FORVM, No. 342/343
Juli
1982

Spinat und Paradeiser

Grün-Rote Gemüseplatte

Lud mich Erhard Busek zu einem Empfang und warum ging ich hin und traf dort einen Kollegen von der „Kleinen Zeitung” und sagte der schreib wieder einmal was für uns und schrieb ich wieder einmal was auf Bruno Kreisky und sagte mir der er habe es nicht gelesen sei aber nicht nachträgerisch Heinz Kienzl aber schon und schrieb auf mich und ich auf ihn und und sagten die Kollegen vom FORVM das wär doch was ich weiß nicht aber bitte. G.N.

Heinz Kienzl als Bankdirektor (links [hier: oben]), Günther Nenning als Friedensdemonstrant (15. Mai)

Der alte Mann und die Wirklichkeit

I.

Wir alle fragen uns: was ist los mit dem großen alten Herrn, der uns regiert. Zwei Antworten werden angeboten:

  • Er ist eben, außer groß, schon ein bissel alt; was er sagt, denkt, tut hat nicht mehr ganz die Qualität von dereinst.
  • Nein, er weiß schon, was er tut, wir verstehen’s nur nicht, aber das macht nichts; er ist und bleibt unheimlich clever, der alte Bursche.

Ich weiß noch eine dritte Antwort:

  • Es gibt außer Kreisky auch noch die Wirklichkeit, und an der stößt oder derstößt er sich jetzt.

Zwentendorf und die Wirklichkeit: in der Krise, bei sinkenden bis gar keinen Verbrauchszuwächsen ist das Werkel unnötiger als je zuvor. Aber Demokratie ist, wenn man die Leut solange abstimmen laßt, bis sie so abstimmen, wie man will ...

Kongreßzentrum und die Wirklichkeit: Ist es wahr, daß eine vollausgebaute UNO-City Wiens bester Schutz in Kriegszeiten sei, dann wird dieser Schutz desto besser, je zentraler der UNO-Sitz (Messepalast, Hofburg). Aber Wirtschaft ist, wenn man mit sehr viel Geld sehr wenig Arbeitsplätze schafft ...

Kirche und die Wirklichkeit: die christliche Gewerkschaft in Polen weckte unerträgliche Konkurrenzgefühle in einem altsozialistischen Herzen. Kirche ist, was man streichelt, wenn sie mit dem Sozialismus kooperiert, und haut, wenn eine große Arbeiterbewegung statt vom Sozialismus direkt vom Christentum inspiriert wird.

Das ist vom Weltgeist nicht vorgesehen, und auch nicht von seinem Orakel auf dem Ballhausplatz.

II.

Wenn die Wirklichkeit mit dem großen alten Herrn nicht übereinstimmt desto schlimmer für die Wirklichkeit.

Schon ohne Zwentendorf — konnte kürzlich die von Kreisky selbst geschaffene Energieverwertungsagentur nachweisen [1] — baut unsere E-Wirtschaft bereits zuviel Kraftwerke. Gemäß Ausbauprogramm wird der Stromzuwachs bis 1986 jährlich im Schnitt 6,9 Prozent betragen. Der Verbrauchszuwachs betrüge 1981 „plus/minus ein Prozent“ und werde weiterhin „deutlich unter 4 Prozent“ liegen.

Zwentendorf ist kein ökonomisches Problem, sondern ein politisches. Ebendrum kann sich kein ernsthafter Realpolitiker ständig drum kümmern, ob es sichere Endlager gibt oder geben wird und was wir unseren Kindern, Enkeln, Enkelkindern da hinterlassen an Glumpert, das weiterstrahlt eine halbe Ewigkeit. Anderen Staaten ist das bitte gleichfalls wurst, und in 20.000 Jahren sind wir alle tot.

Das Wiener Kongreßzentrum kostet sieben Milliarden Schilling, oder erfahrungsgemäß das Doppelte, und schafft 4000 Arbeitsplätze, oder angeblich die Hälfte. Kostet also ein Arbeitsplatz 1,75 bis 7 Millionen Schilling. Braucht man Plätze für 150.000 Arbeitslose kostet das — mit dieser Methode — tausend Milliarden oder eine Billion Schilling. Ganz Österreich zubetonieren mit AKH’s, Kongreßzentren, Autobahnen, Kraftwerken ist also leider zu teuer.

Aber mit solchen Milchmädchenrechnungen kann sich kein gestandener Politiker abgeben. Großbauten braucht die Bauwirtschaft, braucht die Bauarbeitergewerkschaft. Da kann ma nix machen.

Ein Politiker ist ein armer Teufel. Er trägt Verantwortung. Nur wer keine Verantwortung trägt, kann darüber nachdenken, wie es übermorgen weitergehen wird und was unsere Nachfahren über uns sagen werden.

III.

Kreiskys Sozialismus ist Fortsetzung des Kapitalismus mit andern Mitteln, die die gleichen sind. Das war solange kein Malheur, solange der Kapitalismus draußen in der Welt in seiner Sünden Blüte war: Kreiskys Wirtschafts- und alle seine sonstigen Wunder ruhten auf der soliden Basis von langdauernder, kaum ernsthaft unterbrochener Konjunktur des Westens.

Die Kreiskysche Sozialdemokratie stellte sich das Ziel, alle Arbeitnehmer in gesicherter kapitalistischer Vollbeschäftigung unterzubringen. Und dieses für Sozialisten eigentlich paradoxe Ziel erreichte sie auch. Sie war der „ideelle Gesamtkapitalist“, der alle Einzelinteressen der Unternehmer hegt, pflegt, unter einen Hut bringt im höheren Interesse der Gesamtwirtschaft. Dieses von Marx als unmöglich hingestellte Fabelwesen war Kreisky in Fleisch und Blut. Er wirtschaftete so gut, daß noch übrig blieb für den Riesenwuchs des Sozialstaats und für prächtige sonstige Reformen.

Nun aber ist Krise, und der geborgte Glanz wird trüb.

Nun müßte man voll Dynamik und Phantasie nach Alternativen suchen: fürs Energiesparen als rascheste und billigste Energieproduktion; für Bau- und sonstige Industrieformen, die mit relativ wenig Geld relativ viel Arbeit schaffen. Kreiskys weiland 1400 Fachleute müßten wieder zusammentreten, nur halt ganz andre als jene seinerzeitig blauäugig Naiven, die um das Kalb des ewigen Wachstums tanzten. Alle jene 1400 sind heute durch Kreisky wegrationalisiert. Er ist der unbestrittene Alleinunterhalter.

Vom Winde verweht alle Plakate auf der Wiener Ringstraße, wo drauf stand, man soll keine unsinnigen Fragen stellen, das Kongreßzentrum werde eh nicht gebaut. Wen das einstimmige Umschwenken und Marschieren hinter Kreisky an den Zug der Lemminge erinnert, ist ein biologischer Kenner und ein boshafter Mensch.

IV.

Kreisky hat in diesem Land Sozialismus und Christentum endgültig versöhnt; wahrscheinlich ist das seine größte historische Leistung. Kreisky hat die Atomfrage aus dem vorigen Wahlkampf herausgehalten; wahrscheinlich sicherte er damit seiner Partei den Sieg. Kreisky hat die Jugend halbwegs bei der Parteistange gehalten; wahrscheinlich war das, bei dem vorherrrschenden Jugendhaß, seine schwierigste Leistung. So, und jetzt haut er sich das alles z’samm.

Oder nicht? Seeleningenieur Kreisky wittert, daß diesmal Zwentendorf unter umgekehrten Vorzeichen nutzbar sein könnte. In der Krise ist der Wähler hysterisierbar: Zwentendorf oder Energiemangel. Kongreßzentrum oder Arbeitslosigkeit!! Hier ist ein Mann, der weiß alles, traut sich alles, stellt sich hin und sagt Unpopuläres. Dadurch ist er so populär.

Ich glaub, Kreisky wird die Wahlen gewinnen. Man kann Wahlen gewinnen und die Zukunft verspielen.

Günther Nenning
Kleine Zeitung,
Graz 9. Februar 1982

Umkippende Plattform

DKFM. DR. HEINZ KIENZL
GENERALDIREKTOR
DER ÖSTRR. NATIONALBANK
Wien, am 16. Februar 1982

Lieber Günther!

Ruperl (Gmoser -Red.) hat mich auf Deinen Artikel in der Kleinen Zeitung aufmerksam gemacht, ich habe ihn gelesen und verworfen. Dies natürlich nicht nur, weil ich finde, daß Deine Betrachtung des Atommülls eine unhistorische ist; noch nie hat es einen Industrieabfall gegeben, der nach einiger Zeit nicht verwertet wurde, denk an die Pechblende, denk an Steinkohlenteer, denk an Schwefelantimon und, und, und ...

Auch nicht weil die Krise, die zu einem Verbrauchsrückgang bei elektrischer Energie führt, kein Grund zum Jubilieren, sondern eine Katastrophe für die österreichische Wirtschaft, wenn Du willst, den österreichischen Kapitalismus, aber vor allem die österreichischen Arbeitnehmer und die alten Leute ist, die ja soviel Energie sparen müssen, daß sie jetzt im Kalten sitzen.

Auch solltest Du ja wissen, daß in der ganzen Welt ein paar hundert Kernkraftwerke still und ruhig arbeiten, während z.B. kürzlich eine umkippende Bohrplattform 84 Arbeiter ins Jenseits befördert hat und vor ein paar Monaten eine Explosion in einem Kohlenbergwerk in der Tschechoslowakei 120 Arbeiter. Aber das stecken ja „die Grünen“ weg wie nichts, sie sind ja nicht betroffen, denn keiner von ihnen denkt auch nur im Traum daran, auf einer Bohrplattform zu arbeiten oder gar in eine Kohlengrube zu gehen, das wäre ja auch gegen die grüne Gesinnung.

Was mich wirklich entsetzt, ist die Aussichtslosigkeit der Wirtschaftsideologie unserer Rot-Grünen. Übrigens Du weißt, welche Farbe sich ergibt, wenn man rot und grün mischt!

Gerade die jungen Intellektuellen, die — wie wir ja beide wissen — von der postmaterialistischen Grundhaltung am stärksten erfaßt sind, bemerken offensichtlich noch immer nicht, daß sie sich selber das Zweigerl absägen, auf dem sie sitzen wollen. Sie lehnen — wenn ich Dir folgen darf — Wirtschaftswachstum, Energieproduktion, technischen Fortschritt — Du kannst ihn ruhig in Anführungszeichen setzen —, Konsum und weıß Gott was ab und sind gleichzeitig überzeugt davon, daß nach ihren Qualifikationen kein Bedarf bestehen wird, wenn sie z.B. vielleicht fertigstudiert haben. Da gibt es doch das schöne lateinische Sprichwort, das man von hinten nach vorn lesen kann: „in girum imus ...“

Oder ich kann anläßlich des Goethe-Jahres auch Goethe zitieren: „Den Teufel merkt das Völkchen nie, und wenn er es am Kragen hätte“.

Da ich weder ein Kirchenpolitiker noch ein Außenpolitiker bin, will ich Dir Deine Verwirrspiele mit dem Kongreßzentrum und der Bedeutung einer außenpolitischen Aktivität für die Sicherheit Österreichs nachsehen und Dich auch ruhig im Glauben lassen, daß die Kirche eine Arbeiterbewegung führen kann. Da gibt es ja bekanntlich auch die Befreiungstheologie. Da mir aber schon heute meine literarische Ader geplatzt ist, — Du kennst ja das schöne Gedicht: „Wenn wir noch beten könnten, wir beteten für Wien“, vielleicht kannst Du es noch, bete für Polen, ich organisiere etwas für die nach Österreich Geflüchteten —, schließe ich mit: „Wer das bessere Teil gewählt hat, wissen die Götter“. Du weißt, das ist der Schlußsatz der Apologie des Sokrates.

Mit Freundschaftsgrüßen

Kienzl

Mann & Maus

Lieber Heinz,

Du hast recht, und ich will’s Dir beweisen:

1) Stimmt, noch nie hat es Industrieabfall gegeben, der nach einiger Zeit nicht verwertet wurde. Vom Plutonium 239 z.B. ist schon nach 24.360 Jahren nur noch die Hälfte tödlich giftig. Aber von einem Fachmann kann man nicht verlangen, daß er solang vorausdenkt. Fachmann ist, wer rechtzeitig zu denken aufhört.

2) Stimmt, die Krise, die zu einem Verbraucherrückgang bei elektrischer Energie führt, ist kein Grund zum Jubilieren. Denn wenn der Energieverbrauch zurückgeht — Gott behüt auch durch Verwertung von Industrieabwärme und durch Wärmedichtung an Häusern — wie soll man dann den alten Leuten einreden, daß sie im Kalten sitzen müssen, weil Zwentendorf nicht aufgemacht wird?

3) Stimmt, es ist eine Schweinerei, daß 84 Arbeiter auf der Ölplattform, 120 Arbeiter im KP-Bergwerk sterben mußten — weil nämlich Sicherheit im Kapitalismus wie Staatssozialismus unrentabel ist. Aber diese Opfer haben es nicht verdient, daß sie zum Vertuschen herhalten müssen: in Harrisburg wären nämlich 100.000 gestorben, wenn der Atommeiler still und ruhig durchgeschmolzen wäre. Daß es nicht geschah, war kein Wunder der Technik, sondern, sagten die zuständigen US-Techniker wörtlich, ein Wunder.

4) Stimmt, die Grünen wollen nicht auf Bohrinseln und in Bergwerken arbeiten, denn unter elenden Arbeitsbedingungen, steht im Parteiprogramm, soll kein Mensch arbeiten. Nicht einmal demagogelnde Generaldirektoren und Ober-ÖGBler strafweise. Höchstens vielleicht sollte man die Grünen dorthin verschicken. Denn wenn die nicht mehr im Weg sind, tät die Wirtschaft wieder wachsen. Früher waren die Juden schuld, jetzt sie.

5) Stimmt, die Aussichtslosigkeit der Wirtschaftsideologie unsrer Rot-Grünen ist entsetzlich. Denn mit ein bißchen Abwärmewertung, Wärmedämmung, relativ billigen Investitionen in arbeitsplatzintensive Umweltschutz- und Stadterneuerungsprojekte — wäre das ganze milliardenschwere Ausbauprogramm der E-Wirtschaft entsetzlich überflüssig.

6) Stimmt, ich weiß, welche Farbe sich ergibt, wenn man rot und grün so durcheinander bringt wie Du — nämlich schwarz: Verlust der Regierungsmehrheit der Sozialdemokratie aus Strafe für Borniertheit und Arroganz gegenüber den „Grünen“. Du siehst das eben nicht biologisch: Spinat und Paradeiser ergeben eine sehr bekömmliche grün-rote Platte.

7) Stimmt, die Jungintellektuellen sägen sich das Zweigerl ab, auf dem sie sitzen. Sind sie gegen Wachstum, Energieproduktion, technischen Fortschritt, kriegen sie als Fertigstudierte keinen Job. Es sei denn, man entschließt sich zu Wachstum durch arbeitsplatzintensive, energiesparende „intelligente“ Produkte; zu Energieproduktion in dezentralen kleinen Einheiten; zu technischem Fortschritt, der besseres Leben bringt statt Verwüstung und Vernichtung. Dann gibt’s mehr Arbeitsplätze als Fertigstudierte.

8) Stimmt nicht, das Goethe-Wort lautet sinngemäß: „Den Teufel merkt der Kienzl nie, und wenn er ihn am Kragen hätte.“

9) Stimmt, lasse mich ruhig im Glauben, daß die Kirche eine Arbeiterbewegung führen kann. Denn so schlecht wie die Sozialdemokratie zu manchen Zeiten kann sie’s bestimmt, und die polnische Arbeiterbewegung hat sie nicht geführt, sonst wär’s nicht so radikal schiefgegangen.

10) Lieber Heinz, jetzt ist mir schon bissel fad, Dir so pedantisch Punkt um Punkt zu erwidern — in der Partei und sogar im ÖGB pfeifen bald Jung- wie Altspatzen von allen Dächern, man könne die große, weltweite und im Kern gut sozialistische „grüne“ Bewegung nicht als lauter Blöde und Irre diffamieren. Blitzschnell vollzieht sich der Schwenk von den „grünen Spinnern“, denen man „Mann für Mann entgegentreten“ müsse, zu grün als „Hauptwahlkampfthema“ (Bruno Kreisky). Du bleibst ja beinah allein übrig. Das aber imponiert mir an Dir. Gott erhalte Dir Gesundheit und Demagogie; er wird es, denn Du hast von beiden reichlich und wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.

„Ich kann kein elender Parteigänger sein“, sagte Jean Paul, „der nicht Freunden verschiedener Meinung zugleich Freund bleiben kann.“ Ich kann’s und will’s.

In alter, herzlicher Freundschaft grüßt Dich

Dein
Günther Nenning

[1Jörg Kaniak: Der größte Engpaß der Stromversorgung liegt bereits hinter uns. Die Begründung einer Feststellung und die Dokumentation einer Reaktion, veröffentlicht von der Energieverwertungsagentur, Oktober 1981, S. 8f

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