Café Critique, Jahr 2006
Juli
2006

Schlußstrich von links

Tony Judt und die Europäisierung der deutschen Ideologie

Wir dürfen nicht müde werden zu drängen, diese große breite Volksbewegung zur Vereinigung Europas zu schaffen, das mehr sein muß als ein Europa von Kommissionen, als ein Europa von Administrationen, als ein Europa von Regierenden oder von Staaten, das ein Europa der Völker werden muß.

Herbert Wehner, 1963 [1]

In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass es der politischen Klasse offenbar nicht mehr ausreicht, Europa als ökonomisches Zweckbündnis von – im Weltmaßstab gesehen – räumlich dicht aneinander gedrängten Nationalstaaten zu verstehen, sondern dass es auch mit einer kollektiven europäischen Identität unterfüttert werden soll. Dies schlug sich etwa in dem bislang gescheiterten Versuch nieder, eine europäische Verfassung zu etablieren. Bekanntlich verbindet nichts unterschiedliche und sich teilweise widersprechende Interessen besser als ein gemeinsamer Feind. Daher ist Europa, was die USA angeblich nicht sind: sozial, pazifistisch, ökologisch. Doch der Antiamerikanismus allein reicht nicht aus, um daraus eine europäische Identität zu bilden, weil zu dieser – das lehrt die Geschichte der Nationalstaatenbildung – notwendig ein gemeinsames Geschichtsbild gehört. Dieses darf das heutige Europa nicht als das darstellen, was es ist, nämlich ein einigermaßen beliebig zustande gekommener Zusammenschluß, sondern muss es als geheimnisvolles Ereignis, kurz: als Schicksal mystifizieren.

Bislang allerdings sieht das Geschichtsverständnis in den verschiedenen europäischen Staaten eben auch äußerst verschieden aus, gerade hinsichtlich des Nationalsozialismus. Während es Deutschen durchaus passieren kann, dass sie in der Londoner U-Bahn mit einem ironischen „Heil Hitler!“ und großem „Hallo“ verhöhnt werden, kann ein Urlaub etwa in Kroatien durchaus dazu führen, dass ihnen von einem Einheimischen anerkennend auf die Schulter geklopft und ein „Hitler gut!“ ins Ohr gesäuselt wird. Eine immer wieder peinliche Szene für den aufgeklärten und geläuterten Urlauber: Gerade den Gutdeutschen, die mittlerweile mit stolz geschwellter Brust deutlich gemacht haben, dass sie Tabellenführer im Wettkampf der Vergangenheitsbewältiger sind, bleibt als mögliche Reaktion nur betretenes Schweigen oder lautstarke, aber zumeist vergebliche Distanzierung.

Der Nationalsozialismus und der mit ihm unauflösbar verbundene Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Deutschen stellen also offenbar das Haupthindernis für die gewünschte kollektive Identität dar. Genau deshalb muss der Nationalsozialismus zu einem Schicksalsereignis verdunkelt werden, das die Abstraktion von konkreten Tätern und Opfern voraussetzt. Einer, der diesen Job skrupellos und in flüssigem Plauerderton erledigt, ist Tony Judt.

Europa, das Opfer

Judt, 1948 in London geboren und seit 1995 Erich-Maria-Remarque-Professor für Europäische Studien in New York, gilt als Koryphäe der europäischen Geschichtswissenschaften. Sein soeben erschienenes 1.000-Seiten-Konvolut Geschichte Europas. Von 1945 bis zur Gegenwart wird von links bis rechts gelobt [3] und das keineswegs nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien. [4] Der Grund liegt nicht etwa darin, dass Judt eine durchaus lesbare, faktenreiche, aber nicht zu detailversessene europäische Nachkriegsgeschichte verfasst hat, sondern darin, dass er exakt das schreibt, was die Europäer hören wollen. Es ist keineswegs ein Zufall, dass Judt seine europäische Geschichte erst 1945 beginnen lässt. Zwar widmet sich das erste Kapitel auf vielerlei Weise den Folgen des Zweiten Weltkrieges, der Nationalsozialismus selbst bleibt aber unerklärt und auch weitestgehend unbehandelt. Taucht er doch auf, dann lediglich als Privatunternehmen Hitlers, der „mit tätiger Unterstützung diverser Kollaborateure“ (S. 24) Europa in Schutt und Asche gelegt habe. Über den seitenlangen Auflistungen der Toten und Flüchtlinge, die der Krieg produziert hatte, bleibt die Motivation für diesen Krieg, der Wahn der Deutschen, unerwähnt. Es liegt so etwas wie ein mythisches Tuch über dem Nationalsozialismus, der zwar die Einigung Europas in gewisser Weise erst möglich gemacht habe („Der Erste Weltkrieg zerstörte das alte Europa, der Zweite schuf die Bedingungen für ein neues.“ S. 21), aber letztendlich als europäisches Schicksal erscheint. Es gibt keine eindeutig zu identifizierenden Täter, sondern nur Opfer. Nicht die Deutschen haben Massenvernichtung und totalen Krieg durchgeführt, sondern der Krieg war eine „Katastrophe, in die Europa sich gestürzt hatte“. (S. 19) Folglich bedauert Judt, dass „meist nur von der Vernichtung der Juden durch Deutsche gesprochen“ wurde und „andere Täter – und andere Opfer – unerwähnt“ geblieben seien. (S. 24) Worum es geht, ist, den Zweiten Weltkrieg als ein über Europa hereinbrechendes Chaos darzustellen, in dem überhaupt nicht mehr auszumachen ist, wer Täter und wer Opfer ist. So bleibt nur ein Opfer übrig: Europa.

Deshalb freut sich Judt, dass „erstmals (!) das Leid der Deutschen im Mittelpunkt“ stehe, „die Opfer britischer Luftangriffe, russischer Soldaten, tschechischer Vertreibung wurden“. (S. 25) Es sei normal, dass „nun auch die Deutschen das Recht für sich in Anspruch nehmen, den offiziellen Gedenkkanon in Frage zu stellen.“ (S. 25) Das sei „eine Art Abschluß“, die „Nachkriegszeit“, so Judt, „dauerte sehr lange, aber nun wird sie endlich abgeschlossen.“ (S. 25) Und es ist nicht so, dass Judt den Deutschen bei diesem Schlussstrich nicht helfen wollte. Deswegen erklärt er, die Kriegsführung der Deutschen sei zwar schlimm gewesen, „doch die größten materiellen Zerstörungen verursachten die beispiellosen Luftangriffe der Westalliierten in den Jahren 1944 und 1945 und der unerbittliche Vormarsch der Roten Armee nach Westen. Die französischen Hafenstädte Royan, Le Havre und Caen wurden von der US-Luftwaffe zerstört. Hamburg, Köln, Düsseldorf, Dresden und Dutzende anderer deutscher Städte wurden von britischen und amerikanischen Bombern in Schutt und Asche gelegt. Minsk war bei Kriegsende zu 80 Prozent zerstört, Kiew bestand nur noch aus rauchenden Trümmern. Warschau wurde im Herbst 1944 von der abziehenden Wehrmacht systematisch zerstört, Haus für Haus, Straße für Straße. Als der Krieg in Europa zu Ende war (…), war die deutsche Hauptstadt eine einzige Trümmerwüste.“ (S. 32)

Es fällt auf, dass Judt im Gegensatz zu den Ideologen älteren Schlages nicht unbedingt die Alliierten als die eigentlichen Täter darstellen will, sondern dass es ihm darum geht, die eindeutige Identifizierung eines Täters überhaupt zu verunmöglichen. Deshalb unterschlägt er Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion und mischt salopp die deutsche Zerstörung Warschaus in die Aufzählung alliierter „Kriegsverbrechen“. Deutschland ist Kern des neuen Europas, deshalb muss es von seiner Vergangenheit entlastet werden. Dazu gehört auch, dass die Zerstörung Minsks und Kiews allein den Sowjets angelastet wird und der Kontext des deutschen totalen Krieges gegen die Sowjetunion und deren Verteidigung gegen die Deutschen ausgeblendet wird.

Auschwitz als europäischer Gründungsakt

Entscheidend aber ist etwas anderes: Der Holocaust kommt in Judts Buch nicht vor. Das heißt: fast. Während auf den ersten 900 Seiten der Holocaust etwa zehn Mal erwähnt wird – jedoch nie thematisiert wird, was genau in Auschwitz geschehen ist; und Judt sich damit zufrieden gibt, an einer Stelle die Zahl von 5,7 Millionen ermordeten Juden im Zusammenhang einer Gesamtaufstellung von Kriegstoten zu erwähnen (S. 34) – taucht Auschwitz im Epilog Erinnerungen aus dem Totenhaus. Ein Versuch über das moderne Gedächtnis auf nur dreißig Seiten mitsamt seiner Surrogate wie „Holocaust“, „Shoa“ oder „Vernichtung der Juden“ etwa 40 Mal auf. Das ist kein Zufall, geht es doch um die ideologische Grundlegung Europas. Denn „jeder, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich Europäer werden will“, müsse „zunächst ein neues und weit bedrückenderes Erbe auf sich nehmen“. Heute sei „die einschlägige europäische Bezugsgröße nicht die Taufe [wie noch zu Zeiten Heinrich Heines, PL], sondern die Vernichtung. Die Anerkennung des Holocaust ist zur europäischen Eintrittskarte geworden.“ (S. 933) In Abgrenzung zum Holocaust definiert sich Europa, „die wieder entdeckte Erinnerung an Europas tote Juden“ sei „Definition und Garantie für die wiedergefundene Humanität des Kontinents.“ (S. 934) Die Erinnerung an die toten Juden ist das einzige, was europäische Identität stiften kann: „Wenn wir uns in kommenden Jahren erinnern möchten, warum es so wichtig war, ein bestimmtes Europa aus den Krematorien von Auschwitz zu bauen, kann uns nur die Geschichte helfen.“ (S. 966)

Judt ist auch hier bemüht, die deutsche Verantwortlichkeit aufzuweichen und zwar unter Verweis auf die europäischen Kollaborateure. Deshalb nimmt die Erörterung der Kollaboration so breiten Raum im Buch ein, weil ansonsten der Holocaust nicht zum gesamteuropäischen Gründungsakt erkoren werden könnte. Doch Auschwitz bleibt trotz aller im Epilog aufgelisteten Fakten dunkel, beziehungsweise: so, wie Judt die Fakten präsentiert und kontextualisiert, muß es als Phantom erscheinen. Von „den Vorstellungen einiger hochrangiger Nazis abgesehen“ sei es „im Zweiten Weltkrieg (…)nicht um die Juden“ gegangen (S. 954). Judenvernichtung ohne Antisemitismus? Wie passt das zusammen? Einerseits soll Auschwitz den Grundstein des neuen Europas gelegt haben, andererseits war es nur ein Nebenaspekt? Solche Widersprüche nimmt Judt in Kauf, weil es ihm nicht darauf ankommt, was geschah und warum, sondern darauf, was für „unsere“ Identität von Bedeutung ist, was also die Gemeinschaft stärkt. Er ist ein klassischer Ideologe, der sogar selbst zugibt, dass er gar keine „titanische Distanz“ zum Gegenstand anstrebt. (S. 11).

Tote statt lebendiger Juden

Wenn feststeht, dass die Erinnerung an die toten Juden Europa zusammenhält, dann müssen lebendige Juden notwendig als Störfaktor erscheinen. Sie, die dem Holocaust auf die eine oder andere Weise entkommen sind oder ihn überlebten, gründeten den Staat Israel; nicht nur, um nicht noch einmal in die Situation zu geraten, sich nicht verteidigen zu können, sondern allein deshalb, weil nach dem 8. Mai 1945 „die Schwierigkeit“ bestand, überhaupt „einen Ort für die überlebenden Juden zu finden“ (S. 49). Bei allem Verständnis, das Judt für die Gründung des jüdischen Staates in der Stunde der Not aufbringt, er kann sich doch nicht damit abfinden, dass Israel tatsächlich bestehen blieb und bleibt. Denn laut Judt besteht das Problem darin, dass „dieser Staat ein verspätetes Gebilde ist. Er hat ein typisches

separatistisches Projekt des späten 19. Jahrhunderts in eine Welt importiert, die sich weiterentwickelt hat – in eine Welt der Menschenrechte, der offenen Grenzen und des Völkerrechts.“ (Judt 2003) „Die Idee eines ‚jüdischen Staates an sich‘, so Judt weiter, „hat ihre Wurzeln in einer anderen Epoche und in einer anderen Region. Israel ist, kurz gesagt, ein Anachronismus.“ (Ebd.) Wenn Israel nicht mehr in die Epoche der Menschenrechte passt, wenn es tatsächlich anachronistisch ist, dann muss es verschwinden. Judt, der sich von Finkelstein und Avnery dadurch unterscheidet, dass er nicht als radikaler und durchgeknallter Verrückter gilt, sondern als seriöser Wissenschaftler, kann deshalb wesentlich leichter jene letzte Konsequenz ziehen. Während etwa Uri Avnery immer noch an der Zweistaatenlösung festhält, fordert Judt ganz offen die Zerstörung Israels. Heute sei es für eine Zweistaatenlösung „zu spät“. „Wie aber“, fragt Judt mit einem Augenzwinkern, „wenn es in der heutigen Welt für einen

‚jüdischen Staat‘ keinen Platz mehr gäbe?“ (Ebd.) Der Gedanke, dass der jüdische Staat verschwinden muss, sei „durchaus nicht abwegig“, denn alle Nationen seien mittlerweile, im Zuge der Globalisierung, „pluralistische Staaten mit multiethnischen und multikulturellen Zügen“ (Ebd.) – wie Israel auch. Mit dem einzigen Unterschied, dass „es ein jüdischer Staat ist, in dem sich eine Volksgruppe – eben die jüdische – über die anderen erhoben hat. Obwohl heute für einen solchen Staat eigentlich kein Platz mehr ist.“ (Ebd.) Echte Apartheid also. Konsequenterweise spricht Judt über die palästinensischen Autonomiegebiete als „Bantustans“ und geißelt die israelische Regierung als „Faschisten“.

So etwas gefällt auch deutschen Freunden toter Juden. Deshalb ist Judt nicht nur ein gern gesehener Interviewpartner der Süddeutschen Zeitung – jährlich einmal wird er zum Gespräch gebeten –, sondern darf auch einen Beitrag in dem berüchtigten Antisemitismus-Diskurs-Band bei Suhrkamp beisteuern. [5] Dort breitet Judt, der durchaus bereitwillig die Funktion eines Alibi-Juden einnimmt, [6] seine antizionistische Unterscheidung von Antisemitismus und Antizionismus aus. Wie Judith Butler und andere linksliberale Sprechautomaten behandelt er den Antisemitismus als ein „Scheinproblem“ (Judt 2004, S. 44). Es sei schließlich, so Judt, der ganz tief in der Ressentimentkiste des traditionellen Antisemitismus gekramt hat, „die Politik der israelischen Regierung (…), die weitverbreitete antijüdische Gefühle in Europa und anderswo hervorgerufen hat.“ (S. 49)Zwar gebe es auch Antisemiten unter „Israels härtesten Kritikern“, aber man könne nun mal „nicht verhindern, dass Leute aus falschen Gründen recht haben.“ (S. 50) Wenn also beispielsweise arabische Antisemiten, die Die Protokolle der Wissen von Zion für ein authentisches Dokument jüdischer Weltherrschaftspläne halten, zum Mord an Juden aufrufen, dann haben sie in Judts „Logik“ – wenn auch „aus falschen Gründen“ – recht. Mit demselben Argument könnte man den Nazi-Spruch „Die Juden sind unser Unglück“ rechtfertigen, weil es ja eigentlich nur eine falsch motivierte Kritik am Finanzkapital gewesen sei.

Ein Dorn im Auge Europas

Für Judt ist erst dann eine Lösung des Nahostkonfliktes möglich, wenn „Deutsche, Franzosen und andere Israel ohne schlechtes Gewissen verurteilen und ihrem muslimischen Mitbürger ins Gesicht schauen können“ (S. 50). Dass diese Lösung davon abhängt, dass die Europäer Israel „verurteilen“, d.h. zum Schuldigen erklären, zeigt, dass Israel einen Dorn im Auge Europas darstellt. Dies ist der Grund für die merkwürdige Obsession, mit der Judt in Interviews wieder und wieder auf Israel eindrischt und in seinen antizionistischen Ausfällen keine Grenzen kennt. Weil die europäische Ideologie Auschwitz zwar als gemeinsam begangene Schicksalstat begreift, der Massenmord an den Juden als konkreter Inhalt dieser Tat aber nicht thematisiert wird, kehrt das Bewusstsein dieses Massenmordes dann als nagendes Schuldgefühl zurück, das projektiv gegen Israel gekehrt werden muss, wenn Juden um ihr Überleben kämpfen. Die Israelis haben sich nicht mit dem für sie von den Antisemiten vorgesehenen Schicksal abgefunden, sondern erwehren sich ihrer Feinde. Die überlebenden Juden und ihre Nachfahren dementieren durch ihre bloße Existenz, dass die Vergangenheit abgeschlossen ist; sie verhindern, dass Europa das ihm zugrunde liegende Verbrechen „entjudet“ und mit sich selbst ins Reine kommt. Nur wenn die jüdischen Opfer unterschlagen werden, ist es möglich, dass Europa quasi im Alleingang die Vergangenheit entschärft und sie zum fern zurückliegenden, täterlosen Ereignis, von dem heute nur noch Sagen künden, verbiegt.

Insofern bilden Europa und Israel den äußersten Gegensatz, sie stehen für ein sich fundamental widersprechendes Geschichtsverständnis und folglich auch für eine diametral entgegen gesetzte Wahrnehmung der Gegenwart. Das äußert sich etwa darin, dass die Deutschen während des Libanonkrieges, also in einer Situation, in der israelische Soldaten ihr Leben für die Sicherheit des Staates aufs Spiel setzten, nichts anderes zu diskutieren hatten als die Frage, ob die Bundeswehr denn nun mit Hinblick auf die Vergangenheit im Nahen Osten tätig werden dürfe oder nicht. Es wurde die Frage erörtert, ob man nicht die Situation vermeiden müsse, in der deutsche Soldaten gezwungen sein könnten, auf israelische zu schießen. Doch dieses Horrorszenario entsprang wohl eher verdrängtem Wunschdenken als einer realen Möglichkeit – schließlich sollte die Bundeswehr ursprünglich ja mal zur Entwaffnung der Hisbollah in den Einsatz ziehen. Die Israelis jedenfalls scherten sich um derlei Fragen nicht weiter. Sie wissen, dass die unmittelbare Bedrohung derzeit nicht von deutschen Demokraten ausgeht, sondern von arabischen Nazis und dass sie jeden Verbündeten gebrauchen können. Hätten die Deutschen diesem Ziel – der Entwaffnung der Hisbollah – also genützt, sie hätten keine Bedenken gehabt.

Doch gerade aus der Tatsache, dass die Deutschen vor jede außenpolitische Entscheidung das Passepartout der Vergangenheit schieben, resultiert der deutsche Führungsanspruch in Europa. Sie haben aus der Vergangenheit gelernt und sind mühsam dabei, diese Lehren ihren Nachbarn beizubiegen. Dass der Antizionismus auf regierungsoffizieller Ebene mitunter in anderen europäischen Staaten heftiger ausfällt als etwa beim Duo Merkel/Steinmeier, liegt daran, dass noch nicht alle Europäer die korrekte Sprache sicher beherrschen. Das ändert jedoch nichts daran, dass die konkrete europäische Nahostpolitik längst eine Sprache spricht: So sind die Europäer gerade dabei, der Hisbollah auch weiterhin den Waffenschmuggel zu ermöglichen und gleichzeitig Israel eine erneute Intervention zu erschweren.

Ein deutsches Europa

Auch für Judt ist klar, dass „Europa dringend auf eine deutsche Führungsrolle angewiesen ist, vor allem nach dem Einknicken Frankreichs als quasi natürliche Leitnation Europas.“ (SZ, 7.12.05) Denn: „Wen gibt es in Europa im Moment außer Deutschland, das den alten Kontinent zu einem wichtigen Faktor in den internationalen Debatten machen könnte?“ (Ebd.) Großbritannien unter Blairs Führung habe den Fehler gemacht, sich dem Bruch mit den USA zu verweigern. Nur Deutschland käme also nach dem Niedergang Frankreichs als Leitwolf der EU in Betracht. Dass es überhaupt einer solchen Führung bedarf, erklärt sich daraus, dass Judt Europa als „Gegensouverän“ (Dahlmann) zu den USA, die zweifellos die Schutzmacht Israels sind, versteht. Europa müsse sich vom amerikanischen Einfluss lösen, sonst könne es nicht nur nicht als ehrlicher Makler im Nahen Osten auftreten, sondern auch das innere Gefüge der europäischen Gesellschaft(en) sei von der „Amerikanisierung“ bedroht. Die Ausrichtung am amerikanischen Vorbild, die in „mehr Individualismus, mehr Initiative und auch besseren individuellen Chancen der wirtschaftlichen Entfaltung und der sozialen Mobilität“ bestehe, zeige auch negative Seiten: „steigende Kriminalitätsraten und das Schwinden des Gemeinschaftsgefühls“. (Ebd.) Dem hält er den europäischen Sozialstaat entgegen, der „die enorm wichtige Funktion“ habe, „die Mittelschichten mit der Arbeiterschaft zu verschweißen. Die Vorteile für die Arbeiter liegen ja auf der Hand. Aber für die Mittelschichten war der Sozialstaat in vielen Aspekten sogar noch wichtiger, weil sie nicht mehr für Bildung, Gesundheit und öffentliche Dienste bezahlen mussten und so eine Kaufkraft entwickelten, die ihnen erlaubte, sich Urlaubsreisen und Luxusgüter zu leisten. Das war auch der Grund, warum es Margaret Thatcher nie geschafft hat, das Gesundheitswesen oder den Nahverkehr so weit zu privatisieren, wie sie das eigentlich wollte, weil der durchschnittliche konservative Wähler vom Sozialstaat genauso abhängig ist wie der typische Wähler der Labour-Partei.“ (Ebd.)

Alle Bürger befinden sich also in gleicher Abhängigkeit vom Staat. Die Autonomie, die sich in einer bürgerlichen Gesellschaft ausschließlich über den Markt vermittelt, wird eingeschmolzen zugunsten einer totalen Identifikation mit der Gemeinschaft, die dem Einzelnen immer seltener materielles Wohlergehen schafft, dafür aber das Ausagieren pathischer Projektionen im Zeichen einer europäischen „Friedenspolitik“. Die vielgelobte Sicherheit des Sozialstaates, die diese Aggressionen aus sich selbst hervorbringt, ist gerade nicht die des halbwegs gesicherten Einkommens, sondern die einer stillgelegten Gesellschaft. Stillgelegt wie immer mehr ihrer Bürger, für die die unmittelbare Staatsabhängigkeit zur einzigen Perspektive wird. Und das, in einem Wort, ist: Europa.

[1Zitiert nach Franz Müntefering, Sozialstaat und europäische Union, Vortrag anlässlich der Konferenz „Sozialpolitik europäisch denken – Das Europäische Sozialmodell als Handlungsrahmen nationaler Sozialpolitiken“ der Friedrich-Ebert-Stiftung am 29.05.06 in Berlin.www.fes.de/aspol/docs/20060529Muentefering.pdf.

[2Zitiert nach Franz Müntefering, Sozialstaat und europäische Union, Vortrag anlässlich der Konferenz „Sozialpolitik europäisch denken – Das Europäische Sozialmodell als Handlungsrahmen nationaler Sozialpolitiken“ der Friedrich-Ebert-Stiftung am 29.05.06 in Berlin.www.fes.de/aspol/docs/20060529Muentefering.pdf.

[3Die FAZ (4.10.06) nennt das Buch eine „große Gelehrtenleistung“ und einen „wichtigen Beitrag zur Geschichte Europas“, Die Zeit (28.9.06) hält es für eine „meisterliche Synthese“ und in der Welt (19.8.06) kürte Hannes Stein das Buch – trotz leicht anklingender Kritik – gar zum „Buch der Woche“.

[4Der Guardian (3.12.05) schreibt: „This is history-writing with a human face, as well as with brainpower.“ Die US-amerikanische Washington Times (26.2.06) nennt Judt „eminently readable, learned and topical“, sein Buch sei „a fascinating history“. Es wurde sogar für den Pulitzer Preis 2006 im Bereich „Non-fiction“ nominiert.

[5Vgl. Sören Pünjer, Europäischer common sense gegen Israel, in: Bahamas Nr. 49/2006.

[6Ähnlich wie Uri Avnery verleiht ihm gerade die Tatsache, dass er als Jugendlicher in der zionistischen Bewegung aktiv war besondere Authentizität.

zuerst erschienen in: Bahamas, Nr. 51, 2006/07

Literatur:

  • Judt, Tony, Geschichte Europas. Von 1945 bis zur Gegenwart, München – Wien 2006
  • Judt, Tony, Zur Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus, in: Doron Rabinovici / Ulrich Speck / Natan Sznaider (Hg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt a. M. 2004
  • Judt, Tony, Israel: Die Alternative, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2003, http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=1685

Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart ist ein Buch (Originaltitel: Postwar: A History of Europe Since 1945) des britischen Historikers Tony Judt. Es bietet eine Übersicht der Nachkriegsgeschichte Europas aus der Perspektive der von 1989 bis 2005 veränderten europäischen Gesamtsituation. Der Book Review der New York Times zählt es zu den zehn besten Büchern aus dem Jahr 2005. Es erhielt 2006 den Arthur Ross Book Award als bestes Buch zur internationalen Politik.[1] In Deutschland wählte die Jury von H-Soz-u-Kult das Werk zum besten historischen Buch 2006 in der Kategorie Europäische Geschichte.[2]

Hauptentwicklungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl Judt betont, dass er kein übergreifendes Thema und keine geschlossene Geschichte präsentiere, arbeitet er klar einige große Linien heraus.

  • Die Zeit von 1945 bis 2005 war ein politischer Niedergang Europas. Die meisten Staaten waren durch ihre Niederlage gedemütigt (entweder die Niederlage gegenüber Hitlerdeutschland oder die gegen die Anti-Hitler-Koalition). Die einzigen europäischen Siegerstaaten von 1945, Großbritannien und die Sowjetunion, gehörten zum einen nach ihrem Selbstverständnis nur halb zu Europa und verloren zum anderen entscheidend an Gewicht. Großbritannien schon am Anfang des Zeitraums durch seine wirtschaftliche Dauerkrise[3] und den Verlust des Empire, die Sowjetunion mit ihrem Auseinanderfallen.
  • Die Nachkriegsjahrzehnte sind zugleich auch die Jahre, die für Westeuropa einen lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung und eine deutliche Verbesserung des Lebensstandards brachten (etwa das Wirtschaftswunder in Westdeutschland, das miracolo economico in Italien, die trente glorieuses in Frankreich, die society of success in Großbritannien), die allerdings später einsetzten als allgemein geglaubt.[4] Ein breiter Massenwohlstand, Massenmobilisierung und der Siegeszug des Fernsehens charakterisieren die 1960er Jahre, die moderne Konsumgesellschaft breitete sich aus. Gerade die Struktur ländlicher Gebiete, die 1945 teilweise noch in vormodernen Zuständen verhaftet waren (etwa Süditalien), wandelte sich schlagartig.[5] Zugleich brachten diese Entwicklungen mit einem gewissen zeitlichen Abstand fundamentale kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen mit sich, etwa im Verhältnis der Generationen, der Geschlechter, der Bedeutung der Religion etc.[6]
  • Die großen Fortschrittstheorien des 19. Jahrhunderts verblassten in Europa. Im Westen kam es zum „Erlahmen politischer Leidenschaften“, im Osten zur „Diskreditierung des offiziellen Marxismus“.[7]
  • Als „bescheidener Ersatz“ für den aufgegebenen Ehrgeiz des 19. Jahrhunderts trat das „Modell Europa“ als „spezifisch europäischer Weg zur Gestaltung der sozialen Verhältnisse in den einzelnen Ländern und den zwischenstaatlichen Beziehungen“.[7] Dabei schätzt Judt die Tatsache, dass nach 1945 überhaupt der Aufbau gelang, als mindestens gleichbedeutend ein wie die darauf folgende europäische Einigung.[8]
  • Die Amerikanisierung Europas in den 1950er und 1960er Jahren wird überschätzt. Auch erlebten sie den Kalten Krieg als weniger bedrohlich als die USA. Zwar wünschten sich die Westeuropäer Schutz, doch nahmen sie ihren eigenen Machtverlust den USA übel. Die Bewertung der kulturellen Veränderungen, die von den USA ausgingen, war vor allem eine Frage des Alters: Die ältere Generation, gleich welcher politischen Ausrichtung, sah sie als Bedrohung der europäischen Identität und Tradition, die jüngere als Zugewinn an Freiheit und Selbständigkeit. Die Amerikanisierung, die bereits in der Zwischenkriegszeit begonnen hatte, setzte sich erst mit dem folgenden Generationswechsel durch.
  • Europa wurde 1945 durch Grenzverschiebungen, Vertreibungen und Völkermord ethnisch homogener. Als einzige Vielvölkerstaaten blieben Sowjetunion und Jugoslawien zurück. Doch seit den 1980er Jahren wird es wieder multikultureller. „Seit 1989 ist klarer geworden, in welchem Maß die Stabilität Nachkriegseuropas auf den Taten Stalins und Hitlers beruhte.“[9] – Andererseits ist nach Judt die Ablehnung von Völkermord zu einem durchgängigen Charakteristikum geworden,[10] und deshalb wird sich die Leugnung des Völkermords an den Armeniern durch die Türkei „als Hindernis für ihren EU-Beitritt erweisen“.[11]

Engere Thematiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die aus deutscher Sicht wohl bemerkenswerteste These des Buches ist, dass das deutsche Wirtschaftswunder auf die wirtschaftliche Gesundung in den 1930er Jahren und die Schulung vieler deutscher Manager in der NS-Bürokratie gegründet sei.[12]

Als wichtigstes Ergebnis der 1960er Jahre sieht Judt die Erkenntnis, dass der Kommunismus nicht reformierbar war.[13] Demgegenüber scheinen ihm die praktischen Errungenschaften nicht sehr wesentlich. Doch stellt er auch fest: In den Sphären des gesellschaftlichen Lebens war die Autorität erloschen.[14] In beiden Hälften des Kontinents habe die „endgültige Abkehr von politischen Ideologien“ stattgefunden. „Ein 180jähriger Zyklus ideologischer Politik in Europa ging zu Ende.“[14]

Die Säulen der „Meistererzählung“ vom Sozialismus sind nach Judt zerbröckelt, weil sich im Osten der Kommunismus in Prag 1968, in der chinesischen Kulturrevolution und schließlich im Genozid in Kambodscha als reformunfähig und menschenverachtend gezeigt habe und im Westen nach den ökonomischen Krisen der 1970er Jahre das Versprechen von Wohlfahrtsstaat und weiterem sozialen Fortschritt unglaubwürdig geworden sei.

Für Marktradikale, die wie Thatcher die Existenz einer Gesellschaft bezweifelten,[15] und für die Konservativen, die sich an religiösen Normen und gesellschaftlichen Konventionen orientierten, sei das kein Problem gewesen. Die progressive Linke habe aber eine Neuorientierung gesucht. Die habe sie in der „Sprache der Rechte und Freiheiten, die in jeder europäischen Verfassung festgeschrieben waren“[16] gefunden. Dabei fanden seiner Einschätzung nach die wesentlichen Veränderungen nicht in Westeuropa, sondern im Osten statt.[17]

Der Sturz der kommunistischen Herrschaft ist nach Judt nicht von Polen ausgegangen, sondern war nur möglich, weil die Macht des Zentrums durch den „Reformkommunisten“ Gorbatschow ausgehöhlt wurde.[18] Die Opposition sei erfolgreich gewesen, weil der Kommunismus diskreditiert gewesen sei, weil sie – bis auf den Sonderfall Rumänien – gewaltlos vorgingen und weil man als Ziel nicht Kapitalismus, sondern das freie Europa vor sich gesehen habe.[19]

Für die Entwicklung Südeuropas in den 1970er und 1980er Jahren stellt er heraus, dass der Übergang zur Demokratie, der Griechenland, Portugal und Spanien über die Süderweiterung in die Europäische Union führte, von konservativen Politikern in die Wege geleitet wurde: Karamanlis, Spínola und Soares. Den Weg zur Europäischen Union sieht er weniger in politischem Einigungswillen als in pragmatischen „Reaktionen auf wirtschaftliche Probleme“ begründet.[20]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

deutsch

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezensionen

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Council on Foreign Relations (Memento des Originals vom 7. Februar 2008 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cfr.org
  2. Daniela Bergelt auf H-Soz-u-Kult: Buchpreis: Essay Kategorie Europäische Geschichte@1@2Vorlage:Toter Link/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. Noch 1951 „produzierte es doch doppelt so viel wie Frankreich und Deutschland zusammen“ (S. 396), wurde dann aber rasch überholt.
  4. S. 363.
  5. S. 366.
  6. S. 415–522.
  7. a b S. 22.
  8. „Tatsächlich könnte man den Umstand, daß es den geschlagenen Völkern Europas gelang, sich wieder zu erholen und ihre je eigenen Kulturen und Institutionen aus den Trümmern von 30 Jahren Krieg zu bergen, durchaus höher einschätzen als den kollektiven Erfolg, der mit der Gründung einer transnationalen Union erzielt wurde.“ S. 929.
  9. S. 24.
  10. „Die Anerkennung des Holocaust ist zur europäischen Eintrittskarte geworden.“ S. 933.
  11. S. 394.
  12. „Die soziale Marktwirtschaft von Ludwig Ehrhard hatte ihre Wurzeln in der Politik von Albert Speer – viele der jungen Manager und Planer, die nach dem Krieg in hohe Positionen von Wirtschaft und Politik aufstiegen, begannen ihren beruflichen Werdegang unter Hitler; sie brachten in die Ausschüsse, Planungsbehörden und Firmen der Bundesrepublik die Strategien und Praktiken ein, die von den NS-Bürokraten bevorzugt worden waren.“ S. 393.
  13. S. 504 – Diese Erkenntnis habe sich mit der Niederschlagung der Prager Frühlings ergeben.
  14. a b S. 506.
  15. S. 620.
  16. S. 647.
  17. „die wirklich neuen und bedeutsamen Veränderungen vollzogen sich jetzt östlich der politischen Wasserscheide.“ S. 648.
  18. S. 670, 677.
  19. „Das Gegenteil von Kommunismus war nicht >>Kapitalismus<<, sondern >>Europa<<.“ S. 725.
  20. S. 602.
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