Heft 6/2001
November
2001

„Rückkehr nicht erwünscht“

Dies ist der erste Teil einer Serie zu Aspekten der Geschichte und der gegenwärtigen Situation von Roma und Sinti in Österreich — geprägt durch Ermordung, Verfolgung, Vertreibung, Ausgrenzung und Marginalisierung. Gleichzeitig fand ihre Geschichte, aber auch ihre Sprache, Kultur, Kunst oder ihr Alltagsleben bislang kaum wissenschaftliche Beachtung — Versäumnisse, die nur zögernd eingeholt werden.

Dass die „Ostmark“ nicht nur die Vordenkerin der industriellen Vernichtung des europäischen Judentums durch das nationalsozialistische Deutschland war, sondern auch für die Verschärfung der NS-„Zigeunerpolitik“ eine entscheidende Vorreiterrolle spielte, geht aus einem neuen Buch von Guenter Lewy über den deutsch-österreichischen Massenmord an Roma, Sinti und Jennischen hervor.

Bereits vor dem „Anschluss“ 1938 hatte sich in der österreichischen Bevölkerung neben einem militanten Antisemitismus auch ein Antiziganismus [1] entwickelt, der weite Teile der Bevölkerung umfasste. „In der Presse wurden sie [...] als Parasiten, die ein asoziales Leben führten, verunglimpft. Man unterstellte ihnen, mit Syphilis infiziert zu sein und diese Krankheit unter Nichtzigeunern zu verbreiten.“ (S 102)

Die Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen Roma, Sinti und „nach Zigeunerart herumziehende“, sprich Jennische im „Altreich“, wurden im Burgenland innerhalb weniger Monate durchgezogen. „Mehr noch, einige der beschlossenen Maßnahmen waren schärfer als jene, die im“Altreich„, dem Deutschland in den Grenzen vor 1938, ergriffen worden waren. Zum Beispiel wurden Familien deutscher Zigeuner, die in Vorbeugehaft genommen worden waren, von der Wohlfahrt unterstützt, während den Angehörigen österreichischer Zigeuner dies aufgrund einer Anweisung des RKPA [Reichskriminalpolizeiamts] verweigert wurde.“ (S 102)

Die österreichischen Roma und Sinti durften laut einem Erlass vom 17. März nicht an der Volksabstimmung über den Anschluss an das Deutsche Reich teilnehmen. Mit weiteren Verordnungen wurden Bettelei, Landstreicherei und das Spielen von „Zigeunermusik“ verboten. „Ein Erlaß verpflichtete die Zigeuner zu täglich zehnstündiger Zwangsarbeit, wobei fast die Hälfte ihres Lohns an die Gemeinden, in deren Einzugsbereich sie wohnten, gezahlt werden sollte, um diese für jahrelang gewährte Wohlfahrtsunterstützung zu entschädigen.“ (S103)

Bei all diesen Maßnahmen gegen die überwiegend im Burgenland ansässigen Roma, spielte der NS-Landeshauptmann des Burgenlandes Tobias Portschy, der erst in den Neunzigerjahren als angesehener Wirt in Rechnitz verstarb, eine wichtige Rolle. Bereits als „Illegaler“ lenkte Portschy die Aufmerksamkeit seiner Parteigenossen auf das vermeintliche „Zigeunerproblem“ im Burgenland und verfaßte im August 1938 eine Denkschrift zu diesem Thema. „Angesichts des erstaunlichen Wachstums dieser Gruppe“, führte er aus, stellten die burgenländischen Zigeuner eine ernsthafte Bedrohung der Reinheit des deutschen Blutes dar. Sie zählten jetzt 8.000 Personen und machten in manchen Dörfern bereits die Mehrheit der Bevölkerung aus; wenn nichts unternommen werde, würde es in fünfzig Jahren 50.000 dieser „Parasiten“ geben. Die Zigeuner seien Träger von erblichen und ansteckenden Krankheiten und berufsmäßige Diebe, deren Leben von Lug und Trug, Faulheit und anderen asozialen Zügen gekennzeichnet sei. Die Hälfte von ihnen sei vorbestraft; 102 Männer und 22 Frauen hätten Kapitalverbrechen wie Mord, Raub, Brandstiftung und schwere Körperverletzung begangen. Viele Gemeinden des Burgenlandes litten wegen der sozialen Versorgung dieser parasitären Bevölkerungsgruppe unter erheblichen finanziellen Problemen." (S 103f)

Portschy verwarf frühere Versuche das „Zigeunerproblem“ zu lösen und verlangte eine nationalsozialistische Lösung der „Zigeunerfrage“. Er verlangte die Sterilisation der „Zigeuner“, um eine Nachwuchszeugung zu verhindern, das Verbot der „Rasseschande“ zwischen „Deutschblütigen“ und „Zigeunern“, sowie den Arbeitszwang für alle Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe.

Portschy ging jedoch noch einen Schritt weiter als die meisten anderen NationalsozialistInnen seiner Zeit, indem er schreibt: „Wer die Zigeuner ihrem Charakter nach und als eine das Niveau jeder Menschlichkeit erniedrigende Rasse kennt, wird sie unbedingt den Juden in jeder Beziehung zumindest gleichstellen müssen.“ [2]

Mit dieser Gleichstellung von „Zigeunern“ mit der von den Nazis für die Vernichtung bestimmten Juden war Portschy zwar nicht allein, aber doch in der Minderheit. Wie Guenter Lewy detailiert herausarbeitet, setzte sich innerhalb des Partei- und Polizeiapparates des nationalsozialistischen Deutschlands eine Gleichstellung von „Zigeunern“ und Juden nie durch. Der Antiziganismus spielte in der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda nie dieselbe Rolle wie ihr Vernichtungsantisemitismus. Lewy arbeitet den Unterschied zwischen NS-„Zigeunerpolitik“ und der NS-„Judenpolitik“ eher in der praktischen Umsetzung der Vernichtung heraus.

Er kann keinen „Vernichtungsplan“ gegenüber „Zigeunern“ als rassisch definierte Gruppe erkennen, sondern sieht die Verfolgung der Roma und Sinti eher als Folge einer chaotischen Politik, in der sich die verschiedenen NS-Stellen und Strömungen zwar auf die Deportation der meisten Roma und Sinti nach Auschwitz einigen konnten, in der ihre anschließende Vernichtung aber noch nicht von Anfang an feststand.

Leider kommt die ideologische Grundlage der unterschiedlichen Behandlung von Roma und Sinti einerseits und Jüdinnen und Juden andererseits in Lewys Werk aber zu kurz.

Dieser unterschiedlichen Politik liegt nämlich letztlich der Unterschied zwischen NS-Rassismus und NS-Antisemitismus zugrunde. Während die Mehrheit des NS-Apparates in den Zigeunern eine „rassisch minderwertige“ Bevölkerung sah, die den „Ariern“ heillos unterlegen war, sah sie in den Jüdinnen und Juden nicht nur eine „minderwertige“ sondern zugleich eine „überwertige Rasse“, von der sie sich bedroht fühlte. Im Gegensatz zu „Zigeunern“ oder anderen als „rassisch minderwertig“ betrachteten Bevölkerungsgruppen, wurde JüdInnen und Juden nicht geistige Beschränktheit, sondern Überintellektualität vorgeworfen. Während „Zigeuner“ und andere „rassisch Minderwertige“ als „primitiv, schmutzig, dumm und arm“ betrachtet wurden, wurde den Jüdinnen und Juden vorgeworfen, sie wären wirtschaftlich erfolgreich und würden als „Finanzkapitalisten“ und „Zinswucherer“ die armen Deutschen ausbeuten, ja nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch erfolgreich die Weltherrschaft anstreben. In ihrem Selbstverständnis sah sich die NSDAP als „nationale Befreiungsbewegung“ gegen ein „allmächtiges Judentum“.

Daraus resultierte letztlich jener Unterschied in der praktischen Politik, den Lewy in seinem Buch detailgetreu herausarbeitet.

Während Jüdinnen und Juden unabhängig von ihrem Verhalten und ihrer Person einer industriellen Massenvernichtung zugeführt wurden und in der Todesfabrik Auschwitz lediglich vernichtet wurden weil sie Jüdinnen und Juden waren, fehlte laut Lewy der NS-„Zigeunerpolitik“ „die fanatische Entschlossenheit, die das mörderische Vorgehen gegen die Juden kennzeichnete. Ganze Kategorien von Zigeunern, wie die“sozial Angepaßten„und die Sesshaften, wurden im Allgemeinen milder behandelt.“ (S 374)

Die Vernichtung der Insassen des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz wird von Lewy schließlich nicht als Teil eines systematischen Plans zu Vernichtung gesehen, sondern eher als eine nationalsozialistische „Problemlösung“. Da die Lagerleitung einerseits den grassierenden Krankheiten nicht Herr werden
konnte und andererseits den Platz für die nach Auschwitz zu deportierenden ungarischen Jüdinnen und Juden benötigte, entschloß sie sich, das Lager aufzulösen, die „Arbeitsfähigen“ in andere Konzentrationslager zu überstellen und Alte, Kranke, Kinder und Schwache zu vergasen.

In dieser weiteren Verschärfung der NS-„Zigeunerpolitik“ hin zur Zwangssterilisierung und schließlich zum Massenmord spielten jedoch wiederum Österreicher eine wichtige Rolle. „Einige Funktionsträger in Österreich hielten die Errichtung von Konzentrationslagern nicht für ausreichend. Nach Meinung des Grazer Staatsanwalts Meissner ging von den Zigeunern eine ernste rassische und wirtschaftliche Gefahr aus, insbesondere im burgenländischen Bezirk Oberwart, wo etwa viertausend von ihnen lebten, die sich angeblich fast ausschließlich mit Betteln und Stehlen über Wasser hielten. Die Zigeuner in Arbeitslager einzusperren sei keine Lösung, schrieb er im Februar 1940 nach Berlin. Sie stellen ein“rassisch minderwertiges„Element dar, das sich rasch vermehre und die übrige Bevölkerung zu vergiften drohe.“ (S 183f)

Die meisten burgenländischen Roma wurden bereits 1938 und 1939 in Konzentrations- oder in Zigeunerlager in Salzburg (Leopoldskron) und Lackenbach deportiert. Von dort wurden jene, die die dortige unmenschliche Behandlung und die Typhus-Epidemie im Lager Lackenbach überlebten, direkt in das Generalgouvernement deportiert. Die österreichischen Roma waren die ersten, die nicht zuletzt auf Drängen der lokalen Bevölkerung nach Lodz und später nach Auschwitz deportiert wurden und schließlich im Gas landeten.

Trotzdem war die Vernichtung der Roma und Sinti nicht so systematisch und industriell angelegt wie jene der Juden.

Lewy legt in seiner Analyse dieser Unterschiede seinen Schwerpunkt aber auf die politische Uneinigkeit der NS-Spitzen, was denn mit den „Zigeunern“ zu geschehen hätte, und führt dieses „Chaos“ letztlich als Hauptgrund für die unterschiedliche Behandlung von „Zigeunern“ und Juden an. Den Grund für die Verfolgung der „Zigeuner“ und „nach Zigeunerart Herumziehenden“ sieht Lewy mehr im nationalsozialistischen Haß gegen „Asoziale“. Die „Zigeuner“ wären hauptsächlich wegen ihrer Lebensweise verfolgt worden und nicht wegen des nationalsozialistischen Rassismus. Obwohl Lewy für diese These die Verfolgung von als deutschstämmig angesehenen „nach Zigeunerart Herumziehenden“, die Nichtdeportation von „sozial Angepaßten“ und den Schutz, den Himmler einigen „reinrassigen Zigeunern“ zukommen ließ, als Belege für diese These anführt, bleiben damit immer noch einige Fragen offen. Die Zwangssterilisationen der „verschonten“ Roma und Sinti, die Politik gegen „Rassenschande“ von „Deutschen“ und „Zigeunern“ und die letztlich doch erfolgte Vernichtung zehntausender „Zigeuner“ in Auschwitz lassen auf eine andere Behandlung von „Zigeunern“ und von den Nationalsozialisten als „asozial“ betrachteten Deutschen schließen. Da auch schwarze Deutsche, die nach dem ersten Weltkrieg aus einer Verbindung deutscher Frauen mit französischen Besatzungssoldaten im Rheinland hervorgegangen sind, zwangssterilisiert wurden, läßt sich hier eher eine Parallelität feststellen. Mir scheint also der Unterschied zwischen der NS-Politik gegen Jüdinnen und Juden einerseits und gegen „Zigeuner“ andererseits eher im Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus zu liegen, als, wie Lewy vermutet, in der Verfolgung der „Zigeuner“ wegen ihrer Lebensweise.

Zudem weisen deutsche Roma- und Sinti-Organisationen zu Recht darauf hin, daß Lewy in seinem Buch Diffamierungen und Vorurteile gegen Roma und Sinti fortschreibe. Mit der Annahme, der NS-Verfolgungspolitik gegen „Zigeuner“ liege eine reale Lebensweise derselben zugrunde und der Erwähnung der „höheren Kriminalitätsrate“ unter „Zigeunern“ ohne auf das Zustandekommen dieser Kriminalitätsraten näher einzugehen, begibt sich Lewy tatsächlich trotz seines gut recherchierten und detailreichen Bandes auf ein gefährliches Terrain. Dazu passt auch die ständige Verwendung des Begriffes „Zigeuner“ ohne Anführungszeichen, ohne sich dazu zu äußern, warum er diesen und nicht den mittlerweile weithin anerkannten Begriff „Roma und Sinti“ verwendet und die kaum in den Kontext passenden und wohl eher aus persönlichen Erfahrungen verfaßten Angriffe auf Opferverbände und Roma- und Sinti-Organisationen in Deutschland.

Trotz dieser Schwächen ist das Buch „“Rückkehr nicht erwünscht„. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich“ meines Wissens nach die umfangreichste und am besten recherchierte bisher erschienene Arbeit zu diesem Thema und wird deshalb wohl als Standardwerk zu betrachten sein.

[1Mangels eines besseren Begriffes wird hier der Begriff „Antiziganismus“ verwendet, obwohl er das von vielen Roma und Sinti als abwertend gesehene Wort „Zigeuner“ enthält. Da ein „Antiziganist“ aber in seinem Haß sich gegen „Zigeuner“ richtet und sicher selten von Roma und Sinti sprechen wird — die BBA stellte mit ihrem Anschlag auf die Roma im Burgenland eine Ausnahme dar als sie an der verwendeten Rohrbombe eine Tafel mit „Roma zurück nach Indien“ plazierte — scheint mir der Begriff im Gegensatz zum Begriff „Zigeuner“, der von Lewy ständig verwendet wird aber vertretbar. In wörtlichen Zitaten aus Lewys Buch habe ich dessen Begrifflichkeit aber natürlich unverändert übernommen. Wenn vom Haß der Nazis gegen die „Zigeuner“ oder von deren Maßnahmen gegen dieselben die Rede ist, habe ich ebenfalls den Begriff „Zigeuner“ verwendet, diesen aber unter Anführungszeichen gesetzt.

[2Portschy, Tobias: Die Zigeunerfrage, Denkschrift des Landeshauptmannes für das Burgenland, Eisenstadt 1938, S6f

Lewy, Guenter:
Rückkehr nicht erwünscht. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich.
Propyläen-Verlag
München, Berlin, 2001

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