ZOOM 1/1996
Januar
1996

Pour Oil on Troubled Waters

Ken Saro-Wiwas letzte Aufzeichnungen „Flammen der Hölle – Nigeria und Shell: Der schmutzige Krieg gegen die Ogoni“ sind im Rowohlt-Verlag erschienen. Trotz Androhung rechtlicher Schritte konnte Shell nicht verhindern, im Untertitel genannt zu werden. Doch wovor hat der multinationale Konzern Angst? Die Welt, die bei die Verhängung der Todesstrafe über neun Ogoni-Aktivisten aufblickte, schaut ohnehin wieder weg.

Ken Saro-Wiwa und acht weitere Aktivisten sind tot – gehängt nach dem Urteil eines Sondertribunals. Wer glaubt, es wäre Ruhe im brodelnden Nigeria eingekehrt, der irrt. Schon vorher gingen Militärs gegen die Bevölkerung vor. Demonstrationen Oppositioneller wurden mit Panzern beantwortet, Militärs schossen auf gegen Umweltzerstörung protestierende Menschen, Wahlen wurden annulliert. Im Februar begann ein weiterer Prozeß gegen Angehörige des Ogoni-Volkes vor einem Sondergericht, das bei Bürgerunruhen eingerichtet wird und keine Berufung erlaubt. Oppositionelle, wie ein Anwalt Saro-Wiwas, JournalistInnen oder auch der Generalsekretär der Erdölarbeitergewerkschaft sind in Haft, freilich ohne Gerichtsverfahren.

Blutbäder auf westafrikanischen Straßen sind schon so alltäglich, daß sie einfach ignoriert werden – wie der Bettler, der seine verkrüppelten Glieder zu demonstrativ ausstellt, als daß man sie noch wahrnehmen würde. (Wole Soyinka, Die Straße)

Die Todesurteile, die November letzten Jahres ausgesprochen und vollstreckt wurden, ließen zwar aufhorchen, doch Maßnahmen setzte niemand. Die Europäische Union will nicht auf schwarzes Gold aus Nigeria verzichten. Denn so billig wie in Nigeria, wo man sich um Umweltverträglichkeit und gerechte Löhne nicht kümmern muß, kann man Öl nirgendwo anders fördern. Ein Waffenembargo wurde zwar verhängt, doch dürfen alle bereits geschlossenen Verträge erfüllt werden.

Der multinationale Shell-Konzern, der gemeinsam mit der Nigerian National Petroleum Corporation (deren Anteil zwischen 53 und 58 % liegt), Agip, dem französischen ELF-Konzern und Chevron die Rohölförderungen in Nigeria bestreitet, hat nach dem Tod Saro-Wiwas eine weltweite Inseratenkampagne gestartet, in der der Konzern die Notwendigkeit seiner Präsenz im Niger-Delta erläutert. Diese wird nicht mit dem westlichen Erdölbedarf begründet, sondern zynischerweise mit einer geradezu entwicklungspolitisch anklingenden Erklärung, nicht durch den Abzug des Konzerns den Staat Nigeria bzw. die dort lebenden Menschen verarmen zu lassen.

Shell gibt an, sich nicht in innere Regierungsangelegenheiten mischen zu wollen. Eine Farce, bedenkt man, daß Vertreter von Shell immer wieder an Konferenzen und Besprechungen teilnehmen oder daß der Konzern für das Verlegen von Leitungen von der Regierung militärischen Schutz anfordert. „Gefahr der Störungen unserer Operationen (...) Wir ersuchen Sie, uns dringend Sicherheitsschutz (bevorzugt Mobile Police Force) auf unserem Gelände zur Verfügung zu stellen.“ (Shell Petroleum Development Company of Nigeria Ltd. an das Hauptquartier der Polizei in Port Harcourt am 29. Oktober 1990). Greenpeace dokumentierte nach diesem „Sicherheitsschutz“-Einsatz 80 Tote und zählte 495 zerstörte Hütten.

Wenn Gott sagte, das Öl gehört ihnen, warum hat er es dann in unser Land gelegt? (Cyprian Ekwensi, Divided We Stand)

Tatsächlich machen die Erdölexporte mittlerweile 90 % aller Exporte Nigerias aus. Seit im Süden Erdöl entdeckt wurde, wird der Ackerbau vernachlässigt. Was zuvor für den Ackerbau genutzt wurde, ist heute Erdölförderungsgebiet. Die intensivere Bodennutzung führt zur Abnahme der Bodenfruchtbarkeit.

Im Süden sind die Menschen arm, obwohl sie auf fruchtbarem Boden und auf Bodenschätzen leben. Der Staat Nigeria wurde in immer mehr Bundesländer geteilt, während der Anteil, der vom Erlös der Erdölproduktionen in die Ursprungsgebiete im südöstlichen Rivers-State zurückfloß, immer mehr reduziert wurde. „In Abuja, der neuen Hauptstadt Nigerias wurden mit Öleinnahmen Felsen gesprengt, Berge durchbrochen und Straßen gebaut, die kaum benutzt wurden“, klagt Saro-Wiwa. Ungefähr 20 % der Gesamteinnahmen fließen nach Nigeria zurück. Den Ursprungsregionen kommt nichts davon zugute. Das Verteilungsschema der Einnahmen erfolgt nach Kriterien der flächenmäßigen Ausdehnung oder dem Entwicklungsstand der verschiedenen Regionen, nicht etwa nach deren Bevölkerungsdichte.

Die Shell Petroleum Development Company (SPDC) rühmt sich in einer ihrer Darlegungen zum Engagement in Nigeria damit, daß sie „einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung dieses großen, komplexen afrikanischen Landes“ geleistet hätte: „Obwohl die Gemeindeentwicklung eine staatliche Aufgabe ist, führte die SPDC seit mehr als 25 Jahren offizielle Gemeindehilfsprogramme durch. Sie umfassen Straßenbau, Trinkwasserversorgung, Unterstützung landwirtschaftlicher Entwicklung und Ausbildungsstipendien.“ Straßen werden wohl gebaut. Schließlich besteht Interesse daran, zu den Raffinerien und Ölfeldern zu gelangen.

Was Shell von landwirtschaftlicher Entwicklung hält, beweist die Tatsache, daß Pipelines nicht selten mitten durch bebautes Land gelegt werden. Proteste der jüngeren Bevölkerung, die nicht mehr hinter den Abmachungen, die zwischen Ogoni-Ältesten, der Regierung und Shell getroffen wurden, steht, begegnete Shell, um zu beruhigen, mit Bildungsprogrammen.

Und dann noch Öl ins Feuer gießen ...

Als Nebenprodukt bei der Erdölförderung treten Erdgase aus, die in Südnigeria einfach verbrannt werden. Nebenprodukte dabei sind wiederum giftige Gase. Pipelines – allein von Shell in der Länge von 6200 km – und Förderanlagen korrodieren, werden undicht. Über 200 Unfälle jährlich werden registriert, die Dunkelziffer ist sicher höher. Wenn aus lecken Leitungen Öl austritt werden oftmals regionale Chiefs beauftragt, den Schaden beheben zu lassen. Unerfahrene, nicht dazu ausgebildete, un(ter)bezahlte Nigerianer aus der Minderheitsregion sollen dann das Erdöl im Boden verscharren. Nicht selten kommt es zu Zwischenfällen wie einem Flächenbrand oder einem brennenden Ölteppich am Meer, ausgelöst durch eine glimmende Zigarette oder eine Petroleumlampe einer Fischerin.

Luft und Regen sind verpestet, Spitäler liegen brach. Die Lebenserwartung ist gering. Der durch Überanbau ohnehin schon strapazierte Boden wird für die Landwirtschaft gänzlich unbrauchbar. Von Agrarexporten ganz zu schweigen, ist sogar Subsistenz nicht mehr gewährleistet. Auch die Existenz der Fischer an der Küste und den unzähligen Flüssen des Deltas ist massiv bedroht.

Das 1990 gegründete Movement for the Survival of Ogoni People (MOSOP) bemüht sich, wie sein Name schon sagt, um das eigene Überleben. Immer wieder beschäftigte Saro-Wiwa sich mit der Frage, wie man der brutalen Gewalt der Umweltzerstörung und des Entzugs der Lebensgrundlagen gewaltfrei begegnen könne. Der große Protestmarsch der Ogoni im Jänner 1993 hatte „Festcharakter“ – Gruppen tanzten und trommelten, um Gewaltausbrüche von Jugendlichen zu vermeiden.

Saro Wiwa wirkte als Sprecher der MOSOP: „Im übrigen war es notwendig, so viele Anhänger der Elite wie möglich in die Organisation einzubinden. Wenn sie keine erkennbare Rolle darin spielten, würden sie sich, wie ich sie kannte, nur zu gern aus der Bewegung zurückziehen.“ Als integrative Persönlichkeit gelang es ihm anfangs mit regierungstreuen Chiefs und Eliteangehörigen ebenso zu verhandeln wie mit dem konfliktbereiteren Kommittee der Ogoni-Jugend. Dennoch konnte die Regierung die Ogoni untereinander spalten. In Regierungszeitungen wurden ganzseitig Anzeigen veröffentlicht, unterzeichnet von Ogoni-Chiefs, die ihre Ablehnung der MOSOP deutlich machten und sich „hinter jede Maßnahme der Regierung, Leben und Eigentum unschuldiger Bürger zu schützen“, stellten.

Im Juni 1993 boykottierten die Ogoni die Präsidentschaftswahl: „Da die Wahl (...) einen Präsidenten hervorbringen wird, der sich durch Eid verpflichten wird, die krankende, undemokratische Verfassung von 1989 zu schützen, haben die Ogoni beschlossen, daß die Stimmabgabe bei dieser Wahl bedeuten würde, für Sklaverei, Völkermord und Ausrottung zu stimmen“, erläuterte Saro-Wiwas in einer Rede.

Neben Schilderungen persönlicher Schwierigkeiten beschreibt Saro-Wiwa seine Begegnungen mit Regierungsvertretern, Polizei und State Security Service, von der verhinderten Teilnahme an der UN-Menschenrechtskonferenz in Wien – sein Paß wurde kurz vor der Abreise konfisziert– und zahlreichen Inhaftierungen. Aber er kämpfte auch gegen die übermäßige Zuwendung der Menschen zur Religion, in der er die Gefahr der Lähmung und Ohnmacht sah.

Wir haben so viel zu diesem Land beigetragen, wir können es uns nicht leisten, uns etwas darin entgehen zu lassen.

In der „Ogoni Bill Of Rights“ – einem von Ogonivertretern 1990 verfaßten Forderungskatalog – werden Mißstände, wie die nicht vorhandene Vertretung der Ogoni auf Regierungsebene oder die nicht-vorhandenen Wasser- und Elektrizitätsleitungen angeführt und Forderungen wie „das Bestimmungs- und Verwendungsrecht über einen gerechten Anteil an den wirtschaftlichen Ressourcen der Ogoni für die Entwicklung der Ogoni“ deutlich. Vier Milliarden US-Dollar für die Zerstörung der Umwelt und sechs Milliarden Dollar als feld- bzw. bergrechtliche Förderabgaben sollten gerichtlich eingefordert werden – Beträge, die in Relation zum tatsächlichen Ausmaß der Zerstörung gering erscheinen.

Von Seiten der Regierung wie auch von Shell wurden lecke Leitungen immer vermeintlichen Sabotage-Akten der Ogoni zugeschrieben. Die Spitze wurde dann 1994 erreicht: Am 21. Mai wurden vier Ogoni-Älteste, Kollaborateure der Regierung, bei einer Protestversammlung ermordet.

Sogar der Richter des Sondertribunals mußte einräumen, daß nicht Saro-Wiwa die Morde ausgeführt hatte, da dieser zum Zeitpunkt der Protestversammlung Kilometer entfernt war. Er hätte aber die Protestlawine ausgelöst, in deren Folge es zu gewalttätigen Übergriffen kam. Mittlerweile dürfte ein Geheimpapier aufgetaucht sein, das belegt, daß die Morde von Major Paul Okuntimo geplant wurden. Dieser Major sollte mit seiner Sondereinheit „Mobile Task Force“, bei deren Einsatz mehrere hundert Menschen getötet wurden, Shell wieder nach Nigeria holen, als sich der multinationale Konzern 1993 aus Angst vor den größer und bekannter werdenden Protesten kurzfristig aus Rivers zurückzog.

Obwohl man immer wieder sezessionistische Gedanken in Saro-Wiwas Kopf zu entdecken meinte, deshalb sogar ein eigenes Gesetz einführte, in dem die Todesstrafe für SezessionistInnen vorgesehen wurde, betonte Saro-Wiwa im Gegensatz dazu immer den Wunsch, autonomer Teil Nigerias zu bleiben. Der Scheinföderalismus müsse durch einen neuen, echten abgelöst werden. Jede ethnische Gruppe sollte das Recht haben, „sich unter Einsatz der ihr eigenen schöpferischen Kraft und ihres eigenen politischen Systems mit der ihr eigenen Geschwindigkeit zu entwickeln“.

Saro-Wiwa entgegnete fortschrittlicheren westlichen Wissenschaftskreisen, die feststellten, daß keine signifikanten Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien bestünden und diese nur koloniale Konstuktionen seien, „Afrikas Volksstämme und ethnische Gruppen sind alles andere als ’repressive koloniale Erfindungen’, sie sind uralte, dauerhafte gesellschaftliche Organisationen mit eigenen Sitten und Visionen, die kein Kolonialismus im Laufe der Jahrhunderte zu zerstören vermocht hat.“

Keinem Volk sollten kulturelle und politische Eigenheiten abgesprochen werden, doch eine wieder modern werdende eindimensionale ethnische Betrachtung von Krisen und Konflikten muß hinterfragt werden. Saro-Wiwa: „Europa hatte seine ethnischen Probleme bereits wesentlich früher gelöst und kümmerte sich nun um die Beaufsichtigung anderer Völker, um sicherzustellen, daß rundherum genügend Stabilität herrschte, um die wirtschaftliche Ausbeutung für einen größeren europäischen Wohlstand rasch vorantreiben zu können“. Ethnische Kategorien werden oft mißbraucht, um diese „Beaufsichtigung“ zu erleichtern und Ausbeutung zu rechtfertigen. Bei der Mobilisierung mehrerer Menschen ist eine Überdefinition, die auf ethnischer Zusammengehörigkeit basiert, sicher hilfreich (wenn das auch für negative Bewegungen gelten mag), andererseits sollte diese nicht als Abgrenzung gegen andere ethnische Minderheiten, die ebenso betroffen sind, verwendet werden. Diese Gratwanderung beschritt Saro-Wiwa, indem er allen nigerianischen Völkern das Potential zugestand, autonom zu leben. Und sein Kampf für die Autonomie der Ogoni sollte als Beispiel für andere ethnische Minderheiten dienen.

Um die europäischen Seelen nicht im Glauben zu lassen, daß nur eine ethnische Minderheit sich gegen die nigerianische Regierung und Shell stellt, sei abschließend erwähnt, daß auch Erdölarbeiter streikten, die keine Ogoni sind, daß Frauen sich den Pipelineverlegern entgegenstellten, weil das Land gefährdet ist, das sie bebauen, und nicht nur weil sie Ogoni sind und daß auch Jugendliche einer benachbarten ethnischen Gruppe protestierten.

Ken Saro-Wiwa: Flammen der Hölle – Nigeria und Shell: Der schmutzige Krieg gegen die Ogoni, rororo aktuell, 256 Seiten, öS 140,–.

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