FORVM, No. 319/320
Juli
1980

Prager Frühstück

Notizen einer Heimkehr

Eine tschechische Emigrantin kehrt für einige Tage in ihre Heimat zurück. Unter der Bleidecke von Okkupation und Kollaboration regt sich geistiges und politisches Leben, ein zartes Pflänzchen. Wir haben die Namen geändert, um die Betreffenden nicht zu gefährden.

M. S.
Neues geistiges Leben in Prag:
Vorlesung der Jan-Patocka-Universität in Tomins Wohnung (Philosoph Julius Tomin mit Brille in der Mitte): Praktische Übungen mit der Polizei

Kakao am Wenzelsplatz

Halb sieben Uhr früh. Der Himmel hängt noch grau bis zum von Bauarbeiten aufgewühlten Straßenpflaster. Ledermäntel eilen zur Arbeit. Es ist „Arbeitssamstag“ — Tag der sozialistischen Brigade. [1] Zu dieser Morgenstunde sind nur Zeitungskioske geöffnet, ihr Angebot ist für westliche Augen unglaublich dürftig: Rude Pravo, Mlada Fronta und ein paar Illustrierte mit schlecht gedruckten Farbfotos.

Am unteren Ende des Wenzelsplatzes entdecke ich eine gut besuchte Milchbar. Ein Frühstück mit Kakao vier Kronen. Der Kaffee ist ungenießbar, Abwaschwasser — keiner von den Gästen trinkt ihn. Alte Frauen schlürfen bedächtig Kakao aus riesigen Steingutbechern — um 2 Kronen 30 für den ganzen Vormittag ein Gefühl von Sattheit. Warum stehen sie so früh auf? Sie müssen sich anstellen, um beim Bäcker Semmeln und Kipferln zu ergattern. CSSR-Pensionisten sind arm. [2]

Libuse lebt in einer kleinen Villa am Stadtrand, in den letzten Jahren sehr zurückgezogen als Gattin eines bekannten Schriftstellers, der in der CSSR Publikationsverbot hat, aber problemlos im Westen publiziert. Die Kinder wurden zum Studium zugelassen. Sie sagt: „Jeder muß für sich selbst überlegen, was er verantworten kann. Eine allgemeine Antwort gibt es nicht.“ Keiner aus der Familie hat die Charta 77 unterschrieben.

Libuse zeigt mir stolz ein amerikanisches Buch über Verhaltenspsychologie mit vielen bunten Fotos. Ich kann mein Befremden kaum unterdrücken: „Dir imponiert Amerika?“ Sie zeigt auf das Buch: „Ich hab nicht daran gedacht, für dich ist es natürlich nichts Besonderes. Aber wir sind sehr stolz darauf. In den sechziger Jahren war ich einmal in den Staaten, ein großes, freies Land! Es war sehr schön.“

Sie verschwindet in der Küche, um Tee zu kochen. Der berühmte Ehemann rattert mit der Schreibmaschine. Auch sie schreibt, allerdings nicht für westliche Verlage. Ihr letzter Artikel hat viel Anklang gefunden; unzählige Male weitergegeben und abgetippt, tauchte er schließlich in Emigrantenzeitschriften auf: unpolitisch — ein Aufruf zur Menschlichkeit, mit vielen traditionellen Wendungen. Im Osten ist die Familie noch was wert

„Du hast doch früher als Journalistin gearbeitet?“

Libuse: „Ja, bis 1969.“

„Worüber hast du damals geschrieben?“

„Nichts Politisches, zur Frauenfrage und über Probleme der Kinder.“

„Was würdest du heute zur Frauenfrage sagen, ist sie nicht politisch?“

„Ich meine, ich war nicht in der politischen Redaktion und auch nicht unmittelbar politisch tätig. Damals hieß es, Schriftsteller und Journalisten wollten die Macht übernehmen ...“

„Du wolltest keine Macht übernehmen?“

„Unsinn, das Ganze war absurd. Ich habe immer über Frauen und Kinder geschrieben, nicht ein einziges Mal über Tagespolitik. Und was die Frauenfrage betrifft: Nach so vielen Jahren Erfahrung mit dem realsozialistischen Modell sind wir soweit, daß wir die Vorteile des traditionellen Modells sehen. Darin dürften wir weiter sein als der Westen ...“

„Worin sollte der Fortschritt liegen?“

„Zum Beispiel dieses ewige Schlagwort: Recht auf Arbeit. Das hat seine zwei Seiten, sobald man sich die Praxis anschaut. Die Frauen sind durchwegs berufstätig, wenn man von den Gattinnen höherer Funktionäre absieht. Der Arbeitstag hat achteinhalb Stunden, der Weg zur Krippe, Kindergarten und Arbeit dauert mindestens eine halbe Stunde. Die Eltern stehen meist sehr früh auf und schleifen die verschlafenen Kinder hungrig zur Kinderkrippe. Erst dann wird gefrühstückt. Neun bis zehn Stunden am Tag haben die Kinder überhaupt keinen Kontakt zu den Eltern. Nach der Arbeitszeit wird eingekauft, stundenlang steht man Schlange, wenn man Zahnpasta, Fleisch oder sagen wir einen Autoreifen möchte. Du hast sicher bemerkt, wie alt und überlastet die Frauen bei uns aussehen. Sie verlieren bei dieser Lebensweise etwas — ich würde es Fraulichkeit nennen. Die Bedürfnisse der Kinder kommen überhaupt nicht vor.“

Weder Libuse noch irgendein anderer meiner Gesprächspartner stellt die Struktur von Ehe und Familie in Frage, im Gegenteil: intakte Familie und Freundschaft sind vorrangige Werte im heutigen Prag. Weiß Libuse etwas über den Feminismus im Westen? „Wenn ich das nach dem beurteile, was ich bis jetzt darüber zu lesen bekam, habe ich den Eindruck, daß diese Frauen vom Männerhaß ausgehen. Damit schaden sie nur sich selbst.“

Ich frage nach der Situation alleinstehender Mütter. „Die ist noch schlimmer als die der verheirateten. Ledige Mütter sind die am wenigsten gefragten Arbeitskräfte, weil sie wegen ihrem Kind, wenn es zum Beispiel krank ist, öfter von der Arbeit wegbleiben.“

Hausfreund Rostislav in der Gegen-Uni

Ruth ist 34, unverheiratet, hat studiert, lebt den Winter über mit ihrer Mutter in einer Zweizimmerwohnung in Prag; im Sommer ist sie auf dem Land, aber das nimmt dem Zusammenleben nicht seinen Schrecken. Die Chance, eine eigene Wohnung zu bekommen, ist gleich Null, wenn man nicht heiratet, ist sie noch kleiner. Ruth bietet mir einen Kakao an und eine ihrer beiden Orangen: „Das ist keine kubanische“, meint sie (die kubanischen sind als sauer verschrien).

Ruth hat die Charta unterschrieben und behielt trotzdem ihren Arbeitsplatz — „Wer weiß wie lange noch. Eigentlich rechne ich ständig mit dem Rausschmiß.“ Im Laufe des Gesprächs sagt sie mehrmals: „Wenn ich dann arbeitslos bin ...“ Sie arbeitet an der privaten „Patocka-Universität“ [3] mit; gerade in der letzten Zeit hat die Polizei mehrmals Vorlesungen in Privatwohnungen durch Razzien unterbrochen, die Anwesenden entweder „nur“ registriert oder mitgenommen und für 48 Stunden festgehalten. (Das fällt natürlich am Arbeitsplatz auf.)

Bereits zweimal wurde ein ausländischer Vortragender, ein prominenter Professor aus Oxford, des Landes verwiesen. Der Fall Professor William Newton Smith ging durch die ganze englische Presse. Ruth lacht: „Das werde ich nie vergessen, es war urkomisch. Eigentlich gar nicht lustig. Der arme Professor war vollkommen verdattert, als die Polizei reingestürmt ist. Eine erkannte einen Beamten wieder und rief: ‚Oh, unser Hausfreund Rostislav!‘“ Alles hat gelacht, und Rostislav ist ganz rot geworden. Dann haben sie den armen Professor abgeführt, er kam gerade aus italien und hatte nur einen leichten, hellen Mantel, und an diesem Abend hat es geschneit. Wir haben ihn noch vom Fenster aus gesehen. Er hat einmal kurz hinaufgeschaut, vor sich hin zitternd ... dieses Bild werd ich für mein Leben behalten.“

„Aber wenn es bei jeder Vorlesung zu einer Razzia kommt — wie wollt ihr da weitermachen?“

„Unter diesen Umständen ist natürlich keine Bildungsarbeit möglich und um die geht es uns ja primär, und nicht um dauernde Konfrontation mit der Polizei. Davon haben wir nur eine gewisse Publizität im Westen.“

Eskalieren? Emigrieren?

„Die Polizei hat leichtes Spiel“, fährt Ruth fort, „weil die Termine und Treffpunkte vorher bekannt sind. Manche bestehen eben darauf, daß sie nichts Illegales tun und daher auch nichts verheimlichen müssen, so wie die Charta ja auch. Bei den Vorlesungen werden auch keine politischen Themen angeschnitten, es geht um rein philosophische Fragen und nicht einmal marxistische, Aristoteles zum Beispiel. Selbst wenn einige westliche Zeitungen für uns eintreten, müssen wir hier leben und arbeiten, und zwar mit der Perspektive, daß sich die Umstände noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte nicht bessern werden. Diese dauernde Konfrontation führt auf die Dauer zu nichts anderem als zur Emigration, und das ist genau das, was ich nicht will. Da bin ich nicht die einzige, wir sind erst auf der Suche nach einer angemessenen Form für die Bildungsarbeit. Aber dann machen wir es unauffällig und im kleinen Kreis, ohne Publizität. Ich will nicht und brauche es nicht, daß mein Name durch die westlichen Zeitungen geht. Kein westlicher Journalist wird unsere Probleme lösen. Ich überlege mir jedesmal, ob ich zu diesen Vorlesungen gehen soll, wenn ich schon vorher mit Sicherheit weiß, was passieren wird ...“

Ruth leidet unter ihrem Zwiespalt: „Wie ich beobachtet habe, ist es auch denen unangenehm. Niemand kann mir erzählen, daß sie das gerne machen: Vorlesungen sprengen und alle diese Hausdurchsuchungen. Sie würden doch auch lieber zu Hause sitzen, statt bei so offensichtlichen Schweinereien mitzumachen. Außerdem müßten wir mehr tun als nur diese Vorlesungen abhalten, zu denen bloß Kinder von Charta-Prominenten kommen. Ich bin dann doch meistens hingegangen — mehr aus Solidarität, aber trotzdem bin ich der Meinung, daß es weit wichtigere Dinge gibt. Eigentlich fragen wir uns, wo wir anfangen sollen. Mir scheint die Frage der Lehrbücher am vordringlichsten, und bevor ich wieder einen Tag im Gefängnis versitze, hocke ich lieber hier an der Schreibmaschine ...“

Konspirativ studieren?

Jetzt erst bemerke ich das Telefon am Schreibtisch: ist es nur Zierde wie bei Jiri? „Nein, du wirst dich wundern, es funktioniert. Allerdings sage ich überhaupt nichts am Telefon, nicht die leiseste Andeutung ... Überhaupt sollte man viel diskreter arbeiten. Beim letzten Verhör haben sie meinem Freund über mich gesagt: ‚Wir wissen, daß sie etwas macht, aber nicht, was. Sie macht es ganz diskret.‘“ Das war ein Kompliment für mich, so habe ich es am liebsten. Bei einer Hausdurchsuchung würden sie bei mir nichts finden, höchstens sie erwischen mich an der Schreibmaschine. Aber ich vernichte prinzipiell alle Originale, dann kann ich noch immer sagen, ich habe es geschrieben ... Sie suchen hauptsächlich nach Autoren.“

„Was für Lehrbücher wollt ihr machen?“

„Es fehlt an allem, vor allem in den Humanwissenschaften. Mir scheint Geschichte heute am wichtigsten. Was an den Schulen als Geschichtsunterricht ausgegeben wird, ist katastrophal. Woher sollen die ganz Jungen, die 14- bis 18jährigen, Verständnis für Geschichte bekommen — ich meine das richtige Verständnis für Zeitgeschichte? Diese Generation kennt den Prager Frühling nur vom Hörensagen, das sind junge Leute, die nur mehr ‚normalisiert‘ wurden, seit ihrer Kindheit, das muß man sich vorstellen. Und dann die Philosophie! Die gibt es nicht einmal mehr auf der philosophischen Fakultät. Was die Studenten an den Mittelschulen und auf der Uni lernen, ist nichts anderes als Katechismus.“ „Dann gibt es noch praktische Aufgaben in der Bildungsarbeit“, fährt Ruth fort. „Ganz wichtig: das eigene Verhalten beim Verhör durchzudenken. Es ist unglaublich, wieviel die Leute erzählen: nicht nur das, was man sie fragt, auch anderes — als ob sie für den ‚Konversationsfluß‘ verantwortlich wären; sie geben damit Informationen, die in einem anderen Zusammenhang interessant werden. Das ist doch verrückt und völlig überflüssig ...“

Ruth ereifert sich: „Als ob wir denen gegenüber zu irgendwas verpflichtet wären! Wir sollten einmal ein Seminar veranstalten, in dem sich jeder seine Haltung zu dieser Frage überlegt ...“

„Das könntet ihr in Form einer Meditation machen“, schlage ich vor.

Ruth lacht: „Diese Sache ist sicher eine Meditation wert!“

20.000 Kronen für einen Studienplatz

Jiri ist der einzige, den ich an seinem Arbeitsplatz besuche. Er ist Arzt und hat heute Dienst. Ich frage ihn, ob er keine Angst habe. „Nein, das ist gar nicht auffällig. Du sprichst doch tschechisch. Wo kämen wir denn hin, wenn nicht einmal im Spital Leute ein und aus gehen könnten! Komm mit, dann siehst du mehr, und aus der Nähe.“ Während er sich den weißen Mantel anzieht, tauft er mich nebenbei: „Ich nenne dich hier Jana.“

„Sehr raffiniert, welchen Decknamen willst du für dich?“

„Bitte, red mich wenn möglich mit meinem bürgerlichen Namen an!“ Wir lachen.

Ich habe eine Times bei mir, muß ich sie verstecken? „Unsinn!““ Wir lassen sie in der Garderobe liegen. Jiris Dienstzimmer ist sonnig und freundlich, überall stehen und hängen Blumentöpfe.

„Können wir hier reden?“

„Alles, was du willst.“

„Du hast die Charta nicht unterschrieben ...“

„Ich werde es auch weiterhin nicht tun. Mit der Unterzeichnung entscheidet man sich für eine bestimmte Art von Arbeit, ich meine jetzt oppositionelle politische Arbeit. Ich bin nirgends registriert, mein Name ist nicht ‚verhaut‘, und so kann ich viel mehr tun — auch in meinem Beruf. Den Fall B. wirst du wahrscheinlich kennen. Heute ist uns ziemlich klar, daß es kein Unfall war. Der Junge [4] mußte mehrmals operiert werden; es ist auch geschehen, und zwar so gut, wie es bei uns nur möglich ist. Leute, die so unmittelbar arbeiten, brauchen ein zuverlässiges Hinterland — nicht nur psychisch, wie du siehst.“

„In welchem politischen Zusammenhang siehst du deine Tätigkeit?“

„Dieses System ist für mich nicht akzeptabel — das steht außer jeder Diskussion. Ideologisch grenze ich mich nicht ab, ich gehöre weder zu den unabhängigen Sozialisten noch zu den Eurokommunisten. Unsere, meine Situation ist nicht danach, politische Programme zu entwerfen, sondern dafür zu arbeiten, daß eines Tages wieder eine offene Diskussion möglich wird.“

Ich frage nach seiner Tochter, die Medizin studiert. Der Zugang zum Mittel- und Hochschulstudium ist limitiert, und das ist für viele ein Motiv, die Charta 77 nicht zu unterschreiben. Wie ist es Jiri gelungen, seine Tochter unterzubringen? „Kanäle gibt es überall ...“

Von mehreren Seiten habe ich im Westen eine Geschichte gehört: einen Studienplatz für sein Kind bekomme man dann ganz leicht, wenn man dem „Richtigen“ einen Autoschlüssel übergebe. Jiri: „Da ist was dran. Dazu muß ich dir eine Geschichte erzählen: Es ist schon einige Jahre her, da betrug der Preis 20.000 Kronen, inzwischen ist er sicher wieder gestiegen. Ein Freund wollte seinen Sohn an die Uni schicken. Da er in der Opposition aktiv ist, hat er alle seine Bekannten eingesetzt, und der ‚richtigen‘ Person wurden die 20.000 angeboten, und es hat auch eine Zusage gegeben. Unabhängig davon hat die Mutter des Jungen, die in der Partei aktiv ist, ihrerseits alle Bekannten in Bewegung gesetzt. Das Ergebnis: der Arme durfte nicht studieren, das Geld wurde zurückgegeben. Warum? Man sagte sich: bei dem stimmt etwas nicht. Gerade hat jemand vom Innenministerium angerufen. Wir wollen keine Spitzel ...“

Jeder will seinen Juden haben ...

„Und die Arbeit? Bist du zufrieden?“

„Ich habe eine Arbeit, bei der ich mich nicht politisch verhuren muß. Von Karriere kann natürlich keine Rede sein.“

„Immerhin, du arbeitest in deinem Beruf und nicht als Heizer, wie die Charta-Unterschreiber. Glaubst du, daß du deinen Arbeitsplatz behalten kannst?“

„Bei uns hat man das Arbeiten verlernt. Ich mache für meine Verhältnisse nicht viel, trotzdem habe ich hier den Ruf eines arbeitswütigen Idealisten. Sie brauchen mich zu ihrer Bequemlichkeit, für die unangenehmen Dinge: Wenn es bei einem Patienten schon sicher ist, daß er nicht durchkommt, dann muß ich mit ihm und den Angehörigen reden ... Wie du weißt, habe ich mich früher mit Philosophie und natürlich auch mit Marxismus beschäftigt. Wenn einer der Genossen eine Festansprache oder einen Bericht an die Parteileitung braucht, kommt er zu mir ...“

„Das ist doch nicht möglich, das schreibst du?“

„Von A bis Z, mit Durchschlag, und das schon seit Jahren. Wenn ich dann etwas brauche, kann ich es auch durchsetzen!“ Jiri lacht. Während er zu einem Kranken eilt, drückt er mir schnell seinen neuesten Aufsatz in die Hand, in der Dienstzeit geschrieben, während der Nacht. An den Rändern sind viele handschriftliche Anmerkungen, Fragen oder oft nur Fragezeichen von Freunden eingefügt. Das ist die übliche Art, eine Diskussion in größerem Kreis zu führen.

Bei der Kaffeestunde im Kollegenkreis bin ich die einzige ohne weißen Mantel. Schweigen ist für eine Frau die unauffälligste Verhaltensweise also schweige ich. Ein älterer, würdevoll wirkender Kollege erzählt einen Breschnjew-Tito-Witz, den bei uns wahrscheinlich niemand witzig finden würde. (Was haben Breschnjew und Tito gemeinsam? — Jeder steht mit einem Bein in Jugoslawien.) Alle lachen.

Der Name eines bekannten Charta-Unterzeichners fällt. Ach ja, den kenne ich, sagt der Würdevolle, der war seinerzeit ein großer Parteimann (die ironische Betonung liegt unüberhörbar auf Partei).

Aber ein guter Bekannter von Kriegel, [5] sagt Jiri beschwichtigend und erkundigt sich nach seinem Krankheitsverlauf. Der Name Kriegel hat offensichtlich gewirkt. Der Würdevolle nickt zustimmend.

„Was war das jetzt bitte“, frage ich, nachdem wir wieder draußen sind.

„Das war doch der Primar.“

„Ist er in der Partei?“

„Und wie, ein großer Funktionär.“

„Für mich klingt das paradox, daß er gerade Kriegel ...“

„Mein Chef war schon immer ein Pragmatiker. Und Kriegel hat als einziger in Moskau nicht unterschrieben, davor hat man Respekt, daran kann niemand etwas ändern.“ Er fügt hinzu: „Man sagt hier: jeder will seinen Juden haben.“

„Was heißt das?“

„Sie sind sich doch nicht so sicher, und wenn sich was ändern sollte, will jeder seinen Chartisten vorzeigen können, dem er geholfen hat ...“

Ein einziger hat nein gesagt:
Frantisek Kriegel unterschrieb 1968 den Okkupationsvertrag in Moskau nicht. Er bekam im Dezember 1979 kein Begräbnis ...

Die Musen küssen mit der Faust

Ich frage Jiri nach seinem Verhältnis zu den Kollegen. Wissen sie etwas über seine Kontakte und Aktivitäten? „So gut wie nichts, nur, daß ich manche Charta-Unterzeichner persönlich kenne, und das versuche ich auch nicht zu verheimlichen. Alle, die du heute gesehen hast, würden mir beide Hände küssen, wenn ich ihnen ab und zu Listy [6] oder andere Zeitschriften geben würde.“

„Bist du dir so sicher?“

„Ganz sicher, Informationen will jeder, egal wo er steht. Aber ich mache das prinzipiell nicht.“

In der U-Bahn treffen wir einen älteren Mann mit seinem Enkelkind, unter dem Arm hält er Bäumchen zum Aussetzen.

„Wie geht’s?“

„Gut, jetzt habe ich den Kleinen bei mir.“ Er lächelt strahlend.

„Haben dich deine Musen wieder geküßt?“

„Nein, jetzt nicht mehr.“ Die beiden steigen aus.

„Das war ...“ — Jiri nennt den Namen eines bekannten „verbotenen“ Schriftstellers. Er ist in der letzten Zeit einige Male von „Unbekannten“ überfallen worden. Er hat für „Edition Petlice“ [7] gearbeitet.

Abends sind die Weinkeller voller deutscher Touristen. Wir bekommen keinen Platz, weil wir tschechisch sprechen.

In der Nacht fährt mein Zug. Es war Blödsinn, daß Jiri mitging. Der Bahnhof wimmelte von Polizisten. „Falls ich verhaftet werde“, sagte er, „du weißt schon ...“

Noch ein paar Minuten. Ich: „Als Kind hab ich im Fernsehen einen Mann die Mondscheinsonate spielen gesehen. Es war entsetzlich.“

„Was war entsetzlich?“

„Er hat dabei geweint.“

[1Arbeitssamstag = Arbeit, die nicht gegen Bezahlung, sondern für den Aufbau des Sozialismus gratis in der Freizeit geleistet wird.

[2Das nächste Dokument der Charta 77 wird sich mit der Lage der Pensionisten beschäftigen.

[3Patocka-Universität: Jan Patocka, Professor der antiken Literatur und Philosoph der phänomenologischen Richtung Edmund Husserls, war erster Sprecher der Charta 77. Sein Begräbnis im Frühjahr 1977 glich einem Polizei- und Heeresmanöver, sogar Hubschrauber wurden eingesetzt. Die Patocka-Universität ist eine „parallele“ (= alternative) Bildungsinstitution, da es immer mehr junge Menschen gibt, denen aus politischen Gründen die Möglichkeit zu Bildung und Qualifizierung genommen wird.

[4Ein junger Mann war von nichtuniformierten Angehörigen der Staatssicherheit schwer verletzt worden.

[5Über Frantisek Kriegel siehe Kasten auf der nächsten Seite.

[6Listy: Zeitschrift der tschechoslowakischen sozialistischen Opposition, die von Jiri Pelikan in Rom herausgegeben wird.

[7Edition Petlice = wörtlich „Edition Riegel“, im geheimen maschinschriftlich hergestellte Bücher, die von Hand zu Hand weitergegeben werden („Samisdat“).

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