ZOOM 7/1997
November
1997

Pretterebner auf der Pirsch

„Terror: Was in Oberwart wirklich geschah.“ Unter diesem Aufmacher legt Hans Pretterebners Magazin TOP in seiner jüngsten Ausgabe (7/9 1997) einmal mehr „erste Spuren nach links“. Pech nur für den einstigen „Lucona-Aufdecker“, daß nur wenige Tage nachdem er es wieder einmal geschafft hat, eine Ausgabe seines längst nicht mehr „Monatsmagazins“ auf den Markt der Denunziationen zu werfen, sich Franz Fuchs verhaften läßt und ihm so einen Strich durch seine krausen Thesen macht.

Hans McPretterebner

Im Stile des freiheitlichen Klubobmanns Ewald Stadler, wenngleich weniger souverän, fügt der ungenannt bleibende TOP-Autor [1] Lügen, Halb- und Falschinformationen zu einer Kette aus Scheinschlüssen zusammen. Diesmal geht das kurz zusammengefaßt so: Zwei Einbrüche in ORF-Sendeanlagen am Sonnwendstein und in Heuberg-Mattersburg am Tag der Morde von Oberwart und ein dritter drei Wochen zuvor in der Senderhauptkontrollstelle Kahlenberg können nach Ermittlungen des Heeres-Abwehramts nur auf das Konto einer von Frankreich aus operierenden Piratensender-Vereinigung gehen. Nur diese verfügt über die Struktur und das technische Know-how für den diesen Einbrüchen nach Ansicht des Innenministeriums zugrundeliegenden Plan, Bekennerschreiben via Hörfunk und Fernsehen zu verbreiten. Die Radiopiraten wiederum haben auch österreichische Sender unterstützt, von denen einer wiederum in der Wohnung eines grünen Wiener Bezirksrates stationiert war, der seinerseits wiederum zu den Mitbegründern einer landwirtschaftlichen Kooperative zählte, die ihrerseits wiederum von einer linksextremen Schweizer Gruppe initiiert worden ist, die ihrerseits wiederum Kontakte zur Baader-Meinhof-Bande unterhielt.

Die sich an dieser Stelle anbietende Querverbindung zur Gruppe Radfahren Am Freitag (RAF) entfällt zwar, stattdessen geht es aber hurtig weiter zu (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): mehreren Kommunen, dem Anti-Bundesheer-Volksbegehren von 1970, „mit Schlagstöcken bewaffneten Ordnertruppen“, Bürgerrechts-, Flüchtlingshilfs- und sonstigen Vereinen, SOS Mitmensch, dem Republikanischen Klub, dem Verband demokratischer Soldaten Österreichs, „slowenischen Organisationen und einschlägigen Partisanenverbänden“, einer „marxistisch-leninistischen türkischen Terrorgruppe“, der kurdischen Arbeiterpartei, den Grünen, Ex-Bundeskanzler Vranitzky sowie der Bürogemeinschaft Schottengasse, der Arbeitsgemeinschaft für Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit und ihren ehemaligen Medien Gewaltfreier Widerstand und Zeitschrift für Antimilitarismus. Deren RedakteurInnen werden als Komplizen „eines der militantesten Linksextremisten der Bundeshauptstadt“ und „Totschlägers“ vorgestellt.

Die Kronen Zeitung sorgte dafür, daß dieser Rundumschlag weitere Verbreitung fand, verzichtete aber klugerweise auf die Nennung konkreter Namen. Ihr werden daher im Gegensatz zu Pretterebner auch nicht in den nächsten Wochen zahlreiche Klagen ins Haus flattern.

Pretterebner beschränkt sich aber nicht auf die linke Szene. In einem weiteren TOP-Beitrag werden die Oberwarter Roma neuerlich Opfer publizistischer Gewalt. Von Streitereien ist dort ebenso zu lesen wie von einer „regelrechten ’Verschwörung’“. Spenden für die Angehörigen der Mordopfer seien „zur Anschaffung von Rolex-Uhren und großen Mercedes verwendet worden“. Und daß die SiedlungsbewohnerInnen erst mehrere Stunden nach den Morden das Rote Kreuz verständigt hätten, findet folgende Begründung:

Mit aller gebotenen Zurückhaltung weist man im Innenministerium darauf hin, daß einzelne Bewohner der Oberwarter Roma-Siedlung seit jeher (sic!) auch in kriminelle Aktivitäten verstrickt sind: Suchtgifthandel und Handel mit Faustfeuerwaffen im kleineren Umfang, Zigarettenschmuggel und organisierter Autodiebstahl.

Die Vermutung der Ermittler: Bevor man die Polizei rief, sollte die Siedlung „sauber“ sein. Dafür brauchte man Zeit. Als am nächsten Tag die augenscheinlich erwarteten Hausdurchsuchungen durchgeführt wurden, fand sich tatsächlich in der gesamten Siedlung nicht der geringste Hinweis auf irgendein Delikt: kein Stäubchen Drogen, kein Messer, nicht eine einzige Stange Zigaretten wurde vorgefunden.

Mit anderen Worten: Gilt es kriminelle Aktivitäten nachzuweisen, fehlen aber die Belege, muß dieses Fehlen selbst als Beleg herhalten. Denn die kriminellen Aktivitäten stehen außer Zweifel.

In einem dritten Artikel wärmt TOP schließlich altbekannte Vorwürfe gegen den Journalisten Wolfgang Purtscheller auf – von Ebergassing bis Einem, von Oberwart bis Oswald Kessler, dem ehemaligen Chef der Staatspolizei, der von Purtscheller „nachrichtendienstlich geführt“ worden sei.

Seine Quellen verschweigt Pretterebners Magazin nicht, sondern legt sie durch zahlreiche Zitate, Fotos und Faksimiles aus Akten der Wiener Staatspolizei, der Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus (EBT), des Wiener Landesgerichts und des Heeresabwehramts offen. Der Mann hat gute Kontakte, und illegale Datenweitergabe an Freiheitliche ist mancherorts bereits Routine. Teile der Anschüttungen beruhen auf einer aktuellen Anzeige der EBT in Sachen Oberwart. Als sie beim zuständigen Untersuchungsrichter einlangte, war das TOP bereits im Druck.

[1vgl. aber tv-media 45/97, wo Pretterebner auf den Artikel angesprochen wörtlich meint: „Das habe ich kolportiert.“

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