FORVM, No. 432
Dezember
1989

Staatspolizey & Kärntner Geistesleben

Zwei Traditionen stoßen hart aufeinander, die andere ungebrochen, die unsrige von ihr immer wieder genickt. Siegen aber, in the long run, werden wir. -Red.

Franz Paul Freiherr v. Herbert (1759-1811)
Gemälde (Öl, unbek. Meister)

Die 200-Jahrfeiern der Französischen Revolution versuchten heuer allenthalben, die Umwälzungen, die mit diesem epochalen Ereignis verbunden waren, in Erinnerung zu rufen. Die Gefahr, daß dieses Ereignis in Sonntagsreden verklärt oder durch einseitige Betrachtung der mit der Revolution verbundenen Greueltaten in oberflächlicher Weise abgewertet wird, wurde dabei vielfach kaum gesehen. In Österreich wurde nur wenig zu diesen auch die Habsburgermonarchie erschütternden Vorgängen publiziert. Zu den wenigen Ausnahmen gehörte die Ausstellung „Weimar — Jena — Klagenfurt“, die die Auswirkungen der Aufklärung in Deutschland auf das Geistesleben Kärntens im Zeitalter der französischen Revolution behandelte.

Der Klagenfurter Industrielle Franz de Paula von Herbert (1759-1811) war ein Querdenker, der sich mit der Leitung der elterlichen ersten österreichischen Bleiweißfabrik, technischen Erfindungen und der Weiterentwicklung und Verbesserung der Bleiweißentwicklung nicht zufrieden gab. Charakteristisch für die Rezeption seines Werkes in der Wissenschaft ist, daß er in der „Neuen Deutschen Biographie“ vor allem wegen seiner chemischen Versuche Eingang fand, während seine philosophischen und literarischen Interessen so gut wie keine Erwähnung fanden. Da ihn das Industriellendasein nicht befriedigte, reiste er 1789, versehen mit Empfehlungsschreiben seiner Freunde aus der Wiener Freimaurerloge, nach Weimar und Jena zu Karl Leonhard Reinhold, der 1787 durch die „Briefe über die Kantische Philosophie“ — die sein Schwiegervater Ch. M. Wieland im „Teutschen Merkur“ herausgegab — die Philosophie des „Alleszermalmers“ in weitesten Kreisen bekanntgemacht hatte.

Spätere Besucher Herberts mokierten sich immer wieder darüber, daß man damals in Wien so gut wie nichts von der neuen Philosophie gehört hatte. Herbert wurde nun mit der „Kritik der reinen Vernunft“ vertraut und entschloß sich, nach der Reise — auf der er auch Schiller kennengelernt hatte — nach einem gründlichen Studium des „Teutschen Merkur“, den Wieland ihm besorgte, noch einmal für ein Semester nach Jena zurückzukehren, um bei Reinhold ein Semester Philosophie zu studieren.

Im Dezember 1790 kehrte Herbert noch einmal nach Jena zurück, wo er bis zum April 1791 blieb und den Dichter Friedrich von Hardenberg (Novalis) und die Philosophen Johann Benjamin Erhard, Friedrich Immanuel Niethammer und Friedrich Karl Forberg kennenlernte. Vermutlich durch Reinhold wurde er Mitglied des Illuminatenordens, der sich zum Ziele gesetzt hatte, Aufklärung und Fortschritt in der Welt zu verbreiten. Als Herbert wieder nach Klagenfurt zurückkehrte, begleitete Forberg ihn, um ihn zu Hause weiter in der Philosophie Kants auszubilden. Nach seiner Rückreise nach Sachsen schrieb Forberg am 28.9.1791 an Reinhold:

Ich bin völlig überzeugt, daß das herbertische hauß vielleicht in ganz Deutschland Wenige seines gleichen finde und daß dasselbe der lebendigste Beweiß für den Wohlthätigen Einfluß sey, welchen die Kritische Philosophie nicht blos auf den Kopf, sondern hauptsächlich auch auf das herz ihrer Verehrer äußert. Die Frömmigkeit ist aus diesem hause verbannt, Aber sie hat der Sittlichkeit Platz gemacht, Welcher Alle in Worten und handlungen mit unaussprechlicher Ehrfurcht huldigen. Die Moralität scheint selbst an Achtung zu gewinnen, wenn man im Zirckel moralischer Menschen lebt — und auch in dieser Rücksicht habe ich dem Auffenthalte in Klagenfurt unendlich Viel zu verdancken! Der Kontrast, den die Weißheit Eines hauses mit der Dummheit aller übrigen macht, kann für die letztern nicht Anders, Als von ungemein Wohlthätigen Folgen seyn. Die Nacht des Aberglaubens muß in eben dem Verhältnisse schwärzer und grausender erscheinen, in welchem sie dem Sonnenlichte der Wahrheit näher ist; und die Fesseln der Kirche müssen um desto drückender werden, je öffter man die Freiheit und den Frohen Muth derienigen vor Augen sieht, die sie zerbrochen haben. Ein großer Theil der Jugend huldiget daher — im Verborgnen — der Vernunft und der Philosophie, und zwar mit einem Eifer, der selbst die Gefahren nicht scheuet, Welche den Ausweg aus dem Reiche der Finsterniß begleiten; und der Enthusiasmus für das Studium der Kritischen Philosophie ist vielleicht noch stärcker als bey uns (der Intension, aber freilich nicht der Extension nach), weil das Bedürffnis einer bessern Religion ungleich dringender ist. [1]

Noch im Jahre 1840 äußerte Forberg sich in seinen Memoiren („Lebenslauf eines Verschollenen“) emphatisch über den Aufenthalt in Klagenfurt, wo den Priesterseminaristen verboten worden war, das „Herbertstöckl“ zu betreten und wo man über die Art, wie Wiener Zeitungen über die Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes berichteten, in Kaffeehäusern schimpfte und die Zeitungen wutentbrannt zu Boden warf. Junge Mädchen hatten Kant-Ausgaben wie schwarze Gebetbücher eingebunden, um das Buch auch während des von den Eltern erzwungenen Besuches der Messe lesen zu können. Derartige Berichte von Besuchern Herberts vermitteln uns ein eindrucksvolles Bild über das geistige Leben im Hause Herberts und im zeitgenössischen Klagenfurt.

Nach dem Tode Kaiser Leopolds II. am 1.3.1792 kam dessen wenig begabter reaktionärer Sohn Franz II. an die Regierung. Bereits wenige Monate später ließ der erst 24jährige Monarch die Polizeihofstelle wiederherstellen, deren Leitung der von seinem Vater entlassene Graf Pergen übernahm. Seit dieser Zeit begann die geheime Staatspolizei mit der Bespitzelung und Überwachung „subversiver“ Persönlichkeiten. Die Folge war, daß sich bald eine — freilich zahlenmäßig geringe — Opposition um den Baron Andreas Riedel in Wien bildete, der einmal Erzieher Franz‘ II. gewesen war. Es braucht uns daher auch nicht zu verwundern, daß die Staatspolizei bald ein Auge auf das Haus Herberts richtete, wo sich ein philosophisch-literarischer Zirkel gebildet hatte, der jedoch in keiner Weise an der späteren „Jakobinerverschwörung“ beteiligt war. In einem bisher unveröffentlichten „gehorsamsten Rapport“ der geheimen Staatspolizei vom 28.12.1792 wird berichtet, welche Personen zum „Herbertischen sogenannten Freyheits Clup“ gehörten. Es heißt dabei, daß ein Dr. Pichler die „Straßburger Zeitung“ vom „Herbertischen Cloup“ erhalte. Dann heißt es weiter, daß ein Dr. Maer „welcher das Freyheits Sistem bey jeder Gelegenheit zu verbreiten suchet“, „der gefährlichste Mensch“ des Herbert-Clubs“ sei. [2] Dieser Polizeibericht verdeutlicht, daß die österreichische Staatspolizei bereits Ende 1792 den Herbert-Kreis in Klagenfurt bespitzeln ließ — ganz in der Weise, wie dies auch aus anderen Gebieten wie z.B. Krain bekannt ist. [3] Um diese Zeit bildete sich in Wien der Kreis um den erwähnten Andreas Riedel, zu dem u.a. Franz Hebenstreit von Streitenfeld — der kommunistische Ideale vertrat — und Leopold Stanislaus von Hohenwart gehörten. Noch im Jahre 1792 verfaßte Riedel einen „Aufruf an alle Deutschen“, der bereits Ende Oktober 1792 in Berlin von der dortigen Polizei beschlagnahmt wurde. [4] Im Jänner 1793 wurde in Wien ein Kupferstecher Pauer verhaftet, der beim Verhör zugab, den Aufruf verfaßt zu haben. Erst im Juli 1794 erfuhr die Polizei jedoch, daß der Aufruf in Wirklichkeit von Riedel stammte. Daraufhin wurden die Wiener Jakobiner am 24.7. verhaftet; Riedel wurde im Wiener Jakobinerprozeß zu 60 Jahren schwersten Gefängnisses verurteilt.

In diese Auseinandersetzung um Riedel und die Wiener Jakobiner wurden auch Herbert und seine Freunde verwickelt. Bereits von Dezember 1791 bis Mitte März 1792 hatte sich Herberts engster Freund Johann Benjamin Erhard zu Besuch in Klagenfurt aufgehalten und dort Vorträge über die Kantische Philosophie gehalten. Später forderte Herbert den Freund auf, als Hauslehrer zu ihm nach Klagenfurt zu kommen. Dem Philosophen gefiel jedoch schon damals das „Kärntner Klima“ nicht, und er lehnte im Hinblick auf die kirchlichen Verhältnisse im Lande ab. Ende 1793 kam Friedrich Immanuel Niethammer dann für einige Monate als Hauslehrer zu Herbert nach Klagenfurt. Im Frühjahr 1794 mußte er dann nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei fluchtartig das Land verlassen, um sich einem Verfahren zu entziehen.

Erhard, der mittlerweile Arzt in Nürnberg war und sich immer schon für den Freiheitskampf der USA interessiert hatte, wollte nun nach Amerika auswandern. Er fiel nun einem Schwindler in die Hände, der vorgab, ihm eine Anstellung bei George Washington verschaffen zu können. Daher reiste er im Dezember 1793 noch einmal zu Herbert, um sich von ihm zu verabschieden. Voller Begeisterung ließ er sich eine amerikanische Uniform schneidern und erschien damit in Klagenfurt bei Herbert, um ihm Lebewohl zu sagen. Am 4.2.1794 berichtete der Kärntner Landeshauptmann Graf Odonell, Herbert, der schon längst von der Staatspolizei observiert werde, habe ihn nicht gemeldet. Man argwöhnte, Erhard wolle in Kärnten Truppen für die USA anwerben und verhaftete ihn. Da er aber einen gültigen Paß vorwies, wurde er nach Salzburg abgeschoben. [5]

Als Erhard dort ankam, stellte sich heraus, daß der angebliche amerikanische Oberst ein Hochstapler war, der sich mit seinem Geld aus dem Staub gemacht hatte. Völlig verzweifelt wandte Erhard sich am 1.2.1794 aus Salzburg an Herbert und bat ihn um Hilfe. Er wußte, daß mittlerweile sein Freund, der dänische Schriftsteller und Illuminat Jens Baggesen auf Empfehlung Reinholds bei Herbert war. Baggesen wollte nach Italien, und Herbert entschloß sich, mit ihm zu reisen. (Baggesen erwähnt übrigens in seinem noch erhaltenen Tagebuch, daß er bei Herbert den Arzt Dr. Wolfgang Pichler getroffen habe, der im Polizeibericht von 1792 genannt wird.)

Als Herbert nun mit Baggesen nach Italien aufbrechen wollte, traf Erhards Bittbrief aus Salzburg ein. Herbert riet ihm, sie auf der Reise zu begleiten und über den Brenner nach Verona zu reisen, wo sie sich treffen sollten. Auf der Durchreise durch Tirol wurde Erhard am 12.2.1794 neuerlich von der Polizei verhaftet. Diese fertigte einen Bericht über das Verhör an (dem wir entnehmen dürfen, daß die dortigen Beamten über Erhards Auftreten und Verhaftung in Klagenfurt wenige Tage zuvor ganz genau bescheid wußten, ganz ohne moderne Kommunikationselektronik) und ließ Erhard weiterreisen. [6] Niethammer berichtete am 9.3.1794 aus Klagenfurt an Reinhold, daß Erhard nun steckbrieflich von der österreichischen Polizei gesucht werde. [7] Erhard traf dann in Verona mit Herbert und Baggesen zusammen. In Florenz erfuhr dieser vom Tode seines Schwiegervaters Albrecht von Haller und reiste überstürzt in die Schweiz. Mittlerweile berichtete der Tiroler Gouverneur Freiherr von Waidmannsdorf an Polizeiminister Pergen, Erhard sei vor 1½ Jahren schon einmal bei Herbert zu Besuch gewesen. Beide seien jetzt in Italien.

Anfang Mai 1794 traf Herbert, der mit Erhard ebenfalls in die Schweiz gereist war, wo sie Fichte und Lavater kennengelernt und sich mit Pestalozzi über Robespierre unterhalten hatten, wieder in Klagenfurt ein.

Erhard hingegen kehrte nach Nürnberg zurück, wo er mit der Niederschrift des berühmten Buches „Über das Recht des Volkes zu einer Revolution“ begann, die er am 12. 9.1794 beendete. [8] Damit war Erhard der einzige Kantianer in Deutschland, der eine jakobinische Revolutionstheorie entwickelte. Bereits am 15.5.1795 wurde das Buch, das Erhard ursprünglich Herbert widmen wollte, in Kursachsen, am 8.7. in Bayern und kurz darauf auch in Österreich verboten. Die Vernichtung dieses berühmten Werkes durch die diversen Polizeiorgane war so erfolgreich, daß sich nur 26 Exemplare des Werkes erhalten haben. Im Mai 1794 begegnete Erhard in Nürnberg dem jungen Fichte, der 1796 in der „Grundlage des Naturrechtes“ schreibt, daß er von Erhards Arbeiten Anregungen erhalten habe.

Etwa zur gleichen Zeit reisten die Wiener Jakobiner Riedel und Hohenwart nach Stuttgart, wo sie im Gasthof „Römischer Kaiser“ über die französische Revolution sprachen. Dabei lernten sie Erhard kennen, der mit Riedel über Kants „Kritik der reinen Vernunft“ diskutierte. Wie aus den späteren Wiener Verhörprotokollen hervorgeht, offenbarte sich Erhard als „hefftiger Democrat“ und „Vertreter des reinsten Jakobinismus“. [9] In diesem Zusammenhang berichtete Erhard Riedel auch von seinen Kontakten zu Herbert. Dies sollte dem Freunde später zum Verhängnis werden.

Wir wissen nicht, ob die Staatspolizei, die beim Verhör Riedels und Hebenstreits am 8.10.1794 von Erhards Beziehungen zu Herbert erfuhr, [10] schon vorher von diesen Kontakten wußte. Tatsache ist, daß Landeshauptmann Wurmbrand bereits am 29.9.1794 einen beschlagnahmten Brief Herberts an seinen Freund Ignaz von Dreer an die Polizeihofstelle einschickte, den die Behörde am 8.10. zurückschickte. [11] Im Brief des dienstbeflissenen Landeshauptmanns heißt es, er habe angeordnet,

daß sämtliche seiner und seiner Familie aufgebende Briefschaften nach Wien oder so möglich durch Wien ablaufen.

Nun wird es auch erklärlich, warum Erhard seine Briefe nur noch mit „Dein Freund“ unterschrieb und immer wieder nach nicht beantworteten Briefen urgierte! Bei den Akten liegt sogar ein

Ausweiß über die von Freiherr von Herbert alhier aufgegebenen Briefe,

dem wir z.B. entnehmen können, daß Herbert am 29.10.1794 an Erhard schrieb. Am 4.11.1794 berichtete Riedel im Verhör wiederum, daß Erhard ihm von Herbert erzählt habe, der ihm gleichgesinnt sei. [12] Daraufhin erging eine Weisung an den Landeshauptmann von Kärnten, nähere Untersuchungen über Herbert einzuleiten. Genau zu dieser Zeit fragte Erhard am 28.10.1794 an, ob er die Abhandlung „Über das Recht des Volkes zu einer Revolution“ bereits erhalten habe. In einem weiteren Brief vom 10.11.1794 erläuterte Erhard dem Freunde das Buch. Kurz darauf bat Schiller Herbert, ihm bei der Vertreibung der Zeitschrift „Die Horen“ in Österreich behilflich zu sein. Es spricht für die damalige Atmosphäre in der Habsburgermonarchie, daß Herbert befürchtete, die Zeitschrift, deren Jahreskosten im voraus zu zahlen waren, würde verboten werden. Er schlug Schiller daher vor, die Exemplare einzeln abzurechnen. Am 26.1.1795 schrieb Erhard an den Verleger Göschen über seine Zukunftspläne:

Meine Reise zu Herbert hat sich ... verschoben und dürfte wohl ganz unterbleiben, denn ich habe bey gegenwärtigen Umständen gar keine Lust nach Oest..., weil ich dorten wie die Katz im Sake in lauter Finsternis steken müßte. [13]

Nach dem 25.4.1795 kam es dann bei einer Haussuchung im „Herbertstöckl“, bei der 31 Briefe beschlagnahmt wurden, die sich im Archiv der Staatspolizei erhalten haben. [14] Nun kam das Verfahren ins Rollen, das am 25.1.1795 zum Abschluß kam. Befragt wurde Herbert vor allem über seine Beziehungen zu Erhard und Baggesen. Vermerkt wurde die Korrespondenz mit Schiller, Erhard und Reinhold. Auf diese Weise sind die Literaten und Philosophen noch heute ebenso in der Stichwortkartei der österreichischen Staatspolizei zu finden wie die „Kantische Philosophie“! Im Abschlußprotokoll erklärte Hofrat Schilling,

Baron Herbert würde in den Aussagen einiger in der Kriminaluntersuchung befindlichen Staatsverbrecher zur Last gelegt, daß er mit dem dänischen Professor Pagesen und mit einem Erhard in Nürnberg, welche als Anhänger der französischen Revoluzion bekannt seyen, ... in Verhältnissen stehe. [15]

Aus dem Protokoll geht auch hervor, daß Herbert mit dem berühmten Aufklärer Sonnenfels in Verbindung stand:

Herbert läugnet, mit Erhard zugleich jemahls in Wien gewesen zu sein, gesteht aber, selben ein Empfehlungsschreiben dafür und zwar an Hofrath von Sonnenfels, gegeben zu haben. [16]

Der Vorsitzende der Untersuchungskommission von Saurau schlug dem Kaiser am 25.1.1796 vor, Herbert lediglich der Aufmerksamkeit der Staatspolizei zu empfehlen. Am 30.1. genehmigte Franz II. diesen Vorschlag. Am 5.2.1796 teilte die Polizeihofstelle dem Kärntner Landeshauptmann Graf Wurmbrand mit, der Kaiser habe beschlossen, daß die Aufmerksamkeit der Polizei bezüglich Herberts und seiner Korrespondenzen fortgesetzt werden müsse. [17]

Mit dem Ende des 1. Koalitionskrieges rückten die französischen Truppen am 29.3.1797 in Klagenfurt ein, wo sie von einem großen Teil der Bevölkerung als Befreier begrüßt wurden. Am 31.3. erließ Napoleon in Klagenfurt seine berühmte Proklamation an das Volk von Kärnten, in der er auf die Korruptheit des Ancien Régime hinwies. Es kam zu Verbrüderungsfesten und Freudenkundgebungen; erst eine spätere Geschichtsschreibung versuchte diese Phase in der Geschichte Kärntens zu einer Unterdrückung umzustilisieren. Zur neuen provisorischen Regierung gehörte auch Dr. Dominikus Fortschnigg, den Baggesen im Hause Herberts kennengelernt hatte. Seine Schwester Elisabeth hatte Erhard bei seinem ersten Besuch kennengelernt und sich in den Philosophen verliebt; bis 1823 korrespondierte sie noch mit Erhard. Am 18.4. schloß Napoleon den Vorfrieden von Leoben mit Österreich, und am 24.5. räumten die Franzosen Klagenfurt wieder. Das alte System, das nichts dazugelernt hatte, kam zurück, und mit ihm die Staatspolizei. Sofort begannen wieder die Verhöre und Untersuchungen. Herbert, der mit den Franzosen sympathisiert hatte, floh nach Triest. Bereits am 6.6. konnte Landeshauptmann Wurmbrand dem Polizeiminister Pergen melden, daß Herbert nach Triest und von da aus nach Venedig gereist sei. Da

dessen Betragen von jeher schwärmerisch war, habe er sich sofort an den Gouverneur von Triest gewandt, um über das Betragen des Baron Herbert in Triest als auch über seine in Venedig treibende Geschäfte Erkundigung einzuziehen. [18]

Herbert flüchtete von Venedig aus in die Schweiz, wo er Mitte September mit Baggesen zusammentraf. Der Däne hatte überhaupt keine Ahnung vom Vorgehen der Staatspolizei gegen Herbert und daher auch eine diesbezügliche Bemerkung Herberts in einem Briefe nicht verstanden.

Zum Schluß unserer Ausführungen — auf die späteren Aktionen der Staatspolizei gegen Herbert, über die ebenfalls reichliche Quellen vorhanden sind, kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden — sei eine Stelle aus Baggesens Tagebuch vom 27.9.1797 wiedergegeben, die die Atmosphäre verdeutlicht, in der Menschen wie Herbert, Erhard oder Baggesen leben mußten:

Herbert erzählte mir seine Geschichte und Gefangenschaft und Landflüchtigkeit und erklärte mir die Stelle in seinem Briefe: ‚Woran Du eine unschuldige Ursache bist. Deinetwegen bin ich und alle meine Freunde in Clagenfurt inquirirt worden. Deinetwegen hat Dreer flüchten müssen. Deinetwegen sind 12 Männer in Wien in ... Gefangenschaft. Man gäbe mehr dafür, Dich aufzufangen, als irgend einen Jacobiner, und das größte Staatsverbrechen in Österreich ist, mit Dir bekannt zu seyn. Die Begeisterung, worin Deine Gegenwart die Freiheitsfreunde in Wien versetzte, Deine Einigungsgesänge ... ist im wahren Andenken. Dein Nahmen ist überall auf das schwarze Brett geschlagen, und Du hast eine Celebrität in Österreich, wovon Du nichts träumst.‘ Die Haare standen mir zu Berge über die Sachen, die er mir erzählte, und ich würde ihm kaum geglaubt haben, wenn sein hartnäckiges Bestehen darauf, sich nirgends mit mir öffentlich zu zeigen, es nicht bestätigt hätten. [19]

Dabei konnten beide noch von Glück reden. Hebenstreit wurde am 8.1.1795 öffentlich in Wien hingerichtet. Ein anderer Freund Riedels beging Selbstmord, da er die Folterungen nicht mehr ertragen konnte. Riedel wurde zu schwerstem Kerker verurteilt und war bis 1802 mit einem um die Mitte des Leibes gezogenen Ring Tag und Nacht angeschmiedet; erst 1809 wurde er von den Franzosen befreit.

Als die Franzosen 1809 neuerlich in Kärnten einmarschierten, sympathisierte Herbert von neuem mit ihnen. Nach ihrem Abzug am 11.1.1810 begannen wiederum die Verhöre der Staatspolizei. Herbert flüchtete in das französische „Königreich Illyrien“ Hier verfaßte er sein einziges philosophisches Werk, „Mein Abtrag an die Welt“, das er am 8.3.1811 an seine Freunde Erhard und Niethammer schickte; am 13.3. erschoß er sich in Triest. Damit war die kurze Phase der Aufklärung, in der Klagenfurt ein Zentrum der Philosophie und Literatur in Österreich gewesen war, zu Ende.

Die Geschichtsschreibung hat das Thema in akademischer Weise hier und da behandelt, „Bewältigt“ ist dieses Stück Vergangenheit noch längst nicht: der Herbert-Akt wurde in der Dollfuß-Ära für die Benutzung gesperrt; die Österreichische Nationalbibliothek in Gestalt des Leiters der Handschriftenabteilung, Hofrat Dr. Otto Mazal weigerte sich beharrlich, die „gesperrte Akte“ für die Klagenfurter Ausstellung im Jahre 1989 (sic!) zur Verfügung zu stellen. Es bedurfte erst langwieriger Interventionen diverser Stellen, wenigstens Fotokopien der 1794 beschlagnahmten Herbert-Briefe zu erhalten. Auch dies verdeutlicht, wie lange dunkle Denktraditionen in Österreich wirksam bleiben.

[1Wilhelm Baum (Hrsg.), Weimar — Jena — Klagenfurt. Der Herbert-Kreis und das Geistesleben Kärntens im Zeitalter der Französischen Revolution. Klagenfurt 1989, 187 f, Nr. IV

[2Wien, Österreichisches Staatsarchiv, Allg. Verwaltungsarchiv, Pergen-Akten X/B, 3, H 5

[3Dana Zwitter-Tehovnik, Wirkungen der Französischen Revolution in Krain. Veröff. d. Histor. Inst. d. Univ. Salzburg. Wien-Salzburg 1975, 122ff

[4Alfred Körner, Andreas Riedel. Ein politisches Schicksal im Zeitalter der Französischen Revolution. Köln 1969, 181f

[5Wien, Österreichisches Staatsarchiv, Polizeihofstelle 1794/Nr. 72

[6ebd. /Nr. 210

[7Baum1‚ 190-195, Nr. VI

[8Johann Benjamin Erhard, Über das Recht des Volkes zu einer Revolution. Hrsg. v. Hellmut G. Haasis, Reihe Hanser 36, München 1970, 209

[9ebd. 189-198 u. Körner4, 212

[10ebd. 191-193

[11a.a.O.2 Pergen-Akten XV/10, H 1

[12a.a.O.8 196

[13a.a.O.1 160, Regest 108

[14Walter Goldinger, Kant und die österreichischen Jakobiner. In: Beiträge zur neueren Geschichte Österreichs, hrs. v. H. Fichtenau u. E. Zöllner. Wien-Köln-Graz 1974, 299-308, hier 299ff

[15a.a.O.5 Aelt. Pol. I, 2 H 90a, fol. 303v

[16ebd.

[17a.a.O.1 163, Regest 120

[18a.a.O.5 1797/Nr. 375

[19a.a.O.1 164f, Regest 127

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