MOZ, Nummer 50
März
1990
Grüne Kulturpolitik:

Simply Green

Anstelle von Kultur haben Österreichs Grünalternative jetzt ein Kulturprogramm. Hier steht, was drinnen steht und warum nicht.

Zeichnung: Helmut Kurz-Goldenstein

Die Grünen haben keine Kultur

(Peter Pilz)

Der grüne Umbau ist daher vor allem eine Frage der Kultur

(derselbe)

Das ist schon ein Dilemma: da gibt es eine grüne Partei, die glaubt man ihrem medienwirksamsten Abgeordneten Pilz — genau das am dringendsten benötigt, worüber sie am wenigsten verfügt: nämlich Kultur.

Was tun in einem solchen Falle? Ganz einfach: das, was auch alle anderen Parteien tun: wenn ma’ schon keine Kultur ham’, dann muß wenigstens ein KulturPROGRAMM her! Das Ergebnis dieser Überlegung: ein knapp zwanzig Seiten starkes Werk von Gerhard Ruiss und Anna Nöst, erarbeitet im Auftrag der Grünen Bildungswerkstatt, das seit Februar via „Impuls Grün“ auch der sehr geschätzten Basis zum eifrigen Stellungnehmen vorliegt.

„Zu einem Kunst- und Kulturprogramm der Grünen Alternative“ beginnt mit einem kunsthistorischen Lehrgang im Eilzugstempo: „Klassik — Moderne Postmoderne“ auf ganzen zwei Seiten. Daß dabei vieles kursorisch und thesenhaft bleiben muß, liegt in der Natur der Sache. Dennoch: die Schnoddrigkeit, mit der etwa das Thema „Kultur der Arbeiterbewegung“ abgehandelt wird, scheint — angesichts ihres Stellenwertes für eine neuzuentwickelnde „Ästhetik des Widerstandes“ — unzulässig.

„Für die Arbeiterbewegung zählt/e Kunst und Bildung zu den zentralen politischen Waffen der Entwicklung einer eigenständigen, selbstbewußten Identifikation, Emanzipation und Abgrenzung zum Bürgertum“ (Seite 4). Welches der zahlreichen, einander widersprechenden Kulturkonzepte der Sozialdemokraten, Links-Sozialisten und Kommunisten damit angesprochen werden soll, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage, ob die an Richard Wagner orientierte Ästhetik führender österreichischer Sozialdemokraten der Frühzeit besonders dazu angetan war, das Proletariat vom Bürgertum abzugrenzen. [1]

Schönheit, Staat, Kulturgemeinschaft

Nur die schöne Mitteilung vereinigt die Gesellschaft, weil sie sich auf das Gemeinsame aller bezieht

(Schiller)

Als sich die AutorInnen des Buches „Nur kein Rhabarber!“ vor zwei Jahren auf die Suche nach einer grünen Kulturpolitik begaben, mußten sie in die BRD ‚ausweichen‘. Doch was Martin Fischer dort vorfand, ist typisch auch für österreichische Verhältnisse: „Die Geschichte der Grünen ist auch eine Geschichte kultureller Verwirrungen“, heißt es da, oder: „Eine ernsthafte Kulturdiskussion ist weder von den Grünen selbst noch von ihrem diffusen soziokulturellen Milieu zu erwarten, dafür gibt es derzeit keine Anzeichen.“ [2]

Das, was die heimischen Grünen an kulturpolitischen Statements bisher in die parlamentarische Diskussion einbrachten, war großteils diffus und unausgegoren: da plädierte Herbert Fux für mehr privatwirtschaftliche Förderungen, ohne auch nur einen kritischen Gedanken an die negativen Auswirkungen des vielgelobten Sponsorings zu verschwenden, da warnte der notorische Buchner gar vor „zuviel Freiheit der Kunst“ und denunzierte die Wiener Aktionisten als sogenannte Künstler. In der Sitzung vom 30.9.1987 schließlich verlasen die grünen Abgeordneten Stellungnahmen kritischer österreichischer Kulturschaffender, die verzweifelt die Verantwortung der gewählten Vertretung unserer „Kulturnation“ beschworen. So der Schriftsteller Josef Haslinger, der meinte, „einzig die Kunst“ sei „noch in der Lage, so etwas wie nationale Identität aufrechtzuerhalten“. Und Regisseur Georg Mittendrein sprach nicht nur von „Österreich als Kulturland“, sondern verstieg sich sogar soweit, Maßnahmen gegen den „kulturellen Landesverrat“ (!) zu fordern. Was ist das eigentlich für ein Land, in dem ein progressiver Künstler so redet wie anderswo die Mitglieder eines Militärgerichts? Am interessantesten an der zitierten Parlamentsdebatte war noch der Beitrag Karel Smolles, der sich mit der Kultur der Minderheiten und der Kommerzialisierung sogenannter „Volkskunst“ beschäftigte.

„Man degradiert gleichzeitig die Kultur, soweit man sie zuläßt, zu Folklorismus: Es ist eine Kultur der Zeltfeste und der Feuerwehrpumpenweihen.“ Sehr richtig. Nur: dieser unterträgliche Populismus scheint quer durch alle politischen Lager zu gehen. Ob auf der Jesuitenwiese, auf der Donauinsel oder in der City: überall gibt’s Schmalzbrot mit Kabarett, Jazz mit Stehausschank, Blasmusik und kritische Dichterworte. Die Beliebigkeit der Präsentationsformen geht Hand in Hand mit der Austauschbarkeit der Inhalte. Politisches Kabarett ist beim ÖVP-Fest ebenso möglich wie abgeschmackte Pseudo-Folklore bei jenem der KPÖ. Und die grüne Bewegung? Da ist es kaum anders: „Dann gibt es Würschtl, Tschernobyl mit Würschtl. Und dann kommen die Gitarren. Und wo die anfangen, da fängt auch der emotionale Schwachsinn an. Denn die meisten Gitarrenspieler bedienen sich nur dreier Akkorde, die jeden Hörenden und Mitsingenden so trivialisieren, daß sie nicht mehr fähig sind, das Ungeheure, das sie zusammengetrieben hat, wirklich zu spüren“ (Günther Anders). [3]

Einmal abgesehen von der etwas vereinfachten Drei-Akkorde-Definition des Liedermachers: mehr als die angesprochene Trivialisierung, verbunden mit einem mehr oder minder adaptierten Konzept des sozialdemokratischen „Kultur für alle!“ hat die Alternativ-Bewegung bis dato nicht zustande gebracht. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß Peter Pilz vom „provinziellen Stallgeruch“ der Grünen spricht und Doris Kammerlander auf der Tagung „Kunst und Ökologie“ meinte: „Was allerdings unser kulturelles Engagement betrifft, unser Verständnis Kunst gegenüber, fürchte ich, haben wir einen schlechten Ruf.“

Und den haben sie — so fürchte ich — zurecht. Denn allzu oft wurde etwa die Diskussion um Architektur im platten ‚Schiach-Schön‘-Schema abgeführt, allzu sehr war das bescheidene und sich bescheidende „Selbermachen“ Maxime einer Kulturpolitik, die selbstbestimmtes Handeln mit simpler Heimwerker-Ideologie verwechselt: Was blieb, war die verzweifelte Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen, wie in der Natur also auch in der Kunst. So, wie das Karl-Heinz Koinegg und Claudia Siede 1988 für die deutschen Grünen formulierten: „Keine Ideologie der Welt, keine Aus- und Verbildung können diese ursprüngliche Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen in ihrem Kern beeinflussen: selbst wenn er es sich nicht eingesteht oder anders ins Bewußtsein rufen kann, bleibt ihm doch immer ein genauer Sinn dafür, was eigentlich schön und häßlich ist, was ihm gefällt und was nicht.“ Also: nieder mit dem verbildeten Free Jazz, her mit den Zupfgeigenhanseln, weg mit experiementellen Sprachzerpflückern, ein Hoch der neuromantischen Natur-Partei-Lyrik!

Subversion und Grenzverletzung

Dichtung ist Aufstand!

(P.P.Zahl)

Was wurde der Literatur nicht schon an Widerstand angedichtet!

(Michael Scharang)

Die Vorteile des Programmentwurfs von Ruiss/Nöst liegen darin, das „Sub-Versive“, „Frag-Würdige“ und „An-Stössige“ der Kunst gegen eine harmoniesüchtige Alternativ-Biedermeierei zu verteidigen, Kunst als „permanente Grenzverletzung“ einzufordern und jene Hindernisse beim Namen zu nennen, die dem entgegenstehen: das um sich greifende Sponsoring, das zu einer Angleichung von Kunst und Werbung führt, die Bestrebungen, Kultur als Imageträger der Nation zu mißbrauchen, und schließlich jene Paragraphen, die die vielzitierte „Freiheit der Kunst“ zur Farce machen. Gefordert wird in diesem Zusammenhang die ersatzlose Streichung des § 188 („Herabwürdigung religiöser Lehren“), dem Achternbuschs „Gespenst“ zum Opfer fiel, wie auch jener Bestimmungen über die „Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole“, über „öffentliche Ärgernisse“ und „unzüchtige Handlungen“. Ein großer Fortschritt ist sicherlich auch die kritische Sicht der sogenannten Hochkultur.
Denn bisher hatten die Grünen meist nur die ungerechtfertigt hohen Subventionen, den Mißbrauch der Freikartenvergabe und überhöhte Gagen kritisiert. Inhaltlich blieben Oper, Philharmoniker und Festspiele unangetastet. Die Forderung von Ruiss und Nöst geht da deutlich weiter: „Die traditionellen Einrichtungen der Hochkultur sind grundsätzlich an ihrem Kunstverständnis und der Praxis ihrer Bereitschaft zu künstlerischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu messen.“

Bedenklich an diesem Entwurf zu einem grünen Kulturprogramm stimmt allerdings die Überschätzung jenes kritischen Potentials, das die Kunstproduktion hier und heute angeblich besitzt. Kunst, so meinen Ruiss/Nöst, SOLLTE nicht nur an-stößig sein und frag-würdig und sub-versiv, nein, sie IST es bereits und per definitionem; ein positivistischer Trick, den auch grüne Politiker perfekt beherrschen: „Die Grünen WOLLEN eine radikal andere ökologische und soziale Wirtschaft. Die Grünen SIND radikal“, betet uns etwa Peter Pilz seit Jahren unbeirrt vor. Ähnlich im vorliegenden Entwurf: „Das Subversive an der Kunst besteht wesentlich darin, daß nicht vorhersehbar ist, wo ‚Kunst auftaucht‘.“ Ein reiner Euphemismus, ist doch gerade in Österreich — fast — immer klar, wo ‚Kunst auftaucht‘. Nämlich in den dafür vorgesehenen Reservaten, ob sie nun Galerie, Theater oder Stadtfest heißen. Und die Forderung Peter Weibels, „die Kunst aus der Kathedrale auf die Straße“ [4] zu werfen, wird heute — siehe Tabori — eher von reaktionären Politikern und Kirchenfürsten erfüllt denn von der kritischen Avantgarde selbst.

Doch noch in einem zweiten, wesentlichen Punkt haben Anna Nöst und Gerhard Ruiss von den grünen Funktionären und ihrer Logik des Machbaren ‚gelernt‘: die Reduktion von Politik auf parlamentarisch umsetzbare Strategien bestimmt ihre „Ansätze zu einer Kunst- und Kulturpolitik“. Da gibt es durchaus durchdachte Vorschläge für die Verbesserung der sozialen Lage von Künstlern, für urheberrechtliche Schutzbestimmungen. Was weitgehend fehlt, ist die Klärung der Frage, was die Grünen überhaupt mit Kunst sollen — und die Künstler mit den Grünen. Und so bleibt zu befürchten, daß der erste ernsthafte Ansatz grüner Kulturpolitik so enden wird, wie es ein Kommentar im „Impuls Grün“ vom Februar bereits androht: „Es soll eine Art ‚Auftrag‘ an jede Landesorganisation der Grünen Alternative bzw. der Grünen Bildungswerkstätte ergehen, zumindest einmal bis zum Frühjahr eine öffentliche Diskussion über Kunst und Kultur (bzw. zum Kulturbegriff) zu veranstalten.“ So würde das die SPÖ-Hollabrunn wahrscheinlich auch machen.

[1Vergleiche hierzu etwa die berühmte „Kunstlump“-Diskussion zwischen George Grosz und John Heartfield einerseits und Gertrud Alexander andererseits, dokumentiert in: Fähnders/Rector (Hrsg.): Literatur im Klassenkampf. München 1971.

[2Martin Fischer: „Schlechtgemalte Bilder ...“ In: Lind (Hrsg.): „Nur kein Rhabarber!“ Wien 1988.

[3„Günther Anders antwortet.“ Berlin 1987.

[4Peter Weibel: „Kritik der Kunst/Kunst der Kritik.“ Wien/München 1973.

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