FORVM, No. 430/431
November
1989

Stille Post statt Journalismus

Rushdie, die GAV und Medienhuren

Wer über die Verkommenheit der österreichischen Presse klagt, riskiert, nur noch ein müdes Gähnen zu provozieren. Trotzdem ist es nötig, hin und wieder zu dokumentieren, mit welcher Gesinnungs- und Verantwortungslosigkeit österreichische Journalistinnen und Journalisten versuchen, unbekümmert von Tatsachen, sich ihr politisches Süppchen auf Flammen zu kochen, die, wenn es sie denn nicht gibt, erst angefacht werden müssen.

Der Fall: Am 5. Mai 1989 veranstaltete die österreichische Hochschülerschaft an der Universität Wien im Zelt vor der Votivkirche eine Solidaritätslesung für den mit Mord bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie. Die Grazer Autorenversammlung (GAV) wurde eingeladen, neben anderen Organisationen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens an dieser Lesung teilzunehmen. Der interimistische Generalsekretär der GAV, Gerhard Kofler, fragte mich in meiner Eigenschaft als Vizepräsident der GAV, ob ich eine Teilnahme an der Veranstaltung befürworte. Ich bejahte, allerdings unter der Bedingung, daß jene, die persönlich bedroht sein könnten, nämlich die Sekretärin der Vereinigung und jene, die regelmäßig im Büro arbeiten, damit einverstanden wären. Es ging also — auf diesen kleinen Unterschied möchte ich Wert legen — um Menschen, nicht um Aktenordner, wie Friedrich Geyrhofer allzu flott im FORVM 428/429 suggeriert.

Ich kann für mich ein Risiko übernehmen, zumal wenn ich weit vom Schuß bin, aber ich kann es nicht für andere tun. Alle jene, die großartig Deklarationen abgeben und auf Kosten anderer Risiken eingehen, betrachte ich als Maulhuren, die niemals beweisen müssen, daß sie wirklich Zivilcourage haben, und die zudem noch verantwortungslos handeln.

Ähnlich schien auch der Präsident der GAV, Heimrad Bäcker zu denken. Er berief eine Sondersitzung des Vorstands ein und bot seinen Rücktritt an: Er könne die Verantwortung für das Risiko nicht übernehmen, das eine Teilnahme an der Rushdie-Veranstaltung für alle GAV-Mitglieder im allgemeinen und für das Sekretariat im besonderen bedeuten könnte. Bäcker argumentierte auch, der Vorstand könne die Entscheidung und damit die Verantwortung nicht einfach auf die Sekretärin abschieben, sondern müsse für ihre Sicherheit Sorge tragen, ohne sie vor die Wahl zu stellen, eventuelle Ängste unter dem Druck der (GAV-)öffentlichen Meinung verheimlichen zu müssen. Dieses und mehrere andere Argumente, die in der drauffolgenden sehr skrupulösen Diskussion über den ohnedies nicht eindimensional analysierbaren, widersprüchlichen Sachverhalt geäußert wurden, überzeugten mich und sechs andere Vorstandsmitglieder, daß es nicht sinnvoll wäre, den Aufruf zu der Rushdie-Veranstaltung als Verein zu unterzeichnen und einer Eskalation der Diskussion Vorschub zu leisten, daß es somit auch keinen Grund für Bäcker gab, zurückzutreten. Dies um so weniger, als die GAV und Bäcker persönlich in einem Artikel im „Falter“ sich bereits vorher unmißverständlich gegen Zensur im allgemeinen und die Bedrohung Rushdies im besonderen ausgesprochen hatten. Noch einmal, mit Nachdruck:

Es ging weder um eine Distanzierung von der Lesung, wie später ständig wider besseres Wissen behauptet wurde, noch um eine Empfehlung an die Mitglieder, nicht teilzunehmen, sondern lediglich um die Frage, ob die GAV als Verein zu der Veranstaltung aufrufen soll. Es ging um ein Abwägen von Prioritäten. Man kann da verschiedener Meinung sein, man kann den schließlich erfolgten Beschluß für falsch halten, nur eins darf man nicht, wenn man als redlich gelten will: Lügenhaft über eine so komplizierte Materie berichten und so tun, als hätten es sich die Betroffenen leicht gemacht. Zwei Vorstandsmitglieder enthielten sich der Stimme, eines, Hannes Vyoral, stimmte dagegen, legte aber gegen das Ergebnis keinerlei Protest ein, sondern nahm es stillschweigend zur Kenntnis. Es ist ja nicht ungewöhnlich, daß es bei schwierigen und komplexen Fragen keine Einigkeit gibt — und daß dieses Problem keine einfache Antwort erlaubt, darüber war sich jedes einzelne Vorstandsmitglied im Klaren —, und daß man sich dann nach einer demokratischen Entscheidung dem Votum einer deutlichen Mehrheit fügt.

Hannes Vyoral freilich hatte nicht die Absicht, sich zu fügen. Eben noch Vorstandsmitglied der GAV, gab er dem „profil“ protokollarische Auskunft über die Redebeiträge in der Vorstandssitzung. Mag sein, daß er das für die Vorgehensweise eines Linken hält, als den er sich gerne darstellt. Zu meiner Zeit nannte man solche Leute eher Denunzianten. Was einer erzählt, ist eine Sache. Was ein Journalist daraus macht, eine andere. In diesem Fall nahm sich Ruth Rybarski der Sache an.

Geil gemacht von der Möglichkeit, einer linken Organisation, noch dazu unter dem Vorwand moralischer Empörung, eins auszuwischen und eine, wenn auch kleine, sehr österreichische Sensation zu behaupten, ignorierte sie einfach, daß es hier um den Schutz von Menschenleben geht. Sie ortete bei der GAV

paranoide Panik, vielleicht Produkt eines romantischen Verfolgungswahns,

nicht aber den — vielleicht hilflosen — Versuch, verantwortlich zu handeln. Selbst unbeteiligt, kann sie leicht zynisch über alles spötteln. Abzuwägen war (und der GAV-Vorstand hat abgewogen), ob der Aufruf zu einer Solidaritätslesung für Rushdie — die Teilnahme war ausdrücklich jedem GAV-Mitglied freigestellt, und es haben auch Autoren der Vereinigung teilgenommen, sie waren sogar in der Mehrheit —, ob also eine Unterschrift auf einem Plakat das Risiko wert ist, daß sich eine Sekretärin bedroht fühlen muß; daß die übrige Arbeit des Vereins, zum Beispiel der Einsatz für die Kollegin Ingrid Strobl, gefährdet, zumindest schwer behindert wird, zumal es für eine Vereinigung wie die GAV nicht ganz unproblematisch ist, Polizeischutz anzufordern.

All das hat Ruth Rybarski nicht bewegt, als sie den Braten roch. Sie verließ sich auf den Zorn eines Überstimmten, der in der Sache — als Leiter der IGÖA [*], die die Rushdie-Lesung initiiert hatte — Partei war. Aber auch Vyorals Auskünfte bewahrten das „profil“ nicht vor Fehlmeldungen. Ruth Rybarski zitierte aus der Vorstandssitzung und setzte ohne Übergang fort:

Und GAV-Mitglied Thomas Rothschild, ebenso wie Bäcker, Wendelin Schmidt-Dengler, Ernst Jandl, Gerhard Kofler, Ilse Aschner und Friederike Mayröcker strikt gegen die Beteiligung der GAV an der öffentlichen Rushdie-Lesung, tobte. ‚Egal, wie abgestimmt wurde. Ich bin Demokrat!‘

Wenn Sie, verehrter Leser, aus dieser Schilderung den Eindruck gewinnen, Rybarski zitiere da etwas, was ich bei jener Vorstandssitzung gesagt habe, so ist dies nicht der einzige Irrtum. Nun mag manches dem Druck zuzuschreiben sein, unter dem sich Rybarski damals befand, da sie sich als eben noch mehr oder weniger sozialdemokratische Filmkritikerin für eine Redakteursstelle bei dem Wochenmagazin zu profilieren hatte. Dieser Umstand gebietet Nachsehen etwa gegenüber ihrem Aufsatz über den Einakter „Der grüne Kakadu“, der weit hinter alles zurückfiel, was die elementarsten Handreichungen zu Schnitzler über dieses Stück zu sagen haben, aber es entschuldigt nicht einen sachlich unrichtigen Bericht, der — falls sie es besser wußte — aus Lüge und Verleumdung besteht.

Ich habe nicht, wie Rybarski schreibt, getobt, ich war, wie ich eben dargestellt habe, keineswegs „strikt gegen die Beteiligung der GAV an der öffentlichen Rushdie-Lesung“, und die mir von der profil-Süchtigen in den Mund gelegten Worte habe ich nicht geäußert. Die Wahrheit ist:

Ich habe gar nicht mit Ruth Rybarski gesprochen, sondern mit einem ihrer Kollegen. Das hat einen Grund, den Rybarski verschweigt: Sie grüßt mich nicht mehr, seit ich sie vor vier Jahren einmal gefragt habe, wieviel Zeit sie morgens benötige, um ihr Makeup anzulegen. Ob solche persönliche und mit Bedacht verheimlichte Animosität eine gute Grundlage ist für objektive Berichterstattung, möge der Leser entscheiden. Rybarskis Kollege aber hatte mich in Stuttgart angerufen und bedrängte mich um Informationen über die Vorstandssitzung, die ich ihm nicht zu liefern gedachte. Seine letzte Frage war:

Haben Sie gegen den Beschluß gestimmt?

Da ich — nicht wissend, daß Vyoral längst erzählt hatte, was bei der nicht öffentlichen Sitzung gesagt worden war — darauf keine Auskunft geben wollte, antwortete ich:

Es ist doch ganz egal, wie ich abgestimmt habe. Als Demokrat halte ich mich an die Beschlüsse der Mehrheit.

Was Ruth Rybarski schließlich daraus machte, ist das Ergebnis aus bösem Willen und Stiller Post.

Im „Standard“ hatte Gerfried Sperl den Nerv, über das Stichwort „Opportunismus“ die GAV — die „linken und links-liberalen Berufskritiker“ — mit Kurt Waldheim gleichzusetzen und so in einem Aufwaschen die Linken zu denunzieren und Waldheim zu entlasten.

Auch Theo Faulhaber, der Menschlichgesehen des „Kurier“, dessen Sorge um die Linke und um die Freiheit von Schriftstellern ja notorisch ist, empört sich über die GAV und andere, die Freud, schau oba!

vor Moslem-Protesten den Schwanz einziehen.

Ruth Rybarski gab eine Woche nach ihrem ersten Artikel noch eins drauf. Nunmehr montierte sie Angriffe des Porno-Jägers Martin Humer gegen Gerhard Ruiss wegen dessen Einsatz für Rushdie mit der Entscheidung des GAV-Vorstands. Wer journalistisch so arbeitet, wer die Wirkung solch einer Kombination in Kauf nimmt, gar anstrebt, ist entweder infam oder grenzenlos naiv. Ich halte Rybarski nicht für naiv. Der Gipfel des Zynismus freilich ist es, wenn die jüngste „profil“-Erwerbung von der GAV schreibt, ihre Absage habe

sie nach langer Zeit wieder ins Gespräch gebracht.

Dieselbe Presse, die die kontinuierlichen Tätigkeiten und Stellungnahmen der GAV einfach nicht zur Kenntnis nimmt, die ihren Lesern die literarischen und politischen Aktivitäten der größten österreichischen Schriftstellervereinigung vorenthält, spottet nun darüber, daß die GAV lange nicht im Gespräch gewesen sei. Er reizt nur noch zum Kotzen, dieser modische Journalismus, der über Jahre hinweg unterschlägt, was an Arbeit geleistet wird, sich dann wie Geier auf das Aas auf einen vermeintlichen Skandal stürzt, den er erst zum Skandal aufbläst, und dann jenen, die er bislang totschwieg, vorwirft, daß man nicht von ihnen gehört hat.

Auch „Volksstimme“-Redakteur Gerald Grassl hat sich zur Sache geäußert, auch er hat mit Hannes Vyoral gesprochen, auch er verheimlichte dem Leser ein nicht unbedeutendes Detail: Daß er nämlich Mitglied der GAV ist und die Interessen einer schwachen Fraktion innerhalb des Vereins vertritt. Wer die Personen der Handlung kennt, weiß natürlich, daß es benennbare charakterliche Bedingungen dafür gibt, daß hier so massiv denunziert, gelogen und intrigiert wird. Es erscheint mir aber wenig sinnvoll, jetzt die mehr oder weniger intime Bekanntschaft mit den Individuen für Psychogramme zu mißbrauchen. Mögen sie unter der Gürtellinie zuschlagen, wir bleiben bei den Fakten. Wer Vyorals Antworten auf Grassls Fragen aufmerksam liest, erkennt ohnedies auch so, daß der Fall Rushdie als Ausrede dient für Entscheidungen, die längst anderswo und mit anderen Gründen gefallen sind. Ich schlage nur vor, daß das weitere Schicksal von Vyoral und Gerhard Ruiss, die, wie Gogols Bobtschinski und Dobtschinski, immer paarweise auftreten und folgerichtig auch paarweise aus der GAV austraten, genau beobachtet wird. Es ist nicht nur ein Verdacht, sondern durch Äußerungen der beiden zu belegen, daß die Morddrohungen gegen Rushdie nur ein willkommener Anlaß waren, um in die Tat umzusetzen, was im Kopf längst vollzogen war.

Die Fakten. Vyoral behauptet in der „Volksstimme“, der Austritt von Marie-Therèse Kerschbaumer, Elfriede Jelinek und Elfriede Gerstl sei

dem Vorstand nicht einmal ein Achselzucken wert

gewesen. Das ist gelogen, und auch Grassl, der die Vorstandsprotokolle erhält, muß wissen, daß es gelogen ist. Nur Kerschbaumer trat aus der GAV aus. Der Vorstand hat stundenlang über diesen Austritt diskutiert, hat gehandelt, Kerschbaumer ist wieder Mitglied der GAV. Jelinek und Gerstl traten nicht aus der GAV, sondern nur aus dem Vorstand aus, nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern wegen Überlastung. Jelinek war zum Zeitpunkt des Interviews wieder im Vorstand und sogar bei der inkriminierten Sitzung anwesend.

Vyoral und Grassl suggerieren, die Meinungsverschiedenheit über das sinnvollste Verhalten bei einer Veranstaltung zum Fall Rushdie sei eine zwischen Linken und Rechten. Zu den Linken, die sich im Fall Rushdie lautstark äußerten, gehört zum Beispiel die FPÖ-Abgeordnete Partik-Pablé. Über die „Wut der Basis“ in der GAV weiß Vyoral offenbar mehr als die GAV. Schon zu einem Zeitpunkt, als außer ihm und Ruiss niemand ausgetreten war, sprach er von „weiteren Austritten“. Wenige Tage später aber kam ein Mißtrauensantrag gegen den Vorstand der GAV. Er stammte von einem deklarierten Monarchisten, einer militanten Feministin, die der Überzeugung ist, daß die Klassenfrage angesichts der Ausbeutung der Frau keine Rolle spiele, und einem mäßig begabten Autor, der seine mit gutem Grund wenig beachtete literarische Produktion mit Protest als Profession kompensiert. Im selben Augenblick, da der Vorstand seinen Beschluß faßte, wußte und sagte ich, daß dieses GAV-Mitglied protestieren würde. Hätte der Vorstand das Gegenteil beschlossen — er hätte ebenso protestiert.

Wenn diese Antragsteller die Repräsentanten der Linken sind, die Grassl und Vyoral meinen, lege ich keinen Wert darauf, zur Linken gezählt zu werden. Schließlich: Im Gespräch mit Grassl sagt Vyoral:

PEN und GAV sind der Ausdruck der Sozialpartnerschaft im Literaturleben.

Das ist nun einmal nicht gelogen, es ist nur grenzenlos dumm und läßt Zweifel aufkommen an der Qualifikation Vyorals als Literaturpolitiker. P.E.N. und GAV haben kaum Kontakt, geschweige denn eine regelmäßig tagende paritätische Kommission oder eine Partnerschaft. Ihr Konflikt ist vielmehr legendär, und es ist gerade Vyoral, der für eine Fusionierung von P.E.N. und GAV plädiert. (Als Ausdruck der Fusionierung von Industriellenverband und Arbeitnehmervertretung?) P.E.N. und GAV stehen nicht im Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinander. Ihre Mitglieder befinden sich vielmehr grundsätzlich — wenn auch im Schnitt bei unterschiedlichem Einkommen — im gleichen Verhältnis zu den Produktionsmitteln (weshalb sie ja in der von Ruiss und Vyoral geleiteten Interessengemeinschaft der österreichischen Autoren zusammenarbeiten). Offenbar genügt es, ein halbverstandenes Reizwort wie „Sozialpartnerschaft“ aufzunehmen, um in Österreich als Linker zu gelten. Jedenfalls in jenen Medien, denen jedes Mittel recht ist, einer unbequemen Organisation eins auszuwischen.

Als unlängst ein deutscher Entwicklungshelfer im Libanon entführt wurde, fragte ein Redakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens die Leiterin der Organisation, die den jungen Mann entsandt hatte, ob man ihm das Risiko bewußt gemacht habe. Als die Befragte bestätigte, er habe das Risiko gekannt und sei aus eigener Entscheidung in den Libanon gereist, hakte der Redakteur nach: Habe die Organisation nicht unverantwortlich gehandelt, wenn sie jemandem in Kenntnis des Risikos diese Entscheidung überlasse? Hätte sie ihn nicht vielmehr davon abhalten müssen?

Wie hätten die österreichischen Medien reagiert, wenn der Vorstand der GAV anders entschieden hätte und das Unwahrscheinliche, aber nicht Undenkbare eingetreten wäre: daß ein GAV-Mitglied zu Schaden gekommen wäre? Drei Mal darf geraten werden.

Nun ließe sich dies alles als typisch österreichische Zeitungsposse abtun. Nur hatte sie praktische Auswirkungen. Die Presseberichte lösten unter vielen GAV-Mitgliedern eine Unruhe aus, die dazu führte, daß der Vorstand eine außerordentliche Generalversammlung einberief und die statutengemäß für November vorgesehene Neuwahl vorverlegte. Bei der Generalversammlung wurden die Mißtrauensanträge gegen den Vorstand zurückgezogen. Da ein Antragsteller — der oben erwähnte habituelle Protestierer — gar nicht anwesend war, übernahm ein Mitglied spontan dessen Antrag. Der wurde mit einer überzeugenden Mehrheit abgewiesen.

Dennoch gelang es der KP-Fraktion in der GAV, unterstützt von einem Teil der Alkoholiker-Fraktion, unter Ausnützung des Klimas, das die Presse — auch jene, die den Kommunisten zumindest ebenso feindlich gesinnt ist wie der Grazer Autorenversammlung — geschaffen hatte, bei der Generalversammlung weiterhin den Eindruck zu erwecken, der alte Vorstand hätte das Vertrauen der Mitgliederschaft verloren. Redakteur Klaus Kamolz, der sich uneingeladen in die nicht öffentliche Generalversammlung eingeschlichen hatte, jubelte denn eine Woche später im „profil“, als läge ihm das Schicksal der GAV am Herzen, mit einer bemerkenswerten Metapher:

Jetzt blüht ihr vielleicht ein neuer Frühling.

Daß hier nach bekannter Taktik versucht wurde, eine Stimmung für eigene machtpolitische Ziele zu nützen (in der Sache — Rushdie nämlich — zeigte sich, daß die gegen den Vorstand hetzenden KP-Mitglieder eher für als gegen den Vorstandsbeschluß waren); daß die bei der Generalversammlung erzeugte Atmosphäre nicht der Position der Mitgliedermehrheit entspricht, brachte die Wahl zutage. Drei frühere Vorstandsmitglieder — Ilse Aschner, Heimrad Bäcker und ich — konnten es nicht mit ihrer Selbstachtung vereinen, nach der pauschalen und gehässigen Diffamierung der gesamten Arbeit des bisherigen Vorstands erneut zu kandidieren, Elfriede Jelinek wollte nicht mehr zur Verfügung stehen — „aus rein persönlichen Gründen, die nichts mit den Ereignissen der letzten Wochen zu tun haben“. Alle übrigen bei der inkriminierten Vorstandssitzung Anwesenden (Vyoral natürlich ausgenommen) wurden wieder in den Vorstand gewählt, also auch jene, die gegen die Teilnahme an der Rushdie-Lesung gestimmt hatten, und zwar an prominenter Stelle (Friederike Mayröcker ist die Frau mit der deutlich höchsten Stimmenanzahl), mit Abstand vor jenen, die gegen den alten Vorstand gehetzt hatten. Von ihnen wurde lediglich Arthur West gewählt, der zwar bei der Generalversammlung angekündigt hatte, er stehe für keine Funktion zur Verfügung, dann aber offenbar „vergaß“, das schriftlich zu hinterlegen. Von einer großen Unzufriedenheit der Mitglieder mit dem alten Vorstand kann also ebenso wenig die Rede sein wie von einem radikalen Neubeginn. Was macht Klaus Kamolz jetzt mit seinem prognostizierten Frühling, der offenbar verwelkte, eh er zum Blühen kam?

Das Störmanöver der Presse war nur von begrenzter Wirkung. Diesmal.

[*Interessengemeinschaft österreichischer Autoren

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