FORVM, No. 344-346
Oktober
1982

Sind Sie normal? Ich glaube nicht.

So begann das alternative schwyzer Schulmeisterlein J. J. seine Rede über die Integration Behinderter in die Gesellschaft, diesen Herbst in Davos.

Zur Person Jegges siehe Fritz Herrmann: St. Jegge, zahl für uns! (in diesem Heft) Nach dieser Unterbrechung soll Jürg seine Rede nochmals beginnen — weil schon der Anfang so schön ist:

Liebe Zuhörer,

sind Sie normal? Ich glaube nicht. Einzelne von Ihnen scheinen mir etwas zu dick zu sein, andere sehen sehr übermüdet aus. Ganz abgesehen davon, daß einige ziemlich verstört in die Welt blicken. Und wenn man erst hinter diese verstörten Blicke sehen könnte ...

Ich nehme an, da wird es bei Ihnen nicht anders ausschauen als bei andern Leuten auch. Da wird der eine unfähig sein, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, der andere dürfte unter Depressionen leiden, kurz: da wird einiges vorhanden sein, von dem Sie froh sind, daß man Ihnen das auch von außen nicht ansieht. Wie steht es zum Beispiel mit Rauchen? Wie manchmal haben Sie schon damit aufgehört? Oder sollen wir besser miteinander über Medikamente sprechen? Oder über eine langsam wachsende Krankheit, die vor der Umwelt versteckt wird, ein Magengeschwür oder sonst irgend etwas Dynamisches?

Vielleicht sagten Sie jetzt: „So, nun reicht’s aber. Da sind wir an eine Tagung über die Integration Behinderter gekommen, und nun werden wir beschimpft. Und außerdem: Was heißt denn hier überhaupt »normal«?“ Sehen Sie, genau darauf will ich hinaus. Jeder von uns hat doch in seinem Leben ein paar Dinge, von denen er den Eindruck hat: Eigentlich müßten die nicht sein — ein paar „Behinderungen“ also. Davon zu reden, hat mit Beschimpfen nichts zu tun. Es ist ganz einfach eine Tatsache, daß kein Mensch gottgläubig, vollpotent, topfit, tadellos funktionierend, gefühlsmäßig ausgeglichen und zugleich vaterlandsliebend ist. Ein vollkommener Wurm ist denkbar. Aber der hat auch nichts anderes zu tun als umherzuwurmen. Menschen sind vielfältiger in ihren Möglichkeiten, auch in ihren Entwicklungsmöglichkeiten, und deshalb fehlerhafter. Sie unterscheiden sich einer vom andern, und genauso unterscheiden sich auch ihre „Behinderungen“. Sie haben ganz recht: Was heißt hier „normal“? Sind das „Normale“ nicht ganz einfach die Behinderungen, die man Ihnen nicht anmerkt, wenn man Sie nicht sehr gut kennt? Wer ist denn wirklich behindert, der Gelähmte, sein infarktgefährdeter Arzt oder die tablettensüchtige Sozialhelferin, die ihn betreut?

So, aber jetzt ist es höchste Zeit, meinem Vortrag einen wissenschaftlicheren Anstrich zu geben. Wenn man so von seinen Zuhörern spricht, wie ich das eben getan habe, handelt man sich leicht den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ein. Ich möchte im Laufe dieses Referats vier Thesen postulieren.

These 1:

Unsere eigene „fehlerfreie“ Ausstattung ist relativ.

— wobei ich, wie Sie sich nach all dem Gesagten sicher denken können, „fehlerfrei“ in Anführungszeichen gesetzt habe. Ich möchte zu dieser These noch zwei Beispiele anführen.

Ich habe einen Schüler, den Noldi. Er ist ein Autist. Er war es vor ein paar Jahren noch ungleich mehr. Jetzt sitzt er, vierzehnjährig, bei uns in der Kleingruppe, und seine Behinderung fällt jedem auf, der ihn längere Zeit beobachtet. Seine Wahrnehmungsfähigkeit ist beeinträchtigt, er ist eingleisig, kann nur ein einzelnes Signal aufnehmen, nur einen einzelnen Denkschritt vollziehen. So rechnet er tadellos, teilt ohne Schwierigkeiten schriftlich durch eine vier- oder fünfstellige Zahl (eine etwas brotlose Kunst, seit die Taschenrechner so billig sind), kann aber keine Sätzchenaufgaben oder Dreisätze lösen. Seine Interessen sind eher spärlich, sein Gesprächsstoff ist mager, er wiederholt sich ständig, kurz: er bietet halt das typische Bild eines Autisten. Er braucht also „Hilfe“, „Betreuung“, eine „Therapie“, je nachdem. Auf der andern Seite allerdings hat er mir einiges voraus. Er hat zum Beispiel eine Fähigkeit, sich zu freuen, um die ich ihn oft beneide. Weshalb aber kommt niemand auf die Idee, daß ich eine Therapie brauche, wenn ich mich nicht so freuen kann wie er? Die Antwort ist einfach: Wir leben in einer Welt, in der die Kunst des Dreisatzes mehr gilt als die Kunst des Sich-Freuens. Meine — und Ihre — Behinderungen sind offensichtlich weniger verdienstbehindernd.

„Aber dieser Noldi muß ja tatsächlich einmal sein Leben selber verdienen können, er solle niemandem zur Last fallen. Behinderung bedeutet eben auch Verdienstunfähigkeit.“ In diesem Falle müßten wir — mein zweites Beispiel — Franz Schubert unter die Behinderten einreihen. Der war unfähig, sich selber zu erhalten. Er wurde von Freund zu Freund, von Gönner zu Gönner weitergereicht, und sobald man ihn eine Weile allein ließ, verkam er. Aber dieser lebensunfähige Mensch hat uns Dinge geschenkt, die weit über dem stehen, was wir Lebensfähige hier im Saal zusammen jeweils zustande bringen. So relativ ist „Behinderung“.

„Aber nicht jeder ist ein Schubert“. Genau. Das führt mich zu meiner

These 2:

Unsere eigene — relative „fehlerfreie“ Ausstattung ist zufällig.

Mit dieser These, denke ich mir, werden Sie keine Schwierigkeiten haben. Die Zeiten sind vorbei, da Behinderung angesehen wurde als die Folge mangelnder Gottesfurcht oder fehlender Sorgfalt beim Zeugungsakt. Zumindest für den Kopf der meisten Leute scheint das kein Problem zu sein. Und doch:

Wer nicht wirklich begriffen hat, daß seine uneingeschränkte Erwerbsfähigkeit purer Zufall ist, der wird daraus Überlegenheitsgefühle ableiten, wie sie in unserer Umgebung gang und gäbe sind. Überlegenheitsgefühle, die einzig und allein darauf beruhen, daß man kein Kind mehr ist oder noch kein Greis, daß man ein anpassungsfähiges Gehirn besitzt, daß man noch nie in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt oder von einer nachwirkenden Krankheit betroffen wurde oder — eben — daß man relativ „fehlerfrei“ ausgestattet zur Welt gekommen ist.

Er wird das Einkaufen auf einem christlichen Flohmarkt oder die Teilnahme an einer Blindenlotterie als „Hilfe“ bezeichnen, und wenn’s ihm wirklich an’s Geld geht, so in Ausnahmefällen bis zu höchstens 20% seines Einkommens, hauptsächlich „in Form vom Zuwendungen an den Kanton und seine Anstalten, an zürcherische Gemeinden und ihre Anstalten und an andere juristische Personen, welche im Hinblick auf gemeinnützige Zwecke von der Steuerpflicht im Kanton befreit sind.“

Das steht in der zuverlässigsten und unbestechlichsten Quelle des Volkskundlers, der „Wegleitung zur Steuererklärung im Kanton Zürich“. Man kann sicher sein, daß es dort anders stehen würde, wenn es anders Brauch wäre.

Nein, unsere — zudem relative — fehlerfreie Ausstattung ist zufällig, genau so zufällig wie die Zeit, die Sozialschicht und die Familie, in die hinein wir geboren sind.

Aber: Wenn das alles stimmt, wie soll man dann über „Integration“ reden? „Integration“ heißt „Eingliederung“, das können Sie in jedem Wörterbuch nachlesen. „Eingliederung in die Gesellschaft“ — in unserem Falle. Man stellt sich dabei die Gesellschaft vor als eine gewaltige Fabrik. Da gibt es die oberen und mittleren Kader, die vorgeben, hauptsächlich mit dem Kopf zu arbeiten. Dann sind da die Arbeiter. Je geringer die geistige und die körperliche Beweglichkeit ist, je mehr also die „Behinderung“ zunimmt, desto einfacher und eintöniger sind die Handgriffe, die sie auszuführen haben. Handgriffe, welche die „Kopfarbeiter“ ausgedacht haben. Das Selbstbewußtsein wird gewonnen aus dem Gedanken: „Auch ich bin Teil dieses Ganzen, auch ich kann dazu beitragen, daß dieses Ganze funktioniert.“ Das wird Ihnen auch auf Betriebsferien und in Personalzeitungen immer wieder gesagt, und zum Arbeitsjubiläum erhalten sie es noch schön gerahmt für die gute Stube zum Aufhängen: „Seit 40 Jahren integriert.“ Nur darf man zwei Fragen nicht stellen: Für wen das Ganze eigentlich so reibungslos funktioniert und ob es dem Betroffenen überhaupt gefallen hat.

Übertreibe ich? Nein. Ich lernte vor ein paar Jahren Theo kennen, Insasse eines Sonderschulheimes, einen „geistig leicht bis mittelschwer Behinderten“ also. Der erwies sich als gestalterisch äußerst begabt, vor allem die Töpferei lag ihm, er hatte ein gutes Material- und Formgefühl. Was lag da näher, als ihm eine Töpferlehre zu ermöglichen? Mit einiger Unterstützung, ich weiß das aus Erfahrung, ist so etwas zu schaffen. Das Heim, in dem Theo war, setzte diesem Plan stärksten Widerstand entgegen. Die konnten sich dort nicht vorstellen, daß einer irgendwo anders arbeiten würde als in einer Drahtwicklerei oder in einem fototechnischen Labor. So hatten sie es immer gehalten und so wollten sie auch in diesem Fall vorgehen. Es brauchte beinahe die Hartnäckigkeit eines Autisten, um gegen diesen Widerstand doch noch eine Töpferlehre zustande zu bringen. Wer heute Theos Arbeiten sieht, dem kommt der Gedanke ans Drahtwickeln völlig absurd vor.

Die Mitarbeiter dieses Heims verstanden „Integration“ im beschriebenen Sinne. Da ihnen nicht klar war, wie relativ ihre eigene „Nicht-Behinderung“ eigentlich ist — eine sehr starke Behinderung für einen, der mit „Behinderten“ zu tun hat — konnten sie bei Theo nur „Ausfälle“ feststellen, Minuspunkte gegenüber der eigenen, herrlichen, fehlerfreien Ausstattung. So übersahen sie seine ausgesprochene Begabung, oder unterschätzten sie zumindest maßlos. Da sie zudem nicht begriffen hatten, daß ihre eigene „Nicht-Behinderung“ völlig zufällig ist, war ihnen auch nicht klar, daß der Bursche ein selbstverständliches Anrecht hat auf ein Leben, das genau so befriedigend und erfüllend sein könnte wie das eines Heimerziehers. Und deshalb hielten sie für ihn nur eine Zukunft für möglich: Fabrikarbeit.

Wenn man übrigens das Wort „Integration“ in einem etwas ausführlicheren Wörterbuch nachschlägt, macht man eine spannende Entdeckung. Es bedeutet zwar „Eingliederung“, aber erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Zeit der Industrialisierung, der Zeit also, da überall Fabriken gebaut wurden und da man „die Gesellschaft“ langsam als Fabrik zu begreifen begann. Vorher bedeutete es etwas anderes: Unversehrtheit. Wir kennen diese Bedeutung noch im Wort „integer“, einem Wort, das man merkwürdigerweise vor allem für Politiker oder Juristen gebraucht.

Der Begriff „Integration“ hat offensichtlich zwei Bedeutungen, eine industrielle und eine nicht-industrielle, (— das Wörterbuch will uns natürlich glauben machen: eine vor-industrielle, aber das stimmt nicht. Politiker und Juristen sind nur selten Fabrikarbeiter.) Wenn Sie wissen wollen, warum die industrielle Bedeutung des Wortes die nicht-industrielle fast vollkommen aufgefressen hat, schauen Sie sich einfach einmal in Ihrem Einkaufszentrum, im daneben gelegenen Wohnblockquartier oder beim dazugehörigen Schulhaus etwas um, Sie werden sofort draufkommen.

Um bei Theos Beispiel zu bleiben: Die Leute vom Heim und ich hatten Theos Integration im Sinne, aber wir verstanden darunter je etwas anderes. Meine Frage war: „Wie kann er sein Leben einrichten, daß er seine Begabungen entfalten, seinen Neigungen nachleben, seine Ideen verwirklichen kann, ohne daß er darin immer wieder beeinträchtigt oder gestört wird?“ Natürlich gehört dazu auch, daß er nach Möglichkeit von niemandem abhängig sein sollte, auch Abhängigkeit ist eine Beeinträchtigung. Aber — man denkt da ja zumeist an die finanzielle Abhängigkeit — das ist nicht das Wichtigste, und zudem ist einer, der nur drei Handgriffe „gelernt“ hat, ein sehr, sehr abhängiger Mensch. So lautet denn meine

These 3:

„Integration“ kann nicht bedeuten „Eingliederung in die Gesellschaft“. Das Wort muß in seinem nicht-industriellen Sinn verstanden werden: Unversehrtheit des „behinderten“ Menschen.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie das zu bewerkstelligen ist. Mit „-tion“ und „-heit“ werden Probleme nur auf dem Papier gelöst, also vorwiegend nicht. Was ich darzustellen versucht habe, ist eine Grundhaltung, die allerdings die Praxis sehr verändert, wenn sie wirklich ernst genommen wird.

Diese Praxis wird bei jedem Menschen wieder anders aussehen. Das wird abhängig sein von seinen Stärken, seinen Schwächen und Neigungen, sei er jetzt „Behinderter“ oder „Nichtbehinderter“. Man kann allenfalls einzelne Geschichten, Verläufe erzählen, Geschichten wie die Theos zum Beispiel. Aber es ist schwer, darüber etwas Allgemeines zu sagen.

Ich will es trotzdem versuchen, obwohl ich weiß, daß ich damit etwas Dummes tue.

Allerdings: Meine Geschichten sind einseitig. Unter den jungen Menschen, mit denen ich zu tun habe, befinden sich immer wieder Sonderschüler, IV-Bezüger, [*] „geistig Behinderte“ also, was immer das heißen mag. Im herkömmlichen Sinn Körperbehinderte waren bis jetzt keine dabei. Sie haben unter Umständen die Chance, sich dem zu entziehen, was ich hier sage, indem Sie darauf hinweisen, Sie hätten eben mit körperlich Behinderten zu tun.

Also: Ein ganz wichtiger Punkt scheint mir zu sein, daß man wirklich zusammenarbeitet. Da gibt es kein „Helfen“ und kein „Empfangen“. Es ist menschenunwürdig, einen Menschen gleichsam sich selber wegzunehmen, indem man ihm „hilft“, indem man ihm zu spüren gibt: „Ohne meine Hilfe, ohne mein Mitleid bis du nichts, niemand.“ Was ich meinem Schüler anbieten kann, sind Ergänzungsleistungen, Informationen (die ich mir auch meist zuerst einholen muß) — und ich kann von ihm lernen.

Ist Ihnen aufgefallen, daß auch das Wort „Zusammenarbeit“ eine industrielle Bedeutung hat? Das heißt dann zum Beispiel „Teamwork“ und ist von der nicht-industriellen Bedeutung genau gleich weit entfernt wie Coca-Cola von einem ordentlichen Wein. Ich kann mir gut vorstellen, wie der bereits erwähnte Arbeiter eine Urkunde erhält: „Für 40 Jahre Zusammenarbeit“.

Wirkliche Zusammenarbeit kann sehr mühevoll sein. Gerade mit Theo erfahre ich das fast täglich. Er ist vom Heim her gewohnt, daß man ihm beinahe jeden Schritt vorschreibt. Da ist die Versuchung groß, das jetzt genau so weiterzutreiben, zu ihm zu sagen: „Jetzt machst Du Berufsschulaufgaben“ oder „Jetzt arbeitest Du so und so lange an der Töpferscheibe.“ Er würde das möglicherweise auch tun, er hat ja immer getan, was man ihn geheißen hat. Aber er kommt in einen Beruf, der ihm sehr viel Freiheit läßt.

Es ist wichtig, daß er mit dieser Freiheit umgehen lernt. Und das lernt er nicht, indem man sie ihm vorenthält. Das geht nur, wenn man mit ihm gemeinsam versucht, die Freiräume (1 Tag, 1 Woche usw.) zu füllen und ihn diese Räume zunehmend selber füllen läßt.

Das ist viel mühsamer als das Vorschreiben und Kontrollieren irgendwelcher Arbeitspensen. Aber es läßt sich nicht umgehen.

Er will Töpfer werden, nicht ich. Es ist sein Leben, ich kann es nicht leben.

Doch manchmal will er nicht, kann er nicht mehr, will er aufgeben. Er glaubt mir nicht, daß es mir wirklich um ihn geht und nicht beispielsweise darum, wieder einen „erfolgreichen Fall“ präsentieren zu können. Auch dann darf ich ihn nicht „überfahren“; es gehört zu den Menschenrechten, auch traurig oder mutlos zu sein.

Eigentlich sollte ich ja jetzt ein paar Punkte aufzählen, die einer solchen Zusammenarbeit im Wege stehen. Ich schenke mir das. So wird sein Referat kürzer, und wenn Sie dadurch zwischen zwei Darbietungen etwas Zeit zum Nachdenken haben, werden Ihnen sicher Dutzende solcher Hinderungsgründe einfallen.

Lieber möchte ich zwei Dinge erwähnen, die eine solche Zusammenarbeit erleichtern.

Phantasie gehört für mich zum Beispiel dazu. Im Verlauf von Theos Töpferlehre traten bald Schwierigkeiten in der Berufsschule auf. Er hatte Angst vor dieser Schule. Es war ihm ja prophezeit worden, daß er sie nicht würde bestehen können, und tatsächlich waren seine Leistungen dementsprechend. Bald gab es nur noch die Alternative: entweder sich durchzubeißen, mit Nachhilfe, oder die Lehre abzubrechen. Sowohl die Lehrer in der Berufsschule als auch sein Lehrmeister sahen nur noch diese zwei Möglichkeiten.

Ich habe aus meinem Leben gelernt, solche Entweder-Oders nicht zu akzeptieren. Sie sind in der Regel zu einfach. Nach einiger Überlegung kamen Theo und ich auf die folgenden Möglichkeiten, die er jetzt hatte, um Töpfer zu werden:

  • Das (von der Schule und vom Lehrmeister empfohlene) „Durchbeißen mit Nachhilfe“.
  • Ein zusätzliches Lehrjahr, damit er Zeit hätte, den Schulstoff noch einmal durchzuarbeiten. (Als Zwischenjahr, oder am Ende der Lehrzeit „angehängt“)
  • Die Berufsreifeprüfung nach viereinhalb Jahren Anlehre. (Es gibt in unserem Berufsbildungsgesetz eine Bestimmung, nach der jemand auch zur Prüfung zugelassen wird, wenn er die anderthalbfache Dauer der Berufslehre als Anlehre absolviert hat.
  • Die Lehrabschlußprüfung (vielleicht auch etwas später) in Österreich versuchen. (Es gibt im österreichischen Berufsausbildungsgesetz eine Bestimmung, nach der auch jemand zur Prüfung zugelassen wird, wenn er glaubhaft machen kann, daß er seine beruflichen Fähigkeiten auf anderen als den üblichen Wegen erworben hat, zum Beispiel durch Abendkurse, also ohne regulären Schulbesuch. Wobei, wie es dort heißt, „die bloße Glaubhaftmachung genügt“. Beweisen muß er seine Fähigkeiten ja in der Prüfung.)
  • Und überdies: Was heißt eigentlich „Abbruch der Lehre“? Wenn Sie einen Topf, eine Vase oder ein ganzes Service kaufen, interessiert es Sie kaum, ob der Töpfer eine Abschlußprüfung bestanden hat. So paradox es klingt: Die Abschlußprüfung ist für einen Töpfer vor allem dann wichtig, wenn er nicht Töpfer bleiben, sondern beispielsweise Polizist werden will. Fürs Töpfern sind seine Fähigkeiten wichtig, keine Papiere.

Man sieht: statt der empfohlenen zwei hatte Theo also im Ganzen sechs Möglichkeiten. Wir zeichneten sie miteinander in einem „Theogramm“ auf, und er trug es wochenlang mit sich herum. Allein schon das Bewußtsein, daß es für ihn nicht nach dem „Friß-oder-stirb-Prinzip“ zu gehen brauchte, beruhigte ihn und machte ihn etwas sicherer, auch in der Schule.

Sich solchen Entweder-Oders nicht einfach zu unterwerfen, hat für mich mit Phantasie zu tun, genauso wie Kasperlispielen oder Modellieren. Mit Phantasie, mit Zusammensitzen, mit guten Gesprächen.

Schüler tröstet leidenden Lehrer (traurige Verstimmung) — Sind sie normal?

Das bringt mich auf den zweiten Punkt: Wie gehen wir eigentlich mit uns selber um?

Ich wende recht viel Zeit, Kraft, Arbeit und Geld auf für meine jetzigen und ehemaligen Schüler. Aber wenn ihre „Fortschritte“ hinter meinen Erwartungen zurückbleiben? Wenn es jahrelang auf und ab geht, wenn ihre Depressionen, ihre Mutlosigkeit, ihre Traurigkeit nur langsam weichen, wenn sich ihr schwaches Selbstgefühl langsamer ändert, als ich mir das gedacht habe?

Wohin gehe ich mit meinen Depressionen, meiner Mutlosigkeit, Traurigkeit, Ungeduld?

Es ist wichtig, daß auch ich nicht allein bin, so wie ich meine Schüler nicht allein lasse. Daß Menschen da sind, bei denen ich mich ausreden kann. Und die mich und meine speziellen Behinderungen in Kauf nehmen, die mir damit meine eigenen Behinderungen zu akzeptieren erleichtern. Der gemeinsame „lange Atem“, vielleicht das Einzige, das wirkliche Entwicklungen ermöglicht ...

Solche Menschen sind nicht eben dicht gesät, aber es gibt sie. (Wer weiß, vielleicht finden Sie auch auf dieser Tagung ein paar, zum Beispiel in der Kaffeepause zwischen 16.30 und 17 Uhr).

Meine Damen und Herren, im Untertitel meines Themas, wie es mir die Veranstalter Ihrer Tagung formuliert haben, ist auch von den „Grenzen der Integration“ die Rede. In der Tat würde ich Ihnen hier eine Biedermeierposse vorspielen, wenn ich den Eindruck erwecken wollte, Noldis oder Theos Unversehrtheit hänge nur vom Gelingen unserer Zusammenarbeit ab.

Unversehrtheit ist immer höchst gefährdet.

Sie ist zum Beispiel davon abhängig, daß sich nicht plötzlich irgend ein weltpolitischer Konflikt so stark ausweitet, daß er größte allgemeine Versehrtheiten produziert.

Sie hängt davon ab, daß Atomkraftwerke entweder nicht gebaut werden (wie deren Gegner wünschen) oder wirklich so harmlos sind (wie deren Verteidiger behaupten), oder daß Theo sich nicht an irgend einem besonders weißen Kalbsschnitzel oder einem besonders grünen Salat vergiftet.

Es kann wichtig werden, daß Geld für ein Stipendium vorhanden ist oder daß sich zumindest nicht jemand übermäßig an ihm bereichert.

Und es ist lebenswichtig, daß er nicht dauernd „eingeteilt“ wird, daß ihm nicht von Einzelnen oder von Institutionen auf irgend eine Weise immer wieder zu verstehen gegeben wird: „Eigentlich bist du doch ein Trottel“.

Sie werden leicht weitere solche Gefährdungen finden. Das bedeutet aber:

Wir leben in einer Welt, die weit davon entfernt ist, eine wirklich menschliche zu sein, den Einzelnen wirklich unversehrt zu lassen. Und genau dieser menschlichen Welt gilt es, sich anzunähern, durch konkrete gesellschaftliche, politische Arbeit. Das bedeutet: dort mitarbeiten, wo sich Menschen einsetzen für eine weniger gefährliche, weniger giftige, menschlichere Welt.

Von alleine wird unsere Welt nicht menschlicher, lebenswerter. Weder für die sogenannt Behinderten noch für uns „Normalbehinderte“.

Aussagen wie diese pflegen bei Etablierten (aber wer will das schon sein?) ein resigniertes Lächeln hervorzurufen. Sie werden als eine etwas spezielle Art von Gymnasiastenpoesie betrachtet: „Jaja, das wollten wir auch einmal, als wir jung waren.“ Aber genau diese Resignation macht mich stutzig.

Das bedeutet doch nur, daß man sich mit zunehmendem Alter, mit zunehmendem Einfluß, mit zunehmender, aus was weiß ich für Quellen geschöpfter Sicherheit gewöhnt hat an alle die Versehrtheiten und Verletzungen, die aus der eigenen Behinderung entspringen.

Vielleicht können Sie es mir sagen: Wie dick muß dieser Panzer sein, daß man die Verletzungen und Ängste nicht mehr spürt?

Es bleibt mir noch, die vierte These nachzutragen. Also:

These 4:

„Integration“ hat es zwei Aspekte: Zusammenarbeit mit dem einzelnen Betroffenen (nicht „Hilfe“ eines „Normalen“ an einen „Behinderten“) und Arbeit auf der „gesellschaftlichen“ Ebene. (Unsere Welt muß menschlicher werden. Auch für uns relativ „fehlerfrei“ Ausgestattete.)

Liebe Zuhörer, ich bin am Ende meines Referats angelangt. Ich hoffe, daß ich Ihnen nichts Neues erzählt habe und danke für Ihre Aufmerksamkeit.

[*entspricht der österreichischen Berufsunfähigkeitsrente (Anm. d. Red.)

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