FORVM, No. 426/427
Juni
1989

Sprache und Endzeit (II)

Teil I erschien in FORVM Nr. 423/424, März 1989.

§ 3. Das Faktum als Fatum

Obwohl Heidegger zu den ersten Denkern gehört hat, die die Großtechnik, namentlich die atomare, als das Problem von heute, nein, als unser möglicherweise endgültiges Verhängnis, durchschaut hatten, hat er es doch niemals erwogen oder für geboten gehalten, sich an einem konkreten politischen Eingreifen gegen dieses Verhängnis zu beteiligen (was vielleicht seinen angeschlagenen moralischen Status aufgebessert hätte). Nein, über mögliche strategische oder taktische Schritte, über eventuelle Maßnahmen des Dagegenhandelns hat er sich den Kopf nicht zerbrochen. So etwas Konkretes wäre vermutlich unter seiner Würde gewesen.

Umgekehrt hat er, so als bewiese zur Schau getragene Indolenz oder Ablehnung ganz besondere Originalität oder Kühnheit, das Faktum als Fatum akzeptiert; hat er sich geradezu grundsätzlich gegen jedes Tun, damit programmatisch für Nichtsdagegentun ausgesprochen.

Und diese Verweigerungsmaxime hat er nicht etwa nur deshalb vertreten, weil er, wie Millionen intelligenter Zeitgenossen, verzweifelt gewesen war über die „Irreversibilität unseres Könnens“, [1] sondern auch aus Trotzlust. Denn diesen seinen Handlungsverzicht hat er mit solcher Ausdrücklichkeit betont, daß man wohl argwöhnen darf, dieser Verzicht sei nicht nur eine simple Verneinung, sondern eine ausdrückliche Bejahung der Verneinung gewesen, ihr habe ein Element von Trotzlust innegewohnt, und diese habe er, wie es später Ulrich Horstmann [2] ja wirklich getan, mehr oder minder willkommen geheißen.

In anderen Worten: obwohl er seine Hände nicht rührte, hat er sich doch auch nicht resigniert damit begnügt, keinen Ausweg zu wissen und damit zuzugeben, nichts erhoffen zu können — ein Geständnis, das ja auch ich bis hin zur Verhöhnung aller „Hofferei“ wiederholt geäußert hatte. Nein, damit hat er sich nicht begnügt. Aus der bloßen Resignation hat er offenbar ein positives Prinzip machen müssen, einen scheinbaren Akt der Freiheit: nämlich einen Akt ausdrücklichen Verzichts was für seine Trotz-Mentalität typisch gewesen ist; denn auch früher schon hatteier schein-autonom so manches „Was ich nicht kann“ in ein „Was ich nicht will“ umgedeutet. [3]

Wir plädieren, wie gesagt, für die Gegenposition, das heißt: obwohl unsere Skepsis und unsere Verzweiflung gewiß nicht weniger tief ist, als seine gewesen sein mag, fühlen wir uns doch dazu verpflichtet, uns um diese unsere Hoffnungslosigkeit in praxi nicht weiter zu kümmern; vielmehr bewußt „schizophren“ zu leben. Und das heißt wiederum: statt als Desperate unsere Hände in den Schoß zu legen, doch im Notfall als Desperados einzugreifen [4] und trotz unserer Ängste oder Einsichten alle Schritte, wie wenig diese auch verbürgen mögen, auszuprobieren — kurz: so zu handeln, als ob wir doch ein minimales Recht auf Erfolgshoffnung hätten. Ohne solches „Als ob“ würden wir unser Recht auf Weiterleben verspielen.

Wiederholen wir: Heidegger hat die Möglichkeit, einzugreifen, nicht nur bestritten, und deshalb jedes Agieren unterlassen; vielmehr hat er geradezu zum Gegenteil von Handeln aufgerufen, also dazu, unsere Hände in den Schoß zu legen. Wörtlich:

Wir sollen nicht tun, sondern warten. [5]

Die Radikalität dieses verbissenen Quietismus ist unüberbietbar. Das Nein, mit dem gewöhnlich nur gewalttätiges Handeln abgewiesen wird, gilt bei ihm offenbar schon dem Handeln als solchem. Und das nicht so sehr deshalb, weil es „illegal“ oder „verbrecherisch“ wäre, sondern weil es unmöglich sei. Offenbar sollen wir als Herkulesse der Passivität zugrundegehen oder vielleicht einem Wunder entgegenharren. Dieses Abraten vom Widerstehen bzw. vom Tun überhaupt, so als wäre dieses als solches bereits eine Form von Terrorismus — Zimmermann würde diesen Gedanken enthusiastisch unterschreiben — dieses „Prinzip Defaitismus“ [6] ist nicht nur ein Unikum in der europäischen Moraltradition, sondern vor allem bemerkenswert und blamabel aus biographischen Gründen: schließlich hatte ja Heidegger, wie heute jedermann weiß, noch ein paar Jahre vor seinem philosophischen Aufruf zum Nichtstun bis zum Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ alles andere getan als seine Hände programmatisch in den Schoß gelegt: vielmehr hatte er seine Hände (die schließlich einmal — es bleibt unbegreiflich „Sein und Zeit“ geschrieben hatten), wie es sich für jedes brave Mitglied der NSDAP gehörte, dazu mißbraucht, um ganz unphilosophisch seine Mitgliedsbeiträge regelmäßig weiter einzuzahlen. Damals hatte er sich also durchaus nicht darauf beschränkt, programmatisch zu warten, im Gegenteil: er hatte durchaus aktiv Hitlers totales Gewalt-, Vergewaltigungs- und Vernichtungsunternehmen durch Mitfinanzierung gefördert. Überflüssig zu betonen, daß bei diesen von ihm indirekt mitfinanzierten [7] (also durch Tun bejahten) Unternehmungen grundsätzlich niemals technische Vernichtungs- oder Mordchancen unausgenützt geblieben waren; daß umgekehrt (was unserem Denker natürlich nicht hatte verborgen bleiben können) jede, selbst jede sinnlose oder -widrige Verwüstung, wie z.B. die mechanische Liquidierung von Menschenmassen, sofern diese praktisch (nein: auch nur praktizierbar) war, programmatisch durchgeführt wurde. Ob wohl Heidegger auch damals schon heimlich versucht war, zu monologisieren: „Eigentlich sollten wir nicht tun, sondern warten?“ Einen Finger für solches später von ihm empfohlene Nichtstun gerührt hat er jedenfalls während der tausend Jahre des Dritten Reiches nicht. Vielmehr regelmäßig einen Bruchteil seiner durch Philosophieren „verdienten“ Einnahmen dem Großvernichter zur Verfügung gestellt.

Wenn der Nachkriegsheidegger, der Verfasser der „Gelassenheit“, nur behauptet hätte: „wir können nicht handeln, schrecklicherweise nicht, und deshalb sind wir darauf angewiesen, oder dazu verteufelt, nur zu warten“, dann wäre er vielleicht auch entschuldbar, dann würde seine Aufforderung zur Selbstbeschränkung vielleicht bewußtes und demütiges „Sichschicken ins Geschick“ bewiesen haben. Aber Heidegger und „Sich-schicken“? Heidegger und Demut?

Vielmehr hatte er eben Angst. Und nicht nur die berechtigte (auch von mir geteilte, sogar propagierte) Angst vor der (den Meisten, die Angst vor der Angst haben, viel zu wenig Angst einjagenden) Bedrohung durch die unseren Händen entglittenen Technik. Sondern Angst davor, nicht mitzumachen; gar Widerstand zu leisten. Kurz: Angst vor der Majestät der Großtechnik. Eine Angst, die er freilich, und vielleicht nicht nur vor den Anderen, sondern auch vor sich selbst, als Hochmut oder Tiefsinn ausgab.

Und selbst damit noch nicht genug.

Da er nämlich stets unwillig gewesen ist, irgendeine These aufzustellen, ohne dieser den Ton einer ontologischen Verlautbarung zu verleihen, hat er es auch in diesem Falle nicht unterlassen können, seine Resignation so zu intonieren und seine Hände so in den Schoß zu legen, als wenn er damit ein für jedermann verbindliches Postulat aufstellte oder erfüllte. Obwohl er, wie es hier der Fall ist, für Nichtstun plädiert hat und für Flucht, hat er das doch so getan, als wäre diese seine Flucht vorbildlich. Kurz: er hat die Rolle des „Vorreiters der Flüchtenden“ (molussisch) gespielt.

Nein.

Exnazis, namentlich die geistig ganz Ungewöhnlichen, die, wie Heidegger, ihre ehemalige „Position“ auch nach 1945 nicht widerrufen haben — auch Konrad Lorenz gehört zu diesen aus Angst bockigen Nichtwiderrufern — haben und hatten das Recht verspielt, in der heutigen „Vernichtungsdiskussion“, z.B. im heutigen „Historikerstreit“, mitzuargumentieren oder gar Ratschläge zu erteilen. Glaubwürdigkeit können deren Worte nicht zurückerobern. Auch posthum nicht. Auch die Feierlichkeit des Totseins legitimiert nicht. Es gibt ein absolutes Zuspät. [8]

§ 4 Die Unzulänglichkeit der Wissenschafts- und der Privatsprache

Zurück zum Problem „Sprache im Atomzeitalter“.

Vollends unglaubwürdig hat sich Heidegger durch seine Spracheitelkeit gemacht. So wenig es sich schickt, bei einem Begräbnis ein in Heimarbeit gehäkeltes kunstgewerblich originelles Privatkostüm zu tragen, so wenig schickt es sich, an der öffentlichen Diskussion von Katastrophen, die uns alle zu treffen drohen — und deshalb uns alle betreffen —, mit Hilfe eines in Heimarbeit gehäkelten privaten Idioms teilzunehmen.

Das gilt von allen philosophischen Privatidiomen.

Damit ist freilich nicht behauptet, daß sich die ganz unprivate Sprache der Naturwissenschaften besser dazu eigne, die Enormität der heutigen Gefahr sichtbar oder verständlich zu machen, daß sie auch nur wünsche, das zu tun. Die Sprache, mindestens das Vokabular, der Naturwissenschafter (inklusive der Techniker, namentlich der Waffentechniker) ist zwar gewiß weitgehend international; aber doch klassenspezifisch, mindestens berufsspezifisch. Zwar wird sie in allen Ländern verwendet und verstanden, dort aber ausschließlich von den Forschern und Technikern; dilettantisch auch von Politikern und Medienvertretern. Von uns Abermillionen von Laien wird sie jedoch als gültig nicht eigentlich eingesehen, sondern nur geglaubt, und zwar blindlings. Teils deshalb, weil uns andere Termini nicht zur Verfügung stehen; vor allem aber deshalb, weil die meisten der uns gelieferten, anfangs so fremdartig heißenden, aber uns rasch vertrauten und unentbehrlichen, Geräte von den Chips bis zu den Atomkraftwerken wirklich zu funktionieren scheinen. Das Wort „glauben“ meine ich dabei durchaus nicht metaphorisch. Denn wir verlassen uns auf die technische Welt, ohne diese zu verstehen, also durchaus nicht anders, als Gläubige sich auf Gott verlassen, ohne dessen Tun zu durchschauen; nein sogar stolz darauf, seine geheimen Pläne nicht durchschauen zu können oder zu dürfen, und darauf, sich durch die angeblich von ihm geschickten und zu recht geschickten Kalamitäten im Glauben, d.h.: im Vertrauen, nicht beirren zu lassen.

Der Glaube, daß das Zeitalter des Glaubens durch das der Wissenschaften abgelöst worden sei, ist ein Aberglauben. Sich verändert hat sich bei uns Laien allein der „Gegenstand des Glaubens“.

Was die Naturwissenschafter und Technologen betrifft, so ist ihnen diese Blindheit des Vertrauens, das wir ihnen entgegenbringen, natürlich sehr recht. Genau so recht, wie dem Klerus die Blindheit des Kirchenvolks gewesen ist oder heute noch ist. In der Tat ist die Ähnlichkeit zwischen den damaligen Gläubigen und uns, die wir uns durch die Medien, namentlich das TV, wieder in Analphabeten, in „postliterarische Analphabeten“ haben verwandeln lassen, frappant. — Gleichviel, die Naturwissenschafter und Technologen wünschen nichts weniger als allgemeinverständlich zu sein. Umgekehrt ist es durchwegs ihre Absicht, namentlich wenn sie als Angestellte im Dienste der Inhaber der Macht: der Industrie und des Militärs, stehen — was, da nur diese die monströsen Kosten der Forschungen und der auf diesen basierenden Technologien tragen können, fast stets der Fall ist — ist es also deren Absicht, die meisten Wahrheiten durch Prägung von reizvollen Neologismen oder durch Verwendung von längst ungültig gewordenen Termini, also durch falsche Klassifikationen [9] zu unterschlagen, mindestens zu verschleiern; sogar vor sich selbst zu verschleiern. So z.B. wenn sie eine Million von in Kauf zu nehmenden oder sogar geplanten Atomopfern nur als ein einziges Opfer: als einen (wie sie es zwecks Selbst- und Fremdberuhigung barbarisch nennen) „Megacorpse“ („Großleichnam“) bezeichnen und als solche — denn man wird, wie man spricht — auch in der Praxis einkalkulieren.

Schon seit Jahrzehnten bedarf das Lügen nicht mehr der Aussageform des „Urteils“, nicht mehr eines irreführenden Praädikats; und kann sich mit der falschen Benennung des Subjekts selbst durchaus zufriedengeben. [10]

Aber diese Tatsache, daß die Wissenschafter durch Prägung von Neologismen oder durch Konservierung oder Neubelebung von antiquierten Wörtern die Erkennung der Wahrheit methodisch vereiteln, natürlich auch ihre eigenen Erkenntnischancen mehr oder minder absichtlich abtöten, diese Tatsache bedeutet natürlich nicht, daß wir uns nun doch auf die schon vorhin abgelehnten Geheimsprachen einlassen dürften oder gar solche erfinden sollten. Werfen wir auf diese, zu Beginn schon behandelten, nun, nachdem wir die alternative Wissenschaftssprache betrachtet haben, noch einmal unsere Blicke:

Diese Privatsprachen sind deshalb unverwendbar, weil sie (gleich ob von vornherein als solche gestiftet oder nicht) unvermeidbarerweise zu Geheimsprachen werden und dann als exklusive Vereinsabzeichen fungieren, an denen sich die paar elitären Cliquenmitglieder erkennen. Aber was und wem sollte diese unproportioniert kleine solidarische Gruppe von Eingeweihten nützen, da die Sache: die Gefahr, um die es heute, und von nun an endgültig, geht, global ist und alle angeht? Man braucht nur aus dem Munde eines professionellen Freiburgers — und selbst einige Quartier Latin-Philosophen scheinen heute ja zu verspäteten Freiburgern geworden zu sein — gewisse Vokabeln, wie z.B. Heideggers maniriertes Kunstwort „Gestell“ zu hören, und schon wissen die sozial Hellhörigen: hier zitiert sich einer, der angeblich Generelles und global Definitives zu sagen vorgibt, als Mitglied einer hermetischen Sekte. Über uns mag der zwar reden: über uns, die überall gleichermaßen gefährdeten Zeitgenossen und Nachkommen. Sogar Wahres mag er vielleicht meinen. Aber zu uns, geschweige denn für uns, redet er, solange er sich auf seine privaten Neologismen kapriziert, ganz gewiß nicht. Sogar noch weniger als das die, ihr international gemeinsames Vokabular verwendenden, Naturwissenschafter tun. Vielmehr reden die Bastler und Nachplapperer philosophischer Privatjargons eben nur zu Einigen, die sich in verdrehter Aristokratenlogik deshalb für die Eigentümer des Wahrheitsmonopols halten, weil sie nur so Wenige sind. Solche geringe Anzahl beweist natürlich keine Wahrheit, sowenig wie das hohe Anzahl tut. Bestenfalls verständigen sich die „Heideggerianer“, oder wie immer die Zirkelmitglieder heißen, mit ein paar tausend Seminar- oder Lektüre-Kollegen.
Aber was sind schon ein paar tausend, da es heute ja um das Schicksal, um das „to be or not to be“, von uns allen geht?

§ 5. Der moralische Wahrheitsbegriff

Regel: Nur dann, wenn sich das „Über“ und das „Zu“, das sujet des Sprechens und das angesprochene Subjekt, „decken“; nur dann, wenn wir auf diejenigen abzielen und diejenigen erreichen, die, weil es um deren Schicksal geht, von uns erreicht werden müssen und ein Recht darauf haben, von uns erreicht zu werden; nur dann haben unsere Aussagen „Sinn“, nur dann werden sie auch wirklich wahr. Eine Wahrheit, die einem unbestimmten oder gar einem falschen Adressaten mitgeteilt wird, ist nicht eigentlich „wahr“.

Nicht wahr ist ein einer Katze vorgetragener Pythagoreischer Lehrsatz. Denn die Sprache, in der dieser ihr vorgetragen wird, ist für sie keine Sprache; dessen Inhalt kann sie nicht „wahrnehmen“; sie kann auch nicht „die Chance wahrnehmen“, auf Grund des gehörten Lehrsatzes zu handeln, diesen also anzuwenden. Vielmehr bleibt für sie der Lehrsatz eine irrelevante Lautfolge bzw. er bleibt überhaupt nicht, weil er nichts für sie gewesen ist, weil er — man entschuldige diese fast heideggerisch klingenden Wortspiele — von ihr nicht aufbewahrt werden und sich nicht bewähren kann.

Ebensowenig wahr ist eine Aussage über die atomare Situation, die sich nicht an alle diejenigen richtet, die diese Aussage etwas „angeht“, und die so vorgetragen wird, daß die Hörer sie nicht verstehen und keine Handlungskonsequenzen aus ihr ziehen können.

Ob etwas wahr ist, das hängt mithin nicht nur vom Sprecher ab, und nicht nur von der „Deckung“ der Aussage mit dem ausgesagten Tatbestand, also nicht nur von der klassischen „adaequatio“, sondern auch davon, ob der wirklich „Betroffene“ getroffen wird; also von der Deckung des effektiven Empfängers mit dem als „Empfänger“ intendierten Adressaten.

Darin besteht die heute erforderliche „adaequatio“. Das Wort „Wahrheit“ bezeichnet mithin auch ein moralisches bzw. ein, wenn man will, „pädagogisches“ Ergebnis.

Abgesehen von beruflichen Erziehern wird dieses Postulat bestenfalls von Popularisatoren anerkannt und angestrebt. Aber doch nur auf halbherzige, mindestens unzulängliche, Weise. Denn Popularisatoren sind und bleiben ja eingeschüchtert durch den (oft auch sozial) höheren Rang und das stets höhere Prestige der Forscher; sie erkennen ja die wissenschaftlichen „Experten“ als die eigentlichen Eigentümer oder Verwalter der „Wahrheiten“ an; obwohl diese in Sachen der Moral ihres wissenschaftlichen Tuns blutige Laien (mindestens Blutvergießen in Kauf nehmende Laien) bleiben; und obwohl sie sogar ihre moralische Inkompetenz hochmütig bejahen. Denn aus der Wissenschafterperspektive sind moralische Bedenken ja fach- und sachfremd und deshalb Sand im Getriebe. Bedenken gegenüber (gar Bezweiflung) der Legitimität ihres Tuns würde ja nicht nur dem sogenannten „Sachzwang“ widersprechen, sondern auch den „Fortschritt“ behindern, für den (wenn nicht sogar von dem) angestellt zu sein, sie sich einreden. Moralische Skepsis würde die ihnen selbstverständliche „Wertneutralität“ ihrer Arbeit behindern, die ihnen von den (alles andere als wissenschaftlich Kompetenten und als „neutralen“) Interessenten an ihrer Arbeit als Postulat eingeredet wird, und zu deren Unverletzbarkeit sie sich in deren Auftrag verpflichtet fühlen. Als wenn das keine Wertung implizierte! Kurz: moralische Bedenken würden ihre Arbeit ın ıhren Augen unwissenschaftlich, und letztlich dadurch sogar unmoralisch machen.

In anderen Worten: auch von den „popularisierenden“ Erziehern wird das heute erforderliche Wahrheits-Ideal nicht eigentlich erkannt, anerkannt, geschweige denn angewandt. Denn auch sie gehen ja von dem Zugeständnis aus, daß die Wahrheiten eigentlich Alleineigentum der „wertneutralen“ Wissenschafter seien; daß sie nur von diesen angemessen gesucht, gefunden, festgestellt und formuliert werden können; daß deren Formulierungen eigentlich die einzig angemessenen Formulierungen seien; und daß ihre, der Popularisatoren, Aufgaben allein darin bestehen, diese Formulierungen in unsere Laiensprache zu übersetzen, gewissermaßen „hinunterzuübersetzen“, also die Ergebnisse und die Weltsicht der Experten für uns armselige „men in the street“ ohren- und mundgerecht zu machen. Die Volksbildner stehen also primär auf der Seite der Universitätsprofessoren. Nur geben sie eben treuherzig und sich entschuldigend zu bedenken, daß jedermann ein demokratisches Anrecht auf alle Wahrheiten beanspruchen dürfe; und daß es sich ja schließlich um Angelegenheiten handle, um Gefahren, vor allem um Untergangsgefahren, die Alle betreffen; mithin weil wir Alle (und nicht etwa nur die Wissenschafter oder gar nur die Experten der Kernphysik) tödlich getroffen werden könnten.

Dieses Zugeständnis der „Volksbildner“, daß es sich nicht um indifferente wissenschaftliche Angelegenheiten handle, sondern daß „nostra res agitur“, bleibt aber, wie gesagt, halbherzig und ungenügend. Denn erforderlich ist nicht nur die „Übersetzungsarbeit“, nicht nur der Transport der von den Wissenschaftern „hergestellten“ und bei diesen angeblich beheimateten „Originalwahrheiten“ in die Tiefebene der vorwissenschaftlichen Sprache, in der wir Millionen von Laien bedauernswerterweise hausen müssen; erforderlich ist es vielmehr, die Wahrheit im Vorgang des „Transports“ selbst (also in der sogenannten „Popularisierung“) und in dessen Effekt zu sehen; in der Aktivität, die den Adressaten: uns Laien, die wir ausnahmslos zu Opfern werden könnten, die Augen über die Gefahr und das lauernde Schicksal, das uns erwartet (das wir freilich trotz aller Harrisburgs und Tschernobyls etc. noch immer nicht erwarten) öffnet. Das erst wäre, wie vorhin schon in anderen Worten angedeutet, die heute fällige „adaequatio“. Eben die Kongruenz von „geliefertem sujet und belieferten Subjekten“.

Texte, die dieses adaequatio-Postulat nicht erfüllen, bleiben, moralisch gesprochen, unwahr; im, wenn man will, „pragmatistischen“ Sinne von „unbrauchbar“ und „wirkungslos“. Sie bleiben so unbrauchbar und wirkungslos wie jene, uns alle in Wut versetzenden, Medikamenten beigelegten, Gebrauchsanweisungen und -warnungen, die uns in winzigstem Kleindruck zugemutet werden, damit wir, die angeblichen Adressaten, wir, die Kranken, sie unter keinen Umständen entziffern, verstehen und befolgen können. In Wahrheit sind solche „Informationen“ — und das gilt von fast allen „Informationen“ durch die Massenmedien — Tarnungen: nämlich gezielte Informationsverhinderungen.

[1Das heißt: über unsere Unfähigkeit, das Vergangene zu widerrufen; dasjenige, was wir einmal gekonnt hatten, morgen nicht mehr zu können; darüber, daß jeder Abwehr- oder Vereitelungsversuch unvermeidlicherweise ergebnislos bleiben würde. — „Unable to make ourselves unable“, so hatte ich 1958 in Tokio in einer Ansprache an die ersten dortigen Atomkriegsgegner formuliert. Deutsche Version in „Hiroshima ist überall“, S. 23

[2Siehe dessen, in der Verhöhnung meiner Position gipfelnde, Verherrlichung der Menschheits- und Erdvernichtung in „Das Untier“, Frankfurt 1988

[3„Gelassenheit“, Pfullingen 1985

[4„Gewalt — ja oder nein“ (Knaur), S. 152 und anderwärts

[5„Gelassenheit“, Pfullingen 1985

[6Nicht Heideggers Formel

[7Indirektheit des „Mitmachens“ ist niemals gültige Ausrede, sie würde, wenn es „Absolution“ gäbe, Absolution nicht rechtfertigen. Zu allerletzt für Philosophen, da eine von deren täglichen Aufgaben ja in der Demaskierung von Indirektheiten besteht. Mittun zählt moralisch als Tun, Mit-tun ist Tun.

[8Ebenso unglaubhaft war sein berühmter, seinerzeit im „Spiegel“ publizierter Ausspruch „Nur ein Gott kann uns noch retten“. Das aus dem Munde eines Philosophen, der ein halbes Jahrhundert lang ganz gut ohne Gott, also „gottlos“, ausgekommen war. — Wenn er schon (wem zuliebe eigentlich?) Gott so plötzlich in den Mund nahm (früher hatte er in Notfällen mit dem unverbindlicheren, griechische oder Hölderlin-Assoziationen hervorrufenden, Plural „Götter“ vorliebgenommen), dann hätte er auch den Mut zum bestimmten Artikel („der Gott“) oder zur Artikellosigkeit („Gott“) aufbringen sollen. Heutzutage ist die Verwendung des unbestimmten Artikels „ein Gott“ pure Geziertheit.

[9Mit solchem Sprachschwindel war ihnen vor mehr als dreißig Jahren beispielsweise Adenauer vorausgegangen, als er Atombomben nicht etwa nur aus Borniertheit, sondern auch zwecks Irreführung als „großformatige Artillerie“ falsch klassifizierte.

[10So schon 1932 in meiner „Molussischen Katakombe“, der ich damals nicht grundlos den Untertitel „Lehrbuch der Lüge“ gegeben hatte.

Fortsetzung folgt

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