Wurzelwerk, Wurzelwerk 23
August
1983

‚radikale‘ Begierden

radikal

Wir sind die,

  • die meinen, daß Informationen und Diskussion zum Widerstand gehören wie Freude und Liebe;
  • die wollen, daß unterdrückte Nachrichten zugänglich gemacht werden; die schonungslos alles kritisieren wollen und uns selbst bis auf die Knochen zerlegen, um uns um so libevoller zu streicheln (klingt das nicht ein bisserl wild, Freunde/innen EM.);
  • die von sozialen Revolutionen und kulturellen Evolutionen träumen;
  • denen rebellierende Vagabunden willkommen, aber Soldaten auch der Revolutionären Armee suspekt sind;
  • die sich für analytische Kopf- und vulkanische Bauchkämpfer mit vulkanischen Kopfschmerzen und analytischen Bauchlandungen halten (wie war das ? bitte noch einmal!)
  • die manchmal arrogante Spezialisten sind, die sich mit einem „wir ham’s ja immer schon gesagt“ schmollend in ihre Kellerlöcher zurückziehen (igitt: das kennen wir!)
  • die bereit sind, immer wieder weiterzulernen und sich auf die Überraschungen des Lebens zu freuen.
radikal

Für reißende Ströme

Mit dem fürchterlichen Sprung des justiziellen Nilpferds in unseren Nacken, der uns wohl mit der Verhaftung der Begründer unserer Zeitungskooperative, Micha und Benny [1] ein Stück mehr in die Knie zwingen sollte, begann eine Öffentlichkeit sich zu regen, an die wir in dieser Breite schon fast nicht mehr geglaubt hatten — selbst das Fernsehen ließ uns, mit dem letzten Titelbild im Hintergrund, ein wenig mediensolidarischee „Kritik“ zuteil werden.

Haupttenor der Öffentlichkeitsarbeit unserer solidarischen Freunde, die zum einen für die Freilassung von Micha und Benny, zum anderen für die Einstellung der Verfahren gegen uns arbeiten, war und ist bis jetzt: Die beiden sind unschuldig, die Verfahren gegen uns sind skandalös und bedrohen die Pressefreiheit. Daß Micha und Benny verhaftet wurden, und damit ein erster direkter Versuch der kleinen Schweinchen von der Justiz (Wieso eigentlich Schweinchen? Welche arme Sau kann sich gegen solche Analogien schon wehren?), unsere sogenannten legalen Strukturen, nämlich die Zeitungskooperative als Herausgeber, einzumachen, gestartet wurde — hatte uns doch ein bißchen verwundert. Für uns stellen sich nach der letzten Staatsäktschn hauptsächlich die Fragen, warum gerade zu diesem Zeitpunkt und wie wir darauf reagieren? Damit also auch die Frage nach Legalität oder Illegalität.

Es gibt einige Ansatzpunkte für die Pigs (Berliner Spezialausdruck für die Chefs der Polit-Macht) zum „Do it now“; greifen wir uns das heraus, was besonders ins Auge sticht: Im letzten dreiviertel Jahr häufen sich die Versuche, Leute, die in irgendeiner Form Gemeinsamkeiten mit militantem Widerstand aufzeigen, schwer einzumachen. Die Pigs bauten in ziemlich kurzer Zeit auf die RZs zum neuen Staatsfeind Nr.1 auf — mit jahrelangem Vorgeplänkel.

Die Methode, mit der diese Angriffe geführt werden — mit ’nem großen Hammer druff und alles plattgehauen — läßt die Handschrift Zimmermanns samt CDU-Gefolge erkennen, die sich dafür lange vorher (noch von der SPD-Regierung) erarbeiteter Strategiepapiere mit Kußhand bedienen.

Grund genug, sich in die Hosen zu scheissen und deshalb eine härtere Gangart zu fahren, hat die Gegenseite allemal. Trotz mannigfaltigen Repressionsinstrumentariums hat sich in den letzten Jahren in vielen Bereichen ein reichlich undurchschaubares Gemisch von Bewegungen und Aktionen entwickelt, welches sich nur schwer erfassen und kanalisieren läßt.

Zum einen hat sich in der Friedensbewegung ein Massenpotential herausgebildet, das, wenn es sich radikalisieren würde, eine ziemlich grundsätzliche (ziemlich oder grundsätzlich?) Gefahr für den Staat und seine Normen wäre — bis jetzt allerdings rennt die Masse der Friedensbewegung brav ihren Protagonisten hinterher. Auf der anderen Seite: Ein Mob kurz- und langhaariger Subkultureller, die das Leben in Freiheit auf der Straße genießen wollen und ab und zu, teilweise massiv, entweder an irgendwelchen Bauzäunen, Betonstreben oder Absperrgittern rütteln, oder etwas direkter mit Steinen bzw. explosiven Präsenten in allen möglichen Bereichen repräsentative Pigs angreifen (da kann was nicht stimmen, Freunde/innen: angegriffen werden nicht die Pigs, sondern deren institutionalisierte Symbole!). Dabei war und ist die Kontinuität dieses blühnden Sumpfes hauptsächlich durch seine Undurchschaubarkeit garantiert — eben die fehlenden Fahndungserfolge gerade bei den RZs und den Gruppen, die mit verschiedenen Namen nächtliches Glück in bestimmte Stuben tragen, versuchen die Bullen mit massivem Draufhauen in den Griff zu kriegen. In letzter Zeit müssen sie nun stärker ihre Muskeln spielen lassen, um sich und uns weismachen zu können, daß sie es bis zum zu erwartenden heißen Herbst (83, für den die Alternativbewegungen umfassende Protestaktionen gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluß angekündigt haben) doch noch schaffen werden, diesen Dschungel zu roden, die bestehenden Strömungen zu kanalisieren und alle möglichen phantasievollen Aktionen zu unterbinden.

Gelingt es den Pigs allerdings, uns in Spezialistengrüppchen zu erfassen und von den Massenbewegungen (Friedens-, Anti-Akw-Bewegung usw.) abzuspalten, um gleichzeitig auch eine weitere Radikalisierung dieser Massen zu unterbinden, so dürften sie ziemlich gewonnen haben. Aber, wie gesagt, es sieht gar nicht so gut für die Herrschenden aus, bisher haben sie nicht viel verhindern können.

Ein Hebel den sie ansetzen, ist der, Nachrichten und Diskussionen über subversiven Widerstand zu unterbinden. Insofern war es klar, daß sie uns bald aufs Korn nehmen würden. Unser Selbstverständnis als Zeitung von und für unkontrollierte Bewegungen (zumindest verstehen wir uns als Teil der selben) ist es ja, ein Schnittpunkt im Informationsfluß zu sein, wobei wir gerade immer die Diskussionen über alle möglichen Formen und Inhalte grundsätzlichen Basiswiderstands mitführten, die von den bürgerlichen Medien sowieso, aber auch von diversen Alternativzeitungen häufig unterdrückt wurden — gerade hinsichtlich des militanten Widerstands, z.B. der RZs.

Wir machen also unsere Zeitung, um dieses unkontrollierbare Gebräu von Widerstand und Subkultur weiterbrodeln zu lassen und etwas lebensnotwendiges zu garantieren — das Führen von Diskussionen und den Austausch von Informationen darüber. Daß wir damit zwangsläufig mit einem Bein in der paragraphischen Illegalität stehen, war nicht nur uns schon länger klar: Hatte die Bewegung nicht schon vor einigen Jahren dem Schweinesystem ein „legal-illegal-scheißegal“ ins Antlitz geschleudert?

Für uns beantwortet sich die Frage von legal oder illegal nach dem Verhältnis von uns zur Bewegung, wobei wir wohl oft zu schnell Entwicklungen auseinanderpflückten oder ne dicke Lippe riskierten. Jedenfalls haben wir nicht vor, als isolierte Untergrundzeitung dahinzuvegetieren um uns mit unseren eigenen Einfällen zu laben — irgendwann zu langweilen.

Das „radikal“ kann nur existieren als Bindeglied und als Verbreitungsmöglichkeit der beschriebenen Diskussionen. Ohne immerwiederkehrende Ansätze, sich und die vorhandenen Strukturen und Aktionen zu reflektieren, damit beweglich zu halten und wenn nötig etwas Neues zu schaffen, kann die Bewegung und damit als Bestandteil dieser, auch wir einpacken. Daß wir selbst öfters diesem Anspruch nicht gerecht wurden, indem wir Beiträge aus der Szene mit einem arroganten Lächeln als alten Kaffe abtaten, hat sicherlich auch zu unserer teilweisen Abschottung beigetragen. Auch — denn auf der anderen Seite ist gerade in letzter Zeit das Verhältnis von uns, die wir Disküssionen aufgreifen, zu anderen die Artikel oder Beiträge an uns herantragen, sehr „radikal“-lastig bestimmt.

Einerseits sind wohl die Kriterien, nach denen wir bestimmen, was in die Zeitung reinkommt und was nicht, zu unklar — wobei schon ein bißchen Chaos dazugehört, um einen tanzenden Bären zu gebären. Fatal wäre es, dabei eine Einheitlichkeit des Redaktionskollektivs vorauszusetzen. Neben dem „Sektsaufen und die Zeit intensiv zu verplempern“ fliegen bei uns genauso oft die Fetzen — wäre ja auch merkwürdig, wenn nicht, gelle?

Andererseits ist die Konsumhaltung in der Szene auch recht ausgeprägt — es ist halt einfacher, nur in der Kneipe beim Bierchen uns zu kritisieren, anstatt was dazu zu schreiben.

Eine Isolation der Zeitung kann gerade durch so ein einseitiges Verhältnis entstehen: Wir produzieren, die Bewegung konsumiert bzw. Kritik bleibt aus. Unser Floß kann nur dann treiben, wenn der Wind und das Wasser dazu da sind. D.h. wir müssen unsere inhaltlichen Kriterien klarer nach außen tragen — und unsere Priesterkutte gegen leichtere Klamotten eintauschen. Die Szene sollte klarmachen, ob sie uns als Diskussionsforum weiter braucht und vor allem wie. Was die Krümünalisierung anbetrifft, so fühlen wir uns — sowohl in als auch außerhalb unseres geschätzten Käseblattes — noch reichlich bemüßigt, folgende, wenn auch altbekannte dennoch delikate Grußbotschaft an alle Pigs dieser verdammten Erde zu richten: Ein Lachen wird es sein, das euch beerdigt!

radikal

[1Benny Härlin und Michael Klöckner; beide sitzen derzeit ein in Alt-Moabit 12a, 1000 Berlin-West 21, Buchnummern 2809/83 bzw. 2810/ 83. Sie hoffen auf zahlreiche Briefe und Geldspenden für die Gerichtskosten („Sonderkonto zur Unterstützung der wegen ‚radikal‘ Angeklagten — Ute Fichtel“; Sparkasse der Stadt Berlin (W), BLZ 100 500 00, Kto-Nr.: 0610 13 9053).

„Radikal — Zeitschrift für Freiheit und Abenteuer“; Jahres-Abo: 36 DM (nur gegen Vorauszahlung an „Zeitungskooperative e.V.“, Sonderkonto „Radikal“, 1000 Berlin-West 36, Eisenbahnstr. 4, Postscheckamt Berlin (W), Kto.-Nr. 403-102)

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