Heft 2-3/2003
Mai
2003

Springtime for Hitler

Gespräche über „Letter to the stars“

Denn wie der Begriff, den sich die Mörder und Opfer von den Ereignissen gemacht haben, ihr Handeln beeinflusst hat, so ergeben sich ... unsere Reaktionen auf die uns umgebende Welt ganz unmittelbar aus dem Verständnis der Ereignisse und aus der Art und Weise, wie wir diese erinnern. [1]

„Letter to the stars“ ist der bewusst poppige Titel eines von den Journalisten Josef Neumayer und Andreas Kuba initiierten österreichweiten Schulprojekts, das dazu beitragen soll, Geschichte erlebbar zu machen. Alles begann mit der vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) veröffentlichten CD-Rom zur namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer. Diese unvorstellbar riesige wissenschaftliche Arbeit enthält derzeit an die 65.000 Namen und — sofern rekonstruierbar — deren Geburts-, Sterbe- und Deportationsdaten. Die Datenbak diente zum Beispiel der Historikerkommission als Grundlage für deren Untersuchungen, aber auch Verwandte von Holocaustopfern, also Einzelpersonen, können mit dieser CD-Rom erste Recherchen nach ihren Angehörigen vornehmen.

Eine gute Öffentlichkeitsarbeit im Zuge der Präsentation dieses DÖW-Projekts hatte zur Folge, dass Josef Neumayer und Andreas Kuba davon erfuhren.

„Das mit der Datenbank war eine von diesen Ideen, die einen packen und nicht mehr loslassen,“ erzählt Josef Neumayer. „Wir wollten irgend etwas damit machen. Ich meine, das war ja ein Monsteraufwand.“

Die Idee: SchülerInnen entnehmen der CD-Rom einen durchaus nach persönlichen Kriterien ausgewählten Namen und recherchieren die Lebensgeschichte dieses Menschen. Das Dokumentationsarchiv steht dabei mit Rat und Tat zur Seite. Durch diese Recherche sollen Holocaustopfer ein Gesicht, ihre Würde wiederbekommen. Am 5. Mai 2003, wenn sich der Tag der Befreiung Mauthausens jährt, ist das Projekt abgeschlossen und eine öffentliche Veranstaltung markiert dies: 80.000 weiße Luftballons, jeder mit einem persönlichen Brief versehen, — von SchülerInnen an die Zukunft, wie es heißt — steigen vom Heldenplatz auf, zu den Sternen, to the stars. Ein in den Augen der Initiatoren und der beauftragten Event-Agentur World Connection jugendkompatibles Musikprogramm bildet den Rahmen für die Präsentation einiger Lebensgeschichten. Kinderportraits und die Logos der SponsorInnen, von denen so manche von ihren Machenschaften während der Nazizeit und danach gerne ablenken, schmücken den Heldenplatz, es sprechen Zeitzeugen, der Bundespräsident, SchülerInnen, Prominente.

Wissenschaftlich wertlos

Das Konzept ging auf. Schulen in ganz Österreich ergriffen die Möglichkeit, den Geschichtsunterricht auf diese Weise plastisch zu machen, kaum ein Medium — von der „Krone“ und dem ORF bis zum Vor-Magazin — ließ das Projekt unerwähnt. Doch was ist das Anliegen von „Letter to the Stars“? Worum geht es, wenn SchülerInnen Lebensgeschichten von Holocaustopfern recherchieren? Was ist das pädagogische Konzept und was bewegt zwei Journalisten, ein solches zu entwerfen? Welches Bild ergibt das, wenn tausende Luftballons zum Himmel aufsteigen, losgelassen, fortgeschickt, beendet, — was nie beendet sein kann? Und wie ist das wirklich mit der Würde, die den Opfern wiedergegeben werden soll, wenn am Heldenplatz ein „Event“ stattfindet, perfekt vermarktet und genau darin so austauschbar? Geht es vielleicht um eine dringend notwendige wissenschaftliche Arbeit, für die derzeit keine Geldmittel zur Verfügung stehen? Sollen SchülerInnen etwa einspringen, wo die Politik versagt?

„Wissenschaftlich hat dieses Projekt überhaupt keinen Wert,“ weiß DÖW-Mitarbeiter Stephan Roth. „Das muss man ganz klar sagen. Es ist ein Schulprojekt und was der pädagogische Effekt davon ist, ist ausschließlich von den Lehrern abhängig. Wir hier können mit Recherchetipps helfen, den Schülern zeigen, wie sie zu weiteren Informationen kommen. Aber was sie davon haben, liegt an der Motivation der Lehrer. Im Idealfall wird durch diese Personalisierung des Mordens und die Identifikation mit dem Opfer, nachvollziehbar, was das Leiden und die Unfreiheit, die Qual von damals bedeutet hat.“

Die Initiatoren Josef Neumayer und Andreas Kuba wollen sich zum pädagogischen Konzept gar nicht äußern. Nur eins ist ihnen ganz klar: Antisemitismus soll nicht das Thema sein. Die SchülerInnen nehmen eine Namen und eine Geschichte mit, das spräche für sich, sind sie der Meinung.

Andreas Kuba: „Bei unserem Projekt geht es ganz bewusst nicht um Antisemitismus. Das Projekt ist nicht dazu da, Antisemitismus zu bekämpfen. Wir sind nicht gegen etwas, sondern für etwas.“

„Unter den Kids ist Antisemitismus kein Thema,“ ist Josef Neumayer überzeugt. „Wenn es um den Israel-Palästina Konflikt geht, dann haben die Kids die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf und sie finden, das ist ein ungerechter Kampf, aber mit Antisemitismus hat das nichts zu tun. Ja, vielleicht sagt mal einer was, aber das ist dann eine Trotzhaltung gegenüber den Eltern, mit so Nazisprüchen kann man sie ja aufregen.“

Josefs Leitbild

„Nur SchülerInnen können Holocaustopfern ein würdiges Andenken verschaffen,“ sagt Josef Neumayer. „Jedem anderen müsstest du ja was dafür zahlen.“ Hat das gerade etwas merkwürdig geklungen?
„Ich will junge Menschen erreichen,“ setzt Neumayer fort. „Der vierzehnjährige neugierige Gymnasiast war und ist mein Leitbild, immer schon, auch schon während ich für News geschrieben habe, ihm möchte ich etwas mitteilen und mitgeben.“

Und Warum? Josef Neumayer muss nachdenken. „Vielleicht, weil ich diese Zeit selbst als Schlüsselzeit erlebt habe,“ sagt er und seine Augen fangen zum leuchten an. „Das ist ein kompliziertes Alter, man sucht so viele Antworten auf Fragen, die man noch nicht stellen kann. Ich hab in diesem Alter alle meine Orientierungsmuster über Bord geworfen und fühlte mich sehr allein.“

Jetzt ist Josef Neumayer nicht mehr zu halten. Er erzählt und erzählt, von seiner wilden Schulzeit, seiner ersten großen Liebe, seinen kuriosen Jobs als Jugendlicher, von seiner Reise nach Israel, die ihm die Augen geöffnet hat.

„Wie alle, hatte auch ich Vorurteile, naja, was man halt so denkt: Hochfinanz und Palästinakonflikt. Und dann komme ich dorthin und sehe, dass die Menschen dort genauso sind wie überall auch. Ich meine, man kann sich jedes Vorurteil schenken, wenn man auf den Menschen kommt.“ Und dann setzt er schnell nach: „Ich war dort hauptsächlich mit Arabern zusammen.“

Dann erzählt Josef Neumayer von seinem Werdegang: 3 Jahre Ö3, 5 Jahre Wiener, 3 Jahre News, dann Chefredakteur der Barbara Karlich Show, Pressesprecher bei Vera und nach der Chefredaktion des Extradienst wollte er frei sein. Es folgte das Projekt „Letter to the stars.“

„Das schöne ist ja, dass diese Generation eine völlig unbelastete ist, was den Holocaust betrifft,“ so Neumayer über seine vierzehnjährigen Leitbilder. „Für alle heute über Dreißigjährigen schwingt ja immer diese Schuld mit, so eine Art Erbsünde. Ich hab mich immer schuldig gefühlt, wissend, dass meine Großeltern keine Nazis waren.“

Was war mit den Großeltern?

„Ich hab meinen Großvater gefragt: warst du ein Nazi? Aber er hat gesagt: nein. Und er hat mir etwas ganz Entscheidendes mitgegeben. Er hat gesagt: bevor du dir ein Urteil bildest, versetze dich in die Zeit und frage dich, wie ein ganzes Volk auf einen Verrückten reinfallen konnte. Er sagte: urteile nicht ohne dich in die Zeit zu versetzen. Er war 29 als Hitler einmarschierte. Er war Unternehmer und der einzige Arbeitgeber im Umkreis von zwei Dörfern. Und der Hunger damals, das ist ja unvorstellbar. Und er ist in den Krieg geschickt worden, weil sein Schwager ein Obernazi im Dorf war, der hatte das zu verantworten.“

Zeichnung: Eduardo Cohen

Das Gute an Hitler

Auf der Suche nach dem Sinn von „Letter to the stars“ jenseits von PR und Luftballons, bleibt alle Hoffnung also auf dem pädagogischen Geschick jener LehrerInnen, die sich für die Teilnahme am Projekt entschieden und ihre SchülerInnen motivierten, mitzumachen. Eine Lehrerin ist dabei Betreuer Stephan Roth als besonders engagiert aufgefallen.

„Letter to the Stars ist ein gutes Projekt,“ sagt diese Lehrerin. „Es ermöglicht den Schülern einen anderen Zugang zur Geschichte.“

Den SchülerInnen Mut zu machen ist ihr ein Anliegen, Mut, mit den Großeltern über den Krieg zu reden.
„Ich denke mir, wenn durch dieses Projekt nur einer zuhause fragt, dann hat sich das ganze schon ausgezahlt. Diese Beschäftigung ist unangenehm, aber nötig.“

Und warum will diese Pädagogin die SchülerInnen zu einer Auseinandersetzung in der eigenen Familie bewegen?

„Es ist wichtig zu erkennen, dass es auch eine andere Sichtweise zum Krieg gibt. Ich meine, natürlich ist für die Opfer die Geschichte negativ ausgegangen. Aber im Krieg, wenn man nichts hatte, war die HJ oder der BDM eine Möglichkeit, Urlaub zu machen. Das hatte also auch positive Seiten.“

Sie hätte mit ihrer Großmutter über den Krieg geredet und sich mit ihr das Kriegstagebuch des Großvaters angesehen.

„Wer kann schon sagen, was er oder sie getan hätte zu dieser Zeit,“ sagt diese Lehrerin und gefällt sich dabei. „Niemand kann das sagen. Ich meine, ich hoffe, ich wäre kein Nazi gewesen, aber mit Sicherheit wäre ich nicht in den aktiven Widerstand gegangen, dazu wäre mir mein Leben zu lieb gewesen.“

Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie es möglich war, dass die Bevölkerung Hitler glauben und ihm folgen konnte ist für sie der Grund für ihre Berufswahl.

„Ich verstehe ja gar nicht, wie das passieren konnte,“ sagt sie. „Ein paar einflussreiche Menschen sagen, dass eine Menschenrasse an allem schuld ist und dann rennen alle diesem Verrückten nach. Ich kann das nicht nachvollziehen, wie der kleine Zwerg das geschafft hat.“

Ewige Schuldfrage

Wie die beiden Initiatoren findet auch diese seit vier Jahren unterrichtende Lehrerin, dass Antisemitismus kein Thema ist. Zwar weiß sie um die Existenz von Antisemitismus und Rassismus in der Gesellschaft, dennoch scheint sie keine Verbindung zur NS-Zeit, zu ihren Aufgaben als Pädagogin oder zum Projekt „Letter to the Stars“ herzustellen.

„Das finde ich ja gerade das Gute an diesem Projekt, dass die Schuldfrage nicht gestellt wird,“ sagt sie. „Ich meine, dieses ewige Schuldbekenntnis, dieses ewige: es tut mir leid. Damit muss doch endlich Schluss sein, das macht mich richtig aggressiv. Ich meine, man kann doch nicht jedesmal, wenn Israel wieder irgendwo einmarschiert sagen: aber es tut uns ja so leid.“

Die Einstellung dieser Lehrerin — der NS hätte auch gute Seiten gehabt —, die fehlende Bezugnahme auf Antisemitismus und jene gesellschaftlichen Mechanismen, die Auschwitz ermöglichten sowie die kaum versteckte Schlussstrichforderung ist kein Einzelfall. Eine im Jahr 2000 in Deutschland durchgeführte Studie [3] belegt, dass nur eine Minderheit der LehrerInnen und ErzieherInnen ihre Aufgabe wahrnimmt, wie es dort heißt „historisch verantwortliche Lernprozesse“ in Gang zu bringen und „Erziehung in ihrem Verhältnis zu der von Menschen begangenen Tat systematischer Menschenvernichtung in Beziehung zu setzen.“ Und weiter: „Erkenntlich wird, ..., dass die Erziehungswissenschaft sich nicht der pädagogischen bildungsrelevanten Verantwortung stellt.“

Dass ein derartig skandalöser Bildungsstand und Status quo der Auseinandersetzung sowie die jeweils individuelle Verstrickung in Abwehrprozesse bei LehrerInnen und in der Folge bei deren SchülerInnen kein Einzelfall ist, belegen auch die eingangs erwähnten „Briefe an die Zukunft“. Von SchülerInnen öffentlicher und privater Schulen verfasst, sollen sie an die weißen Luftballons befestigt am 5. Mai zu den Sternen fliegen. Da heißt es zum Beispiel:

Für uns ist es schwer nachzuvollziehen, dass es wirklich niemand gemerkt hat, dass tausende Menschen in Österreich verschwunden sind. Hat sich kein Mitschüler oder Arbeitnehmer gefragt, wo jüdische MitschülerInnen bzw KollegInnen hingekommen sind? Warum haben LehrerInnen, SchülerInnen, KollegInnen und Chefs nicht Alarm geschlagen? Die Abtransporte jüdischer MitbürgerInnen sind auch nicht nur im Geheimen abgelaufen!

Oder:

Besonders beängstigend fanden wir, dass wir nichts Näheres über Sie und Ihre Familie in Erfahrung bringen konnten. Wir befürchteten schon, dass es den Nationalsozialisten tatsächlich gelungen ist, das Leben eines Menschen einfach aus der Erinnerung für die Nachwelt zu löschen. ... Wir wissen nicht, woran Sie gestorben sind, ob Sie überhaupt bestattet worden sind. Für Ihre Nachkommen wird es schwer sein, mit diesen Unsicherheiten fertig zu werden.

Oder:

Es war sicher nicht einfach, sich in der NS-Zeit eine objektive Meinung zu bilden, beeinflussend wirkten zensurierte Radiosender, ..., Leute, die „Fremdsender“ hörten wurden bestraft. ... In vielen Fällen war es damals schwer möglich, die eigene Meinung offen kundzutun, aus Angst vor einer Verhaftung... Die Menschen von damals sahen im Nationalsozialismus wohl nur die positiven Seiten ... Sie haben alle Versprechungen geglaubt und sind somit zu Handlangern geworden ... Unserer Meinung nach, kann so etwas Schreckliches wie der Holocaust, aber auch die Verfolgung Andersdenkender nicht passieren, wenn Leute zusammenhalten und niemanden an die Macht kommen lassen, der gegen Menschenrechte verstößt... Aber trotz aller Gräueltaten, die in der NS-Zeit passiert sind und die auch ausreichend dokumentiert sind, ereigneten sich leider in den 90er Jahren weitere grausame Aktionen nicht nur irgendwo in der Dritten Welt, sondern auch vor unserer Haustür. Man denke nur an die furchtbaren Vorfälle im ehemaligen Jugoslawien. Scheinbar haben die Beteiligten nichts aus der Geschichte gelernt.

Wenn am 5. Mai die 80.000 weißen Luftballons zum Himmel aufsteigen, hat wieder einmal ein Projekt seinen offiziellen Abschluss gefunden, von dem im besten Falle nichts, im Regelfall aber das Falsche bleibt. Indem das TäterInnenkollektiv anonym bzw. auf Hitler und die Nazis beschränkt bleibt, indem dort, wo diese Anonymisierung aufbricht, nämlich in den eigenen Familien, Schuld und Verantwortung verharmlost und verleugnet werden, können jene Mechanismen einer Gesellschaft, die Auschwitz hervorgebracht hat, mit dem Schleier von „Betroffenheit“ und „Gedenken und Mahnen“ überdeckt werden. „Letter to the stars“ ist ein äußerst geschickter und perfekt vermarkteter Schachzug, dem kollektiven Verdrängen Vorschub zu leisten, der Relativierung und Abwehr Tür und Tor zu öffnen. Das macht „Letter to the stars“ auch gefährlich. Zeitzeugen und die Unterstützung durch die Israelitische Kultusgemeinde und anderer VertreterInnen von Opfergruppen haben in diesem Zusammenhang lediglich Legitimationsfunktion, was besonders bitter ist, wenngleich die individuell-symbolische Bedeutung ihrer Auftritte, zum Beispiel auf jenem Balkon, von dem einst Hitler die jubelnden Massen bewegte, anzuerkennen ist. „Letter to the Stars“ ist ein hohles PR-Event, durch das sich Initiatoren, Publikum und PolitikerInnen selbstverliebt und schulterkolpfend von jeder echten Verantwortung effektvoll los-vermarkten. Und nichts symbolisiert diese Tatsache besser, als 80.000 Mal heisse Luft.

[1James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.

[2James E. Young: Beschreiben des Holocaust. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.

[3Alphons Silbermann, Manfred Stoffers: Auschwitz: Nie davon gehört? Rohwolt, Berlin 2000.

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