FORVM, No. 495
März
1995

Römisches Tagebuch

Rom, 26.11.1997

Was für eine Stadt, über der sich Ende November derart prächtige Gewitter entladen. An der Stazione Termini angekommen, habe ich sofort die häßliche Bahnhofshalle hinter mir gelassen und mich an der Piazza Cinquecento nach rechts gewandt. Der Regen prasselt auf die Platanen, sein Geräusch übertönt allen Straßenlärm. Das Gewirr der grünen und orangefarbenen Autobusse, die den Platz nach einer dem Fremden nicht nachvollziehbaren Ordnung kreuzen, bietet einen chaotischen Anblick. Völlig durchnäßt erreiche ich das Cafe dell’Indenpendenza. In diesem Vorgarten bin ich ziemlich genau vor 18 Jahren gesessen. Damals hat es noch stärker geregnet. Und ich war mir sicher, in Wien nicht alt zu werden.

C. und die Kinder sind einstweilen in Annas Haus geblieben. Giovanni hat mir versichert, es stelle kein Problem für ihn dar, wenn wir alle zu ihm nach Rom übersiedeln. Auch wenn es für Monate wäre. Langsam muß aber irgendwoher Geld kommen. Mein Italienisch ist leider schon besser gewesen.

Rom, 2. 12. 1997

Österreich ist in aller Freundschaft endgültig aus der Union ausgetreten. Auch hier ist eine Diskussion darüber ausgebrochen, wie man mit uns verfahren soll, wenn uns die Staatsbürgerschaft aberkannt wird. Die Faschisten propagieren eine Abschiebung aus prinzipiellen Gründen. Die Zahl der Österreicher in Italien sei zwar nicht sehr hoch, die Niederlassungsfreiheit für Österreicher sei allerdings mit dem Austritt aufgehoben, Fluchtgründe aus der demokratischen Republik Österreich könne es nicht geben. Das Innenministerium in Wien hat Fahndungslisten von „politischen Terroristen“ herausgegeben, meldet der Corriere della Sera. Auf Seite 5, nicht sehr groß und ohne Kommentar. Mittlerweile müßten wir uns Geld ausborgen, um nach Holland zu kommen. Falls dies auf legalem Weg überhaupt noch möglich ist.

Rom, 4. 12. 1997

Gestern abend zufällig Josef L. in einem Café in Trastevere getroffen. Unglaubliche Geschichte. Er hat mir stolz seinen neuen italienischen Paß gezeigt, in Bozen ausgestellt. „Südtiroler“, meinte L. mit diesem dummen Grinsen, das ich immer schon an ihm gehaßt habe. Die Standesbeamten in Bozen würden gar nicht so viel für einen Geburtenregisterauszug nehmen. Für rund 4 Millionen Lire könne er mir Pässe für die ganze Familie besorgen: „La porta è aperta, nach Europa“, meinte dieses Vorarlberger Arschloch. Südtiroler! Als ob wir hier nicht in Europa wären. Entwürdigend, daß ich einen Moment lang mit dieser Möglichkeit spekuliert habe.

Rom, 15. 12. 1997

Am Wochenende bei der Familie in Annas Haus gewesen. Bei den Kindern kommen langsam Langeweile und Heimweh nach ihren Freunden auf. Ich glaube, sie beginnen uns die Flucht bereits übelzunehmen. C. will nicht in Italien bleiben. Sie hat in ihrem Beruf hier kaum Möglichkeiten, ich glaube auch, sie zweifelt daran, daß wir hier genügend Geld zum Leben verdienen können. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es richtig war‚ die Entwicklungen in Wien nicht erst abzuwarten und alles liegen und stehen zu lassen. Es ist überaus mühsam, im Prinzip wieder von vorne zu beginnen. War mir allerdings in der Theorie bekannt.

Rom, 16. 12. 1997

R. hat aus Bologna angerufen. Er will zurück nach Österreich, am Konsulat in Mailand hat man ihm erklärt, daß es keine Probleme dabei geben wird. U., den ich für eine sehr integre Person halte, habe ihm am Telefon aus Wien versichert, daß die Situation halb so schlimm ist. Der Chefredakteur und die Innenpolitikchefin seien nicht mehr im Gefängnis, würden aber auch nicht zurückkehren, sondern in Pension gehen. Österreichische Lösungen scheinen immer zu funktionieren, sieht man von der ostmärkischen Periode ab. Mittlerweile sei kein Unterschied bei der Arbeit gegenüber früher zu bemerken, soll U. gesagt haben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß jemand wie U. so schnell für neue „Sprachregelungen“ anfällig wird. In einem Nachrichtenmagazin auf RAI 1 war ein kurzer Bildbericht aus Wien zu sehen. Präsident und Außenminister in einer Unterhaltungssendung des ORF. Ausgelassene Stimmung, scheinbar völlig entpolitisiert. Offenbar sehr geschickt gemacht, der „kritische“ italienische Kommentar war allerdings zum Kotzen. Genau so hat man sich vor ein paar jahren im ORF über Tudjmans Fernsehen ausgelassen.

Rom, 17. 12. 1997

Sehr schlecht geschlafen. Die ganze Nacht erscheint mir im Rückblick wie ein Albtraum einer ORF-Unterhaltungssendung, in der verschiedene österreichische Bundespräsidenten schlechte Witze erzählten. Dazu, wenn ich mich recht erinnere, Meischberger als Präsentator. Der tirolerische Dialekt hat sich irgendwie mit Josefs Südtiroler-Episode vermischt. Beim Aufwachen den Entschluß gefaßt, U. in Wien anzurufen. U. war freundlich und herzlich wie immer. Ein Dutzend persönliche Fragen vorab. Der „Abgang“ seiner Vorgesetzten hat ihn sehr „betroffen“, was ich ihm glaube. Er weist ihnen zwar nicht direkt Schuld zu, sie hätten sich aber „nicht sehr geschickt“ verhalten. Daß X. sich umgebracht hat, hat ihn persönlich sehr getroffen. Es ist eine „Tragödie“. Neue Sprachregelungen funktionieren doch schnell. Mein Schweigen nach dieser Nachricht hat ihn sichtlich irritiert. Auf eine Rückkehr aus dem „Auflandsaufenthalt“ würde er sich freuen.

Rom, 21. 12. 1997

Mir fällt sehr oft die Zeit nach den ersten Bombentoten vor über drei Jahren ein. H.’s Geschichtsrevision ist damals schon auf eine Revision aktueller Ereignisse erweitert worden. Genaue Analysen, wie die Täter-Opfer-Verdrehung langsam Platz gegriffen hat, wurden damals schon geliefert. Daß es noch schlimmer kommen würde, war an sich offensichtlich. Wer, wann, wo, womit versagt hat, ließe sich auflisten. Das eigene Versagen in diesem Zusammenhang festzumachen, ist nun nur noch Aufgabe persönlicher Geschichtsschreibung.

Orbetello, 31. 12. 1997

Silvester am Meer. Vorgestern haben wir uns entschlossen, nach Holland zu gehen, solange dies noch möglich ist. Giovanni borgt uns eine größere Summe. Kurz danach rief M. aus Amsterdam an. Sie will eine deutschsprachige Zeitschrift von österreichischen Exilanten produzieren. Bin weder zu einer Bestandsaufnahme der Exilsituation fähig, noch zu einer Analyse der Geschehnisse der letzten Monate. Ich werde ihr Auszüge aus meinem Tagebuch schicken.

Muß ich nach Wien umsteigen? Auf keinen Fall!
Eine Information des königlich-niederländischen Touristenbundes. — Elisabeth Kmölniger
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