Opposition zur Regierung und hintertreibt alles, damit die Regierung in der Weltöffentlichkeit nur ja keinen Erfolg vorweisen kann. Jüngstes Beispiel: Die Regierung führt, damit sie ihre desolaten Finanzen endlich wieder etwas. sanieren kann, eine Schnapssteuer ein. Reaktion: Intellektuelle starten eine Aktion gegen den Alkoholismus. Unausgesprochenes Motto: Wenn die Regierung den Schnaps besteuert, dann trinken wir eben keinen.

Am Tage vor unserer Abreise geben wir (wir sind drei Musiker) in einer Kirche ein Konzert. Zum Abschluß singen Frauen zwei weiche slavische Marienlieder und wir bekommen Blumen. Einige Frauen haben Tränen in den Augen. Ich steh’ da und denke daran, daß unsere Väter mit Kanonen gekommen sind und Auschwitz errichtet haben ... wir sind mit Hilfsgütern und Musik gekommen. Wie schön wäre es doch, wenn zumindest in Zukunft Friede herrschen könnte zwischen unseren Völkern. — Ich höre die Frauen singen, habe die Blumen in der Hand und versuche meine Tränen hinunterzuschlucken.

Österreich war im Verlauf seiner Geschichte die meiste Zeit ein freies Land und die Kirche war immer bei den Mächtigen. Zuerst bei Fürsten und Kaiser, in der 1. Republik hat sie eine Zeitlang selbst regiert, dann war sie auf der Seite von Dollfuß und gegen Hitler hat sie zumindest, abgesehen von Einzelpersonen, nichts gemacht.

Polen war die meiste Zeit seiner Geschichte bedrängt und besetzt. Einmal war es Preußen, dann war es Rußland, dann waren es beide gemeinsam und auch Maria Theresia bekam einen Teil Polens zugesprochen, so daß ca. 200 Jahre überhaupt kein polnischer Staat bestand. Die Kirche war dabei immer auf der Seite des Volkes gegen die jeweiligen Besatzer. Aus dieser Situation heraus ist die Einheit von Volk und Kirche zu erklären. Die jetzige polnische Regierung wird vom Volk als eine von den Besatzern aufgezwungene erlebt. Nach beinahe 40-jähriger kommunistischer Regierung gibt es heute in Polen kaum Kommunisten. Zur Illustration: Polen hat ca. 40 Millionen Einwohner, die kommunistische Partei hat 2 (!) Millionen Mitglieder. Wieviele davon wirklich Kommunisten sind, oder bloß aus Zwängen (Beruf) oder Opportunismus bei der Partei sind, bleibt dahingestellt. Es steht hier ein ganzes Volk in Opposition zur Regierung, die immer mehr ins Schwimmen kommt. In letzter Zeit, erzählen uns die Leute, wird jeder Posten doppelt besetzt — ein Pole, ein Russe. Der Streit innerhalb der Solidarność ging oder geht im Wesentlichen darum, ob es gescheit ist, die Regierung zu stürzen oder nicht. Die Regierung zu stürzen wäre ja nicht das große Problem, das Problem ist, daß hinterher die Russen da sind. — Die Polen haben aus ihrer leidvollen Geschichte und der ihrer Nachbarstaaten (Ungarn, Tschechoslowakei) gelernt!

Der Bauer im Widerstand

Zum Schluß möchte ich noch erklären, warum ich diesen Bericht geschrieben habe. Ich habe in Polen einen Bauern getroffen, einen Funktionär der Solidarność, vor dem ich hier eine tiefe Verbeugung machen möchte. Dem Mann ist aus „unerklärlichen Gründen“ seine Scheune abgebrannt, einige Zeit später ist ihm ein Haus abgebrannt. Vor einem Vierteljahr wurde sein Bruder tot in einem Brunnen gefunden, die Finger gebrochen, offensichtlich wurde er vorher schwer mißhandelt. Die Polizei weiß nichts und findet nichts. Der Mann hat trotz allem seinen gewaltlosen Widerstand nicht aufgegeben. „Es ist jetzt nicht die Zeit,“ sagt er, „nicht die weltpolitische Konstellation, daß sich in Polen grundlegend etwas ändern kann. Solange das Abkommen von Jalta gilt (Rußland und Amerika haben sich dort die Welt in Einflußzonen aufgeteilt) ist es nicht möglich, in Polen ein anderes System einzuführen. Wir können der Regierung momentan nur kleine Zugeständnisse abringen ... Ihr im Westen, ihr könnt, ihr müßt uns helfen. Sagt der polnischen Regierung immer wieder: Es ist unrecht, was ihr tut, ihr habt das Volk nicht hinter euch! ... Es ist so wichtig für unser Volk, daß es Unterstützung aus dem Ausland, aus Österreich bekommt, es gibt ihm das Gefühl nicht allein zu sein in seinem Kampf um die Freiheit. Vor allem berichtet bitte immer wieder in den Medien darüber!

Ihr in Österreich habt ein Denkmal errichtet zur Erinnerung an den Abzug des letzten russischen Soldaten. Wir in Polen werden noch ein viel größeres bauen. Es wird vermutlich nur noch sehr lange dauern.“

— Ein Reisebericht —

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